Ach, Annabelle

Den Job des Moderedakteurs bei einer Frauenzeitschrift stell ich mir schlimm vor.

Irgendwie sind ja schon alle Arten der Inszenierung durch.

Mädchen, die inmitten beeindruckender Natur mit halboffenem Mund ins Ungefähre schauen.

Mädchen, die aussehen, als seien sie heroinabhängig, und sich auf dem Boden winden.

Mädchen, die aussehen, als wollten sie Sex mit den Männermodels, die sich neben ihnen auf dem Boden winden.

Den Job des Lifestyle-Redakteurs bei einer Frauenzeitschrift stell ich mir ebenfalls grausam vor.

Jede Woche irgendwelche Produkte wie Designvasen, Duftkerzen oder Utensilien aus Tropenholz originell betexten und aufpassen, dass es nicht zu werblich klingt. Und nicht zu wenig.

Den Job der Chefredakteurin einer Frauenzeitschrift stell ich mir dagegen toll vor. Im Grunde genommen hat man wenig zu tun, außer ab und zu bei gesellschaftlichen Anlässen aufzutauchen und den Prominenten zu versichern, dass man gern mal eine Story über sie machen würde. Den Rest erledigt die Redaktion, die noch nicht mal groß sein muss. Beauty- und Modetipps, ein oder zwei Reportagen, damit niemand behaupten kann, man sei nur an Oberflächlichkeiten interessiert, ein paar Buch- und Filmrezensionen, einige Rezepte und die obligatorische Kolumne, in der der Redaktionsmann über Frauen schreibt: fertig. Jede Ausgabe dasselbe Programm.

In Deutschland dachte ich immer, das Schweizer Magazin „Annabelle“ sei anders. Das kam vor allem daher, dass ich ziemlich viele Reporterinnen und Reporter kenne, die immer mal wieder erzählen, dass sie auch für „Annabelle“ schreiben. Schau mal an, dachte ich, das muss ja eine besondere Frauenzeitschrift sein. Richtig journalistisch.

Umso enttäuschender war es, als ich nun in der Schweiz endlich mal eine „Annabelle“ gekauft habe. Denn im Grunde genommen ist alles so, wie man es eben von Frauenzeitschriften kennt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine moderne Frau nicht von all diesen Beauty-, Einkaufs und Reisetipps unendlich gelangweilt ist und sich nicht von dem vorherrschenden Duktus unbedingter Servilität gegenüber Männer, Kindern und Freunden genervt fühlt. Immerzu geht es darum, vor allem für andere gut auszusehen, gut zu kochen und gut zu dekorieren.

Den Job des Editorialschreibers macht bei „Annabelle“ meines Erachtens ein Roboter, den man zuvor mit Rosamunde-Pilcher-Romanen gefüttert hat und der nun Sätze wie „Zwei Mädchen in süßen Sommerkleidchen jagen jauchzend einer Katze hinterher“ ausstößt.

Im Modeteil hat die zuständige Redakteurin die Models diesmal auf Schaumstoffbahnen drapieren, sie große Bälle über den Kopf halten oder wie tot auf kaltem Marmor ablegen lassen. Es gibt auch eine Strecke, für die man Damenschuhe in Blumenerde gesteckt hat.

Es gibt eine Männerkolumne, in der der Autor die Leserinnen dazu auffordert, ihm ihre Geheimnisse zu schicken, aber offen bleibt, warum sie das tun sollten. Es gibt einen Autotest, in dem der Autor die These aufstellt, dass der Porsche Panamera sehr gut zu seinem dicken Bauch passt. Und im Horoskop für Steinbockfrauen steht, dass sie „mit Venus in Ihrem Astro-Partnerschaftssektor sinnlich und sexy sind und in der Liebe sehr leidenschaftlich.“

So sind nun mal Frauenmagazine, und Männer gucken auf Dmax stundenlang tätowierten Glatzköpfen beim Autotunen zu. Weiß ich ja. Aber wie gesagt, ich dachte, „Annabelle“ sei anders.

Und ich dachte auch, es hätte sich im Zuge der Gender-Diskussion ein bisschen was in diesem Segment getan. Dass Frauen also nicht mehr in Frauenmagazinen auf Äußerliches reduziert werden. Vielleicht habe ich aber auch einfach nur zuviel Reinhard Mey gehört. „Annabelle, ach Annabelle, du bist so herrlich intellektuell.“

Ehrlicherweise muss ich nun noch ein paar Stücke erwähnen, die tatsächlich nichts mit Äußerlichkeiten zu tun haben.

Es gibt eine Reportage über eine Frau, die sich vor einigen Jahren in London zwei Attentätern in den Weg gestellt hat, als sie gerade einen Soldaten auf offener Straße ermordet hatten.

Es gibt ein kurzes Stück von einer Frau, die an einer Rechtschreibschwäche leidet.

Und sechs Seiten über Migräne, eine Krankheit, die laut „Annabelle“ „kaum beachtet“ wird, was ich angesichts der zahllosen Geschichten über die „Volkskrankheit Migräne“ unter anderem in „Focus“, „Stern“ und „Spiegel“ für eine gewagte These halte.

Bevor ich noch mehr Kopfschmerzen bekomme, gehe ich jetzt noch in ein Zürcher Antiquariat und schau, ob „Annabelle“ früher mal anders war. Anders als heute.

3 Kommentare

  1. Yo.
    Dass auch sonst durchaus vernünftig scheinende Frauen solche und ähnliche Magazine lesen…

    (an dieser Stelle irgendwie so geiler Genderdiskussionstwist, null Ahnung in welche Richtung drehend)

    Völlig ratlos:

    Oblomow
    (langjähriger Fisch & Fang Abonnent)

  2. rein optisch hat die Gestaltung durchaus etwas zu bieten.
    Als Mann blättere ich im Wartezimmer beim Arzt so etwas in 30 Sekunden durch auf der Suche nach etwas Interessantem, das nicht kommt.
    Ähnliche Erlebnisse haben vermutlich Frauen beim Stöbern in „Automotor und Sport“ oder beim „Kicker“

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