Fernsehproduktionen

Die stille Krise der freien TV-Autoren

Es ist kurz vor der finalen Abnahme durch den Sender, als TV-Autor Nico Schmolke im Schnittraum merkt: Da geht gar nichts mehr. Stechen in der Brust, Schwierigkeiten beim Luftholen. Schmolke muss dringend zum Arzt. Sein Job hat seinen Körper an die Belastungsgrenze gebracht.

Auf Instagram teilt er die Erfahrung: 

Screenshot der Instagram-Story von Nico Schmolke: "Mein neuer Film hat mich beruflich erstmals an körperliche Grenzen gebracht."
Screenshot: Instagram / Nico Schmolke

Seit vier Jahren produziert der 32-Jährige unter anderem Filme für die beste Sendezeit im ZDF, das junge Content-Netzwerk von ARD und ZDF „funk“ und die ARD-Mediathek. Noch nie ist er mehrere Tage am Stück ausgefallen, so wie jetzt. Es sei die Urangst aller Autor*innen, sagt Schmolke: „Dass ein Film nicht fertig wird, ist eigentlich undenkbar.“ Sobald es also geht, kehrt er in den Schnittraum zurück – und zieht am Tag vor der Filmabnahme noch einmal 16 Stunden durch.

Oft werden journalistische Formate wie Dokumentarfilme oder Investigativ-Serien binnen weniger Wochen produziert, um dann schnellstmöglich in den Mediatheken der privaten und öffentlich-rechtlichen Sender sowie im Fernsehen zu erscheinen. So landet im Akkord neues Futter auf den Screens – das freut Sender und Zuschauende. Was dabei unsichtbar bleibt: Die Produktionsbedingungen und der Druck, unter denen viele TV-Autor*innen arbeiten.

Während sie das Rückgrat der Fernsehindustrie bilden und mit ihrer Arbeit die Erfolge von Produktionsfirmen und Sendern sichern – stoßen die meist freiberuflichen TV-Autor*innen oft psychisch und körperlich an ihre Grenzen. Hinter den Kulissen herrschen Auftragsunsicherheit, massig unbezahlte Überstunden und extremer Deadlinedruck. Das betrifft auch oft Kameraleute und Cutter*innen, die die Autor*innen vom Dreh bis in den Schnittraum begleiten.

Missmanagement oder bitterer Normalfall?

Anders als im geschriebenen Journalismus oder in einem Beitrag fürs Radio stecken in Filmproduktionen meist wesentlich höhere Summen, mehr Menschen sind beteiligt und so ein Sendeplatz wird oft Monate im Voraus bestimmt. Die Hauptverantwortung für Recherche, Drehplanung und -umsetzung sowie den Schnitt liegt bei den Autor*innen.

Ein Totalausfall, wie Schmolke und viele anderen ihn fürchten, sei von Produktionsfirmen und Sendern oft nicht einkalkuliert, erzählt der Autor im Gespräch mit Übermedien: „Es gibt keine Diskussionen was passiert, wenn jemand ausfällt“, kritisiert Schmolke. Klares Missmanagement, könnte man meinen. Oder in der Fernsehbranche: der Normalfall.

Über straffe Zeitpläne, lange Dreh- und Schnitttage von mehr als zehn Stunden herrsche eine gewisse Abgeklärtheit unter den Kolleg*innen, sagt die Wissenschaftsjournalistin und TV-Autorin Lisbeth Schröder. Mitunter sei an den Bedingungen auch nicht mehr zu rütteln, sobald die Produktion einmal angelaufen ist. Auch Schröder erinnert sich an Nächte, in denen sie bis vier Uhr morgens im Schnitt saß. Seit mehreren Jahren mache sie inzwischen aber überwiegend „ausgeruhte“ Beiträge, etwa für den Bayerischen Rundfunk und Arte  –  rechercheintensive Themen, die dafür etwas weniger Zeitdruck mit sich bringen.

Der Prototyp TV-Autor*in

Wer mit mehrtätigen Schnittsessions, Nachtschichten schieben oder Drehtagen mit Überstunden rechnen muss, sollte für diese Zeit das eigene Privatleben an den Nagel hängen und die Zeit bis zur ersten Honorarzahlung finanziell überbrücken können. Das schließt automatisch Personen aus.

Wer nicht über ein Geldpolster verfügt, wer Kinder betreut oder Verwandte pflegt, kann kaum in dieser Branche arbeiten. Schmolke bemängelt, dass dadurch wichtige Impulse verloren gehen – dabei prägen TV-Autor*innen ganz entscheidend, welche Inhalte gezeigt und wie diese erzählt werden.  „Wie sollen denn da Menschen mit diversen Hintergründen ihre Perspektiven einbringen?“, fragt Schmolke. Die Produktionsprozesse sehen genau einen Prototyp von Filmschaffenden vor: den, der möglichst schnell ein High-Quality-Produkt abliefern kann – und dafür notfalls bereit ist, Schlaf, Gesundheit und Privatleben zu opfern.

Die Sender, Produktionsfirmen, aber auch Autor*innen selbst nehmen das in Kauf. Man muss sich schließlich erstmal beweisen, gerade als Neuling. Das erzählt auch eine Person, die hier nicht namentlich erscheinen will. Wir nennen sie Kim.

„Eine Dozentin sagte mir in der Ausbildung, ich müsse all-in gehen.“ Und das tat Kim: Mit über 10.000 Euro aus eigener Tasche lief ihre erste Eigenproduktion an, noch bevor sich ein Sender zu einem finalen „Ja“ durchringen konnte. „Ich habe mich auf die Produktionsabläufe überhaupt nicht gut vorbereitet gefühlt“, sagt Kim. Im Laufe der Produktion sei es ihr psychisch immer schlechter gegangen. Nach der Produktion, als Zeit und Geld es hergaben, habe sie sich Hilfe gesucht.

Druck durch Unsicherheit und hohe Verantwortung

Betrachtet man die TV-Branche als Kette, sind die Sender am stabilsten aufgestellt, gefolgt von den Produktionsfirmen, die die Aufträge durchführen und dafür Autor*innen, Kamera- und Tonmenschen sowie Cutter*innen engagieren.

Alle Personen, die in diesem Beitrag zu Wort kommen, betonen: TV-Autor*in zu sein bedeutet einen spannenden, aufregenden Job zu haben, bei dem man viel erlebt und mit Menschen und an Orte kommt, die nicht alltäglich sind. Nur sind sie trotz ihrer elementaren Rolle das schwächste Glied der Kette.

Zwar prägen TV-Autor*innen die Inhalte nachhaltig, haben gleichzeitig aber am wenigsten Mitspracherecht bei wichtigen Entscheidungen. Sie seien einer großen Unsicherheit ausgesetzt, was Finanzen und Abläufe angeht, kritisiert TV-Autorin Schröder: „Man schreibt unbezahlt ein Exposé und weiß nicht, ob das angenommen wird und ein Film entsteht.“ Nach dem Pitchen heiße es dann oft erstmal Warten. In dieser Zeit verdienen freie Autor*innen: nichts. Wer sich zwischenzeitlich aber mit anderen Aufträgen eindeckt, läuft Gefahr nicht verfügbar zu sein, wenn eine Produktion losgehen soll, bemängelt Kim. Und Lisbeth Schröder resümiert:

„Dazu kommt die Verantwortung bei den Drehs. Und die große Frage nach einem Großprojekt für das man alles pausiert hat: Was kommt als nächstes? All das kratzt an der Psyche.“

Ohne längere Erholungspausen zwischen den anspruchsvollen Produktionen, ist es schwer diesen Job langfristig durchzuziehen. Neue Autor*innen werden in der TV-Branche händeringend gesucht.

Bestellmentalität von oben

Pauschalhonorare, die TV-Autor*innen meist verdienen, wirken mit mehreren Tausend Euro für eine Produktion meist recht ordentlich. Bedenkt man die zeitliche und bei Eigenproduktionen auch finanzielle Vorkasse, die man bedienen muss, um einen Auftrag einzutüten plus die häufigen (meist unbezahlten) Überstunden in Dreh, Nachdreh und Schnitt – schmelzen Honorare jedoch schnell einmal dahin.

TV-Autor Nico Schmolke
TV-Autor Nico Schmolke Screenshot: Y-Kollektiv

Bezeichnend sei auch das, was neben der eigentlichen Autor*innentätigkeit noch von den Beauftragten (meist unentgeltlich) gefordert wird, sagt Nico Schmolke: „Es wird immer selbstverständlicher, dass Autor*innen neben ihrer Aufgabe der Planung, Koordinierung, Regie und Interviewführung bei einem Dreh dann auch noch Content für die spätere Bewerbung auf Social Media produzieren.“

Das fehlende Verständnis für die angespannte Lage der TV-Autor*innen zeige sich auch in einer wachsenden Bestellmentalität, so Schmolke: „Gefordert wird möglichst hohe Qualität und das möglichst sofort.“ Auftragsproduktionen im Akkord, so wie es in den Sendeplan passt – auf die Verfügbarkeiten von Autor*innen werde wenig Rücksicht genommen.

Die Sender auf Sparkurs

Der Sparkurs der Sender verschärft die Produktionsbedingungen weiter. Wenn Sender weniger Geld ausgeben, müssen auch die Produktionsfirmen zurückfahren.

Zu spüren bekommen das die TV-Autor*innen: „Dann gibt’s für den Dreh das Auto vom allergünstigsten Mietwagenverleiher oder für die Postproduktion eine winzige Schnittkammer“, sagt Kim. Und sehr günstige Mietwägen haben leider oft ihre Mängel, so Kim. Wie sollen sich Autor*innen auf gute Inhalte konzentrieren, wenn sie darum Bangen müssen, ob Drehteam samt Equipment rechtzeitig am Drehort ankommen oder der Schnitt in beengten Verhältnissen stattfinden muss?

Die Lage ist verzwickt – aufmüpfige oder zu fordernde Autor*innen riskieren Aufträge zu verlieren. Produktionsbedingungen lassen sich nur bedingt ändern, wenn vorhandene Mittel nicht transparent gemacht werden. Was also sind realistische Veränderungen, die sich Autor*innen für ihre Arbeit wünschen? Das sagen die drei Personen, mit denen Übermedien sprach:

Faire Honorare

Als Ausgleich zu den langen, intensiven Produktionstagen wünscht sich Nico Schmolke: „Einzelne Projekte müssen so vergütet sein, dass man sich die Auszeit danach auch leisten kann.“ Lisbeth Schröder ergänzt Gedanken zur besseren finanziellen Planbarkeit von TV-Produktionen: „Feste Vereinbarungen über eine bestimmte Anzahl Projekte im Jahr würden schon viel Druck rausnehmen.“ Kim wünscht sich ein Verständnis dafür, dass Autor*innen nicht rund um die Uhr verfügbar sein können, wenn sie ihr Leben auch über andere Aufträge bestreiten müssen bis das nächste Großprojekt beginnt.

Psychische Unterstützung

Dass Projekte wegen des anspruchsvollen Themas oder wegen der knappen Produktionszeit zehrend sein können, lässt sich wohl nicht immer ändern. Doch die Unterstützung von Autor*innen sollte von vornherein einkalkuliert sein, fordern sowohl Kim als auch Nico Schmolke. Eine Möglichkeit seien hausinterne Psycholog*innen und Coaches, die bei Bedarf zur Stelle sind.

Arbeitsverdichtung stoppen

„Schickt eine Begleitung mit auf Drehs, wenn ihr Social-Media-Content möchtet“, fordert Nico Schmolke. Neben dem Produktionsprozess auch noch Material für Soziale Netzwerke zu produzieren, sollte nicht die Aufgabe von TV-Autor*innen sein.

Klare Absprachen

Ein Punkt, in dem die Aussagen von allen drei übereinstimmen: Produktionsfirmen und Sender müssen offen für Kritik und das Aushandeln der Produktionsbedingungen sein. Was brauchen Autor*innen um ihre Arbeit möglichst gut zu machen? Wo liegen die Risiken einer Produktion? Darüber muss dringend mehr gesprochen und entsprechend gehandelt werden. Damit TV-Autor*innen entlastet werden und ein Ausfall kein Supergau mehr sein muss.

3 Kommentare

  1. Sehr informativer Artikel, danke!

    Frage: Gibt es denn für Filmautoren und die anderen genannten Berufsgruppen eine Interessensvertretung? Die geschilderten Missstände scheinen mir alles klassische Aufgaben für einen Berufsverband zu sein.

  2. Volle Zustimmung, und zwar aus eigener Erfahrung. Umso verheerender, dass es in Deutschland keine Interessensvertretung für AutorInnen wie in den USA gibt, wo wenigstens Gewerkschaften Streiks organisieren können und Autoren trotzdem Hungerlöhne bekommen. Hierzulande werden selbst bei enorm erfolgreichen und „woken“ Satireshows Autoren „zum Ausprobieren“ auf die Hälfte der ohnehin längst nicht mehr üppigen Honorare gedrückt, mit Nachwuchsförderung (gar Ausbildung) hat sich noch nie jemand die Hände schmutzig gemacht, und die generelle Respektlosigkeit denen gegenüber, die all die schönen Inhalte überhaupt erst liefern, macht fassungslos.

  3. Als langjähriger, erfahrener Autor kann ich dem Artikel nur zustimmen – und eigentlich schildert er die Verhältnisse nicht mal deutlich genug. Der Druck, den die Sender auf die Produktionsfirmen ausüben, wird nahtlos an die AutorInnen durchgereicht. Das betrifft sowohl die real sinkenden Honorare als auch den oft immensen Zeitdruck und redaktionelle Vorstellungen, die oft nicht im Einklang mit den dafür zu Verfügung stehenden Budgets stehen. Die bestellenden RedakteurInnen wollen „Netflix-Look“ und „BBC-Style“, aber die Produktionsabteilungen der Sender haben finanziell oft Regional-TV-Vorstellungen (Achtung: Polemik). Da wird schnell die eigentlich nötige Anzahl an Dreh- und Schnitttagen gekürzt, am Equipment gespart und die Teams übernachten in Hotels, in die keine festangestellte Sender-Redakteurin ihren Fuß setzen würde. Meist erhalten freie AutorInnen Überstunden im Gegensatz zum Kamerateam nicht bezahlt (Standart-Stundenzahl pro Drehtag ist in der Branche übrigens zehn) , Zuschuss für Sonn-, Feiertag- oder Nachtarbeit ist die Ausnahme, die man sich jedes Mal wieder neu erkämpfen muss, als würde man Ungebührliches verlangen. Besonders problematisch ist die Bezahlung in Pauschalen, da hier die zeitlich schlecht kalkulierbare Recherchearbeit und Drehplanung kaum realistisch erfasst wird. Bereits für 30-, 45- oder 60-Minüter kann man monatelang recherchieren, Protas und Interviewpartner suchen, Locations organisieren, die Drehs planen usw. – die Sender zahlen das aber so nicht, obwohl die Ansprüche an Inhalte, Interviewpartner und Protagonisten ständig steigen und für journalistische Reportagen und Dokus heutzutage ganz selbstverständlich Casting-Videos verlangt werden, um ganz sicherzugehen, dass die Protas auch den redaktionellen Vorstellungen entsprechen (auch bei den Öffentlich-Rechtlichen). Jede Verzögerung, jeder Recherche- oder Orga-Rückschlag (Menschen und ihre Reaktionszeiten und Zuverlässigkeiten sind halt schlecht planbar) senkt für die AutorInnen bei Pauschalen also sofort das Honorar. Totschlagargument bei Honorar-Verhandlungen sind oft die Vereinbarungen zwischen Produzentenallianz und Sendern, die ganz konkrete Pauschalen für AutorInnen festlegen je nach Format (beim ZDF öffentlich einsehbar). „Da sind uns die Hände gebunden, das wurde so verhandelt“, heißt es dann gerne. Aber wer beispielsweise für ein 30-Minuten Format beim ZDF 12.000 Euro erhält, dafür 25 Tage dreht und im Schnitt sitzt, davor recherchiert, Exposé und Treatment schreibt, Interviewpartner und Protagonisten „eintütet“, die Drehs plant, der ist schnell mal 40 Tage Vollzeit beschäftigt. Do the math. Das sind keine attraktiven Gehälter für oft sehr hochqualifizierte Menschen. Kein Wunder, dass so viele talentierte KollegInnen der Branche den Rücken kehren. Dass in dieser Arbeitswelt kaum Platz ist für Kinderbetreuung oder langfristige planbare Freizeit, Urlaube etc., kommt hinzu. Die Besteller verlangen stetige Verfügbarkeit.
    Gerade angesichts der verantwortungsvollen Rolle von TV-AutorInnen in unserer Gesellschaft, gerade in Zeiten von Fake-News, Populismus und zunehmendem Misstrauen in die Medien muss man sich doch wirklich fragen, was solche Arbeitsbedingungen und die oft mangelnde Wertschätzung durch die Auftraggeber anrichten.

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