Nahost-Konflikt

Wie sich der Kommentar des SZ-Korrespondenten zu Israel plötzlich veränderte

Vergangenen Samstag, am Nachmittag, veröffentlichte die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) online einen Kommentar ihres Israel-Korrespondenten. Am frühen Morgen hatten die Terroristen der Hamas ihren brutalen Angriff auf Israel gestartet: Sie feuerten Raketen ab, begannen, Menschen kaltblütig zu ermorden. Und nur wenige Stunden später prophezeite also Peter Münch, wie das, was gerade erst anfing, ausgehen werde – und er schrieb auch, was in seinen Augen die Ursache für die Eskalation sei.

„Die Kämpfe haben gerade erst begonnen, doch das Ergebnis dieses jüngsten Gaza-Kriegs steht jetzt schon fest“, begann Münch seinen Text. Es werde „ein schlimmes Blutvergießen“ geben, Leid „auf beiden Seiten“ und eine gewaltige Zerstörung. „Der Krieg wird nur Verlierer hervorbringen – und all das weiß man, weil es immer so war in den zurückliegenden vier großen Waffengängen seit 2008“, schrieb Münch – um dann auszuholen.

Ein (inzwischen gelöschter) Tweet der "Süddeutschen Zeitung": "Die Hamas hat mit ihrem überraschenden Angriff Israel kalt erwischt. Doch die Netanjahu-Regierung wird auch das für sich auszunutzen wissen. Den Preis dafür zahlen andere."
Screenshot: twitter.com/sz

Kaum war der Kommentar veröffentlicht, wurden der Autor und die SZ von verschiedenen Seiten scharf kritisiert, auch für den Zeitpunkt.

„Ich hatte gedacht, dass es etwa 1 Woche dauern würde, bis es heißen würde: sowas kommt von sowas“, schrieb etwa „Focus“-Kolumnist Jan Fleischhauer: „Die SZ schafft es noch am Tag, als tote israelische Soldatinnen durch die Straßen gezerrt werden, Israel zum Hauptverantwortlichen zu erklären.“

Der Journalist Michael Thaidigsmann kommentierte in der „Jüdischen Allgemeinen“:

„Dass eine der renommiertesten deutschen Tageszeitungen just an dem Tag, an dem Israel und seine Bevölkerung den brutalsten Angriffen ausgesetzt waren, nichts Perfideres anzubieten hatte als billige Polemik, ist ein Armutszeugnis.“

Man könne Netanjahu und seine Regierung ablehnen, kritisieren. „Sie aber an einem dunklen Tag wie diesem als Verursacherin des Terrors anzuprangern“, sei „schlicht schäbig.“

Schon die Unterzeile des Textes erzürnte einige. Die SZ verwendete sie in ähnlicher Form auch für ihren (später gelöschten) Post auf Twitter, wo sie schrieb:

„Die Hamas hat mit ihrem überraschenden Angriff Israel kalt erwischt. Doch die Netanjahu-Regierung wird auch das für sich auszunutzen wissen. Den Preis dafür zahlen andere.“

Die Formulierungen im Tweet („kalt erwischt“ und dass die Netanjahu-Regierung „auch das für sich auszunutzen wissen“ werde), seien „an Niedertracht schwer zu toppen“, urteilte der Grünen-Politiker und Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Volker Beck.

„Gewiss ein Schock“

Münch gab in seinem Kommentar Israel, für das der Angriff „gewiss ein Schock“ sei, mindestens eine Mitschuld an dem, was dort nun passiert.

Der „Überraschungsangriff“ sei „brutal, infam und durch nichts zu rechtfertigen“, schrieb er zwar. Und dass „allein die Hamas die Schuld am Ausbruch dieses Kriegs“ trage. Und dass „Israels Recht auf Selbstverteidigung in einer solchen Situation“ außer Frage stehe. Aber er relativierte es gleich wieder.

Münch schrieb:

„Dennoch kann auch diese Eskalation nicht ohne Vorgeschichte betrachtet werden – und dazu gehört eine Politik der rechts-religiösen israelischen Regierung, die den Palästinensern auch noch den letzten Rest an Hoffnung auf einen eigenen Staat nimmt. Diese Regierung propagiert die Annexion besetzter Gebiete im Westjordanland. Sie plant und baut neue Siedlungen in atemberaubenden Ausmaß. Und sie lässt die Armee als Antwort auf palästinensischen Terror seit Monaten im Westjordanland mit aller Härte vorgehen. Die Hamas nutzt all das dazu, sich dem palästinensischen Volk nun wieder als einzige wirkungsvolle Kraft des Widerstands zu präsentieren.“

Dazu, wie Israel die aktuelle Situation (oder wie es im Tweet hieß: „auch das“) für sich nutzen werde, schrieb Münch:

„Die Regierung von Premierminister Benjamin Netanjahu samt all der Scharfmacher im Kabinett wird sich gewiss nicht die Blöße geben, am Ende als zu nachsichtig zu erscheinen. Zudem wird sie den Krieg dazu nutzen, einen Burgfrieden im Innern herzustellen.“

Die Lage sei so „festgefahren in Nahost“, erklärte der Israel-Korrespondent, „dass sich die Entwicklung nicht nach politischen Notwendigkeiten, sondern nach physikalischen Gesetzmäßigkeiten zu richten scheint: Ständiger starker Druck verlangt nach periodischer Entladung“. Und nun habe die Hamas „für eine unerwartete Entladung gesorgt mit einem Überraschungsangriff auf Israel“. Offenbar, in dieser Logik, um den ständigen vorherigen Druck zu kompensieren. Das eine folgt aus dem anderen.

Wundersamer Wandel

Wer heute auf den Link zu Münchs Kommentar (hinter der Paywall) klickt, wird sich allerdings wundern. Denn von dem ursprünglichen Artikel ist nicht viel übrig. Offenbar wurde er noch am Samstagabend umgearbeitet, wenige Stunden nach der Veröffentlichung. Die Überschrift ist nun anders, der Vorspann, auch weite Teile des Textes. Was fehlt: Irgendein Hinweis, der transparent macht, was verändert wurde – und weshalb.

Von einer „unerwarteten Entladung“ ist dort nun nichts mehr zu lesen, auch nicht von „Scharfmachern“ im israelischen Kabinett, und der „Überraschungsangriff“ der Hamas ist für Israel nicht mehr nur „gewiss ein Schock“, sondern einfach, ohne unnötige Aufweichvokabel: ein Schock.

Auch die ganze Passage zur „Vorgeschichte“, ohne die diese Eskalation nicht betrachtet werden könne, fehlt nun. Stattdessen stellt der Kommentar die Dimension des Terrors heraus und wie viele Tote und Verletzte Israel bereits am ersten Tag zu beklagen habe. Gleich dreimal ist von „Brutalität“ die Rede, einmal von „beispielloser Brutalität“.

„Dieser Angriff auf Israel aus dem Gazastreifen ist von unvergleichlicher Wucht und Brutalität. Zum Krieg mit Raketen kommt der blanke Terror durch den Überfall von Hamas-Kämpfern auf Gemeinden im Grenzgebiet – mit purer Mordlust, mit Geiselnahmen, und all dies auch noch mit perfidem Stolz präsentiert über Videos in den sozialen Netzwerken.“

Las es sich zuvor so, als sehe Münch insbesondere Israel in der Verantwortung, klingt es nun ausgeglichener:

„Es rächt sich, dass die Zeit zwischen den Kriegen, von beiden Seiten, nicht für die Suche nach langfristigen Lösungen genutzt worden ist. Stattdessen verhärten sich die Positionen der Konfliktparteien in ihren jeweiligen Wagenburgen, und die internationale Diplomatie hat angesichts dieser destruktiven Dynamik lange schon kapituliert. Es fehlt ein politischer Horizont, der Hoffnung gibt auf eine friedliche Lösung des Konflikts – die den Israelis Aussicht gibt auf ein Leben in Sicherheit und Frieden, den Palästinensern die Chance auf einen eigenen Staat.“

Keine Antworten von der SZ

Aber wie kann das eigentlich sein? Hat der Autor seine Meinung plötzlich geändert? Oder sie, nun ja, angepasst, weil es an der ersten Version Kritik gab? Die Redaktion hatte ja offenbar kein Problem in dem Text gesehen, immerhin hat sie ihn zunächst veröffentlicht. Aber wieso wurde er dann, ohne Hinweis, nachträglich noch mal umgearbeitet – und von wem?

Der Kommentar erschien auch im Schweizer „Tagesanzeiger“, mit dem die SZ kooperiert. Dort steht am Ende des Textes nun: „Änderung vom 7.10.2023, 19:15 Uhr: Der Kommentar wurde durch eine aktualisierte Version ersetzt.“ Was genau anders ist an dieser Version im Vergleich zur ursprünglichen (Archiv-Link), steht auch im „Tagesanzeiger“ nicht. Der neue Kommentar deckt sich großenteils mit der korrigierten Version in der SZ, aber nicht ganz. Die „Scharfmacher“ etwa sind im „Tagesanzeiger“ weiter zu finden.

Wir haben die Südwestdeutsche Medienholding, zu der die „Süddeutsche Zeitung“ gehört, am Donnerstag angefragt und um Antwort im Laufe des Nachmittags gebeten. Sieben Stunden später antwortete der SWMH-Sprecher: „Leider sehen wir uns aus zeitlichen Gründen nicht in der Lage, Ihre Fragen zu beantworten. Ich bitte um Ihr Verständnis.“ Auf die Nachfrage, ob er denn bis Freitag Mittag antworten könnte, reagierte er nicht mehr. Auch Peter Münch, der Israel-Korrespondent, meldete sich nicht.

12 Kommentare

  1. Der SZ knallen seit jeher die Sicherungen durch, wenn es um Israel geht. Ich weiß wirklich nicht, wie das zu erklären ist, beobachte es aber schon seit fast zwanzig Jahren (früher sogar als Abonnent). Dass man dort zumindest im Nachhinein sich (intransparent) um etwas Ausgeglichenheit bemüht, ist ja schon ein Fortschritt.

    Die Haltung der SZ im sogenannten Nahostkonflikt lässt sich schön mit einer rund 15 Jahre alten, unfreiwillig vielsagenden Headline auf den Punkt bringen: „Israel droht mit Selbstverteidigung“

    (Die Headline allerdings unterlief damals dem Focus, hätte aber perfekt zur SZ gepasst ;))

  2. @Chateaudur (#1):

    „Israel droht mit Selbstverteidigung“

    Das trifft es in der Tat ziemlich gut. „Trotz scharfer Kritik – Israel beharrt auf Existenz“ würde auch passen. Man denke nur an das berüchtigte Grass-Gedicht, in dem er Israel unterstellte, es wolle „das iranische Volk auslöschen“ – gegen alle Logik begleitet von der Behauptung, er werde zum Schweigen genötigt, denn die Wahrheit sei von Strafe bedroht. Die SZ druckte es in fettesten Lettern auf die Titelseite. Man meint, ein Muster zu erkennen.

  3. @Chateaudur (#1), Nachtrag:

    Dass man dort zumindest im Nachhinein sich (intransparent) um etwas Ausgeglichenheit bemüht, ist ja schon ein Fortschritt.

    Na ja, schon nach dem erwähnten Grass-Gedicht gab es eine nachholende Debatte inkl. selbstkritischem Interview mit Micha Brumlik. Und nach einem grenzwertigen rand gegen den (jüdischen) Pianisten Igor Levit kam sogar eine halbgare Entschuldigung.

    Auch hier ein Muster: Erst Aufmerksamkeit durch Empörung schaffen, dann zurückrudern. Einer großen Traditions-Zeitung wie der SZ eigentlich unwürdig; ob mit Absicht oder nicht.

  4. Der Kommentar war schon armselig, die intransparente Art seiner Änderung ist es noch mehr.

    Man könnte der ursprünglichen Version vielleicht zugute halten, dass zu dem Zeitpunkt das Ausmaß dieses barbarischen Überfalls noch nicht klar war. So hätte die SZ bei einer transparenten Änderung auch argumentieren können. Aber erstens ist das ein Grund, warum man sich mit solchen Schnellschusskommentaren eher zurückhalten sollte. Und zweitens begreift Münch auch in der abgewandelten Version etwas Grundlegendes nicht: Nicht der – durchaus zu verurteilende – Siedlungsbau im Westjordanland hat einen palästinensischen Staat unmöglich gemacht, sondern der fortgesetzte palästinensische Terror. Die Autonomiegebiete und der Gazastreifen hätten durchaus der Anfang eines eigenen Staates sein können, wenn sie nicht als Terrorbasis genutzt worden wären. Und spätestens mit dem 07.10. ist der Traum vom palästinensischen Staat vorbei, denn auch der gutwilligste Israeli wird nicht riskieren können, dass auch noch das Westjordanland wie der Gazastreifen zur Terrorbasis wird, nur mit kurzer Distanz zu allen Teilen Israels. Hamas ist das egal, denn die sind weniger am Palästinenserstaat als vielmehr an der Vernichtung Israels interessiert.

    Ja, „auch diese Eskalation [kann] nicht ohne Vorgeschichte betrachtet werden“ (auch wenn mir „Eskalation“ hier nicht das richtige Wort zu sein scheint). Nur lassen Münch und Konsorten meist entscheidende Teile dieser Vorgeschichte weg.

    Ausgerechnet Michael Wolffsohn, dessen Texte ich meistens nicht ohne Anflüge von Übelkeit lesen kann, hat ausgerechnet in dieser Situation einen bemerkenswert guten und sachlichen Artikel zur Vorgeschichte des Konflikts publiziert: https://www.nzz.ch/feuilleton/nicht-israel-ist-fuer-die-lage-im-gazastreifen-verantwortlich-sondern-die-hamas-ld.1760054

  5. @Earendil

    Ich glaube, Sie treffen den Nagel auf den Kopf, was die Sache mit diesem SZ-Kommentar betrifft! Ein Schnellschuss, zusammengeschrieben nach eingeübten SZ-Mustern: „beide Seiten“, „Eskalation“, „Gewaltspirale“, „wachsende Verzweiflung der Palästinenser ob Besatzung/Siedlung/Al Aqsa“ etcpp.

    Und dann gemerkt: Hoppla, der Terror war diesmal doch über das „übliche“ Maß hinaus.

    @Kritischer Kritiker: Haben Sie eine Idee, warum es bei der SZ regelmäßig aussetzt, wenn es um Israel geht? (Vielleicht sogar bei Juden generell? Ich denke an die Karikaturen zu Zuckerberg & Co). Ich verstehe es wirklich nicht, weil doch bei anderen Themen die SZ sonst zu den aufgeklärten, abwägenden Stimmen gehört. Es ist mir ernsthaft unbegreiflich.

  6. @Earendil

    Herzlichen Dank übrigens für den Link zu dem wirklich hervorragend sachlichen Artikel!

    Jetzt wird es off topic: Besonders berührt hat mich an dem Artikel der Verweis auf die „verlorenen“ Ostgebiete Deutschlands. Denn exakt diesen Vergleich ziehe ich insgeheim auch immer, wenn es um die Ansprüche von Palästinensergruppen auf das Staatsgebiet Israels geht. Drei meiner vier Großeltern waren Flüchtlinge/Vertriebene und ich kenne ihren Schmerz, die Bitternis und ihren Verlust. Jedoch haben beide deutschen Staaten nach 45 in einem realistischen Prozess auf den Anspruch verzichtet. Und genau das führte dazu, dass wir heute in Frieden mit unseren Nachbarn leben dürfen.

    Exakt dies ist im Nahen Osten nach all den verlorenen Vernichtungskriegen gegen Israel nie passiert. Und exakt das ist Problem bis heute, finde ich.

    (Ich weiß, dass der Vergleich hinkt, insbesondere auch wegen anderer Staaten, die die Palästinenser in ihren Ansprüchen unterstützen, anders als bei den beiden Nachkriegsdeutschlands. Aber ein, ich sag mal, palästinensischer Willy Brandt, wäre so heilsam.) Genug off topic, aber das hat mich grad bewegt.

  7. Kritisiert Boris Rosenkranz nun eigentlich die Änderungen an Peter Münchs Kommentar? Oder kritisiert Rosenkranz die ursprüngliche Version?
    Leider wird beides nicht deutlich in seinem Text. Von Über Medien erwarte ich auch eine Analyse der Kritik an Münch. Und ich erwarte eine Einordnung des Kommentars von Münch im Bezug auch auf andere sehr bedeutende Kommentare wie den von Thomas L. Friedmann in der NewYork-Times: https://www.nytimes.com/2023/10/10/opinion/israel-hamas-.html?smid=nytcore-ios-share&referringSource=articleShare
    Israel Has Never Needed to Be Smarter Than in This Moment :“ I have covered this conflict for almost 50 years, and I’ve seen Israelis and Palestinians do a lot of awful things to one another: Palestinian suicide bombers blowing up Israeli discos and buses; Israeli fighter jets hitting neighborhoods in Gaza that house Hamas fighters but also causing massive civilian casualties. But I’ve not seen something like what happened last weekend: individual Hamas fighters rounding up Israeli men, women and children, looking them in the eyes, gunning them down and, in one case, parading a naked woman around Gaza to shouts of “Allahu akbar.”

    The last time I witnessed that level of face-to-face barbarism was the massacre of Palestinian men, women and children by Christian militiamen in the Sabra and Shatila refugee camps in Beirut in 1982, where the first victim I encountered was an older man with a white beard and a bullet hole in his temple.

    While I have no illusions about Hamas’s long-established commitment to the destruction of the Jewish state, I am nonetheless asking myself today: Where did this ISIS-like impulse for mass murder as the primary goal come from? Not the seizing of territory, but plain murder? There is something new here that is important to understand.(…) As far as diplomacy goes, that has been Netanyahu’s life’s mission: to prove to everyone that Israel can have its cake — acceptance by all the surrounding Arab states — and eat the Palestinians’ territory, too.

    I have no idea whether the Hamas leadership saw that particular picture, but they have been fully aware of the ongoing evolution it reflects. I believe one reason Hamas not only launched this assault now — but also seemingly ordered it to be as murderous as possible — was to trigger an Israeli overreaction, like an invasion of the Gaza Strip, that would lead to massive Palestinian civilian casualties and in that way force Saudi Arabia to back away from the U.S.-brokered deal now in discussion to promote normalization between Riyadh and the Jewish state. As well as to force the United Arab Emirates, Bahrain and Morocco, which were part of the Abraham Accords produced by the Trump administration, to take a step back from Israel.“ Das sind nur zwei Ausschnitte aus Friedmanns Beitrag. Alle, die nun Münch kritisieren oder über das furchtbare Geschehen berichten oder es kommentieren, sollten Friedmanns Analyse kennen.

  8. @ Chateaudur Der Vergleich hinkt vor allem deswegen, weil Polen sich nicht seit Jahrzehnten Stück für Stück deutschen Territoriums wegschnappt und auch keine Regierungsvertreter hat, die verkünden, dass Polen einen historischen Anspruch auf das Territorium Deutschlands hat.

    Der SZ-Kommentar war taktlos und kam zur Unzeit, ist aber sachlich völlig korrekt und auf einer Linie mit vielen liberalen Stimmen aus Israel. Der israelische Historiker Tom Segev sagte 2009: „Es interessiert niemanden mehr, was in den besetzten Gebieten passiert. Wir verdrängen es. Und das, obwohl eigentlich alle wissen, dass die fortdauernde Besatzung am Ende eine selbstmörderische, zukunftszerstörende Politik ist.“

  9. @Chateaudur:

    Haben Sie eine Idee, warum es bei der SZ regelmäßig aussetzt, wenn es um Israel geht?

    Nein. Es ist zwar eine verbreitete Tendenz in deutschen Medien, in finstere Klischees abzudriften, sobald es um Israel geht. Warum in dieser Hinsicht aber gerade die SZ so heraussticht, ist mir ein Rätsel.

    Besonders berührt hat mich an dem Artikel der Verweis auf die „verlorenen“ Ostgebiete Deutschlands. Denn exakt diesen Vergleich ziehe ich insgeheim auch immer, wenn es um die Ansprüche von Palästinensergruppen auf das Staatsgebiet Israels geht.

    Schwierig, denn die Deutschen hatten gerade ein Menschheitsverbrechen auf ihrem Gewissen. Die Palästinenser nicht. Treffender finde ich den Vergleich mit Indien und Pakistan – dort wurden zur selben Zeit sehr viel mehr Menschen vertrieben bzw. umgesiedelt, und heute würde diese Leute und ihre Nachkommen niemand mehr als Flüchtlinge betrachten.

    Für Palästina soll hingegen eine Art Ewigkeits-Status gelten, der sogar die Urenkel von Vertriebenen noch zu „Flüchtlingen“ macht, die ein „Rückkehrrecht“ hätten. Das ist völlig absurd: 1948 gab es kein „palästinensisches Volk“ als abgegrenztes Kollektiv, sondern nur Araber, die im Mandatsgebiet Palästina lebten. Die arabischen Staaten hätten diese Leute nach ihrem verlorenen Angriffskrieg ohne Probleme eingliedern können (so wie Israel die damals aus arabischen Staaten vertriebenen Juden eingliederte).

    Aber sie wollten es nicht, sie pferchten sie in Flüchtlingslagern zusammen, um sie zur moralischen Waffe gegen Israel zu machen. Erst dadurch konnte die verfahrene Situation von heute überhaupt entstehen.

    @Tanja Faust (#8):

    Ich bin wahrlich kein Freund der aktuellen Regierung in Israel, und Siedlungsbau, Nationalismus und Orthodoxie halte ich für schwere Probleme.

    Was Sie aber ausblenden, ist die Entstehung des Konflikts. Sie betrachten Palästina als eine von Israel willkürlich geplünderte, eigenständige Nation – und das ist es nie gewesen. Es war ein von Muslimen, Christen und Juden bewohnter Landstrich im osmanischen Reich, der erst durch seine Fassung als Mandatsgebiet „Cis-Jordanien“ nach dem 1. Weltkrieg überhaupt eine eigene Verwaltungseinheit wurde (seit es 2000 Jahre zuvor römische Provinz gewesen war, woher der Name stammt).

    Wie schön wäre es gewesen, wenn man 1948 das (damals noch siedlungsfreie) Westjordanland Jordanien und den Gaza-Streifen Ägypten zugeschlagen hätte – ohne die Bewohner dort auf dieses Territorium zu beschränken? Den Nahost-Konflikt hätte es in seiner heutigen Form nie gegeben. Aber die arabischen Staaten wollten das nicht, denn sie wollten von Anfang an Israel vernichten.

    Einen wichtigen Grund dafür erklärt hier in der Jungle World Matthias Küntzel: https://jungle.world/artikel/2023/34/nazi-propaganda-gegen-israel-nachbeben

  10. Ich finde es wichtig, dass diese Änderungen im Artikel hier dokumentiert werden. Denn einige Tage nach dem Angriff ist evident, dass der ursprüngliche Artikel inhaltlich weitgehend korrekt war. Die Netanjahu-Regierung wusste es tatsächlich für sich auszunutzen um einen „inneren Burgfrieden“ zu schaffen (Appelle an die „nationale Einheit“, wer nicht für Netanjahu ist, ist ein Verräter). Den Preis zahlen tatsächlich andere (nämlich die Bevölkerung des Gaza-Streifens).

    Im Prinzip waren das alles Binsenweisheiten. Nach so ziemlich jedem Terroranschlag in jedem Winkel der Welt versucht die jeweilige Regierung (sei sie zuvor auch noch so umstritten gewesen), eine „nationale Einheit“ beschwören. Siehe z.B. 9/11 und „Patriot Act“. Dass man solche Binsenweisheiten nicht schreiben darf, wenn es um Israel geht, sagt sehr viel über die heutige Medienlandschaft aus.

  11. Der eigentliche Vergleich wäre, dass Niederschlesien und Wollin mit Ost-Usedom immer noch und ausschließlich von Deutschen besiedelt würden, diese aber einen eigenen Staat beanspruchten und von der BRD nicht als eigene Staatsangehörige anerkannt würden.
    Auch gäbe es keinerlei Bemühungen, die fraglichen Gebiete Deutschland zuzuschlagen, stattdessen wird bei Demonstrationen der Hoffnung Ausdruck verliehen, die Polen ins Meer zu werfen.
    Und Wollin hätte nicht genug Kapazitäten, die eigene Bevölkerung mit Trinkwasser und Nahrung zu versorgen, sondern wäre auf Importe angewiesen, und wird von einer politischen Partei regiert, die aktiv Raketenanschläge auf zivile Ziele in Polen unterstützt, ihre eigenen Hauptquartiere aber in den Bürogebäuden ausländischer Journalisten oder auch in Krankenhäuser einrichtet, um entweder polnischen Beschuss propagandistisch auszunutzen oder aber nicht beschossen zu werden – geniale Win-Win-Situation.

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