Die Pervertierung des biologischen Wachstumsbegriffs

„Die Wirtschaft muss sich in ihrer Struktur und ihrem Ethos von Grund aus wandeln, wenn die Expansion an der Enge der endgültig verteilten Erde ein Ende gefunden hat.“ Alles andere wäre „gedankenloser Optimismus, es werde mit der Expansion in grenzenlosem Fortschritt schon weitergehen“, und das führe zu einer „Arbeitsbeschaffung mittels Zerstörung, das heißt durch Steigerung der Konsumtion bis zur Vernichtung jedes Bleibenden“. Das wiederum erschaffe einen Menschentyp, dessen Selbstbewusstsein „auf dem Prestige beruht, durch Anschaffungen und ständige Neuanschaffungen auf möglichst hoher Ebene dieses ständig zerstörenden Produktionsprozesses mitzuleben“.

Diese Kritik entstammt nicht der aktuellen wachstumskritischen Bewegung, die seit einigen Jahren sowohl von der Basis her als auch aus wissenschaftlichen und publizistischen Kreisen wieder mehr von sich reden macht. Diese Zeilen finden sich weder im dieser Tage vorgestellten aktuellen Bericht des „Club of Rome“, der wieder einmal auf die verheerenden Folgen unseres Wirtschaftssystems hinweist, noch im ersten dieser Berichte, der 1972 für Furore sorgte und mit seinem Titel einen bis heute zentralen Begriff prägte: „Die Grenzen des Wachstums“.

Die zitierten Passagen finden sich in der Dankesrede von Karl Jaspers, die er 1958 zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels hielt. Jaspers war damals einer der prominentesten Philosophen der Republik und viel in den Medien präsent, aber seine Kritik am Wachstumsfetisch, der damals schon Politik und Publizistik ergriff, kam kaum durch. Der für das Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ verantwortliche Mitherausgeber lobte diese Kritik zwar auf der Titelseite, „Spiegel“ und „Zeit“ ignorierten sie hingegen.

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Geprüft hat das Ferdinand Knauß. Der Redakteur der „Wirtschaftswoche“ hat sich eine Auszeit genommen, um eine Forschungslücke zu verkleinern: Er vollzog anhand der drei Leitmedien nach, wie Wachstum nach dem Zweiten Weltkrieg zum primären Mittel der Wirtschaftspolitik und bald zum Paradigma wurde – einem Paradigma, das auch in der Wirtschaftspresse vorherrschte und bis heute vorzuherrschen scheint.

In seinem vor kurzem erschienenen Buch „Wachstum über Alles? Wie der Journalismus zum Sprachrohr der Ökonomen wurde“ zeigt Knauß zunächst die Vorgeschichte auf. In den 1920ern griff in Deutschland die Mathematisierung der Wirtschaftswissenschaft um sich. Historisch-soziologische Ansätze und der Austausch mit anderen sozialwissenschaftlichen Disziplinen gerieten gegenüber dieser Tendenz ins Hintertreffen, die aus dem angelsächsischen Raum kam. In den USA wurde auch das Bruttosozialprodukt erfunden. In Berlin wurde 1925 das Institut für Konjunkturforschung gegründet, der Vorläufer des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.
Die neue Sparte der Wirtschaftsanalyse hatte für den Journalismus den Vorteil, dass sie mit Zahlen um sich werfen konnte.

Knauß hält fest, dass es vor 1933 niemanden in Deutschland gab, der sich „Wirtschaftsjournalist“ nannte. Die Tätigkeit der „Handelsredakteure“ war gewesen, kaum journalistisch aufbereitete Branchennotizen zu veröffentlichen. Nun aber gab es jede Menge Statistiken, die Objektivität suggerierten, was den Journalisten mehr Autorität verschaffte. Darin sieht der Autor den Grund der Bindung des hegemonialen Wirtschaftsjournalismus an die großen Wirtschaftsforschungsinstitute bis heute.

Wachstumsfetisch

Eine Grundlage war also schon gelegt, als die Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg dafür sorgten, dass auch Deutschland das Bruttosozialprodukt erhob und sich an ihm orientierte. In den 1950ern etablierte sich der Begriff „Wachstum“, gerade auch mit Hilfe der „FAZ“. Die Wirtschaft wuchs ja auch, und Ferdinand Knauß hält beides, das tatsächliche Wachstum wie das politische Setzen auf Wachstum, für wichtig, um die Kriegsfolgen zu überwinden und eine neue soziale Katastrophe zu verhindern, indem der allgemeine Lebensstandard gehoben wurde.

Seiner Analyse zufolge entstand aber in den 1960ern ein Wachstumsfetisch. Das Wort „Wachstum“ tauchte viel öfter in den drei untersuchten Blättern auf. Dabei sei Deutschland nun auf einem vernünftigen Lebensniveau angelangt gewesen, Wachstum hätte also nicht mehr höchste Priorität haben müssen. So lautete auch der Tenor in der „FAZ“, wo noch Autoren den Ton angaben, die sich am ehemaligen Bundeskanzler und Wirtschaftsminister Ludwig Erhard orientierten und Wachstum nicht als Selbstzweck ansahen.

Doch genau das wurde es, ablesbar an der ersten Regierungserklärung von Kanzler Kurt Georg Kiesinger 1966 und, mehr noch, am Wirken seines Wirtschaftsministers: Wirtschaftsprofessor Karl Schiller. Der hatte schon 1959 der SPD „stetiges Wachstum“ als Ziel in ihr berühmtes Godesberger Programm diktiert. 1967 verabschiedete der Bundestag sein „Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft“.

Schiller wurde massiv von „Zeit“ und „Spiegel“ gestützt. Staatliches Eingreifen, Planbarkeit der Wirtschaft, Vergrößerung des Wachstums und somit des zu verteilenden Kuchens statt Verteilungskämpfe – das galt ihnen als modern und von der objektiven Wirtschaftswissenschaft gestützt. Für Knauß ist diese unkritische Haltung das wirtschaftsjournalistische Versagen zweier Blätter, die sich auf die Fahnen schreiben, in jener Zeit den Regierungen mächtig Gegenwind beschert zu haben.

„Zivilisationspessimismus“

In den 1970ern tat sich die Möglichkeit einer Wende auf: Ökologische Probleme brachen ins Alltagsbewusstsein ein, „die Grenzen des Wachstums“ wurden zum geflügelten und viel debattierten Wort. Doch hier schon macht Ferdinand Knauß eine Spaltung aus, die er auch heute feststellt: In den Feuilletons und vereinzelten Wissenschaftsressorts wird die Wachstumskritik positiv aufgenommen, in den Politik- und Wirtschaftsressorts – vor allem in der Tagesberichterstattung – abgelehnt. Der Wirtschaftsjournalismus hat damals die Chance verpasst, sich vom Establishment der sogenannten Wirtschaftswissenschaft unabhängiger zu machen, lautet Knauß‘ Fazit.

Das Elend, das seitdem im Wirtschaftsjournalismus herrscht, nennt Knauß „die lange Gegenwart des Wachstumsparadigmas“. Er zitiert Diether Stolze, Mitherausgeber der „Zeit“, und Fritz-Ulrich Fack, Mitherausgeber der „FAZ“, die in Artikeln zwischen 1979 und 1984 vor „Zivilisationspessimismus“ und „Angstpsychosen“ warnen.

Solche Argumente sind seitdem Standard zur Verteidigung des Wachstumsfetischs, wie Knauß zeigt: Die Menschheit habe sich noch immer etwas einfallen lassen, um aus Sackgassen herauszufinden. „Innovation“ scheint den alten Begriff „Fortschritt“ zu ersetzen, der nach den technikbedingten Verwüstungen im 20. Jahrhundert an Überzeugungskraft eingebüßt hatte. Niemand will mehr ohne wirtschaftliches Wachstum Politik machen, da ohne es die Bekämpfung der Massenerwerbslosigkeit erst recht unmöglich erscheint. Nach UNO, OECD und EU schwenkten auch Die Grünen auf diesen Kurs ein. Ökologische Probleme des Wachstums sollen demnach durch positive Effekte desselben vermieden werden.

Knauß geht mit seiner Zunft hart ins Gericht. Ständiges Wachstum sei eine „Perversion des biologischen Wachstumsbegriffs“, denn was wächst, muss irgendwann auch wieder vergehen. Er sieht eine fatale „Geschichtslosigkeit der gegenwärtigen Wirtschaftswissenschaft“ auch in den Redaktionen wirken. Der vorherrschende Wirtschaftsjournalismus sei ein unkritisches Anhängsel von ideologischen Forschungsinstituten und Regierungen.

Von Wachstumskritikern umzingelt

Ganz anders sieht das Rainer Hank. Der Leiter des Wirtschaftsressorts der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ sieht kein Wachstumsdogma in der Wirtschaftspresse. Er sieht sich selbst vielmehr „von Wachstumskritikern umzingelt, seit ich Student war“, wie er auf Anfrage mitteilt. Wie viele Leute, die in Knauß‘ Buch erwähnt sind, hält Hank Optimismus für angebracht, denn Wachstum heiße nicht, dass es „pufft und stinkt“: „Apple und Google sind die wertvollsten börsennotierten Unternehmen der Welt. Da können die Nachhaltigkeitsapostel ganz beruhigt sein.“ Hank sagt: „Die Ökos führen eine Luxusdebatte, wenn sie das Wachstum verachten“, denn Wachstum habe das weltweite durchschnittliche Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Person seit dem Jahr 1800 mehr als verzehnfacht. Dieses Argument gab es ähnlich schon in den 1970ern in „Zeit“ und „Spiegel“.

Hanks Generalkritik an Knauß ist angesichts der vorgetragenen Argumente wenig überzeugend. Dass Wirtschaftswachstum gut sein kann, um ein bestimmtes Niveau zu erreichen, also ein Mittel, um die generelle Lebenssituation der Bevölkerung zu verbessern, findet ja auch Knauß. Inakzeptabel ist es hingegen, vom heutigen Wohlstand zu sprechen, ohne die dafür nötigen ökologischen Verheerungen zu erwähnen.

Zudem kann es in die Irre führen, Wohlstand über das Pro-Kopf-BIP zu messen. Wer sagt denn, dass bei jedem Menschen ein Teil des BIP ankommt? Selbst wenn das Volkseinkommen drastisch steigt – das arithmetische Mittel sagt da kaum etwas aus: Wenn tausend Multimilliardäre noch reicher werden, kaschiert das vielleicht im Durchschnitt, dass eine Milliarde Menschen weiterhin im Elend lebt.

Und selbst wenn ein gestiegenes Pro-Kopf-Einkommen weltweit nachgewiesen werden kann – früher lebten die meisten Menschen mit sehr wenig Geld, weil sie Produktionsmittel hatten: vor allem Land, auf dem sie die Lebensmittel anbauten, mit denen sie ihre Familie ernährten, und auf dem vielleicht auch ihr eigenes Haus stand. In Geld ausgedrückt war das Pro-Kopf-Einkommen da verschwindend gering. Wenn diese Leute nun ihr (eigenes oder kollektiv genutztes) Land verlieren – wie es in letzter Zeit auf allen Kontinenten wieder massiv geschieht und wie es zu Beginn des Kapitalismus ebenfalls der Fall war – und dann irgendeiner Lohnarbeit nachgehen müssen, haben sie ein Vielfaches an Geld, leben aber trotzdem viel prekärer als vorher. Mit ihrem materiellen Abstieg steigt gleichzeitig das Wirtschaftswachstum, denn auf ihrem ehemaligen Acker wird nun massive Warenproduktion betrieben, und sie selbst kaufen Lebensmittel, anstatt sie selbst anzubauen.

Vorbedingungen des Kapitalismus

Knauß kritisiert zu recht, dass die historischen Vorbedingungen des Kapitalismus in der sogenannten Wirtschaftswissenschaft wenig behandelt werden. Der so geprägte Wirtschaftsjournalismus ist auf diesem Gebiet entsprechend wenig kompetent. Knauß verweist auf die 2010 erschienene Studie von Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz im Auftrag der Otto-Brenner-Stiftung, die ein „eklatantes journalistisches Versagen“ von fünf großen Tageszeitungen, der Deutschen Presseagentur dpa und des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der Berichterstattung über die Wirtschaftskrise beklagt (die immer noch oft zur „Finanzkrise“ verniedlicht wird). Eine aktuelle Studie des „Denkwerk Zukunft“ hat vier Tageszeitungen und den „Spiegel“ ausgewertet und kommt zu dem Schluss, dass Wirtschaftswachstum darin unreflektiert als positiv dargestellt wird, während ökologische Probleme im Zusammenhang mit Wirtschaftsthemen allenfalls knapp oder ohne Bezug zu ihren Ursachen behandelt werden.

Anlass zur Sorge, wie es um den Wirtschaftsjournalismus bestellt ist, gibt auch ein gutes Deutschlandfunk-Feature zur deutschen Berichterstattung über die Knechtung Griechenlands 2015. Große deutsche Medien vertraten im Wesentlichen die Ansichten der Bundesregierung, was die ökonomischen Probleme Griechenlands anging. Dessen Finanzminister Yanis Varoufakis wurde falsch wiedergegeben und geradezu diffamiert. Dass der Auslöser für Griechenlands Staatsbankrott seine Bankenrettung war, wurde eher selten erwähnt.

Was die fehlende Kritik in deutschen Medien an dem von der Bundesregierung verordneten Sparkurs für Griechenland angeht, sagte der Ökonom Heiner Flassbeck dem Deutschlandfunk: „Wenn Sie mich vor 20 Jahren gefragt hätten, ob so etwas möglich ist, hätte ich gesagt: Nein, das ist in Deutschland nicht möglich.“ Im Ausland gebe es „einen Sturm an Entrüstung über die deutsche Politik, über diese Austeritätspolitik“. Als Gast in Rundfunksendungen machte Flassbeck die Erfahrung, dass „die Moderatoren sozusagen geistig vom Hocker fallen“ und „geistig abschalten“, wenn er seine alternative Sichtweise darlegte und die Bundesregierung kritisierte.

Dahinter muss keine große Verschwörung deutscher Medien stecken. Vielleicht fehlt es nur an kritischem Denken und wirtschaftlichem Grundwissen.

Im Deutschlandfunk-Beitrag kommt übrigens auch Rainer Hank vor: Er bestreitet auf einer Podiumsdiskussion, dass es in Sachen deutscher Griechenlandpolitik einen Einheitsbrei in der Berichterstattung gegeben habe.

Streitgespräch

Hank und Knauß werden an diesem Mittwoch bei der Buchvorstellung über Knauß‘ Kritik am Wirtschaftsjournalismus streiten. Ortwin Renn, Leiter des Potsdamer Institute for Advanced Sustainability Studies, an dem Knauß sein Buch schrieb, nimmt an der Diskussion teil.

Das Buch deckt viele Themen ab und ist vor allem dank vieler (manchmal sehr vieler) Zitate erhellend. Es wirkt aber auch ernüchternd, wenn man erfährt, wieviel weiter die Debatte schon einmal war: wie prominent vor Jahrzehnten gegen die Zerstörung der Erde wissenschaftlich argumentiert und politisch gekämpft wurde. In den 1970ern stellte sich sogar der SPD-Politiker Hans-Jochen Vogel gegen Wachstum als höchsten Wert – zu einer Zeit, als er vom Oberbürgermeister Münchens zum Bundesbauminister aufstieg. Der damalige Präsident der Kommission der Europäischen Gemeinschaft, Sicco Mansholt, teilte diese Meinung und entsetzte sein Brüsseler Umfeld mit „ökoplanwirtschaftlichen Vorhaben“ (Knauß).

Diese Zeiten sind vorbei, die Herrschenden setzen auf Wachstumsmaximierung – und genau das ist ein entscheidender Punkt. Es geht nicht ums Prinzip: Wachstum, ja oder nein. Selbst der Club of Rome hat soeben ein Wirtschaftswachstum von einem Prozent vorgeschlagen und festgehalten, dass arme Länder tatsächlich Wachstum gut gebrauchen können.

Bisher war Wirtschaftswachstum unweigerlich mit Umweltschäden verbunden. Wer behauptet, dass es anders sein kann, verbreitet den Optimismus, den Karl Jaspers schon 1958 kritisierte und der sich seitdem gründlich blamiert hat, wie die Verwüstung der Erde zeigt.

Gar nichts gesagt ist damit über die von Jaspers erwähnte kulturelle Komponente, die das Inwertsetzen von immer mehr Gütern und Dienstleistungen und der immense Konsumzwang mit sich bringen. Ferdinand Knauß jedenfalls schlägt mehr Kooperation von Feuilleton und Wirtschaftsressort vor, um solche gesellschaftlichen Fragen umfassend zu behandeln und sich nicht sogenannten Wirtschaftswissenschaftlern auszuliefern, die quasi-physikalische Modelle vorlegen, aber vor allem metaphysischen Dogmen folgen.

Ferdinand Knauß: „Wachstum über Alles? Wie der Journalismus zum Sprachrohr der Ökonomen wurde“
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11 Kommentare

  1. Warum fällt mir in diesem Zusammenhang immer der Name „Tichy“ ein?
    Tichy, Meckel/Will u. Sonntagabend:
    Ein Schelm, wer schlechtes dabei denkt…

  2. Auch die Trickle-Down Theorie wird von der Presse immer wieder unkritisch verbreitet, am liebsten ohne Namensnennung, damit ja niemand auf die Idee kommen würde, nach dem Stichwort zu suchen und die Kritik dazu zu finden.

  3. Das positive an dem Beitrag ist, dass er keine Neutralität beansprucht. Es steht außer Frage, wie sich Herr Hutter positioniert. Inhaltlich stimmt aber vieles einfach nicht (gilt auch für die zitierten Stellen aus dem Buch des Herren Knauß).

    Zum Beispiel stimmt es nicht, dass in den 1920ern die Mathematisierung der „sogenannten“ Wirtschaftswissenschaft um sich griff. Das ist angesichts des atheoretischen Paradigmas der in Deutschland dominanten historischen Schule ziemlich weit hergeholt (https://de.wikipedia.org/wiki/Historische_Schule_der_National%C3%B6konomie ). Die oft (und zu unrecht) kritisierte Mathematisierung der VWL griff erst nach dem 2. Weltkrieg um sich, ausgehend von den USA.

    Der Bezug auf die in den 1920ern aufkeimende Konjunkturforschung legt nahe, das es dem Autor in seiner Entrüstung eher um die empirische Ausrichtung der „sogenannten“ Wirtschaftswissenschaft geht. Dazu passt, dass er der Konzeption des BSP kritisch gegenüber zu stehen scheint. Wie sollen wir ohne BIP etc. messen, ob wir irgendwann dem Ziel Herrn Hutters entsprechen, indem wir nicht mehr wachsen?

    Schließlich pervertiert die Wirtschaftswissenschaft den biologischen Wachstumsbegriff nicht, weil sie diesen Begriff gar nicht zugrunde legt. Wir wissen (weil wir Daten erheben), dass die Wachstumsdynamik wesentlich durch technologischen Fortschritt (mehr Wissen und Wissenschaft) bestimmt ist. Es geht um Produktivitätswachstum, also darum, mehr Output mit knappen Ressourcen zu produzieren. Wir wachsen primär, weil wir die Welt immer besser verstehen. Da muss nichts in sich zusammenfallen, jedenfalls solange Gesellschaften nicht mehr vergessen als sie lernen.

    Natürlich gibt es (Umwelt-)Probleme allerart, die mit Wachstum zusammenhängen. Neben guter Regulierung braucht es zur Lösung der Probleme mehr Wissen und mehr Wissenschaft, also sauberen technologischen Fortschritt.

  4. @AMV: Knauß bringt Zitate für den Wandel in Deutschland in den 1920ern. Alles andere ist Definitionssache: Was heißt Mathematisierung, was heißt „um sich greifen“ usw.?
    Ich habe nicht geschrieben, dass ich dem BIP kritisch gegenüber stehe. Allerdings wurde seine Aussagekraft offensichtlich jahrzehntelang überhöht, sonst hätten wir nicht seit Jahren die Debatte um seine Ablösung durch eine andere Kategorie. Das BIP könnte ja ein Indikator unter vielen sein, ein unwichtiger unter vielen anderen wichtigeren. Vom BIP hat schon fast jeder gehört, aber wer z.B. vom Gini-Koeffizienten? Der ist in der Wissenschaft ein alter Hut, er zeigt die gesellschaftliche Ungleichheit an: https://de.wikipedia.org/wiki/Gini-Koeffizient Gesellschaftliche Ungleichheit vs Gesamtheit der gehandelten Produkte und Dienstleistungen – was ist wohl wichtiger für die Normalbevölkerung?
    Das BIP versperrt die Sicht auf die wirklichen Probleme. Nur ab 2% Wachstum werden neue Arbeitsplätze geschaffen, sagte vor ein paar Jahren ein Ökonom, es schien ne allgemeine Erkenntnis für ein Land wie Deutschland zu sein. Also rückt aus dem Blickfeld, was das eigentliche Problem dieses Wirtschaftssystems ist, nämlich dass immer mehr Menschen überflüssig werden. Stattdessen fokussieren alle dieses blöde Wachstum. Wenn es jedes Jahr bei 1,5% läge, wäre das ewiges Wachstum bei immer mehr Erwerbslosen. Wenn die ganzen Politik-Knallchargen nicht ständig über Wachstum und die Konjunktur (bei der sie dann nur mit den Achseln zucken, wenn sie nicht „anspringt“) reden könnten, müssten sie mehr über Verteilungsfragen reden. Knauß zeigt, wie das in den 1960ern ein Argument war: Hört auf mit den ganzen Verteilungskämpfen, eine moderne Wirtschaft muss kräftig wachsen und dann gibt es für alle mehr.
    Ihre (wie üblich mit schwach begründetem Optimismus garnierte) Verteidigung des Wachstumsfetischs mag abstrakt etwas für sich haben: Fortschritt, Wissenschaft, Produktivitätssteigerung usw usf. Die Realität sieht anders aus. Diese Realität sollten Sie mal auf Ihre putzigen Formulierungen: „(Umwelt-)Probleme allerart, die mit Wachstum zusammenhängen“ und „sauberen technologischen Fortschritt“ einwirken lassen. Das industrielle Wachstum ist nicht vom massenhaften und immer größeren Verbrennen fossiler Rohstoffe zu trennen. Siehe Spanien und Irland, die beiden großen europäischen Boom-Länder ab den späten 90ern, siehe umgekehrt den Niedergang Ostdeutschlands. Deutschland kann sich deshalb als so toller Klima-Hecht präsentieren, weil es den Osten de-industrialisiert hat. Besser fürs Klima, dafür haben wir jetzt aber Pegida und Co.
    Schon vor Jahrzehnten hofften Leute auch in Deutschland, die schlimmsten Auswirkungen des Kapitalismus mit einer Ausweitung des Dienstleistungssektors zu verhindern. Pustekuchen. Auf globaler Ebene können wir uns auch nicht ständig mehr Dienstleistungen gegenseitig verkaufen, da müssen auch immer mehr DINGE produziert werden. Die Mittelschicht in Indien, China usw will auch so einen Schrott im Wohnzimmer und in der Garage rumstehen haben, wie Sie. Ja, diese Produkte sind immer effizienter. Aber dagegen wirkt der sog. Rebound-Effekt. Und für neue Bedürfnisse nach neuen Produkten sorgt schon die Konsumgüterindustrie.
    Also: Der Wachstumsbegriff als biologischer macht schon auch Sinn, denn es geht um konkrete Ressourcen, die erschöpft sein können. Eben die Grenzen des Planeten, von denen nicht erst der Club of Rome, sondern schon der Philosoph Jaspers sprach.
    Und jetzt haben wir noch nicht von den kulturellen Auswirkungen des ganzen Wachstumsbrimboriums geredet, siehe Ende des Artikels.

  5. sehr interessant, lief doch vor wenigen Tagen auf Deutschtschlandfunk ein Beitrag, der ebenso den ewigen Wachstum in der Wirtschaft als unrealistisch einstufte und sich drauf besann, dass man Wirtschaft wieder konservativ nach Adam Smith, Karl Marx und John Maynard Keynes „planen“ sollte.
    Nicht als Mahnung an die Journalisten, sondern als Mahnung an einige Regierungen, z.B. die bundesdeutsche

  6. „Dabei sei Deutschland nun auf einem vernünftigen Lebensniveau angelangt gewesen, Wachstum hätte also nicht mehr höchste Priorität haben müssen. “

    Naja, kann man so sehen, aber die große Mehrheit der heute lebenden Menschen wünscht sich wahrscheinlich nicht den Lebensstandard der 1960er Jahre zurück.

  7. @Ralf Hutter #4
    „Vom BIP hat schon fast jeder gehört, aber wer z.B. vom Gini-Koeffizienten?“

    hm, eigentlich jeder, der sich mit volkswirtschaftlichen Themen beschäftigt.

    Aber mal zum eigentlichen Thema: Es gibt Jahr für Jahr einen gewissen Produktivitätsfortschritt. Steigt bei gleichbleibender Zahl an Arbeitsstunden die gesamtwirtschaftliche Nachfrage nicht im gleichen Maße, steigt die Arbeitslosigkeit (sprich die Arbeitszeit wird unfreiwillig verringert). Die eine Möglichkeit ist es also, die egsamtwirtschaftliche Nachfrage zu erhöhen und entsprechend mehr Güter und Dienstleistungen abzusetzen oder die andere Möglichkeit ist, die Arbeitszeiten freiwillig, geordnet zu reduzieren. Sinken die Arbeitszeiten um den Produktivitätsfortschritt bleibt das materielle Wohnstandsniveau gleich, aber die Arbeitnehmer haben mehr Freizeit.

    Wer das aktuelle, materielle Wohlstandsniveau für ausreichend hält (für alle!), sollte also für eine entsprechende Politik der Arbeitszeitverkürzung (bei konstanten Reallöhnen) eintreten. Anders kommen wir um „Wachstum“ nicht herum.

  8. @ Hutter: „Nur ab 2% Wachstum werden neue Arbeitsplätze geschaffen, sagte vor ein paar Jahren ein Ökonom, es schien ne allgemeine Erkenntnis für ein Land wie Deutschland zu sein. Also rückt aus dem Blickfeld, was das eigentliche Problem dieses Wirtschaftssystems ist, nämlich dass immer mehr Menschen überflüssig werden. Stattdessen fokussieren alle dieses blöde Wachstum. Wenn es jedes Jahr bei 1,5% läge, wäre das ewiges Wachstum bei immer mehr Erwerbslosen.“

    Hier geht es um die Differenz zwischen BIP-Wachstum und Wachstum der Arbeitsproduktivität, welche rein tautologisch besagt, dass Arbeit freigesetzt wird, wenn die Differenz negativ ist. Die Datenlage ist allerdings eindeutig: dort, wo sich der technologische Fortschritt entfalten durfte, ist im Trend die Beschäftigung nicht gesunken, sondern gestiegen (bis zur Finanzkrise fast im Gleichschritt). Gleichzeitig sind die Reallöhne gestiegen. Produktivitätsfortschritte, die als permanent angesehen wurden, haben Arbeitnehmer verstärkt als Freizeit konsumiert. Natürlich muss das nicht so weitergehen. Bislang aber gibt es keine Anzeichen dafür, dass der technologische Fortschritt mehr Arbeit freisetzt, als schafft .

    Über den Gini-Koeffizienten brauchen Sie Wirtschaftswissenschaftler nicht zu belehren. Unterrichten wir im ersten Semester. Das Wirtschaftsjournalismus in DE durchaus Defizite aufweist, ist unbestritten. Aber Ungleichheit ist doch oft ein Thema, sowohl die Ungleichheit innerhalb der entwickelten Volkswirtschaften (die ist gestiegen, auch wegen des technologischen Forstschritts zu Lasten geringqualifizierter Arbeit), als auch länderübergreifend (da ist die Ungleichheit gefallen, und zwar wegen des relativ starken Wachstums in den ‚aufholenden‘ Ländern).

    Des Weiteren hat sich die Wachstumstheorie schon immer stark um die Ungleichheit gekümmert. Einen schnellen Faktencheck erhalten Sie z.B. hier: http://economia.unipv.it/pagp/pagine_personali/gascari/macro/acemoglu_intro.pdf

  9. @AMV #3
    „Wie sollen wir ohne BIP etc. messen, ob wir irgendwann dem Ziel Herrn Hutters entsprechen, indem wir nicht mehr wachsen?“
    An der Definition des BIP wurde ja auch kräftig geschraubt. Unter anderem vergleicht man das BIP verschiedener Länder nicht mehr auf Wechselkursbasis (ein quantitativ gut messbarer, aber schwankungsanfälliger Parameter) , sondern auf der Basis von Kaufkraftparitäten (gut gestaltbar, z.B. mit BigMac-Index und ähnlichem Voodoo). Ein Autor hat sich die Mühe gemacht, das BIP nach alter und neuer Rechnung einmal für eine Reihe von Ländern mit objektiven Daten wie der Säuglingsterblichkeit zu korrelieren, gemäß der Idee, dass die Säuglingssterblichkeit solide bekannt ist und grob betrachtet niedriger sein sollte, wenn ein vernünftig berechnetes BIP höher ist, keine ganz unvernünftige Idee.
    Ergebnis: bei alter Rechnung lag die Korrelation bei ca. -0.6 (anständig), bei neuer Rechnung bei ca. -0.2 (lausig).
    Quelle:
    https://www.amazon.de/Die-neoliberale-Illusion-entwickelten-Gesellschaften/dp/3858691771/
    Der Autor resümierte sein Resultat bereits 1998 mit: „sowjetische Rechnungslegung“. Trumps Wähler lassen schön grüßen. Ihre Wut scheint nicht ganz grundlos zu sein, wenn auch (vielleicht) irregeleitet.
    Es besteht also, lieber AMV, durchaus Hoffnung, dass die reale Wirtschaftsleistung längst stagniert, während das BIP noch fleißig Wachstum anzeigt.

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