FAZ engagiert „Magier“, um die Wahl spannend zu zaubern

„Sie finden die Bundestagswahl 2017 langweilig? Ab sofort nicht mehr!“, verspricht Werner D’Inka, Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, die sich nämlich etwas ganz Großes, ja: geradezu Magisches ausgedacht hat.

Sie hat einen Zauberer eingeladen! Der die Wahlergebnisse vorhersagt!

Kein Scherz:

Die Ergebnisse liegen schon im Schrank - Der Magier Harry Keaton weiß, wie die Wahl zum Bundestag ausgeht. Sagt er.
Voll fasziniert: Justitiar, Herausgeber, Zauberer (v.l.)Ausriss: FAS

Am Freitagnachmittag kam [der Zauberer Harry Keaton] in die Redaktion und hinterlegte den Zettel mit seiner Vorhersage. Keatons „Wahlschein“, der Zettel eines chinesischen Glückskekses, wurde vom F.A.Z-Justitiar unterschrieben, das Blatt Papier kam in verschließbare Schachteln und Kistchen und in eine ebenfalls gesicherte transparente Box. Er sei selbst gespannt, ob er alle Ergebnisse richtig vorausgesagt habe, sagte ein gutgelaunter Keaton, als er dem Mitherausgeber der F.A.Z., Werner D’Inka, die Kästen und die Schlüssel zu treuen Händen übergab.

Ob der Zauberer vorher an Angela Merkels Blazer geschnüffelt hat oder wenigstens an den Schuhen von Werner D’Inka, ist nicht bekannt, wäre aber zumindest konsequent, immerhin gehörte sowas auch 2006 zu seiner magischen Prozedur, als er versuchte, das Ergebnis der Fußball-WM vorherzusagen:

Um mich völlig auf das Thema einzulassen roch ich an verschwitzten Fußballer-Trikots und betäubte mich am Geruch ausgelatschter Fußballschuhe. Kann das magische Gedanken und Vorhersagen beflügeln?

Konnte es: Seine Vorhersagen, die er mit zwei Würgeschlangen um den Hals in einem Glaskasten in der Hanauer Sparkasse getroffen hatte, waren richtig. Medienpartner der Aktion war damals übrigens das ZDF.

Vier Jahre davor hatte der Zauberer schon mal einen großen Auftritt, kurz vor der damaligen Bundestagswahl, deren Ergebnis er bis auf die Nachkommastelle richtig vorhersah — Medienpartner seinerzeit: Der „Berliner Kurier“ und das „Sat.1-Frühstücksfernsehen“.

Und jetzt also die „FAZ“. Am kommenden Montag, nach der Wahl, will der Zauberer wieder in die Redaktion kommen, dann soll der Tresor geöffnet werden, um zu schauen, ob er richtig lag. Die „FAZ“ ist schon ganz hibbelig, wenn auch noch nicht hundertprozentig sicher, ob da wirklich echte Magie hintersteckt:

Da ist doch ein Trick dabei? Wahrscheinlich. Aber welcher? Die Redaktion hat Keaton am Freitagnachmittag per Video auf die Finger geschaut.

Tut uns ja leid, dass Du es auf diesem Wege erfahren musst, liebe „FAZ“, aber: Nicht nur wahrscheinlich, sondern todsicher ist da ein Trick dabei. Hätte der gute Mann übernatürliche Fähigkeiten, würde er wohl eher stinkereich durch die Karibik tingeln statt von einem Medienpartner zum nächsten, um sich und seine Produkte zu promoten.

Denn natürlich sind die Aktionen des Zauberers vor allem eines: Werbung in eigener Sache. Nicht nur für sich als Künstler. Auch sein aktuelles Buch (erschienen übrigens im Buchverlag der „FAZ“), mit dem er gerade auch auf Tour ist, ist im Video der „FAZ“ permanent zu sehen.

Im "FAZ"-Video zu sehen: Keatons Buch
Wie von Zauberhand im Bild: Keatons Buch. Screenshot: FAZ.net

Diesen Trick, das muss man dem Zauberer und seinen Kollegen jedenfalls lassen, haben sie in der Tat perfektioniert: Ihren Orakel-Hokuspokus immer wieder selbst in seriösen Medien zu platzieren.

Schon im Jahr 1968 durfte „der plaudernde Zauberer Joro“ in der „Nordwest Zeitung“ eine ihrer zukünftigen Schlagzeilen vorhersagen. Der Umschlag mit seiner Prophezeihung wurde eine Woche später auf dem Betriebsfest der Zeitung geöffnet – der Trick gelang.

1988 prophezeite ein Zauberer eine Schlagzeile der „Westdeutschen Zeitung“. Sein Trick gelang.

Kann besser Schlagzeilen vorhersagen als Fliege binden: Magier Magnus Zwo. Ausriss: WZ

2010 prophezeite ein Zauberer eine Schlagzeile der „Freien Presse Mittweida“. Sein Trick gelang.

2011 prophezeite ein Zauberer eine Schlagzeile der „Mittelbayerischen Zeitung“. Sein Trick gelang.

Ernste Miene zum magischen Spiel. Screenshot: Mittelbayerische.de

2013 prophezeite ein Zauberer eine Schlagzeile der „Bild“-Zeitung. Sein Trick gelang.

2014 prophezeite ein Zauberer für das Pulheimer „Wochenende“ eine Schlagzeile des Kölner „Express“, ein weiterer eine Schlagzeile der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“ und noch ein weiterer eine der „Frankfurter Neuen Presse“. Ihre Tricks gelangen.

Schlüsselmoment mit Denkerpose. Screenshot: Maz-Online.de
Zum Übergeben: Noch eine Schlagzeilenvorhersage. Screenshot: Fnp.de

2015 prophezeite ein Zauberer bei „Stern.de“ irgendwas mit Playmobilmännchen. Sein Trick gelang.

Die Playmobilfigur ist vom Sternzeichen Widder, sagt der Magier. Screenshot: Stern.de

2016 prophezeiten ein Zauberer in der „Rheinischen Post“ ein Fußballergebnis. Sein Trick gelang.

Locker-flockig mit Flagge und Ball. Screenshot: RP-Online.de

Auch in der „Sächsischen Zeitung“ gab es eine solche Aktion, in den „Stuttgarter Nachrichten“, in der „Saarbrücker Zeitung“, im „Fränkischen Tag“, in der „Leipziger Volkszeitung“ und in vielen anderen Blättern. Das Prozedere ist immer gleich — Zettel, Tresor, ein paar Tage später: Tadaa! Interessanterweise ist die „Vorhersage“ dabei immer nur nachher zu sehen, nie vorher. Und meistens haben die Zauberer gerade zufällig ein neues Buch draußen oder sind mit ihrem neuen Programm auf Tour, worauf die Medienpartner selbstverständlich gerne hinweisen.

So wie beim Zauberer in der „FAZ“, der, wie wir hiermit prophezeien, auch diesmal wieder richtig liegen wird. Und dafür mussten wir nicht mal an Werner D’Inkas Schuhen riechen.

Nachtrag, 28.9.2017: Tadaa! Nachdem der Zettel „Tag und Nacht bewacht“ worden sei von „drei stämmigen Redakteuren“, hat die FAZ am Dienstag das Ergebnis präsentiert – in einem Livestream, der sich nachträglich nicht mehr ansehen lässt, und im auf Papier gedruckten Regionalteil Frankfurt:

Müsste Harry Keaton sein Geld nicht als Zauberer verdienen, könnte er mit einem Wahlforschungsinstitut reich werden. Denn präziser als alle Demoskopen hat der Frankfurter Magier das Ergebnis der Bundestagswahl vorhergesagt.

Die Leute bei der FAZ sind immer noch ganz perplex. „Dennoch bleibt die Frage“, schreiben sie: „Zaubertrick oder Hellseherei?“ Tja. Hm. Aber:

Vielleicht war aber auch ein Magie-Mixaus Überrumpelung, Ablenkung und Geschwindigkeit am Werk. Denn obwohl Keaton das Öffnen der drei Behälter wirklich dem Justitiar überlässt, hat er doch einen winzigen Augenblick lang seine Hände im Spiel, als nämlich der Zettel auf den ersten Blick nicht wie erwartet in der kleinsten Box liegt, sondern – zack, kurz berührt – in der mittelgroßen.

Ja, Mensch.

6 Kommentare

  1. Bei ’ner Schlagzeile ist es ja nachvollziehbar, dass die Vorhersage geheim bleiben muss. Aber bei der Bundestagswahl auf die Nachkommastelle hätte er auch einfach jetzt prophezeien können. Ist ja nicht so, als ob die Gesamtbevölkerung unter Verdacht stünde, unter einer Decke mit ihm zu stecken.

  2. Clickbait-Klamauk ist das.
    So wie Kraken und Wetterfrösche zur Fußball-WM.
    Medienpartner auch hier übrigens das ZDF.
    Sven Lorig findet’s gut – Aber nur bis Deutschland verloren hat.

  3. „Ja, aber wie können wir es noch spektakulärer machen?“

    Seine Vorhersagen, die er mit zwei Würgeschlangen um den Hals in einem Glaskasten in der Hanauer Sparkasse getroffen hatte

    Herrlich. Und das, wenn man gerade gedacht hat, die Schnüffelei war eigentlich schon zuviel des Guten. Dazu ein kleines Zitat von Kishon aus „Picasso war kein Scharlatan“:

    Ich habe niemals daran gezweifelt, daß die Wellenreiter der heutigen Kunst in Wahrheit lupenreine Humoristen sind. Künstler, die innerhalb von fünf Minuten aus einem alten Familienfoto, einer defekten Nähmaschine und einigen Küchenresten ein modernes Kunstwerk entstehen lassen und dann neben ihrer „Collage“ mit toternstem und feierlichem Gesichtsausdruck posieren, können nur hochkarätige Satiriker sein, die auf diese Weise in aller Öffentlichkeit ihre tiefe Verachtung für ihre geistig zurückgebliebenen Mitmenschen zum Ausdruck bringen.

  4. „Durch die Karibik tingeln“ wäre derzeit sicherlich nicht mein erster Gedanke, wenn ich zaubern könnte.

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