Der Meinungsforscher als Meinungsmacher

Manfred Güllner hat eine klare Meinung zur AfD und ihren Wählern und wie man mit ihnen umgehen sollte: am besten ignorieren. Das sei eine radikale Minderheit mit verfestigtem Weltbild, oft nicht mehr zu überzeugen. Stattdessen sollten die etablierten Parteien lieber um Nichtwähler kämpfen. So berichtete es Anfang Februar die „Frankfurter Neue Presse“ (FNP).

Güllner hat nicht nur eine Meinung, sondern auch ein Meinungsforschungsinstitut. Es heißt Forsa und fragte Mitte Februar rund 1000 Menschen zu einer Reihe von Themen, ob die Medien zu viel, gerade richtig oder zu wenig über sie berichteten. Und, siehe da: anscheinend sind die Menschen ganz Güllners Meinung. 40 Prozent, ein größerer Anteil als bei jedem anderen Thema, fand, dass über die AfD zu viel berichtet werde. 76 Prozent der Befragten bemängelte, dass über die steigende Zahl der Nichtwähler zu wenig berichtet werde.

forsa_fnp

Ausriss: „Frankfurter Neue Presse“

Güllner rechnet in einem Gastbeitrag in der FNP vor, dass es viel mehr Nichtwähler gebe als AfD-Wähler:

Doch berichtet und diskutiert wurde überwiegend nur über die Minorität der AfD-Wähler, nicht jedoch über die große Zahl der Nichtwähler.

Das haben auch die Bürger so wahrgenommen – und monieren es: 40 Prozent aller Bundesbürger finden, über die AfD würde in den Medien zu viel berichtet, während nur 17 Prozent (darunter überwiegend AfD-Anhänger) die AfD-Berichterstattung als unzureichend empfinden.

Die Zeitung überschrieb seinen Artikel unter anderem mit dem Satz: „Forsa-Umfrage: Die Deutschen wollen in Medien weniger über die AfD (…) erfahren“.

Das ist eine gewagte Zuspitzung, denn laut der „Forsa“-Umfrage, auf die sie sich bezieht, findet nur eine Minderheit der Deutschen von 40 Prozent, dass es zu viel AfD-Berichterstattung gibt. Insgesamt 60 Prozent sehen das anders, finden sie gerade richtig (36 Prozent), zu wenig (17 Prozent) oder wissen es nicht (7 Prozent).

Genau mit dem Spin von Güllners FNP-Artikel wurden die Ergebnisse der Umfrage dann aber auch von anderen Medien weiterverbreitet. Die Nachrichtenagentur dpa meldete: „Umfrage: Medien berichten zu viel über die AfD“; „Spiegel Online“ titelte: „Deutsche beklagen Überpräsenz der AfD in den Medien“, und ergänzte:

Kaum ein Tag, an dem die AfD und ihre Anhänger nicht von sich reden machen – und auch darüber berichtet wird. Den Deutschen ist das zu viel, sie wollen lieber mehr über die Gruppe der Nichtwähler erfahren.

spon_afd

Screenshot: „Spiegel Online“

Beide haben sich inzwischen korrigiert („Spiegel Online“ mit größerem Widerwillen), aber es bleibt bemerkenswert, wie widerstandslos es Güllners Umfrage exakt mit Güllners Spin in die Berichterstattung schaffte. (Das Phänomen der Nichtwähler ist seit vielen Jahren ein Lieblingsthema Güllners.)

afd_huffpo

Screenshot: „HuffPost“

(Die „Huffington Post“ überdrehte die Ergebnisse, wie es ihre Art ist, sogar zu der Überschrift: „Umfrage: Die Deutschen wollen Frauke Petry nicht mehr sehen“.)

Ohnehin sind die Themen, die Forsa den Befragten vorgab, erstaunlich unterschiedlich fomuliert. Am meisten unterrepräsentiert sind nach Ansicht der Menschen Berichte über:

  • „… die Probleme mit der Schul- und Bildungspolitik“
  • „… die steigende Zahl der Nichtwähler“

Die Relevanz der Themen steckt schon in der Formulierung. Bei der AfD hingegen lautet die Themenvorgabe nicht „… die steigende Zahl der AfD-Wähler“ oder „… die umstrittenen Äußerungen von AfD-Politikern“, sondern schlicht:

  • „… die AfD“

Ein um größtmögliche Neutralität bemühtes Design der Umfrage hätte analog dazu schlicht nach „Schul- und Bildungspolitik“ bzw. „Nichtwählern“ fragen müssen. Aber wer weiß, ob dann so klar das von Güllner gewünschte Ergebnis herausgekommen wäre (das trotzdem nicht einmal eine absolute Mehrheit von der AfD-Berichterstattungs-Überdrüssigen ergab).

Manfred Güllner genügt es nicht, die Meinungen der Deutschen zu erforschen. Er will auch Politik machen. Das tut er durch öffentliche Meinungsäußerungen, wenn er etwa sein großes Verständnis für EU-Kommissar Günther Öttinger ausdrückt und sagt:

„Im Prinzip ist es richtig, die AfD anzugreifen und auszugrenzen. Diese Partei und ihre Anhänger sind unbelehrbar, mit denen können Sie nicht diskutieren. Das ist wie mit Oskar Lafontaine, mit dem können sie auch keine vernünftige Diskussion führen, weil er andere Argumente nicht gelten lässt.“

(Güllner hat früher Bundeskanzler Gerhard Schröder beraten und offenbar immer noch ein paar Rechnungen offen.)

Aber Güllner macht auch Politik durch seine Meinungsumfragen und ihre Deutung. Womöglich leidet darunter auch die Verlässlichkeit seiner Prognosen, was die AfD angeht. Noch im August 2015 berichtete der „Stern“:

Forsa-Chef Manfred Güllner rechnet damit, dass die insgesamt eher positive Grundstimmung gegenüber Ausländern in Deutschland auf absehbare Zeit stabil bleiben werde. Güllner leitet dies auch aus dem bislang eher geringen Zulauf für die rechtskonservative AfD ab.

Ende November sagte Güllner dann dem „Handelsblatt“, dass die AfD – die bei Forsa in der Sonntagsfrage zwischenzeitlich auf acht Prozent gekommen war – nach den Anschlägen in Paris wieder an Zustimmung verliere:

Selbst wenn Höcke und Gauland noch spitzer formulieren, bringt das keinen Zulauf mehr. Ich glaube, dass die AfD mit sieben oder acht Prozent die Schallmauer erreicht hat. Sie wird keinesfalls zweistellig werden. Das ist absoluter Unfug.

Keine zwei Monate später hatte die AfD auch in den Forsa-Umfragen die vermeintliche „Schallmauer“ durchbrochen und das Institut gab ihren Wert bei der Sonntagsfrage mit absolut unfughaften zehn Prozent an. Güllner verschob die „Schallmauer“ daraufhin unauffällig zwei Prozentpunkte weiter, betonte aber, mehr würden nun bestimmt wirklich nicht werden:

„Damit hat sie ihr Potenzial weitgehend ausgeschöpft.“

Güllner ist nicht nur ein Meinungsforscher, sondern auch ein Meinungsmacher. Die Grenzen zwischen beidem scheinen bei ihm immer wieder mal fließend. Ein Problem ist das vor allem dann, wenn die Medien es nicht bemerken.

Medien besser kritisieren. Mit Ihrer Unterstützung.

 
Medien besser kritisieren.

10 Kommentare

  1. Ich bin bin was das angeht ambivalent. Einerseits sollte mehr über die AfD berichtet werden, da sie nur noch als Alternative mystifiziert wird, ohne genau hinzusehen, für was die steht, außer gegen Flüchtlinge zu sein (sie ist nach wie vor eine nationalkonservative, neolilebrale Partei, die den Euro abschaffen will). Ich vermute viele der Anhänger wissen nichts über das Programm und den Genealogien dieser Partei. Andererseits traue ich den Politikern keine öffentliche Talkrunde mehr mit Vertretern der AfD zu. Über den Kinderzirkus wurde hier bereits berichtet. Die übliche Robotertaktik und Wegschau-Strategie der Berufspolitiker hilft so gar nicht dabei, etwas über den anderen zu erfahren. Leider gibt es auch nach wie vor kaum Journalisten, die jenseits vom Geschrei um Flüchtlinge auf die Partei gucken, wie es etwa Andreas Kemper macht; ehrlich gesagt, fällt mir nur der ein. Daher habe ich schon auch irgendwie Sympathie für die Denke des Forsa-Chefs, jedenfalls was den Umgang mit der AfD angeht.

  2. Ich hatte mal das kümmerliche Vergnügen, von Forsa angerufen zu werden, daß zum Zwecke Meinung fließe…
    Die Formulierung der sehr schlichten Fragestellungen sprach für sich: Zwischentöne oder gar wirklich eigene Ansichten (sofern sie vom vorgesehenen Antwort-Schema abwichen, was leider fast immer der Fall war) wurden nicht aufgezeichnet.
    Es lief alles nach dem »pro bono – contra malum«-Modell ab, das Empfinden blieb, daß zumindest meine »Meinung« dort gar nicht hatte erfaßt werden können (sollen?), sondern es nur um das Abarbeiten der vorgeschriebenen Zahlen ging.

  3. @ste
    Es geht aber nicht darum, ob einem „die Denke“ von Güllner gefällt oder nicht. Es geht darum, dass „die Denke“ von Güllner nix in den Ergebnissen von von ‚Forsa‘ zu suchen hat. Das gilt 1. generell (und für jedes Meinungsforschungsinstitut) und 2. muss man die AfD-Pegida-Truppe ja nicht noch durch fragwürdige Aktionen munitionieren.
    Und nee…nicht Niggemeier munitioniert die Truppe durch seine Klarstellung, sondern Güllner durch seine durchschaubaren Aktivitäten.

  4. Die Umfrage beschäftigt sich nicht mit der Qualität der Berichterstattung über die AfD, sondern mit der Quantität. Tatsache ist: Ein überwiegender Teil der in Medien veröffentlichen Meinung lehnt die Partei konsequent ab. Es gibt keine ausgewogene Berichterstattung. Stattdessen pauschale Gleichsetzungen mit Pegida, NPD und Nazis. Die immergleichen Schlagworte „rechtspopulistisch“, „hetzerisch“, „braun“, „ängstlich“ etc. ersetzen die Sachdiskussion um die Schicksalsfragen der Nation. Alles recht vorhersehbar. Das dies Niemand mehr lesen will, wundert mich nicht.

  5. Forsa hat sich nicht das erste mal durch seltsame Fragestellung und willkürliche Interpretation disqualifiziert.

  6. Anscheinend wurde die Meldung vom Forschungsinstitut nicht von Journalisten bearbeitet.

    Ich hätte ja gemeldet: „Es wird zu wenig über die Bildungspolitik berichtet!“

  7. So kann man sich das Thema auch schönreden :)
    Die Nichtwähler Frage ist eher neutral… wärend die AfD Frage eine Politische Richtung vorgibt, und somit auch einen entsprechenden Gegenpol hat.
    Wie wird dieser Gegenpol wohl gestimmt haben bei dieser Umfrage? ;)

    Und nein, ich bin kein AfD Wähler….
    Nur ein Mensch der das Prinzip der Dialektik durchschaut hat.

  8. Na ist doch ganz klar, die AfD Frage ist dialektisch, weil es zwei gegenpole gibt… es gibt die AfD Wähler und die Sympatisanten, diese werden bei der Umfrage selbstverständlich ankreuzen das zu wenig berichtet wird… und es gibt die ~80% die mit der AfD überhaupt nichts anfangen können, diese werden ankreuzen das zuviel berichtet wird… die wollen ja das die AfD von der Bildfläche verschwindet, und deswegen sollte man möglichst auch nicht mehr drüber berichten, gelle?

    Diese Umfrage stellt man eine eher Neutrale Frage gegenüber wie die Nichtwähler Frage. Bei Neutrale Fragen ist der Mensch dazu geneigt eher positiv zu stimmen, wie auch oben zu sehen ist (Es wird zu wenig berichtet).

    Manfred Güllner packt diese zwei Ergebnisse (die überhaupt nichts miteinander zu tun haben) auf eine neue Achse…versucht zwei neue lineare Pole zu erschaffen…und stellt anhand dessen eine Theorie in den Raum wo es absolut keinen Zusammenhang gibt.

    Da könnte ich mein Kind auch fragen: Willst du nen Apfel, oder willst du nach Disneyland?
    Es sollte wohl klar sein wofür sich das Kind entscheidet, und dann schreibe ich nen Bericht : Kinder mögen keine Äpfel mehr, holzt alle Apfelbäume nieder.

    Das mit dem Schönreden oben bezog sich übrigens auf die Aussage von Manfred Güllner im ersten Absatz, und nicht auf Ihren Artikel :)

Einen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *