Fuck, yeah!

Angesichts von Phänomenen wie der AfD oder Donald Trump ist die Diskussion, ob Journalisten auch Aktivisten sein können oder sogar müssen, auch bei den letzten Institutionen des sogenannten objektiven Journalismus angekommen. Für mich ganz persönlich war das nie eine sinnvoll geführte Debatte, weil ich erstens Objektivität für ein Ding der Unmöglichkeit halte (schon die Auswahl der Themen ist subjektiv); zweitens, weil Journalisten meiner Meinung nach als Aktivisten für Meinungs- und Informationsfreiheit konstituiert sind; und drittens, weil jede Information immer auch eine Funktion hat. Das Herdentier Mensch verhält sich mehr oder weniger bewusst zu jeder Information, die es aufnimmt. Es ordnet sich zu oder grenzt sich ab. So finden wir unseren Platz im Leben, jeden Tag wieder.

"Missy Magazine"

Im „Missy Magazin“ finden vor allem linke Feministinnen jeder sexuellen Orientierung Information, die sie bestärken in dem, was sie fühlen und tun. Für mich ist das eine sehr schwer zu durchdringende Welt, aber das vorweg: „Missy Magazin“ handelt ganz offensiv von dem, wovon am Ende jedes Lifestyle-Magazin handelt, nämlich von der Frage, wer ich bin und wer ich sein will – von Identität.

Bei „Missy“ sind sie eindeutig Aktivistinnen, und das gnadenlos. Wenn ich das nächste Mal schlechte Laune habe, werde ich mir vorstellen, wie eine „Missy“-Redakteurin einer jahrelang auf einer entlegenen Insel gestrandeten Freundin Donald Trump beschreiben würde. Ich glaube, ich werde dafür Worte erfinden müssen, aber es wird in jedem Fall HUGE!

Ich weiß, dass allein das Wort Lifestyle verschrien ist, aber ich teile die Skepsis nicht. Ich definiere Lifestyle als die Entscheidungen, die wir darüber treffen, wie wir unser Leben gestalten, und daran muss nichts oberflächlich sein. Lifestyle-Magazine zu machen kann eine großartige Sache sein.

Jedes konsequent gestaltete Magazin muss sich dabei einordnen auf zwei Achsen, die ich, nur für mich allein im Hausgebrauch, „hoch-tief“ und „breit-spitz“ nenne. Wenn wir uns ein Magazin als Persönlichkeit vorstellen, dann ist es entweder auf Augenhöhe mit dem Leser (bis auf wenige Ausnahmen nie tiefer), oder ein bisschen höher, so dass der Leser ein bisschen aufschaut – das ist die Hoch-Tief-Achse.

Einfachstes Beispiel zur Veranschaulichung: Wie teuer sind die abgebildeten Produkte? Die „Brigitte“ ist auf dieser Achse ein Frauenmagazin auf Augenhöhe, die „Vogue“ ist das, was ich ein Fantasiemagazin nenne, nämlich sehr weit oben.
Auf der anderen Achse geht es vor allem um die Themenauswahl, in Teilen auch um die Positionierung dazu: „Men’s Health“ ist spitz positioniert, weil die Themenauswahl stark beschränkt ist (dabei ist das Magazin auf Augenhöhe), der „Playboy“ breiter (dabei natürlich ein Fantasiemagazin).

Und „Missy“ ist ein extremer Fall von absolut auf Augenhöhe und dabei radikal spitz.

Wer sich davon angesprochen fühlt, dem wird das Magazin potenziell viel bedeuten. Schon beim ersten Durchblättern ist die Konsequenz spürbar, mit der die Macherinnen ihr Heft gestalten: Mit realistischer moderner Fotografie, angstfreier, drastischer Themenwahl (vor einer Geschichte über Vergewaltigungen steht ein warnender Disclaimer, dass es jetzt hart wird) und einer kompletten Verweigerung allem gegenüber, was niedlich wirken könnte.

"Missy Magazine"

Aber für mich ist das härteste die Sprache. Ein Buchtipp (ich glaube, es geht um ein Buch, so ganz klar ist es nicht) für das Werk „Support Your Sisters Not Your Cisters“ geht so: „Auch queerfeministische Räume reproduzieren häufig Transmisogynie. Musikerin FaulenzA gibt Tipps für mehr Solidarität.“ Das ist der komplette Wortlaut, und ich tue einfach mal so, als wüsste ich, was das bedeutet. (Lesbische Feministinnen sind oft doof zu Transsexuellen, oder?)

Es spielt auf einem anderen Planeten. Hätte man mich gefragt, ob es queerfeministische Räume gibt, hätte ich gesagt: „Ganz bestimmt, oder ich hoffe das jedenfalls!“ Aber dass es Räume gibt, in denen queerfeministische Räume kritisiert werden, ist für mich ein bisschen, als würde man mich nachts wecken und von mir verlangen, auf Französisch zu erklären, wie eigentlich Flugticketpreise zustande kommen. Sehr viele komplizierte Schritte auf einmal. Ich kann das auf Deutsch schon nicht.

Die Headline ist „Smash the Cistem“, was ich sicherheitshalber nachgegoogelt habe. Ich bin nämlich auch so ein Cis, oder lebe cis oder wie man das nennt, jedenfalls nicht trans. Ich bin ein heterosexueller Mann im Körper eines Mannes. Und ich verstehe jede Leserin von „Missy“, wenn ich mir klarmache, dass ich bei dieser Selbstbeschreibung wirklich gedacht habe: „Normal halt“.

Das ist der Grund, warum es queerfeministische Räume braucht: Wir alle würden uns beschweren, wenn die zahlenmäßig überlegenen Asiaten plötzlich anfangen würden zu behaupten, wir wären halt deutsch und sie wären normal. Es ist aber ganz ehrlich auch anstrengend für mich, weil es mich ein bisschen angreift, wenn der Musiker Dev Hynes sich als „anständiger Typ“ qualifiziert, weil heterosexueller Sex bei ihm so abläuft: „Mit langem Vorspiel, viel Cunnilingus, frisch gewaschenem Penis und nicht nur mit Cisfrauen.“ Verdammt, ich war so nah dran!

"Missy Magazine"

„Missy“ verzichtet auf Modestrecken, und der Schminkteil ist eine 16-seitige kritische Auseinandersetzung mit dem Schminken an sich, ein Dossier, in dem eine Headline zum Beispiel lautet: „Wie eine satanistische Schlampe“. Weltklasse. Für mich überraschend gibt es aber auch einen kleinen Bastelteil, neudeutsch „DIY“ (für Do It Yourself) genannt, in dem steht, wie man mit Marmeladen-Gläschen als Behälter seinen Schreibtisch aufräumt, aber auch – hey, das ist „Missy“ hier – wie man als Transsexuelle ihreseine Stimme femininer moduliert. Ich liebe es. In der Do-It-Yourself-Abteilung! Fuck, yeah!

Die langen Texte habe ich bisher zu knapp gewürdigt, neben dem Schmink-Dossier zum Beispiel eine Reportage über Feminismus an der ukrainischen Front und ein Interview mit Alicia Keys über Frauenthemen, und ich fand alles spannend. Ich gehöre überhaupt nicht zur Zielgruppe, wahrscheinlich bin ich sogar so etwas wie der Antagonist in der Geschichte des Planeten „Missy“, selbst frisch gewaschen noch kein anständiger Typ, aber ich habe zumindest für einen ganz kurzen Moment die Außensicht bekommen, wie bizarr es ist, wenn ich als Angehöriger der Mehrheit der sexuell Mainstreamorientierten anfange, mich angegriffen zu fühlen, weil andere, die wegen ihrer Sexualität tatsächlich kämpfen müssen, mich ein bisschen lappig finden.

"Missy Magazine"

Ich würde jetzt eigentlich gerne mit irgendeinem geschmacklosen Witz abschließen in der Größenordnung von „Cisfrauen aller Länder, vereinigt euch mit mir“, aber die Wahrheit ist: „Missy“ hinterlässt bei mir gerade die diffuse Angst, ich hätte irgendetwas bizarr frauenfeindliches geschrieben, ohne es zu merken. Insofern hat das Ding schon gewirkt. Aktivismus kann sich lohnen. Deshalb: Ich hoffe ehrlich, Donald Trump, die rachsüchtige Karotte, platzt bei der ersten TV-Debatte und ich sehe den orangefarbenen Glibber an der Kamera herunterlaufen, bevor Aliens landen und seine Überreste mit nach Hause nehmen. Soviel zur Objektivität.

„Missy Magazine“
Selbstverlag, vierteljährlich
5,50 Euro

6 Kommentare

  1. „Lesbische Feministinnen sind oft doof zu Transsexuellen, oder?“
    Najaaa… Ich bin zwar auch kein Experte für den Jargon, aber ich glaube, du greifst sowohl mit „queer-lesbisch“, als auch „femistisch-Feministinnen“ zu kurz, falls du das überhaupt so meintest. Aber die Richtung stimmt. Wobei das Problem halt in meinen (wie gesagt nicht besonders sachkundigen) Augen auch echt ein hakeliges ist, weil man ja so Schutzräume einerseits eben gerade NICHT für alle öffnen will, andererseits aber schlecht festlegen kann, wer draußen bleiben soll, wenn man zu den Prinzipien aufgenommen hat, jede Person als das zu akzeptieren, als dass sie sich identifiziert, und so weiter. Äh. Na gut. Hoffentlich gibts noch Kommentare, die das besser können. Aber ich wollte trotzdem.

  2. Ich wusste, ich würde was falsch machen. Ich wusste es, ich wusste es, ich wusste es – nur eben nicht, was genau. Asche auf alle meine gewaschenen Stellen!

  3. Das Gute an solchen Themen ist, dass man es gar nicht richtig machen kann. Mein Werte-und-Normen-Lehrer hat immer gesagt: „Ideale sind wie Sterne. Man kann sich…“ Also, wirklich, immer. In der Stunde mindestens zweimal.

  4. Ich würde das eigentlich „kiss-sexuell“ aussprechen, aber um gewisse Missverständnisse nicht erst zu produzieren, bleibe ich bei „tsiss-sexuell“.
    Nebenbei, ich _wette_, Inder und Chinesen halten uns für Deutsche und sich selbst für jeweils normal.
    Wieso sollte „uns“ das stören? Bei wem würden „wir“ uns beschweren?
    Ich beschwere mich nicht, weil es mich nicht stört und ich das für normal halte.
    Ich bin wohl irgendwie komisch…

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unseren Datenschutzhinweisen gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.