Eine Journalistenbiographie

Die Verleger, die Abwickler und ich

Foto: Klaus Ungerer

Mit 29 war ich, Studienabbrecher, plötzlich ein gemachter Mann. Das ging so: Ich saß zu Hause am Schreibtisch. Da klingelte das Telefon. Dran war die Sekretärin eines Zeitungsherausgebers, dessen Namen ich vage schon mal irgendwo gehört hatte. Der wolle mit mir sprechen. Ich ließ mich durchstellen. Ja hallo, sagte der Zeitungsherausgeber, er habe gerade einen Text von mir gelesen – ob ich nicht lieber für ihn und seine Zeitung arbeiten wolle?

Das war 1998, das waren noch die guten Zeiten, die Zeitung passte am Wochenende nicht unter der Tür durch, weil der Stellenmarkt so dick war, die großen Redaktionen kauften sich gegenseitig unter einigem Getöse die Mitarbeiter ab. Dass es ein Internet gab, hatte man gerüchteweise am Rande zur Kenntnis genommen.

Der Herausgeber bot mir vom Start weg 3000 D-Mark im Monat an, als freier Mitarbeiter. „Was muss ich dafür tun?“ – „Herr Ungerer, das entscheiden Sie selbst!“

Ich schrieb so vor mich hin für die, ab und zu fragten sie an, ob ich nicht lieber Redakteur in ihrer hässlichen Stadt sein wolle. Im Zuge einer Lebenskrise sagte ich zu. Ich enterte die Redaktion der großen Zeitung, und sie hatten nicht einmal einen Platz für mich. Die Zeitung war zu sehr angeschwollen in der letzten Zeit, in Umfang und Personal, ich müsste mich ein bisschen gedulden, bis es einen Raum für mich gebe. Die Zeitung hatte das Haus nebenan angekauft und wollte nach dort hin Durchbrüche machen.

Gurgeln und Schwappen

Klick. Das war das Ende der alten Zeit. So um 2001 herum. Kurz darauf drehten die Abonnenten ihre dünne Wochenendausgabe in den Händen und riefen im Verlag an, ob da nicht irgendwas fehle. Stellen wurden nicht mehr besetzt. Groß verkündete Umzugspläne mussten kleinlaut einkassiert werden. Bald hörte man das Gurgeln und Schwappen der ersten Entlassungswelle im Haus. Dann die zweite. Dann klingelte bei mir das Telefon. Dieses Mal war nicht der Herausgeber dran. Es war auch nicht sein Stellvertreter dran. Es war ein Stellvertreter des Stellvertreters dran. Nicht einmal der sagte mir, worum es ging. Ich musste raten.

Ich würde entlassen. Man hatte die Controller im Haus. Es gab eine Entlassungs-Reihenfolge. Gab einen Sozialplan. In dem hatte ich zu wenig Punkte, ich war noch nicht sehr lange da, ich hatte keine Familie, das Kind war ja erst noch ein mittlerer Zellhaufen im Bauch meiner Freundin. Meine Freundin hatte ebenfalls gerade ihren Job verloren, bei der anderen großen Zeitung. Wir gingen in eine andere Stadt, ohne Jobs. Das war 2003. Seitdem schaue ich dem Sterben zu.

Zuerst starb die Zeitung, die es nur im Internet gab, ein hippes Projekt, da war ich kurz ein Teil der Redaktion. Als ich ankam, war alles schon heillos zerstritten, man sprach von Intrigen aus der Chefetage, Geld gab es auch keins, manchmal kam man morgens rein und wurde von niemandem zurück gegrüßt.

Porsches und Rolexe

Irgendwann kamen da die Abwickler rein. Die Abwickler hatten Porsches und Rolexe, sie hatten das Projekt aufgekauft, sie verkündeten große Pläne, die ihnen niemand glaubte, dann luden sie die Leitungsebene zu einem Workshop-Wochenende ein. Kurz danach wurde der Laden zugemacht, die Porsches rollten wieder raus aus dem Haus, und es war interessant, das mal mitgemacht zu haben.

Als Nächstes starb unsere Textagentur. Wir hatten eine Marktlücke bearbeitet: Glossen. Lustige gute Texte zum Nachrichtengeschehen, lieferbar frei Haus für alle regionalen Tageszeitungen. Ein Text, siebzig Abdrucke! Siebzig Honorare. Das war der Plan. Tatsächlich hatten wir nur eine Hand voll Kunden, und wenn jeder von ihnen einmal pro Woche druckte, konnten wir froh sein.

Nach ein paar Jahren schauten wir uns an, meine Partnerin und ich – die gedankenschnellste und witzigste Autorin, mit der ich je arbeiten durfte –, dann stellten wir den Betrieb ein. Heute arbeitet sie als Lehrerin. Ein Paar sind wir auch nicht mehr. Das ewige Zusammenarbeiten auf engstem Raum, die immerwährenden Geldsorgen. Killer!

Witze und Klicks

Auch machten wir eine Satireseite im Netz. Für ein bekanntes Nachrichtenmagazin aus der Printwelt. Jeden Tag gab es drei, vier, fünf Witze zur aktuellen Lage, das Ding hatte Kultstatus – und kostete quasi nichts. Für einen Hauch von Etat generierten wir Abermillionen Klicks. Aber das Nachrichtenmagazin hatte irgendwann neue Chefs. Die verstanden nicht, was das sein soll, Satire.

Ein paar Wochen lang wurde unser Anführer noch in Planspiele verwickelt: Ob man aus der Satirerubrik nicht eine Seite im Nachrichtenmagazin machen könne, so richtig echt auf Papier? Es gab Nullnummern. Die Nullnummern wurden sogar in einem Branchenmagazin abgedruckt.

Dann drehten sie den Hahn zu. Wir durften gehen, wir waren ja eh nur freie Mitarbeiter gewesen. Noch Jahre später hatte das Nachrichtenmagazin ein Impressum mit unseren guten Namen online. Dafür hatte ich lange Zugang zum Facebook-Account der eingestellten Satirerubrik. Zigtausende Follower. Die nutzte ich gern, wenn mal wieder ein Buch zu bewerben war.

Jammern und Stöhnen

Dann war ich noch Textchef. Bei einer Wochenzeitung. Wochenzeitungen sind die Zukunft. Diese hier ganz besonders. Sie gehört einem Millionär, und der Millionär tingelt gern als „Verleger“ durch die Talkshows. Daher muss es die Zeitung geben, egal wie dünn, egal, was drin steht. Der Verleger schickt einmal die Woche eine Mail und sagt, wie er das Titelbild findet, ansonsten hat man Ruhe vor ihm. Alle paar Monate wechselt er mal den Chefredakteur aus.

Der Job machte drei Jahre lang Spaß. Ich hatte sehr viele sehr nette Kollegen. Die Kollegen erfreuten sich an meinem Jammern und Stöhnen, wenn ich wieder einen der Texte im Blatt durchzulesen hatte. Wann immer sich die Gelegenheit bot, sagte ich: Man muss hier investieren. Das Ding hat 28 Seiten und kostet 4 Euro, die Texte müssen gut sein! Ihr müsst mehr Geld hinlegen, dann habt ihr bessere Autoren, die Redakteure müssen sich weniger rumärgern und können selber mehr schreiben!

Das geschah alles nicht. Stattdessen wurde der Chefredakteur ausgewechselt. Und Corona kam.

Gerüchte berichteten mir von einem Notfallplan. Den habe die Geschäftsführung ersonnen. In dem Notfallplan komme kein Textchef mehr vor. Wozu braucht man auch einen Textchef ? Die Abonnenten haben ja letztlich nur Anspruch auf eine gewisse Menge an Buchstaben auf Papier. Kurz darauf war es tatsächlich so weit: Nacheinander kamen zwei Kollegen in mein Büro, mit denen ich drei Jahre lang als freier Mitarbeiter vertrauensvoll zusammen gearbeitet hatte. Als wäre es ein kleiner Extraurlaub, sagten sie: Ach Klaus, du brauchst ja ab nächster Woche nicht mehr zu kommen.

Vergangenheit und Zukunft

Ich habe dann ein bisschen mit dem Anwalt gedroht. Natürlich hätte ich mich jederzeit einklagen können. Hätte auf eine Abfindung gehen können. Aber will man das? Will man mit Gewalt dort sein, wo man nicht wertgeschätzt wird? Ich bin dann gegangen, an einem Tag im Juni.

Ich habe es keine Sekunde bereut. Nun lebe ich wieder in der einzigen Sicherheit, die es gibt: der Unsicherheit. Arbeitgeber? Feste Mitarbeit? Kann alles morgen vorbei sein. Ich schreibe hier, ich schreibe dort, hüpfe wie Frogger über schaukelnde Gewissheiten hin Richtung rettendes Ufer. Weg von den Zeitungen möglichst: Große Vergangenheit, kein Geld – eine tödliche Mischung. Dann lieber: Netzportale, NGO-Magazine. Spendengelder, Abo-Gelder. Nicht die Industrie und Banken zahlen das Zeug, es zahlt der Leser. Das muss die Zukunft sein! Ganz sicher ist das die Zukunft. Für die Zukunft habe ich schon immer ein Näschen gehabt.

12 Kommentare

  1. Danke für diese Text und diesen Schreibstil, eine echte Erfrischung. Trotz – oder gerade wegen? – des ernsten Hintergrunds.

    Alles Gute für Ihre Zukunft!

  2. Beklemmend gut. Und in allen Episoden von Samstag bis Freitag kommt die Beklemmung ohne Rechte aus. Das schaffen auch hier nur Freie.

  3. Es ist eine Freude, diesen Text zu lesen. Auch wenn der Inhalt eher traurig ist. Und als ehemaliger Abonennt der 28 Seiten für 4 Euro kann ich auch inhaltlich nur vollumfänglich zustimmen.
    P.S. Und Lust auf die Bücher hat der Beitrag auch geweckt.

  4. …Und nu?
    Was soll ich mit diesem Text anfangen oder durch den Text verstehen oder nach dem Lesen dieses Textes tun, außer künftig noch weniger (Journalisten-) Biographien zu lesen?
    Der Text berichtet von etwas, das ich (und sicher viele andere, die hier lesen) bereits wusste: Es gibt Probleme im und mit dem Journalismus. Das ist schlimm/ hässlich/ doof/ beklagenswert/ bejammerungswürdig…, aber etwas sicher nicht: Neu.
    Der Autor berichtet von schlechten Erfahrungen mit ehemaligen Arbeitgebern (außer ganz, ganz früher!) und/ oder früheren Arbeitsstellen (außer ganz, ganz früher!). Ersteres ist nicht die feine Art, und weder Ironie noch Sarkasmus machen sie feiner, zweiteres greift die Probleme mit dem Journalismus auf, und das hatten wir oben schon.
    Interessant würde es dann im letzten Absatz. Wenn der Leser (oder die Leserin, ich bin bestimmt mitgemeint) nicht zahlt, wie der Autor zu glauben scheint, wer denn dann? Aber da ist der Text leider schon zu Ende.
    Und nu?
    Oder vielleicht reicht auch einfach ein „seufz.“

  5. @ Mel #6
    Der Text beantwortet sehr schlüssig die Frage, wie journalistische Produkte so auf den Hund kommen konnten, obwohl doch fähige Leute in der Branche unterwegs waren und teilweise noch sind.
    Ein wertvoller Beitrag zur „Anschauung der Wirklichkeit“ statt idealistischer Voreingenommenheit.

  6. Was für ein schöner Text. Er beschreibt exakt die Lebenssituationen meiner Frau und mir in den letzten zig- Jahren, wobei meine Frau die Journalistin und ich der freiberufliche Jurist bin. Und vor allem der erfrischend optimistische Schluss stimmt. Meine Frau arbeitet sderzeit fest für eine NGO, und ich berate kostenfrei von Verdrängung bedrohte kleine Gewerbemieter. Irgendwas geht immer. Dafür haben wir doch auf die Sicherheit verzichtet, um die Freiheit zu gewinnen. Und das unbezahlbare Gefühl, das Richtige zu tun.

    P.S. #6 Mel: Wenn es dir hier nicht passt, geh‘ doch nach drüben.

  7. Ich finde, die „Anschauung der Wirklichkeit“ bringt dann wenig, wenn eigentlich Einigkeit über die Wirklichkeit besteht, und wenn diese Wirklichkeit außerdem nicht mit einem „wie weiter von hier aus“ verknüpft wird. Das fehlte mir hier: Ich war – ausgehend von der dargelegten bisherigen beruflichen Tätigkeit des Autors, in der verschiedene vermeintliche Auswege für ihn und den Journalismus ja nicht wie geplant oder nicht auf Dauer funktioniert hatten – davon ausgegangen, dass die letzten Sätze („Das muss die Zukunft sein! Ganz sicher ist das die Zukunft. Für die Zukunft habe ich schon immer ein Näschen gehabt.“) selbstironisch gemeint sind. Wenn ich hier falsch liege und den Text falsch interpretiert habe, entschuldige ich mich in aller Form beim Autor; ich wollte weder seine Erfahrungen mit dem Wandel einer Branche kleinreden noch sie ihm gar absprechen, und ich bitte um Entschuldigung, wenn das anders rüberkam.

    Und dabei belasse ich es, denn ein „geh doch rüber“ (?) und eine „idealistische Voreingenommenheit“ (?) sind genug für heute Abend.

  8. Also ich als Nicht-Journalist fühle mich durch den tollen Text gut informiert und außerdem witzig und pointiert unterhalten. Sehr schön!

    Und @Mel: Erst in #6 derbe Abledern und dann in #9 rumheulen. Wer austeilt, der muss auch… Den kennen Sie bestimmt. Gute Nacht!

  9. „Dass es ein Internet gab, hatte man gerüchteweise am Rande zur Kenntnis genommen.“

    Der Anfang vom rapiden Ende. Die arrogante Einstellung ggü. dem Internet und das verschlafen vernünftiger Monetarisierung statt Popup-Werbung war der größte Fehler vieler Medien.

    Schöner Text! Erfrischend zu lesen.

  10. @Chris
    Fairerweise muss man aber sagen, dass Printmedien in dieser Fehleinschätzung nicht alleine waren.

    Ansonsten ja, sehr schön. Toll auch die Puzzleteilchen im Text, die durch die Beschreibung im Kasten rechts aufgelöst sind, so dass man dann auch sicher sein kann, wer der Millionär mit Nebenberuf Verleger ist, der durch die Talkshows tingelt.

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