Nichts reimt sich auf Adorno

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Der Philosophieunterricht ist lange her, und was davon hängenblieb, ist Anekdotenwissen. Die leicht ordinäre Fahrschülerin der Klasse kommentierte längere Textabschnitte mit einem knappen: „Der spinnt doch, der Nietzsche“, und Arthur Schopenhauer trug die Haare so ähnlich wie Keith Flint von Prodigy. Sein Hauptwerk hieß allerdings nicht „Firestarter“, sondern „Die Welt als Wille und Vorstellung“. Der kategorische Kant kam bekanntlich aus Königsberg, und Wittgenstein sagte: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Wer das weiß und dazu noch Adornos „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ an den richtigen Stellen zitiert, kann mit diesem Halbwissen über Jahrzehnte eine gewisse Intellektualität vorspiegeln.

Der Name des Magazins „Hohe Luft“ indes meint vermutlich die Sphären, in denen das Gehirn durchaus etwas Sauerstoff vertragen könnte. Schließlich steht auf dem Titel auch „Philosophie-Zeitschrift“. Andererseits ist die Hamburger Hoheluftchaussee, wo die Redaktion des Heftes sitzt, trotz ihres klangvollen Namens der städtebauliche Eidotter im Professorenvollbart, der genau zwischen dem bürgerlichen Eimsbüttel und dem versnobten Eppendorf klebt und 500 Meter lang in Richtung Universität lappt. Das ist doch kein Zufall.

Eines vorab: Die Angst, „Hohe Luft“-Texte könne man lediglich mit Zettelkasten und Handapparat goutieren, ist zum Glück unbegründet. Es geht in der Februarausgabe um einfache, aber existenzielle Lebensfragen, um Mechanismen der Kommunikation, die Freiheit eines urbanen Daseins und tatsächlich auch um Philosophie. Der Schwerpunkt des Hefts ist der Frankfurter Schule gewidmet und das ist eine perfekte Gelegenheit, den oben erwähnten Adorno-Satz mit insgesamt acht Seiten mehr Substanz zu unterfüttern.

Die Texte haben allesamt einen angenehmen Lesefluss: Eingestreute philosophische Ideen und Denkmodelle werden anschaulich gemacht und mit Spielmaterial angereichert. Wenn es etwa um das Titelthema „Mehr Freude an der Wahl“ geht, wird die Kunst der richtigen Entscheidung zwar etwas bemüht mit Angela Merkels vermeintlichen Schwierigkeiten in dieser Disziplin eingeleitet, kommt aber dann doch zügig in ein ruhigeres Fahrwasser. Unterhaltsam entspinnen sich rund um den roten Faden Wechsel zwischen der Metaebene, historischen Betrachtungen des von Verstand und Gefühl zerrissenen Menschen und dem Auswahlwahnsinn, vor den uns die multioptionale Jetztzeit stellt.

„Hohe Luft“, beziehungsweise den drei Autoren des Textes, gelingt dabei eine Mischung, die es so am Kiosk noch nicht gab: Die im Verlauf der Geschichte erwähnten Philosophen dienen nicht dem qualitätssimulierenden Namedropping, sie stehen für die Eck- und Wendepunkte der gedanklichen Auseinandersetzung mit dem Thema. Man könnte anhand der genannten Werke weiter lesen, muss es aber nicht, sondern kann stattdessen auch die Ideen weiter denken, die vorgestellt werden. Konkrete vertiefende Leseempfehlungen werden dennoch mitgeliefert – in einem Textkasten am Rande der unbebilderten Lesestrecke.

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Die Zahl der benutzten Bilder ist insgesamt sehr niedrig. Sechs Seiten schwarze Buchstaben am Stück mit einem kargen zweispaltigen Layout, aufgelockert allein durch die Initialbuchstaben einzelner Absätze; daran muss man sich erst einmal wieder gewöhnen. Das Verblüffende ist jedoch, wie schnell man sich sogar freut, dass auf die üblichen Metaphern-Fototapeten rund um die Texte verzichtet wurde – es gibt jeweils ein Titelbild zum Einstieg und das muss gefälligst reichen.

Ein starker Grund, das nächste Heft, die Ausgabe 3/2016 ebenfalls zu kaufen, ist das „Tagebuch eines Geisteskranken“. Manfred Klimek ist schreibender Fotograf, Weinjournalist und Mitbesitzer des Weinguts Fattoria Kappa in der Toskana. Er beschreibt das Loch in seinem Wohnzimmer, „hinter dem das Weltall lag“, das Loch, in dem er in seinem Irrsein zeitweise verschwindet, dort ihren Hut zum Gruß ziehende Männer sieht und schließlich sogar temporäre Rückwege findet. Sein Tagebuch ist nicht die 1:1-Erzählung seiner psychischen Erkrankung, sondern ein Stück Mikro-Literatur, das auf nur einer Doppelseite Tempowechsel, Zeitsprünge und einen lässigen Erzähler bietet, der während seines Textes zwischendurch eine rauchen geht.

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Ganz ähnlich und ebenso gut funktioniert Rebekka Reinhardts Text zum Thema Pubertät, der seinen nüchternen Erzählduktus immer wieder durch poetische (man möchte das Wort zwanghaft in Anführungszeichen setzen, so beschissen abgenutzt ist es, aber was soll man machen? – hier stimmt es) Einsprengsel unterbricht. Diese Kunstfertigkeit ist selten, und dass sie neben dem Hanser-Sachbuch „Warum Erwachsen werden?“ auch noch Thomas Bernhards „Der Keller“ und „Die Ursache“ als Lektüre empfiehlt, gibt Bonuspunkte im hohen zweistelligen Bereich.

Gegen Ende des Heftes interviewt „Hohe Luft“ in Person von ebenfalls Rebekka Reinhardt und Chefredakteur Thomas Vašek die Kulturphilosophin Mirjam Schaub. Dass sie zum Interview einen „leuchtend roten Lippenstift trägt, wie um ihren geschliffenen, komplex ineinander verschachtelten Formulierungen ein kräftiges Ausrufezeichen zu verleihen und sie performativ zu bestätigen“, interessiert einen feuchten Kehricht, aber was sie über Pop sagt, ist lesens- und bedenkenswert. Ihre Betrachtung der Popkultur beginnt mit Jeremy Benthams „Auto-Ikone“ im späten 19. Jahrhundert – der gelehrte Mann ließ sich nach seinem Ableben ausgestopft in ein Rollschränkchen setzen und blieb damit Teil einer Geselligkeit unter Freunden, was dem – wie Mirjam Schaub es nennt – „Selbstgebrauch“ einer Popkünstlerin wie Lady Gaga durchaus nah ist.

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Hohe Luft
100 Seiten

Verlag: Hohe Luft Verlag UG
Ausgabe 2/2016

 

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3 Kommentare

  1. Jetzt gibt es ja neben „Hohe Luft“ noch das „Philosophie Magazin“. Interessanter und für mich nutzwertiger hätte ich einen Vergleich der beiden Magazine gefunden.

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