Forsa macht mit dubioser Umfrage Stimmung gegen „Linkskurs“ der SPD

Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans waren noch nicht offiziell zu SPD-Parteivorsitzenden gewählt, da konnte ein Umfrageinstitut schon belegen, wie sich diese Personalie auf die Zustimmungswerte der Partei auswirken würde: desaströs. Am vergangenen Samstag veröffentlichte Forsa sein „Trendbarometer“, das es im Auftrag von RTL und ntv erhebt. Danach war die SPD innerhalb einer Woche um satte drei Prozentpunkte abgesackt: von 14 auf 11 Prozent.

Schon am Tag zuvor hatte ntv Forsa-Zahlen veröffentlicht, die für die SPD erschreckend waren. „Neue SPD-Spitze genießt wenig Vertrauen“, titelte der Nachrichtensender. Nicht nur die Personen würden skeptisch betrachtet, auch ein „Linkskurs“ der Partei werde von der großen Mehrheit der Befragten für falsch gehalten.

Aber wie genau hat Forsa gefragt, um zu diesem Ergebnis zu kommen? Auf Twitter machte ein Screenshot die Runde, der an der Seriösität der Umfrage Zweifel weckte. Demnach wurden Mitglieder des Online-Panels von Forsa wie folgt gefragt:

Esken und Walter-Borjans wollen wie die Jungsozialisten der SPD eine Linkswende verordnen, um damit wieder neue Wähler zu gewinnen. Andere in der SPD halten einen Linksschwenk für falsch, weil die SPD vor allem Wähler aus der politischen Mitte verloren hat. Wie schätzen Sie das ein: Gewinnt die SPD eher mit einem ideologischen Linkskurs oder eher mit einem pragmatisch-rationalen Mitte-Kurs wieder neues Vertrauen bei den Wählern?

[  ] SPD gewinnt eher mit einem ideologischen Linkskurs
[  ] SPD gewinnt eher mit einem pragmatisch-rationalen Mitte-Kurs
[  ] weiß nicht / keine Angaben

Bei dieser Fragestellung ist es keine Überraschung, wenn sich eine Mehrheit der Befragten gegen den „Linkskurs“ ausspricht: Schließlich ist das laut Forsa die „ideologische“ Option im Gegensatz zur „pragmatisch-rationalen“. Auch im Text vor der Frage ist die erwünschte Antwort indirekt schon vorgegeben: Für eine der beiden Kurs-Möglichkeiten wird ein Grund genannt (die SPD habe „vor allem Wähler aus der politischen Mitte verloren“).

Auf Nachfrage des ZDF-Journalisten Florian Neuhann erklärte Forsa ihm gegenüber, die Fragestellung im Screenshot sei nur für einen „Pre-Test“ verwendet worden. Die eigentliche Umfrage, auf der die veröffentlichten Ergebnisse beruhen, sei ohne die wertenden Attribute erfolgt.

Wenn das stimmt – warum findet sich dann in der Darstellung der Ergebnisse auf ntv trotzdem eines dieser Attribute, nämlich „pragmatisch“?

Auf Nachfrage tut sich der Nachrichtensender erstaunlich schwer, uns die konkrete Fragestellung im Wortlaut zu nennen. Schließlich stellt sich heraus, woran das liegt: Es handelt sich – anders als zunächst vom Sender dargestellt – gar nicht um eine Umfrage im Auftrag von RTL und ntv. Es handelt sich um eine Umfrage, die Forsa aus eigenem Antrieb gemacht und RTL und ntv nur vorab zur Verfügung gestellt hat.

Sie ist Teil eines langen Kommentars, den Forsa-Gründer Manfred Güllner als Manuskript verschickt hat, Titel: „Zur Lage der SPD“. Es ist ein meinungsstarker Rundumschlag mit vielen Tabellen, der sogar noch auf die Wahlen zum Reichstag 1920 zurückweist. Gleich zu Beginn beantwortet Güllner die Frage, ob der an diesem Tag beginnende SPD-Parteitag einen „Aufbruch in die neue Zeit“ darstellt, vorab: „Wohl kaum“.

Güllner argumentiert in seinem Kommentar anhand vieler Zahlen, „wie extrem groß der Vertrauens- und Bedeutungsverlust der Partei geworden ist“, und er behauptet:

Anders als von vielen in der SPD unterstellt, kam der überwiegende Teil der Abwanderer nicht aus Unmut über die angeblich „neoliberale“ Politik der SPD aus dem linken politischen Spektrum.

Güllner schreibt auch:

Die Jungsozialisten sind mit Kevin Kühnert zwar zu einem wichtigen Machtfaktor in der SPD geworden – doch für junge Wähler sind die Jusos mit ihrem prononcierten politischen Linkskurs wenig attraktiv. Nur 5 Prozent der 18- bis 24-jährigen und auch nur 6 Prozent der 25- bis 34-jährigen Wahlberechtigten gaben der SPD bei der Europawahl im Mai 2019 die Stimme.

Inwiefern sich aus den Stimmen junger Menschen für die SPD bei der Europawahl eine Meinung zur Politik der Jusos ablesen lässt, erklärt Güllner in seiner „Analyse“ nicht.

Teil seines Kommentars ist dann auch die Bewertung der neuen SPD-Spitze:

Fraglich ist auch, ob der vom neuen Führungsduo angestrebte Kurs der SPD neues Vertrauen bringen kann. So glaubt nur eine Minderheit von 28 Prozent aller Bundesbürger und von 33 Prozent der SPD-Abwanderer, dass die SPD mit einem Linkskurs neues Vertrauen gewinnen kann.

In der entsprechenden Forsa-Grafik taucht dann beim „Mitte-Kurs“ wieder das Attribut „pragmatisch“ auf.

Wie genau Forsa gefragt hat, ist unklar. Trotz mehrfacher Nachfragen hat das Institut nicht auf eine Anfrage von Übermedien reagiert.

Wie Forsa durch die Art der Fragestellung möglicherweise Ergebnisse in gewünschter Weise beeinflusst, haben wir schon einmal an einem konkreten Beispiel gezeigt.

Die SPD liegt Güllner ganz besonders am Herzen. Er war Berater von Bundeskanzler Gerhard Schröder und argumentiert seitdem immer wieder gegen „linke“ Kurs-Abweichungen der Partei. Das ist selbstverständlich legitim. Erstaunlich ist aber, in welchem Maß die Umfrageergebnisse, die Forsa misst, seine Einschätzungen widerspiegeln – auch in Abweichung von den Werten anderer Institute.

Dazu passt auch der plötzliche Zustimmungsverlust in der aktuellen Umfrage, der bislang noch in keiner Weise mit den Ergebnissen anderer Institute korrespondiert (was sich aber natürlich noch ändern kann). Emnid und Insa sehen seit dem Mitgliedervotum für Esken und Walter-Borjans (sehr) leicht steigende SPD-Zahlen.

Weil sich Forsa weigert, unsere Fragen zu beantworten, muss offen bleiben, wie seriös die Umfrage zur SPD war. Unklar ist auch, warum ein „Pre-Test“ mit einer offenkundig unseriösen Fragestellung durchgeführt worden sein soll. Auch ZDF-Korrespondent Neuhann bekam dazu keine Antwort von Forsa.

Helfen würde es, wenn Medien über keine Umfragen mehr berichteten, ohne ihren genauen Aufbau und den Wortlaut der Fragen zu kennen und zu veröffentlichen. In den Vereinigten Staaten etwa ist es gängige Praxis, dass die Umfrage-Institute diese Informationen öffentlich machen.

17 Kommentare

  1. Soll die SPD weiterhin an dem Kurs des vorauseilenden Gehorsams gegenüber der CDU festhalten, oder soll sie zu einer selbstbewussten Politik der sozialen Gerechtigkeit zurückkehren? Gleiche Frage, ebenfalls manipulativ formuliert, vermutlich ganz anderes Ergebnis…

  2. Möglicherweise sind die Fragen von Forsa nicht objektiv, sondern manipulativ.

    Möglicherweise nehmen die Forsa-Zahlen aber auch nur das mittelfristige Ergebnis vorweg und sind ihrer Zeit einfach nur ein paar Wochen oder Monate voraus.

    Sollte sich die Vorwürfe gegen Frau Esken, über die der Focus heute in großer Aufmachung berichtet, jedenfalls bestätigen und zum Skandal auswachsen, dann sind 11 Prozent für die SPD sicher nicht mehr unrealistisch.

  3. @3
    Und möglicherweise sind sie schon längst gelandet.

    Letztlich ist es aber jedem freigestellt, ob man der Zeit mit Hilfe von suggestiven Fragen oder einer Kristallkugel ein paar Wochen oder Monate voraus ist.

  4. Stefan Niggemeier stimme ich zu – seine Forderung ist: Helfen würde es, wenn Medien über keine Umfragen mehr berichteten, ohne ihren genauen Aufbau und den Wortlaut der Fragen zu kennen und zu veröffentlichen. (oben Fazit)
    Interessanterweise sieht das auch der deutsche Presserat nicht anders:
    Zitat
    Richtlinie 2.1 – Umfrageergebnisse
    Bei der Veröffentlichung von Umfrageergebnissen teilt die Presse die Zahl der Befragten, den Zeitpunkt der Befragung, den Auftraggeber sowie die Fragestellung mit. Zugleich muss mitgeteilt werden, ob die Ergebnisse repräsentativ sind.
    Sofern es keinen Auftraggeber gibt, soll vermerkt werden, dass die Umfragedaten auf die eigene Initiative des Meinungsbefragungsinstituts zurückgehen.
    Zitatende
    Quelle: https://www.presserat.de/pressekodex.html
    Aber weder die Verleger noch die Journalisten kennen anscheinend diese Regel und können sie daher auch nicht anwenden.
    P.S. Ich bin nicht Don Alphonso, heiße aber dummerweise wie dieser.

  5. Forsa hat aber nicht gegen Richtlinie 2.1 verstoßen, denn Forsa ist ja nur ein Meinungsforschungsinstitut und deshalb auch gar nicht an die Richtlinien des Presserates gebunden.

    Verstoßen haben möglicherweise RTL und Co. mit der Veröffentlichung. Aber das müßte der Presserat erstmal prüfen, d.h. jemand müßte dort erstmal Beschwerde einlegen.

    Die Sanktionen des Presserates allerdings sind ein Witz, deshalb wird sich diesen Aufwand vermutlich auch keiner antun.

  6. @ 3 Holger Es ist destruktiv in einem Forum Andeutungen über Gerüchte zu verbreiten. Esken wurde von einer ehemaligen Mitarbeiterin beschuldigt, ihr zu Unrecht gekündigt zu haben. Das entspricht offenbar nicht den Tatsachen.
    https://www.merkur.de/politik/saska-esken-spd-vorwuerfe-skandal-vorsitzende-ard-kontraste-elternbeirat-baden-wuerttemberg-zr-13304108.html

    Ich wundere mich oft über Rechte, die gemerkt haben, das Mainstreammedien oft einseitig oder falsch berichten aber gleichzeitig ohne Verstand alles glauben, was das eigene Weltbild stützt. Wenn eine einzelne gefeuerte Ex-Mitarbeiterin Vorwürfe erhebt, dann möchte ich doch wissen, was die Gegenseite sagt.

  7. @8 (jaheira):

    Och wissen Sie was ?

    Ihr gesamter Beitrag dreht sich nur um Saskia Esken, sogar mit Link und hat Nullkomma Null mit dem Thema zu tun.

    Für sehr viel weniger von dem Zeug wurde mein Beitrag oben als Off Topic gelöscht.

    Und auch an Sie hiermit die freundliche aber auch sehr ernst gemeinte Bitte, mich tunlichst in Zukunft nicht mehr irgendwie verschwurbelt mit „Rechten“ in Verbindung zu bringen.

    Und damit wir uns hier auch richtig verstehen, das waren sogar zwei Bitten:

    Die erste und die letzte nämlich.

  8. @HOLGER

    „Und auch an Sie hiermit die freundliche aber auch sehr ernst gemeinte Bitte, mich tunlichst in Zukunft nicht mehr irgendwie verschwurbelt mit „Rechten“ in Verbindung zu bringen.“

    Da brauchen Sie niemanden anderen für, das machen Sie ganz alleine (und ganz ohne“ Schwurbeleien“) !

  9. @10 (ichbinich):

    Wer entweder nicht in der Lage oder nicht Willens ist, für sich selber zwischen konservativ und rechts zu unterscheiden: sein Problem.

    Wer aber andere öffentlich einfach mal so in die Nähe von Rechten (die eben in Deutschland etwas ganz anderes sind, als Konservative) rückt:

    Am Ende auch sein Problem … nur bei der Lösung desselben wird ihm dann halt (kostenpflichtig) geholfen.

    Ich lasse mir einiges gefallen, alles aber nun nicht.

  10. @Holger: Ich möchte darauf aufmerksam machen ohne in Einordnungkonflikte zu geraten,
    das wenn man nicht zu den Rechter selektiert äh gezählt werden möchte, auf Vokabeln wie „Problem“ oder „Lösung“ kurz auf einander folgend verzichten sollte.
    Dieses „…von wegen nicht alles gefallen lassen müssen…“ kommt bei kompetenten ,aufmerksamen ,nachdenklichen Leser als ein
    kaum verschlüsseltes“Das wird nochmal sagen dürfen an…“!
    Ich bin mir sicher das ich die ihren Beiträgen innewohne dialektischen Problematik mit einem Schlaglicht erhellen konnte…?!
    Daraus lernen können wollen ,sollten Sie selber wollen.
    Ich werde evtll Lernerfolge bestimmt bemerken oder die anderne Augen,die ihre Beiträge sehen…

  11. @12 (Martin Däniken) schrieb tatsächlich:

    „ … das wenn man nicht zu den Rechter selektiert äh gezählt werden möchte, auf Vokabeln wie „Problem“ oder „Lösung“ kurz auf einander folgend verzichten sollte.

    Dieses „…von wegen nicht alles gefallen lassen müssen…“ kommt bei kompetenten ,aufmerksamen ,nachdenklichen Leser als ein kaum verschlüsseltes“Das wird nochmal sagen dürfen an…“!“

    ——

    Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so einen Bullshit gelesen.🙈😀😀😀

    und @all: Lest und merkt euch das da oben sehr gut, denn genau so könnten einige von euch nämlich auch mal enden, wenn die so weitermachen. – So, kann’s wirklich enden.🙀

  12. Vor einigen Wochen hatte ich Forsa am Telefon: Die meisten Fragen empfand ich als suggestiv. Wenn am Sonntag Wahl wäre und Sie könnten den Bundeskanzler…rin selbst wählen …(?) Es wurden dann eine Reihe von Personalkombinationen verschiedener Parteien zur Auswahl gestellt. Wenn die Wahl zwischen verschiedenen Absurdkombintionen gegeben ist, wen nimmt man dann? Als meine Antwort, „keine dieser Optionen“, erfolgte, war diese Antwortmöglichkeit nicht vorgesehen. Und so könnte ich fortfahren.
    Es gipfelte in der Frage: Wenn Frankreich angegriffen würde, wären Sie dann dafür, dass Deutschland zu Hilfe kommt? Auf meine Gegenfrage, wer denn in der heutigen Zeit Frankreich angreifen sollte und aus welchem Grund, wurde ich gebeten, einen Augenblick zu warten, dann wurde aufgelegt.
    Soviel zu Forsa, als ein Beispiel für den untauglichen Versuch zu manipulieren! Was uns als Ergebnisse präsentiert wird, würde ich nach diesem Erlebnis mindestens als gefährliche Meinungsmache bezeichnen.

  13. Zugegeben, eine Strichliste habe ich nicht geführt. Aus dem Gedächtnis sage ich trotzdem, dass Forsa in den letzten Jahren im Vergleich mit den anderen Umfrageinstituten auffällig oft und deutlich daneben lag.

    Woran das liegt? Meine ganz persönliche Vermutung:
    Güllner ist sehr verbunden mit der SPD. Vor der Wahl macht er regelmäßig sein Institut zur Propagandaabteilung „Die SPD ist auf der Siegerstraße!“.
    Zwischen den Wahlen malt er den Teufel an die Wand, so wie hier.

    Die SPD ist zurzeit sowieso im Sinkflug. Scheinbar hat Güllner Angst, dass der Aufschlag nicht mehr fern ist. Deshalb kommt ihm das kalte Grausen bei der neuesten Personalie.

    Walter-Borjans ist nicht der Publikumsmagnet, aber immerhin hat er diese und jene Berufserfahrung, der geht ja noch.
    Esken ist das Desaster schlechthin. Sie kann es nicht. Das war klar. Und allen die es nicht noch nicht wussten, hat sie es gleich nach ihrer Nominierung klargemacht.

    Korrekt ist das nicht, was Güllner veranstaltet. Menschlich verständlich ist es schon.

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