„Die Leute werden aus den Fenstern schauen und Beifall klatschen.“

Vor dem Verlagshaus der „Ostsee-Zeitung“ in Rostock ist gestern eine Stele eingeweiht worden, die an die Mitverantwortung der Medien für die Pogrome von Lichtenhagen vor 25 Jahren erinnern soll. Damals wütete mehrere Tage lang ein rassistischer Mob unter dem Beifall der Anwohner vor der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber und griff später auch ein benachbartes Wohnheim für Vietnamesen an.

Medien wie der „Spiegel“ und die „Bild“-Zeitung hatten in den Wochen und Monaten zuvor den Eindruck erweckt, Deutschland werde von Flüchtlingen überschwemmt. Der „Spiegel“ schreckte nicht einmal davor zurück, ein Foto zu manipulieren, um Panik zu schüren: Er montierte zwei deutsche Beamte in ein Bild, die scheinbar von einer Flut schnauzbärtiger Menschen überrannt werden.

Die „Bild“-Zeitung berichtete von der „Flüchtlings-Front“ mit Schlagzeilen wie: „Fast jede Minute ein neuer Asylant!“ und fragte: „Die Flut steigt – wann sinkt das Boot?“ Im Nachhinein machte sie sich mit der Wut der Krawallmacher gemein.

Aber auch die örtlichen Tageszeitungen in Rostock hatten erheblichen Anteil an der Eskalation der Situation. Brennpunkt war ein Haus in einer Plattenbausiedlung im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen, in der die Behörde untergebracht war, bei der sich alle ankommenden Asylbewerber registrieren mussten. Weil die Kapazitäten im Gebäude nicht ausreichten, kampierten zahlreiche Flüchtlinge vor dem Haus. Die Stadt weigerte sich sogar, ihnen Toiletten zur Verfügung zu stellen. Die Situation war für alle Beteiligten unerträglich.

In dieser – bundesweit und lokal – extrem aufgeheizten Stimmung veröffentlichte die „Ostsee-Zeitung“ am 21. August 1992 einen Artikel, in dem Gewalt gegen die Flüchtlinge angekündigt wird:

„Am Sonnabend werden wir auf die Straße gehen!“ Richard B. (alle Namen geändert) versucht verzweifelt, seinem Zorn am OZ-Telefon Luft zu verschaffen. B. spricht von Bürgerinitiative und Bürgerwehr, die sich aus Anwohnern der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber gebildet haben. Wo er auf die Straße gehen will, wusste B. am Dienstag noch nicht.

Chris (22), Thomas (22) und Mathias (24) saßen gestern Mittag im Imbiß-Kiosk an der Sparkaufhalle. „Wir werden am Sonnabend hier sein“, sagt Chris. Die drei wollen davon wissen, dass rumänische Roma „aufgeklatscht“ werden sollen. „Die Rechten haben die Schnauze voll!“ „Wir werden dabei sein“, sagt Thomas, „und du wirst sehen, die Leute, die hier wohnen, werden aus den Fenstern schauen und Beifall klatschen.“

Die drei unterscheiden zwischen Asylbewerbern und Zigeunern. „Mit den Fitschis (Vietnamesen, d. R.) können wir gut leben“, beteuern sie. (…)

Die „Ostsee-Zeitung“ veröffentlicht diesen Text nicht unter einer Überschrift wie: „Rechtsradikale kündigen rassistische Gewalt an“. Sie veröffentlicht diesen Text unter der Überschrift: „Lichtenhäger wollen Protest auf der Straße“.

Lichtenhäger wollen Protest auf der Straße
Ausriss: OZ

Unter einem Foto, das zeigt, wie mehre Personen vor dem Haus auf dem Rasen liegen, schreibt die Zeitung:

Solche Bilder vor Augen, blieben die Lichtenhäger Anwohner des Asylbewerberheimes lange Zeit besonnen. Jetzt werden Ungeduldstöne laut. Innensenator Peter Magdanz bestätigte gestern noch einmal, daß weiterhin der 1. September als Termin für die Beendigung dieser Zustände gilt. Der Senator hofft auf weitere Besonnenheit der Betroffenen.

Ungeduldstöne.

Zwei Tage zuvor hat die andere Lokalzeitung, die „Norddeutschen Neuesten Nachrichten“ (NNN), bereits unkommentiert eine anonyme Drohung veröffentlicht:

Wenn die Stadt nicht bis Ende der Woche in Lichtenhagen für Ordnung sorgt, dann machen wir das. Und zwar auf unsere Weise. Mit diesen Worten meldete sich ein anonymer Anrufer im Namen einer „Interessengemeinschaft Lichtenhagen“ gestern in unserer Redaktion, (…). In der Nacht vom Samstag zum Sonntag räumen wir in Lichtenhagen auf. Das wird eine heiße Nacht, droht der Anrufer unverhohlen.

Die Zeitungen sorgten so nicht nur für einen Mobilisierungseffekt, sie verharmlosten die angekündigte Gewalt auch und stellten sie höchstens als Überreaktion dar – ein unbesonnener, aber nachvollziehbarer Protest gegen schlimme Zustände.

Nach den Pogromen hört sich die „OZ“ im Gymnasium Nord um und spricht mit Schülern – und einem Lüftungsmonteur. „Ich bin dagegen, daß die verfluchten Hunde auf dem Rasen herumlungern, betteln und klauen“, zitiert sie ihn und fügt hinzu: „Aber er ist der Meinung, nun, da die Ausländer weg seien, ginge man mit den Randalierern viel zu human um.“

Im Gespräch mit den Schülern geht es der Zeitung aber vor allem darum, wie man denn nun mit „den Ausländern“ umgehen soll:

Daniel stimmt für „Abschieben“, wenn die Asylanten betteln und stehlen. Dana spricht sich nicht generell gegen die Anwesenheit von Ausländern aus, stellt aber die Bedingung, daß sich Leute fremder Kulturen den Sitten ihrer Gastländer anpassen müßten. In den jetzigen Krawallen sieht Christine allerdings keinen Sinn mehr. „Die Asylanten sind nicht mehr da. Jetzt ist es doch nur noch Belustigung – so wie Fernsehen oder Gewaltausbrüche in Los Angeles.“ Damit spricht sie die Meinung vieler aus, die in der Verselbständigung von Gewalt keine Lösung sehen.

Nicht die Gewalt ist das Problem, heißt das wohl, sondern nur ihre „Verselbständigung“ – weil die Ausländer doch längst vertrieben sind.

Am 29. August erscheint in der „Ostsee-Zeitung“ ein Leserbrief. Unter der Überschrift „Wir lassen uns nicht als rechtsradikal beschimpfen“ schreibt eine Anwohnerin:

(…) Einmal möchte meinem Herzen Luft machen zum brennenden Thema. Seit Monaten wurde in Lichtenhagen gestohlen, verunreinigt, Frauen belästigt und mehr. Wie wir alle wissen, von rumänischen Asylbewerbern, die gerne und nicht zu wenig unsere Steuergelder in Empfang nehmen.

Da wagen Deutsche im eigenen Land, sich gegen diese Zustände aufzulehnen. Wen wundert’s, daß unsere Stimmen immer lauter wurden. Jugendliche nutzen diese Unruhe aus. Ich bedaure es sehr, daß ein Wohnhaus in Flammen aufging und Menschenleben gefährdet waren. Bescheidene, sympathische Vietnamesen kamen in letzter Minute mit dem Leben davon.

Ich bin aber schockiert, wie Reporter und Politiker uns alle als rechtsradikal und Schläger bezeichnen. (…)

Jetzt hat man das Asylantenproblem auf Gemeinden verteilt. In Hinrichshagen ist man erbost. Eine Zeitung berichtete am 25. August bereits von Diebstählen, grausamen Tiermißhandlungen und einigem mehr. Wir haben aber zu schweigen. Unsere Herren Politiker haben ja nichts persönlich mit den Rumänen zu tun. (…) Jeder, der möchte, darf kommen, uns drangsalieren und leben, ohne zu arbeiten. Es ist ein Skandal. Liebe OZ, ich weiß nicht, ob ihr den Mut habt, diesen Brief zu drucken. Bisher habt ihr wahrheitsgemäß und kritisch berichtet.

Die OZ hat nicht diesen „Mut“ nicht nur, sie veröffentlicht den Leserbrief sogar hervorgehoben inmitten ihrer redaktionellen Berichterstattung.

Wir lassen uns nicht als rechtsradikal beschimpfen
Ausriss: OZ

Diese und viele andere Artikel aus jenen Tagen hatte die „Ostsee-Zeitung“ gestern in ihrem Verlagsgebäude ausgestellt. Sie begleiteten eine Podiumsdiskussion (an der ich auch teilnahm), in der es um das Verhalten der Medien und der Polizei damals und heute ging. Jan-Peter Schröder, Chef vom Dienst der „Ostsee-Zeitung“, sagte, ihn habe vor allem erschreckt, dass sein Blatt immer wieder von der „Belagerung“ des Asylbewerberheims geschrieben hatte – allerdings nicht in Bezug auf die Neonazis, sondern auf die Flüchtlinge, die hier kampieren mussten, weil das Haus überfüllt war. Schon Wochen vor den Ausschreitungen hatte die OZ in dieser Weise die Asylbewerber zu „Belagerern“ gemacht – und sogar noch nach den Tagen der Gewalt.

ZAST wieder belagert
Ausriss: OZ

Es gäbe viel aufzuarbeiten an der Berichterstattung von damals, auch für die „Ostsee-Zeitung“: Wie sie mit dazu beitrug, Ausländer als Schuldige einer unhaltbaren Situation darzustellen, die teils aus Überforderung, teils sicher auch aus politischem Kalkül entstand, und wie in ihr Gewalt legitimiert und Rassismus verbreitet wurde. Aber die „Ostsee-Zeitung“ hat den besonderen Gedenktag 25 Jahre später, die Einweihung des Steins und die Veranstaltung in ihrem Haus nicht zum Anlass genommen, sich gründlich mit ihrer Rolle bei den Pogromen auseinanderzusetzen.

Stattdessen gab es ein paar traurige Stellwände mit Zeitungsseiten von damals. Und einige selbstkritische Töne. In der Zeitung heute war vage die Rede von „zeitweise kritikwürdiger Berichterstattung“ und davon, dass die Zeitung damals „teilweise in einem Ton berichtet habe, der heute nicht mehr möglich wäre“. Als ob der Ton nicht auch damals eigentlich hätte unmöglich sein müssen. Einen Bericht, wie es zu der Berichterstattung damals kommen konnte und was sie daraus gelernt hat, schuldet die Zeitung ihren Lesern noch.

Vielleicht kann die neue Stele vor ihrem Haus sie auch daran mahnend erinnern.

Foto: Ü

31 Kommentare

  1. Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Artikel 8 :
    (1) Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln.
    (2) Für Versammlungen unter freiem Himmel kann dieses Recht durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes beschränkt werden.

  2. Während Herr M. Erkel weggeht, kann er ja vielleicht nochmal über die Schulter einen grundsätzlichen Blick auf §16a des Grundgesetzes werfen, damals noch nicht ganz in seiner heutigen Form, aber ich sag mal so…Absatz 1, bumsdi.

  3. @1 (Den Namen schreib ich jetzt wirklich nicht!)

    Was genau hat Artikel 8GG mit irgendwas in diesem Artikel zu tun? Oder ist das „vertreiben“ von Asylbewerbern für irgendjemanden ernsthaft das was mit „friedlich“ gemeint ist? So Schwachsinnig kann man glaube ich nicht mehr sein.

  4. Man liest den Text, es wird immer schlimmer und schlimmer, und dann kommt kurz vor Schluß plötzlich die Wende, daß die Zeitung sich der eigenen Vergangenheit stellt, daß sie die eigenen schlimmen Artikel auf Stellwänden ausstellt und damit thematisiert.

    Ich habe den dicken Band „Das Bild-Buch“ mit Titelseiten der Bild-Zeitung aus 60 Jahren, darin aber fehlen die richtig schlimmen Dinge. Da kann man vergleichsweise die Ostsee-Zeitung durchaus als Vorbild für die Aufarbeitung der Vergangenheit sehen.

  5. Es ist der 25. August 2017 und somit der 100. Geburtstag des Entertainers Lou van Burg. Er war verheiratet und hatte eine Geliebte. Als er sich von dieser Geliebten trennte und statt dessen mit einer andere Frau anbandelte, trat die nunmehr Ungeliebte dies in der Bild-Zeitung breit.

    Durch die Thematisierung in der Bild-Zeitung und daraus folgend in anderen Print-Medien sah sich der Intendant des ZDF veranlasst, Lou van Burg kurzfristig zu kündigen. Seine Fernsehshow „Der goldene Schuß“ wurde von Vico Torriani weitergeführt.

    Die Bild-Zeitung berichtete von dieser Absetzung, als hätte sie selbst damit gar nichts zu tun. Später zum Tod von Lou van Burg schrieb sie rührseelig über „Onkel Lou“ als großen Fernsehstar.

    Diese ganzen Ereignisse sind zwar eine Nummer kleiner als die in diesem Artikel thematisierten Geschehnisse in Rostock, aber doch ein ähnliches Prinzip: Die Bild-Zeitung gibt sich völlig neutral in einem Skandal, den sie selbst angefacht hat.

    Wären die Geschehnisse um Lou van Burg nicht auch ein interessantes Thema für die Übermedien? Es geht nicht nur um die Bild-Zeitung, sondern zusätzlich auch noch um die Rolle des ZDF-Intendanten Karl Holzamer, der Berichten zufolge ein erzkonservativer Katholik gewesen sein soll. Die massenhafte Schleichwerbung durch Lou van Burg war ihm gleichgültig, die Thematisierung dessen Liebeslebens in der Bild-Zeitung war für ihn dagegen Grund für eine Kündigung.

  6. @M. Erkel Gut. Was du hier unter dem Artikel abziehst ist einfach nur widerlich. Pogromverharmloser.

  7. Nachdem ich gestern den Artikel gelesen hatte wollte ich gerne einen ersten Kommentar schreiben. Hatte aber auch das was man am besten als „Klos im Hals“ beschreiben könnte und mir wollte einfach nix vernünftiges einfallen.
    Heute früh muss ich mit Schrecken feststellen: ALLES wäre besser gewesen als das da. :(

    Was bleibt von der Geschichte:
    Auch Journalisten sind nur Menschen. Ärger, vielleicht sogar Hass. Instrumentalisierung der Macht. Und am Ende die eigenen Fehler kleinreden.
    Die bitterste Erkenntnis ist wohl das sie Teil des Mobs waren und keiner den Mut hatte ihn aufzuhalten.

  8. @ 5

    Den Ton der Berichterstattung selbst zu kritisieren ist das Eine. Die aufgeführten Artikel(ausschnitte) legen aber nahe, dass die OZ im speziellen selbst Akteur war. Die verantwortlichen Journalisten mögen keine Mollis geschmissen haben, gezündelt aber schon.

    Und warum ausgerechnet die Bild die Referenz für Aufarbeitung der eigenen Geschichte sein soll, erschließt sich mir nicht. Im Vergleich mit der Türkei ist die politische Entwicklung Polens (noch) nicht ganz so arg. Als leuchtendes Vorbild für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit würde ich Polen 2017 dennoch nicht bezeichnen. :-)

  9. Ein Leserbrief in der Ostsee-Zeitung vom 23.08.2017 zum Thema:
    http://www.ostsee-zeitung.de/Extra/Meinung/Leserbriefe/Gedenkwoche-Lichtenhagen
    mein Eindruck so viel hat sich bei der OZ nicht geändert man beachte die konkrete Aussage ab „Aber hat mal……………..“
    „Man kann ein Thema auch totreden. Ich kann es nicht mehr hören. Sicherlich war es vor 25 Jahren schlimm und nicht in Ordnung. Auch ich kann den rechten Mob nicht gutheißen und bin dafür, daß sich das nicht wiederholen darf. Aber hat mal einer gefragt, warum das so eskaliert ist? Nicht die Bewohner von Lichtenhagen geschweige denn die Polizei waren Schuld. Wie würden Sie reagieren, wenn man ihr Stadtteil zusch…, wenn vor ihrer Haustür geklaut wird, man bedroht wird und sich nicht mehr sicher fühlt. Schuld sind nicht die Menschen in Lichtenhagen, sondern die Politiker, die diese Entscheidungen getroffen hatten und dem Mob die Tür geöffnet haben.
    Gut, es darf und wird sich nicht wiederholen. Auch die Menschen haben dazugelernt. Nur manche Politiker nicht.“

  10. @Daniel Rehbein: Ja, das kann man schon so sehen. Immerhin macht die „Ostsee-Zeitung“ so eine Diskussion und stellt ihre Artikel aus – das ist ja auch was. Wirklich.

    Ich finde es trotzdem rätselhaft, warum man einen solchen Anlass – Jahrestag, Einweihung der Stele, Diskussion – nicht dazu nutzt, sich der eigenen Vergangenheit wirklich zu stellen und die Geschichte aufzuarbeiten: die Versäumnisse und ihre Ursachen, aber auch das Gelungene. Es müsste ja keine wissenschaftliche Ausarbeitung sein (da ist wohl was in Arbeit), sondern nur eine journalistische.

    Die Lou-van-Burg-Geschichte haben wir immerhin im Fernsehlexikon erwähnt.

  11. Mein erster Gedanke war: „Die Leute werden Beifall klatschen? Hat doch geklappt.“
    Versammlungsfreiheit schließt auch ein, dass man vor einem Amt, wo man dringend erforderliche Papiere bekommt, anstehen darf.

    Dass die Sanitäranlagen zu wünschen übrig lassen, lag in der Verantwortung der zuständigen Behörden. Aber über so etwas zu referieren, ist eigentlich müßig. Die Leute, die sich dafür interessieren, wissen’s schon, und der Rest will das nicht hören.

  12. „Im Nachhinein machte sie sich mit der Wut der Krawallmacher gemein.“ (verlinkt)

    Und ich habe mich schon gewundert, warum ich in den letzten zwei Tagen täglich diesen verlinkten Bildblog-Ausschnitt von 2014 per eMail bekomme. Das klärt dieses Puzzle zumindest zu einem (kleinen) Teil auf.

  13. @#13 Mycroft: Tut mir leid, aber Sie irren sich; die Dokumentation des Ganzen, bzw. das erläutern von Details ist nicht müßig. Ich bin bspw. 1990 geboren und habe deshalb von den Ereignissen damals nichts mitbekommen. Deshalb finde ich es gut, wenn man auch heute noch darüber schreibt, wie die Situation damals war.

    Ansonsten wollte ich nur ergänzen, dass auch zwanzig Jahre später nicht alle kapiert haben, was das eigentliche Problem war:

    http://www.faz.net/aktuell/politik/harte-bretter/harte-bretter-lichtenhagen-11866872.html

    (Der Typ ist heute immer noch Redakteur für Innenpolitik bei einer der angesehensten Zeitungen Deutschlands!)

    Viele Grüße,
    Firefly05

  14. @Firefly05, #15;
    Ok, es gibt bestimmt ein paar Menschen, die das damals nicht mitbekommen haben, und jetzt per Internet- oder sonstiger Recherche die damaligen Vorgänge nachvollziehen wollen. Wie Sie jetzt; ich unterstelle aber, dass Sie dazu genug Material finden, ohne dass ich oder sonstwer hier in der Kommentarspalte einen Vortrag halte. (Das war nebenbei auch mehr auf Herrn Erkel gemünzt, aber die Welt dreht sich ja nicht um Herrn Erkel.)

    Die meisten haben sich ihre Ansicht vermutlich schon gebildet. Dass die OZ ihre eigene Vergangenheit und Verantwortung in dem Zusammenhang einmal darstellt, ist sicher wichtig, aber deshalb wird niemand seine Meinung plötzlich von „Die Asylanten waren selber schuld!“ auf „Die Presse war schuld!“ ändern.

  15. Gibt es einen Mitschnitt der Podiumsdiskussion?
    Über einen Hinweis wäre ich dankbar.
    #15 Der Link zum FAZ-Artikel ist erschreckend.

  16. Die Stele vor dem Verlagshaus wurde laut Ostsee-Zeitung (Donnerstag) bereits beschmiert, so wie andere Gedenkstelen auch.

  17. Im vergangenen Monat stieß ich eher zufällig auf folgenden Zeitungsartikel der Basler Zeitung, in dem der Klimawandel geleugnet wird (durch Verwechselung von Wetter und Klima):

    https://bazonline.ch/wissen/natur/ab-nach-groenland/story/28363255

    Der Autor ist Eugen Sorg, laut Wikipedia Textchef der Basler Zeitung, also ein Journalist in leitender Position einer Zeitung mit rund 50.000 Print-Abonennten. Und dieser Mensch schreibt von „Klima­katastrophikern“ und „rot-grüner Klimakirche“.

    Ich habe generell die Vorstellung, daß Zeitungen im Allgemeinen seriös sind. Da gibt es wütende Leser, die wütende Leserbriefe schreiben, und dann sitzen da seriöse Redakteure, die diese Zuschriften sortieren und einordnen. Man kennt so ein paar Pappenheimer, die Boulevard-Presse und die Regenbogen-Presse, aber ansonsten gehe ich eher von seriösen Medien aus. Daß die Basler Zeitung zum Kanon der Boulevard-Medien gehört, war mir bisher nicht bekannt – und entsprechend auch nicht bei der Ostsee-Zeitung.

    Ja, ich bin Mathematiker, und ich möchte gerne in einer Welt leben, in denen logisch denkende und vernünftige Menschen das Sagen haben – aber manchmal werde ich enttäuscht.

    Meine Geschichte geht noch weiter: Ich wurde neugierig, was denn die üblichen Verdächtigen in Deutschland über den Klimawandel schreiben und habe ein wenig gegoogelt. Herr Broder schreibt unter http://www.welt.de/article135182303 eine ganz furchtbare Polemik. Bemerkenswert fand ich den Artikel von Herrn Martenstein unter http://www.zeit.de/2013/17/harald-martenstein-klimawandel

    Das typische „Ich bin ja kein …, aber …“ formuliert er als „Ich bin kein Klimaskeptiker. Ich bin nur sehr enttäuscht“. Er verwechselt Klima mit Wetter, aber bemerkenswert ist vor allem dieser Satz: „Aber den Klimaforschern lässt man alles durchgehen.“

    Es geht ihm nicht um die Wahrheit, nicht um die Ergründung dessen, was tatsächlich passiert. Statt dessen ist es für ihn ein Spiel, in dem er Zuschauer ist. Es geht nicht um die Zukunft der Menschheit, sondern es ist einfach nur ein sportlicher Wettkampf. Die eine Mannschaft hat sich falsch verhalten, also soll sie doch gefälligst auch mal einen Punkt abgezogen bekommen.

    Nun lese ich hier von den Leserbriefen in der Ostsee-Zeitung, auch von dem im Kommentar #11 zitierten. Und ich sehe die Parallelen: Wahrscheinlich ist das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen für die Menschen, die so etwas schreiben, auch bloß ein Spiel. Es ist ein sportlicher Wettkampf zwischen den Bürgern und den Bundespolitikern. Die Bürger haben sich ja bloß gegen die Politik gewehrt. Das sollte man doch anerkennen, daß das ein legitimer Spielzug war – so liest sich der Leserbrief aus #11.

    Daß Menschen in dem Wohnhaus bedroht wurden, daß Menschen über Stunden im Feuer eingeschlossen waren, daß Menschen damit rechnen mussten, vom Mob umgebracht zu werden, wenn sie dem Feuer entkommen, daß Menschen alle ihre Sachen im Feuer verloren haben, daß Menschen über mehrere Tage Todesängste ausgestanden haben, das alles zählt nicht. Die Menschen sind bloß eine anonyme Masse im sportlichen Spiel zwischen Bewohnern und Politik. Die Politik hat angefangen, da wird man doch wohl noch zurückzündeln dürfen.

    Es ist wie bei den Gefallenen im Krieg. Da gilt der einzelne Mensch auch nichts mehr, es gibt keine Einzelschicksale mehr, bloß noch eine Zahl. Wir wurden provoziert, also schlagen wir zurück. Wir gegen die.

    Der Mörder von Marwa El-Sherbini sagte im Prozeß (im Prozeß um die Beleidigung, vor dem Mord), Muslime seien nicht beleidigungsfähig, weil es keine richtigen Menschen seien.

    Und so auch hier: Die Menschen werden nicht gesehen. Die Flüchtlinge, die hier Schutz suchen, werden als anonyme Masse gesehen, sie sind nur noch eine Zahl – und diese Zahl soll möglichst niedrig sein.

  18. @Daniel Rehbein, #22

    Naja, Martenstein und Broder sind jetzt nun auch nicht unbedingt als seriöse Redakteure bekannt. Mehr als Polemiken kann man von ihnen eigentlich nicht erwarten. Insbesondere wenn man deren Meinungsartikel anklickt. Die journalistische Darstellungsform, unter der veröffentlicht wird, muss natürlich bei der Bewertung auch berücksichtigt werden.

  19. Das mit den „seriösen Redakteuren“ war der erste Teil meines Textes #22, das beliebte Duo Broder & Martenstein habe ich ja dagegen als „die üblichen Verdächtigen“ bezeichnet.

    Bei dem Text von Harald Martenstein zum Klimawandel ist für mich das erste Mal richtig deutlich geworden, was mit dem Ausdruck „Alter weißer Mann“ gemeint ist: Herr Martenstein (in diesem Sinne prototypisch bzw. stellvertretend für eine ganze Gruppe „Alter weißer Männer“) lebt schon einige Jahre auf diesem Planeten und hat sich im Laufe dieses Lebens einige Meinungen und Ansichten angeeignet. Und er genießt durch verschiedene Eigenschaften, die ihm per Geburt zugefallen sind (Nationalität, Geschlechtsidentität, sexuelle Orientierung, Hautfarbe), gewisse Privilegien (z.B. als Fußgänger selten bis nie anlaßlos von der Polizei kontrolliert zu werden, sich nicht für sein Liebesleben rechtfertigen zu müssen, in viele Staaten problemlos reisen zu können), die ihm allerdings nicht als Privilegien, sondern als Selbstverständlichkeiten erscheinen.

    Nun kommen gesellschaftliche Veränderungen, die dieses Leben bedrohen: Ehe für alle, Klimawandel, Dekonstruktion der Geschlechterrollen, Flüchtlinge, Frauenförderung. Nein, eigentlich bedroht das alles gar nicht sein Leben, sondern es bedroht die Meinungen und Sichtweisen, die er sich im Laufe seines Lebens angeeignet hat. Er müsste vielleicht über manche Dinge noch mal ganz neu nachdenken und seine Haltung zu bestimmten gesellschaftlichen Fragen neu justieren. Aber das schafft er nicht, er hat sich doch in seiner Welt so schön flauschig eingerichtet.

    Um seine Weltsicht nicht zu gefährden, verlegt er sich deshalb darauf, sich als neutraler Zuschauer zu sehen, so wie der Fernsehzuschauer bei einem Fußballspiel. Dann hat er selbst damit nichts zu tun, insbesondere muß er selbst nichts ändern. Und so, wie viele Fußballzuschauer sich als die besseren Schiedsrichter ansehen, so sieht auch er sich als Schiedsrichter, der auf Fehlverhalten genau achtet und die Beteiligten entsprechend zurechtweist. Die Klimaforscher argumentieren nicht so, daß er es versteht? Das muß aber Punktabzug geben! Der muslimische Flüchtling kommt mit der deutsche Bürokratie nicht zurecht? Dann muß er vom Wettkampf um den Aufenthaltstitel disqualifiziert werden!

    Und genauso der in #11 zitierte Leserbrief: Ja, irgendwie war das alles schlimm und nicht in Ordnung. Aber eigentlich haben wir damit doch gar nichts zu tun. Und angefangen haben doch die anderen, die Politiker. Die Anwohner haben doch bloß zurückgeschlagen. Also Punktsieg für die Anwohner!

    Durch den Text von Harald Martenstein zum Klimawandel liegt das Prinzip „Alter weißer Mann“, was ich bisher für eine übertriebene Floskel gehalten habe, plötzlich klar und logisch vor mir. Ja, da habe ich durch einen Text von Herrn Martenstein tatsächlich etwas gelernt!

    Und klar ist damit auch: Der Hang zum Kritisieren und Zurechtweisen ist keine zufällige persönliche Eigenschaft von Harald Martenstein, es ist die logische Konsequenz aus der Eigenschaft „Alter weißer Mann“.

    Was ich bisher noch nicht logisch ergründen kann: Warum werden manche Menschen „Alter weißer Mann“ und andere nicht? Werde ich im Laufe der Jahre auch so?

  20. Ich habe gestern intensiv darauf geachtet, ob überhaupt irgendwo über den 100. Geburtstag von Lou van Burg geschrieben wird. Also nicht nur speziell in dem Zusammenhang mit Boulevard-Presse und Sexualmoral, sondern überhaupt. Aber kein bißchen habe ich gefunden, selbst die Wikipedia-Startseite mit ihrer Rubrik „Was geschah am …“ hat ihn nicht erwähnt. Der einst beliebte Entertainer ist also komplett vergessen, keine einzige Zeile ist er der Presse mehr wert.

    Man kann sich im Kalender für nächstes Jahr schon mal den 7. März anstreichen. Das ist der 30. Todestag von Divine, eine Ikone der Schwulenbewegung der 80er-Jahre. Man darf gespannt sein, ob dieses runde Datum irgendwo in der Presse Erwähnung findet.

    https://www.youtube.com/watch?v=Kwh_yOzJ6AY

  21. So sehr ich auch grübele, den Zusammenhang zwischen Lou van Burg und Rostocker Pogromen erschließt sich mir nicht. Hat der auch eine Nörgelkolumne für alte weiße Männer oder sollte der Kommentar unter einen andern Artikel?

  22. Puh, harter Artikel. Danke dafür!
    Mir erschliesst nur sich nicht, wie Nazis vor dem Hintergrund einer solchen, im Artikel dargelegten, äusserst schlüssigen Argumentation behaupten können, linke Medien oder Parteien wären in irgendeiner Weise am Spaswochenende in Hamburg mitschuldig gewesen.

  23. Der Beitrag #25 ist eine Anknüpfung an den Beitrag #7.

    Es wäre einfacher zu erkennen, wenn die Übermedien nicht auf einem HTTP-Server, sondern auf einem NNTP-Server publiziert würden. Dann würde wir die Diskussion nicht mit einem Browser, sondern mit einem Newsreader führen, und die Bezüge in der Diskussion wären klarer zu sehen.

  24. Threaded View ist keine Frage des verwendeten Protokolls. NNTP hat damit nichts zu tun. Das geht via HTTP genauso wenn man die Funktion entsprechend implementiert.
    Und auch mit #7 hat Lou van Bourg noch immer nichts mit Rostocker Pogromen zu tun.
    Also würde im Newsreader jeder geneigte Schreiber einen Subject-Wechsel vornehmen
    [OT] Lou van Bourg (was: Pogrom Rostock)
    Und man könnte das rausfiltern. Vom Killfile ganz zu schweigen…

  25. „Asylanten jetzt auf Schulhöfen“ titelte die Bild in den 90ern, später zu Lichtenhagen: „Rechtsextreme zünden Haus an. Woher kommt der Hass?“ http://youtu.be/SohMW2aa9IQ

    Es kam zu keinerlei nennenswerten Eingreifen von Polizei oder anderen Sicherheitsbehörden. Später hat man erklärt, es habe keine freien Kapazitäten gegeben. Böse Zungen behaupten, man habe dem Treiben seinen Lauf gelassen und dabei die Gefährdung von Menschenleben billigend in Kauf genommen. Die Vietnamesen, die dort seit über 10 Jahren lebten und nie strafrechtlich auffällig waren, wurden am Ende abgeschoben.

    Die Überschrift „Wir lassen uns nicht als rechtsradikal beschimpfen“ ist (kennt man auch von AfD und Konsorten)
    Nur weil man „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ gröhlt, ist man noch lange nicht rechtsextrem? Oder wie? oder wat?

  26. Ja, wie man mit den Vietnamesen und anderen Gastarbeitern in den neuen Bundesländern (die zur Zeit der DDR „Vertragsarbeiter“ hießen) umgegangen ist, ist den meisten Menschen heute gar nicht bekannt.

    Dabei zeigt sich an dem Punkt ja ganz deutlich, daß die Wiedervereinigung keine Fusion zweier gleichberechtigter Partner war, sondern eher ein Verhältnis zwischen Sieger und Besiegtem. Per Formulierung im Einigungsvertrag wurde quasi im Handstreich über die in den neuen Bundesländern lebenden Ausländer entschieden, es wurde über diese Menschen verfügt wie über Sachen. Für die von der DDR gemachten Zusagen und erzeugten Hoffnungen fühlte sich die BRD nicht zuständig.

    Immerhin gibt es im Archiv des Spiegel dazu etwas zu lesen:
    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13679811.html

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