Ein IS-Wimpel im Haus ersetzt den Psychologen

In Julian Reichelts Geisteswelt gibt es nur das eine oder das andere: Entweder psychisch krank – oder Islamist. Beides zusammen geht nicht. Und sowieso, also: psychisch krank, so ein Quark! Sollen sich mal alle nicht so anstellen.

"Bild"-Kommentar von Julian Reichelt, Überschrift: "Nur Ausreden"
Ausriss: „Bild“ 31.7.2017

Am Montag echauffierte sich der „Bild“-Oberchef in einem Kommentar, dass „uns“ (so ganz volksnah formuliert) von den Behörden „keine einzige Frage“ zum „messermordenden Islamisten“ aus Hamburg beantwortet werde. Reichelt meint damit jenen Mann, der vergangene Woche in einem Supermarkt im Stadtteil Barmbek einen Menschen erstochen und weitere schwer verletzt hat. Der Täter sitzt jetzt in Untersuchungshaft, es wird also ermittelt, von den Behörden aber, klagt Reichelt, kämen „nur Ausreden“:

Stattdessen werden wir mit der Antwort abgespeist, dass der Täter vielleicht gar nicht von islamistischen Motiven getrieben, sondern einfach nicht gut drauf, „psychisch labil“ und verwirrt war.

So einfach ist das. Reichelt findet es völlig abwegig, dass eine psychische Erkrankung ursächlich sein könnte für die Tat oder möglicherweise ein Grund von mehreren ist. Er zieht es nicht in Erwägung, und wer es wagt, sucht bloß Ausflüchte. Dass der Täter psychisch erkrankte, vielleicht auf seiner Flucht, und dann anfällig wurde für radikale Gedanken – ausgeschlossen! Dass ohnehin jemand, der ein Verbrechen dieser Art begeht, gleich welcher Gesinnung, ein psychisches Problem haben könnte – für Reichelt offenbar abwegig.

Zumal: Haben die Behörden „uns“ eigentlich damit „abgespeist“, dass der Attentäter „gar nicht von islamistischen Motiven“ getrieben war, sondern „einfach nicht gut drauf“? Nein. „Bild“ selbst verlinkt an dieser Stelle in Reichelts Kommentar auf einen Text zur Pressekonferenz des Hamburger Innensenators am Samstag. Zum Motiv des Täters könne man „zum jetzigen Zeitpunkt“ nur sagen, so Andy Grote (SPD), dass es „einerseits eine Bezugnahme auf religiöse Beweggründe gibt“, also „islamistische Motive“, wie er nachsetzt, „andererseits aber auch Hinweise auf eine psychische Labilität“.

Einerseits, andererseits. Beides ist möglich, vielleicht im Zusammenspiel. Grote spricht von einer „Gemengelage“, bei der noch nicht klar sei, welches der Elemente „der vorherrschende Antrieb“ gewesen ist. Wie auch? Die Tat ist da ja erst einen Tag her. Und, nebenbei: Zwei Tage später hat die Bundesanwaltschaft den Fall übernommen, weil in ihren Augen ein „radikalislamistischer Hintergrund der Tat“ naheliege. Abspeisen? Ausreden? Vertuschen?

Es ist alles sehr komplex, aber Differenzierung ist out. Natürlich wäre es auch unsinnig, zu behaupten, eine Psychose oder ähnliches führe zwangsläufig zu so einer Tat. Nicht jeder, der krank ist, tötet Menschen. Gerade der Hamburger Fall aber ist vielschichtig, stellenweise rätselhaft, inklusive der behördlichen Pannen, die eine rechtzeitige Abschiebung des Täters offenbar verhinderten. Doch ist es nicht so, dass verschiedene Ursachen zusammen so ein Attentat bedingen? Wie nicht jeder, der Ballerspiele spielt, zum Amokläufer wird, sondern eine Reihe von Problemen dazu führt, oft auch psychische?

Reichelt spricht aber auch gar nicht von einer psychischen Erkrankung oder ähnlichem, sondern von „einfach nicht gut drauf“, was niemand gesagt hat. Reichelt polemisiert hier bewusst. Wie man eben so redet, wenn man die Empathie im Dienstwagen vergessen hat und psychische Ursachen bei Straftaten (oder generell) kleinreden möchte. Es ist ein gängiges Muster, dem Reichelt da leider folgt: Psychose, Depression, Panik – „einfach nicht gut drauf“!

Gestern hat „Bild“ dann auch das ersehnte Indiz gefunden: einen Wimpel des Islamischen Staates; er hing angeblich in einem Spind des Täters. Klare Sache:

Mit dem Fund des ISIS-Wimpels wird nun auch immer deutlicher, dass es sich bei dem Blutbad um einen Terroranschlag, nicht um die Tat eines psychisch Verwirrten handelt. Ahmad Alhaw (26) hatte sich im Polizeiverhör selber als „Terrorist“ bezeichnet.

Ein „zehn mal fünf Zentimeter“ kleines Wimpelchen als Beleg dafür, dass der Mann nicht „psychisch verwirrt“ ist, sondern ausschließlich Terrorist. Terroristen sind nämlich kerngesund. Und er hat ja auch gesagt, dass er „Terrorist“ sei. Terroristen sind ehrliche Menschen, Attentäter insgesamt. Und wenn man es positiv sehen will, schützt so ein IS-Wimpelchen folglich davor, psychisch zu erkranken. Mit der Nebenwirkung allerdings, dass man dann Terrorist ist.

Es ist schwierig, Reichelt auf solcherlei Zusammenhänge und mögliche Trugschlüsse hinzuweisen, weil er dann gleich die große Keule auspackt:

Wer anmerkt, dass „einfach nicht gut drauf“ nicht gleich „psychische Erkrankung“ ist, sondern solche relativiert, relativiert also Islamisten. Steile These – und klassisch für Reichelt. Der „Bild“-Oberchef fühlt sich ständig verfolgt und zu Unrecht kritisiert. Das „Bildblog“, zum Beispiel, schrieb einmal darüber, dass „Bild“ die Gesichter mutmaßlicher Terroristen unverpixelt zeigte. Ein Gericht hatte das Gegenteil angeordnet, aber „Bild“ setzte sich darüber hinweg. Kritik daran quittierte Reichelt auf seine Art: Er warf „Bildblog“ flugs „Mitgefühl für Mörderbanden“ vor, „die Journalisten den Kopf abschneiden“.

Die Gesellschaft, in der er sich befindet, dürfte ihm klar sein: Hämische Kommentare zur Möglichkeit, dass ein Attentäter (auch) eine psychische Krankheit haben könnte, finden sich zuhauf in rechten Blogs, Twitter-Accounts und ähnlichen Kanälen. Auch dort hält man solche Überlegungen für Ausreden oder Propaganda, mit der der Staat vom Problem mit Flüchtlingen ablenken wolle. Alles faule Ausreden halt.

Sicherlich ist es ein Problem, wenn Medien oder Politiker versuchen, nach einem Attentat, das einen islamistischen Hintergrund nahelegt, dies vornehmlich mit der Psyche des Attentäters zu entschuldigen. Wie gesagt: Es ist komplexer. Aber diese Art der einseitigen Betrachtung liegt in diesem Fall auf Behördenseite gar nicht vor. Vielmehr ist es Reichelt, der den Fall einseitig betrachtet. Für ihn und sein Blatt erklärt ein IS-Wimpel eben schon alles.

18 Kommentare

  1. Was ist eigentlich aus der „Wir helfen“ Kampagne geworden?
    Das war ja auch wohl ganz klar „Islamisten-Relativierung“.

  2. Im Falle des Münchner Attentäters muß ich das Gejammer des Reichelt über psychische Störungen als Tat-Beweggründe wohl verpasst haben.
    Scheint wohl ein schlimmerer Tod zu sein wenn man von einem Flüchtling im Supermarkt niedergestochen wird als von einem Rassisten im Einkaufzentrum niedergeballert zu werden. Aber was weiß ich schon, hab ja kein Leitmedium und keine Hipsterbrille.

  3. Wie ich gestern eben zu meinen Freunden noch meinte:

    Für Bild ist es ganz klar – Der Messerstecher bezeichnet sich selbst als Terrorist, also muss er zwangsläufig einer sein.

    Der Haken an der Argumentation ist relativ einfach aufgedeckt: Bild behauptet von sich selbst ja auch, eine Zeitung zu sein, hat aber den Journalistischen Wert von Klopapier. Benutztem Klopapier.

  4. @Peter Gutbrod:
    Wie oft haben Sie die „Bild“ in diesem Jahr gekauft und/oder gelesen?

  5. Werden bei diesen Gewalttätern eigentlich _nie_ BILD-Zeitungen gefunden, oder werden solche Entdeckungen von interessierten Kreisen systematisch verschwiegen?

  6. In der Süddeutschen steht ein interessanter Artikel darüber, wie Straftäter ihre Tat zu etwas Großem erhöhen, in dem sie schlicht das Wort „Allah“ rufen. Taten, bei denen dieses Wort nicht gerufen wird, finden zwar auch statt, werden aber überhaupt nicht wahrgenommen.

    http://www.sueddeutsche.de/politik/hamburger-messerstecher-mit-grossen-worten-in-den-tod-1.3609114

    Da hat jemand ein psychisches Problem, will vom Leben abtreten, aber dabei noch einmal groß herauskommen. Und das schafft mit dem schlichten Wort „Allah“. Zumindest Herr Reichelt wird ihn dann nicht mehr als psychisch krank wahrnehmen. Insofern ist die Formulierung von Boris Rosenkranz, daß der IS-Wimpel psychischen Erkrankungen schützt („mit der Nebenwirkung, daß man Terrorist ist“) genau ins Schwarze getroffen – genauso ist die Wahrnehmung.

    P.S.: Interessant fand ich auch die Assoziation, die die Überschrift hier bei „Übermedien“ bei mir auslöst: Die Überschrift endet auf das Wort „Psychologe“, und etwas tiefer kommt die rote Box mit dem Wort „Ausreden“. Ich habe tatsächlich erst daran gedacht, daß es verzweifelten Menschen gut täte, beim Psychologen ausreden zu können, sich auszusprechen. Nur ausreden, es könnte so einfach sein! Erst später ist mir aufgegangen, daß „Ausreden“ nicht als Verb, sondern als Substantiv gemeint ist.

  7. Ich bin ja kein Psychologe aber ich würde die Frage andersrum stellen: Kann jemand, der solche Taten begeht, überhaupt psychisch normal sein? Denkt irgendjemand ernsthaft, Anders Breivik wäre psychisch gesund?
    In meiner Welt schließt sich das gegenseitig aus. Aber vielleicht bin ich da einfach zu gutgläubig…

  8. @ichbinich: Ich habe vor einiger Zeit eine Reportage darüber gelesen, wie Gutachten zur Schuldfähigkeit erstellt werden. Dabei kam unter anderem zur Sprache, daß bei der psychischen Begutachtung des Täters die Tat selbst nicht berücksichtigt werden dürfe. Wenn er also vor der Tat niemals auffällig war, dann ist er psychisch gesund.

    Ich habe versucht, die Reportage wiederzufinden, bin aber nicht fündig geworden. Statt dessen habe ich aber ein Interview mit einem forensischen Psychiater gefunden, das auch interessante Einblicke in die Abgründe von Menschen bringt:

    http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/38067/

  9. @ 7 & 8: Ergänzend dazu kommt es meines Wissens vor Gericht auch stark darauf an, ob der Betreffende die Falschheit seines Handelns erkennen kann, er also schuldfähig ist. Zwar handeln diese Täter in ihrer eigenen Weltanschauung richtig, trotzdem sind sie sich ja bewusst, daß ihr Verhalten von dem Rechtsstaat nicht toleriert wird (und unternehmen diverse Umstände zur Verschleierung ihrer Tat vor der Tatausübung, was ein klares Indiz für Schuldfähigkeit ist).

    Soweit ich weiß wird diese Überlegung sehr stark mit einbezogen, um festzustellen, ob jemand „geistig gesund“ ist.

  10. @ichbinich: Bei Breivik ist ein ausgeprägtes Geltungsbedürfnis,das nicht krankhaft ist,verantwortlich. weil er immer wusste das es falsch ist und gegen das Gesetz Leute umzubringen!Was bei ordentlich Psychischkranken,die ihre Eltern oder andere Bedrohungen „ausschalten“ imVorlauf/ Moment der Tat nicht der Fall ist.
    Breivik macht sich Unkenntnis und Expertenstreit über Verantwortlichkeiten zunutze
    Er hat genau kalkuliert das die Monstrosität seiner Tat genau diese F rage aufwirft ob jemand,der zu sowas fähig ist geistig normal sei-und das ist der Knackpunkt,
    da dieser Gedankengang wiederum ein Merkmal seiner Geisteskrankheit sein könnte…
    Über nen Typ,der nur seine Eltern umbringt rauschts nicht lang genug im Blätterwald!
    Geltungsbedürfnis ist keine Krankheit,mangelnde Empathie auch nicht,schlafende Jugendliche umbringen als Polizist ist Berchnung!

  11. @8,9,10
    Danke für die Hinweise. Für mich schließt sich die Berechnung einer Tat (bzw. zu wissen dass man etwas falsches tut) und psychisch krank sein nicht gegenseitig aus. Nach der Lektüre des Interviews gebe ich aber zu, dass das nicht die gerichtsfeste Definition von „psychisch krank“ zu sein scheint.
    Ich habe zwar die Kriterien aus dem Interview auch nur bedingt verstanden (Berechnung oder „Lust“ an der Tat scheinen nicht die einzigen Hinweise zu sein), aber deswegen muss man das wahrscheinlich auch studieren. Ich vertraue den Psychiatern schon soweit, dass es da eindeutige, wissenschaftliche Kriterien gibt. Man muss ja auch nicht alles komplett verstehen :)

  12. @Ichbinich:Ein nein der wichtigste Grund für Irritation liegt darin das sich Alltagsempfindungen mit juristischer Betrachtung und psychiatrischer Einschätzung und der medialen Verarbeitung mischen,von den Egotrips von einzelnen Beteiligten ganz zuschweigen!
    Es gibt eine Unterscheidung zwischen dem Gesetzbuch und der Einschätzungs“matrix“ von Gutachter,die den menschlichen Geist und sein Verhalten begutachten,die nicht kompatibel ist aber immerwieder vermengt wird!
    Hat man dann noch einen Täter(Breivik),der weiss wie das System funktioniert…das die Öffentlichkeit etwas einfaches,verständliches will
    und auf dieser Klaviatur spielt…wird es mit einfachen Denkansätzen schwierig!

  13. @Martin Däniken, 14
    Das ist leider bei vielen Sachen der Fall. Leider führt das nicht dazu, dass sich nur Leute mit der entsprechenden Kenntnis äußern, sondern jeder denkt, dass nur seine Meinung der Weisheit letzter Schluss ist.

  14. 15@Martin Däniken:
    habe ich jetzt nicht begriffen, der Forist „Ichbinich“ aber schon. Woran scheitere ich?

  15. @14 „Woran scheitere ich?“
    An deinem sexistischen Blick auf Frauen im Fernsehen schon mal als erstes.

  16. Man muss das dem Herrn Reichelt nachsehen. Er verfügt nur über ein recht beschränktes Weltbild, das in einfache Kategorien eingeteilt ist. Kompliziert darf es nicht sein, sonst verliert er den Überblick. Ich fände es schon extrem fortschrittlich, wenn Julian Reichelt nicht über „Verantwortung“ schwadronieren würde – womit er stets die der Anderen meint. Aber eben nie seine eigene, für den Dreck und die Fehler, die in seinem Laden gemacht werden. Oh, schrieb ich eben „Fehler“? Mein Fehler, dass ich immer noch mal drauf reinfalle, wenn ich Niedertracht, Dummheit und Ignoranz als Fehler – handwerkliche Fehler – sehe. Es ist nur das übliche Geschäft, das man in den Schreibstuben dieses Gossenblattes ganz gezielt betreibt.

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