„Mal angenommen“

Leider ausgestrahlt: Der Atom-Podcast der „Tagesschau“

Atomkraft? Ja bitte!, heißt es diesmal bei uns. Vor zehn Jahren gab es ja die Atomkatastrophe in Fukushima. Und danach hat Deutschland den endgültigen Atomausstieg beschlossen. Andere Länder nutzen dagegen weiterhin Kernenergie, weil sie klimafreundlich ist und natürlich weniger CO2 ausstößt.“

Mit diesen Worten leitet Justus Kliss das „Gedankenexperiment“ im „Tagesschau“-Podcast ein, das er gemeinsam mit seiner Kollegin Vera Wolfskämpf anstellt. Beide sind Korrespondent*in im ARD-Hauptstadtstudio. Und der Podcast dient dazu, so steht es in der Beschreibung, „aktuelle politische Ideen“ in die Zukunft zu denken. Deshalb auch der Titel: „Mal angenommen“.

Mal angenommen… Screenshot: Tagesschau

Bereits in den ersten 30 Sekunden der Episode unter der Überschrift „Zurück zur Atomkraft? Was dann?“ wird von Kliss vorgegeben, was sich bis zum Ende durchziehen soll: Dass Atomkraft „natürlich“ klimafreundlich sei und andere Länder „deswegen“ nicht aus der Atomkraft aussteigen.

Wer ist diese Expertin?

Als Kronzeugin für diese These ist Anna Veronika Wendland zu Gast, die nach eigenen Angaben zu der Zeit, als der Reaktorunfall im japanischen Fukushima passierte, noch Atomkraft-Gegnerin war. Doch dann habe die Frau, die als Technikhistorikerin vorgestellt wird, recherchiert, ein Buch geschrieben – und sei zur AKW-Befürworterin geworden. Wegen des Klimaschutzes.

Potzblitz! Was für eine Wendung.

Doch wer ist diese Frau mit dem erstaunlichen Sinneswandel, die hier so ausführlich zu Wort kommt? Wendland sitzt im Vorstand von Nuklearia, einem kleinen Atom-Lobbyverband. Es erschienen zudem Beiträge von ihr bei EIKE, einem AfD-nahen Verein, der aus einer Reihe von Personen besteht, die seit zehn Jahren gegen die Klimawissenschaft kämpfen. Wendland sagt, diese Texte seien ohne ihre Erlaubnis dort erschienen. (*siehe Nachtrag)

Zudem lege sie Wert auf die Feststellung, dass sie Technikhistorikerin mit Spezialgebiet Reaktorsicherheit sei, eine 900-Seiten-Habilitationsschrift über die „Kerntechnische Moderne“ verfasst habe und Mitglied im Fachbeirat Europa/Transatlantik der Heinrich-Böll-Stiftung sei. Als ehemalige Atomkraftgegnerin engagiere sie sich nun ehrenamtlich in dem pro-nuklearen Verein Nuklearia. Frau Wendland betont, Artikel von ihr seien in Medien des “(links)liberalen Spektrums” erschienen. Zudem gehört sie zu den Autorinnen von „Salonkolumnisten“. (*siehe Nachtrag)

Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass Wendland auf dem Blog „Achgut“ einen Text (der später nach Auskunft Wendlands unerlaubt von EIKE übernommen wurde) veröffentlicht hat mit dem Titel: „Total verstrahlt: Die ARD und ihre Atom-Berichterstattung“ – Wendland findet sie viel zu einseitig. Und nun darf ausgerechnet sie im „Zukunfts-Podcast“ der ARD – weitgehend ungestört von kritischen Fragen – ihre Position vortragen.

Die Frage, ob die beiden Journalist*innen nichts von Wendlands Aktivitäten wussten, und falls doch, wieso es unerwähnt bleibt, lässt die ARD auf unsere Nachfrage unbeantwortet. Es heißt stattdessen, sie sei „eindeutig als Atomkraft-Befürworterin“ vorgestellt worden. Was richtig ist. Allerdings wäre es für die Hörer*innen von elementarer Bedeutung gewesen, noch mehr über ihre möglichen Beweggründe und ihren Hintergrund zu erfahren.

Doch leider: Fehlanzeige. Moderator Kliss preist im Podcast ein Buch von Wendland zur Atomkraftnutzung an („Viele Seiten, sich eine Meinung zu bilden“), um dann erneut den vermeintlichen Fakt zu präsentieren:

„Wofür man ja nicht so lange forschen muss: Wenn wir mit Atomkraft Energie produzieren, dann wird da sehr wenig CO2 freigesetzt. Der ganze Prozess ist nicht so sauber wie bei Wind oder Sonnenenergie. Aber es ist deutlich besser, als fossile Energieträger wie Kohle oder Erdgas zu verbrennen.“

Das ist nicht falsch, aber ganz so einfach ist es dann auch wieder nicht. Zwar emittieren Kernkraftwerke im Betrieb keine Treibhausgase, aber Atomstrom ist keineswegs CO2-frei. Betrachtet man den gesamten Weg – von Uranabbau, Brennelementherstellung, Kraftwerksbau und -rückbau bis zur Endlagerung – so ist in den einzelnen Stufen zum Teil ein hoher Energieaufwand nötig. Wobei dann eben auch Treibhausgase erzeugt werden.

Rosinenpickerei bei den Fakten

ARD-Korrespondent Kliss hingegen formuliert:

„Jenseits vom Atommüll. Schöne Vorstellung eigentlich. Die Atomkraftwerke produzieren immer genug Strom, und die Klimaziele erreichen wir ganz nebenbei.“

Sind wir Deutschen also ein bisschen doof, dass wir die Sache mit der Atomenergie beenden wollen? Haben wir es mit einem klassischen Fall von German Angst zu tun? Dieser Eindruck drängt sich nach den ersten Minuten Zuhören zumindest auf.

Ganz so isoliert ist Deutschland in Europa, wie im Podcast mehrfach angedeutet, mit seiner Strategie, zeitgleich aus Kohle- und Atomstrom auszusteigen, allerdings nicht. Auch Belgien und die Schweiz haben einen Atomausstieg angekündigt. Italien hat sein letztes AKW schon in den 1980er-Jahren stillgelegt und plant, sich deutlich vor Deutschland aus der Kohle zu verabschieden. In Irland, Dänemark, Österreich und Norwegen gibt es keine AKW.

Tatsache ist auch, dass es bislang weltweit kein einziges Endlager gibt für die vielen Tonnen extrem gefährlichen Mülls, der für hunderttausende Jahre radioaktiv strahlt. Allein mit dieser ungelösten Endlagerungsfrage, die von ARD-Korrespondent Kliss leichtfertig weggewischt wird, ließen sich viele Zukunfts-Podcasts füllen.

Im weiteren Verlauf wirken die beiden Moderator*innen weniger wie kritische Fragesteller, sondern eher wie freundliche Stichwortgeber für Wendland. Diese gibt sich verständnisvoll für die „Ängste“ der AKW-Gegner, findet aber, man müsse das immer abwägen – was ein hervorragender Zeitpunkt gewesen wäre, deutlich zu machen, woher die gar nicht so irrationalen Bedenken in Bezug auf Kernenergie kommen.

Tschernobyl, zum Beispiel. War da was? Oder damals, 1977: Deutschland schlitterte nur Sekunden an einem GAU vorbei, als Block A des Atomkraftwerks Gundremmingen außer Kontrolle geriet. Schon vergessen? Oder eben Fukushima: In Folge eines Tsunamis überschwemmte Wasser die Notstromaggregate, die Kühlung fiel aus, Brennstäbe schmolzen, große Mengen radioaktiver Emissionen wurden freigesetzt und kontaminierten Luft, Böden, Wasser und Nahrungsmittel.

Diese Tragödie wird noch lange nachwirken: Die japanische Regierung plant, eine Million Tonnen kontaminiertes Wasser aus dem zerstörten AKW ins Meer abzulassen – mit unbekannten Folgen für die Umwelt. Und der Schock nach Fukushima führte auch dazu, wie im Text zum Podcast fast richtig beschrieben, den Atomausstieg zu besiegeln – nachdem das Kabinett Merkel II zuvor den von der rot-grünen Regierung bereits zur Jahrtausendwende eingeleiteten Atomausstieg durch Laufzeitverlängerungen sabotiert hatte.

Bedeutung der Atomenergie für den Klimaschutz

Problematisch ist im Podcast auch der Umgang mit der angeblichen Menge CO2, die wir einsparen würden, wenn die verbleibenden sechs deutschen AKW nicht, wie politisch mühsam ausgehandelt, Ende 2022 vom Netz gingen. Wendland darf als Fakt präsentieren, dass Deutschland dann ein Zehntel weniger CO2 ausstoßen würde. Widerspruch gibt es keinen.

Aber stimmt das?

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass Atomkraft keine so große Rolle bei der deutschen Stromversorgung mehr spielt, wie gerne behauptet. Der Anteil der Kernenergie liegt im deutschen Strommix bei nur noch 12,5 Prozent, der Anteil der erneuerbaren Energien lag im vergangenen Jahr laut Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) bereits bei mehr als 50 Prozent.

Solar- und Windenergie übertrafen damit auch erstmals die Summe aller fossilen Energiequellen. Der Anteil der erneuerbaren Energien hat sich von 2010 bis 2020 mehr als verdoppelt. Der Anteil der Kernkraft am deutschen Strommix hat sich im selben Zeitraum halbiert.

Die CO2-Emissionen sind bislang durch den Atomausstieg nicht gestiegen. So schreibt es beispielsweise Patrick Graichen, Direktor des Thinktanks Agora Energiewende, der anlässlich des traurigen zehnten Fukushima-Jahrestags die deutsche AKW-Ausstiegsbilanz in einem Twitter-Thread zusammenfasst.

Zwischen 2011 und 2015 sind die Emissionen des Stromsektors aber auch kaum gesunken. Ob sie das ohne den Atomausstieg getan hätten, lässt sich kaum beantworten, so Graichen. Auch deshalb nicht, weil der Ausstieg und der Ausbau der Erneuerbaren Energien zwei politische Entscheidungen waren, die eng zusammenhingen. Doch die Hörer*innen erfahren nicht, dass es in Expertenkreisen auch andere Auffassungen zur Relevanz der Atomenergie, zum Klimaschutz oder zur Energieversorgung allgemein gibt.

Der Umbau des Energiesystems ist aufgrund der Fluktuation von Wind- und Solarstrom komplex, eine echte Jahrhundertaufgabe. Graichen weist etwa darauf hin, dass es den Bau neuer Stromtrassen bedarf. Um den Strom aus Kohle und Atom zu kompensieren, müssen weitere Wind- und Solarkraftanlagen gebaut werden, und zwar deutlich schneller und viel mehr als bisher.

Ist Graichen mit solchen Aussagen einer dieser ominösen „Erneuerbaren-Enthusiasten“, von denen Wendland spricht? Und falls ja, was ist dann Wendland? Eine „Atom-Enthusiastin“?

Naive Fragen, fehlende Einordnung

Der Podcast ist laut ARD-Hauptstadtstudio als „fiktives Szenario“ gedacht, bei dem die jeweiligen Moderator*innen ein Thema von verschiedenen Seiten beleuchten. Dass sie dabei keine „Pro“- oder „Contra“-Rolle einnehmen, verstehe sich von selbst. Die Folge zur Atomkraft sei „zugespitzt“, schreibt die ARD, bedeute aber „keine Vorfestlegung ‚pro Atomkraft'“. Die Podcast-Moderatoren berichteten „ohne Aktivismus“, das gelte für jede Ausgabe.

Tatsächlich kommen später im Beitrag noch Fachleute zu Wort, die durchaus kritisch über Risiken, Atommüll, Endlager und bessere Alternativen sprechen; ganz einseitig ist es also nicht, darauf legt auch die ARD wert. Zumal das Fazit des Podcasts laute, „dass eine Rückkehr zur Atomkraft äußerst unrealistisch ist und viele Probleme mit sich bringen würde“.

Allerdings drängt sich beim Hören schon der Eindruck auf, dass Justus Kliss eine Pro-Atomkraft-Position einnimmt. Und weder seiner Kollegin Wolfskämpf gelingt es, hier einen Gegenpol zu bilden, noch schaffen es die Aussagen der weiteren Expert*innen.

Im Laufe des Podcasts geht es auch um die Klimaschutzbewegung Fridays for Future und wie die zum skizzierten Szenario steht, der Rückkehr zur Atomkraft. Dazu sagt Achim Brunnengräber, Privatdozent im Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften der Freien Universität Berlin, dass in der „neuen Generation“ die Überlegung eine Rolle spielt, „ob denn nicht modulare kleine Reaktoren uns voranbringen könnten“. Ob er diese Behauptung belegen kann, vergessen die beiden Journalist*innen leider zu fragen.

Zu den angesprochenen modularen kleinen Reaktoren hat das Öko-Institut im März ein Gutachten vorgelegt, in dem es insgesamt 31 Konzepte der „small modular reactors“ (SMR) untersucht – und es bewertet sie durchweg als kritisch. In der „Süddeutschen Zeitung“ zitiert Energiejournalist Michael Bauchmüller den Nuklear-Experten des Öko-Instituts und Mitautor der Studie, Christoph Pistner:

„Völlig unkalkulierbar würden die Risiken, sollten die Anlagen tatsächlich massenhaft zum Einsatz kommen […] Da gibt es auf jeden Fall mehr Probleme, als es Lösungen gibt.“

Man hätte im Podcast auch noch überlegen können, wie wahrscheinlich es ist, dass Menschen, die – wie von Kliss erwähnt – schon ein Problem mit einem Windrad in ihrer Nähe haben, stattdessen ein Mini-AKW im Vorgarten tolerieren würden. Doch so weit geht das Gedankenexperiment nicht.

Das PLURV-Meter schlägt leider aus

Der Klimaforscher Michael Mann hat in seinem Buch „Der Tollhaus-Effekt“ die Taktik, sich beim Klimaschutz auf Technologien wie SMR verlassen zu wollen, die irgendwann in der Zukunft funktionieren könnten, als fortgeschrittene Stufe der Klimakrise-Leugnung eingestuft. Eine Nebelkerze, um von den eigentlich bekannten und vorhandenen Lösungen abzulenken: Energie einsparen und erneuerbare Energien ausbauen. Um das 2-Grad-Ziel nicht zu reißen, auf das sich die Weltgemeinschaft in den Pariser Klimaverträgen geeinigt hat, müssen in dieser Dekade die Treibhausgasausstöße erheblich gesenkt werden. Nichtexistente Mini-AKWs werden da nicht helfen.

Auf Nachfrage teilt das ARD-Hauptstadtstudio mit, dass dieser Ausgabe des „Tagesschau“-Podcasts „sowohl Voreingenommenheit dafür als auch dagegen unterstellt“ wurde. Beides sei nicht richtig: „Es war uns vielmehr wichtig, das Thema sachlich von allen Seiten zu beleuchten.“ Die Reaktionen hätten aber gezeigt „wie sehr das Thema polarisiert“, Kritik wolle man ernst nehmen und in der Redaktion besprechen.

Und natürlich spricht überhaupt nichts dagegen, Gedankenexperimente anzustellen und journalistisch über den Atomausstieg, Atomenergienutzung oder Forschung an Reaktor-Technologien zu berichten. Das Problem ist vielmehr die Art, wie dieses Szenario hier verhandelt wird.

Das Portal klimafakten.de hat einen Merkzettel erstellt, woran man Desinformation identifizieren kann: Pseudo-Experten, Logik-Fehler, unerfüllbare Erwartungen, Rosinenpickerei und Verschwörungsmythen (PLURV). Es treten also zum Beispiel Pseudo-Experten als Gegenpart zu tatsächlichen Fachleuten auf, oder man sammelt aus einem großen Fundus an Daten gezielt jene raus, die zur eigenen These passen – und ignoriert die anderen.

Absicht soll hier nicht unterstellt werden, aber angesichts der Auswahl und Gewichtung der Expert*innen, der zum Teil unkritischen bis naiven Fragestellung und der oftmals fehlenden Einordnung schlägt das PLURV-Meter bei diesem Podcast doch leider schon weit nach oben aus – und zwar bei den Kriterien Rosinenpickerei, Logik-Fehler und unerfüllbare Erwartungen.

Die Auswahl der Expert*innen und deren Aussagen wirkt wie Rosinenpickerei zugunsten der These „Atomenergie stützt Klimaschutz“. Ein*e Expert*in, die die Grundthese anders einschätzt – und davon gibt es ebenfalls viele – kommt nicht zu Wort. Vorzüge von bereits am Netz befindlichen oder möglichen künftigen AKWs, darunter sogar Technologien, von denen noch nicht einmal einen Prototyp existiert, werden ausführlich besprochen, ohne dass die Negativseiten ausreichend dargestellt werden. Weil die kritischen Aspekte nicht ausreichend beleuchtet sind, werden sowohl in Hinblick auf den Klimaschutz als auch auf die Endlagerungs-Problematik nicht erfüllbare Erwartungen geweckt.

Da die Klimakrise nur durch eine schnelle, weltweite Senkung der Emissionen bekämpft werden kann, stellt es einen Logikfehler dar, so zu tun, als könnte man dies mit noch nicht einmal baureifen Anlagen oder Reaktoren, deren reiner Bau zuletzt im Durchschnitt knapp zehn Jahre bedurfte, leisten.

Um das Thema Atomkraft und Klimaschutz zu beleuchten, sollte man langwierige Genehmigungsverfahren für neue Nuklearanlagen und die komplizierte politische Gemengelage vorstellen, wenigstens die Grundlagen des Energiesystems vermitteln und zum Zeitraum ins Verhältnis setzen, in dem die globalen CO2-Emissionen zunächst halbiert und dann auf nahe Null reduziert sein müssen. Dem Podcast der Tagesschau ist das leider nicht gelungen.

Offenlegung: Die Autorin saß als Kind im Fallout von Tschernobyl und befürwortet den Atomausstieg.

Korrektur, 24.4.2021. Versehentlich stand im Text, das Öko-Institut habe ein Gutachten zu „nicht modularen kleinen Reaktoren“ vorgelegt, aber natürlich sind es „modulare kleine Reaktoren“.

Nachtrag, 24.4.2021. Anna Veronika Wendland kritisiert unter anderem, dass wir sie in einer Zwischenüberschrift als „Expertin“ bezeichnet haben, in Anführungsstrichen. Wir haben das geändert und bitten, es zu entschuldigen. Wendland schreibt außerdem, EIKE habe ihre Beiträge „ohne meine Erlaubnis nachpubliziert und meine Aufforderung, sie von ihrer Seite zu nehmen, mit anwaltlichen Schreiben beantwortet“. Wir haben das ergänzt.

Nachtrag, 7. Mai 2021. Gemeinsam mit den Riffreportern, mit denen wir bei diesem Kommentar kooperieren, haben wir den Text noch einmal ergänzt: um Informationen zum wissenschaftlichen Hintergrund von Frau Wendland und zu ihrer publizistischen Tätigkeit. Außerdem hat unsere Autorin am Ende präzisiert, welche Merkmale von PLURV in ihren Augen hier greifen. Missverständnisse bitten wir zu entschuldigen.

44 Kommentare

  1. Leider wird auch immer, wie in dem Podcast auch, eine Dichotomie der sachlichen, nüchternen Betrachtung auf der einen-, gegen die emotionale, verunsicherte Abwehrhaltung auf der anderen Seite, entworfen.
    Gerade manche sonst sehr nüchterne Wissenschaftler sind, wie mir unlängst wieder einmal auffiel, mitunter bereit zu „gamblen“, wenn es um ihr Steckenpferd geht..
    Die Geschichte der Forschung hin zur Kernfusion strotzt vor überraschenden Ankündigungen mit sicher folgenden Terminverschiebungen. Diese Technologie also in der Energiewende zu berücksichtigen ist ein Spiel mit geringen Chancen und sehr hohen Einsätzen.
    AKWs in der jetzigen Form können nur einen sehr geringen Teil unseres Bedarfes abdecken. Das ergibt sich schon aus unserer Lage in Mitteleuropa, dem Bedarf an Kühlwasser und dem resultierenden Mangel an Standorten ( der Klimawandel reduziert diese weiter ).
    Neue AKWs haben mitunter sehr lange Vorlaufzeiten und neigen chronisch dazu, ein Vielfaches mehr zu kosten, als geplant. In Finnland hat der 3. Block des AKW Olkiluoto 16 Jahre Bauzeit gebraucht und soll statt der ursprünglichen 3 Milliarden 9 Milliarden € gekostet haben.
    Es würde sich kein Privatunternehmen in Deutschland finden, welches bereit wäre, ohne Komplettabsicherung des unternehmerischen Risikos so ein Projekt anzugehen.
    So sind es in der Regel auch die Nationen, die auch Nuklearwaffen besitzen, die weiter auf AKWs setzen.
    Weder die gehypten Brütertechnologien ( Beispiel Russland ), noch die modularen Kleinkraftwerke wie sie Bezos plant, sind realistisch beim deutschen Bürger durchsetzbar.
    Billig ist der Kram nie gewesen und wird es auch nie. Der Bürger bezahlt halt via Steuergroschen. Und das open-end, Ausstieg oder nicht.
    Also auch ganz nüchtern betrachtet, ist Atomkraft zumindest eine sehr fragwürdige Option.

  2. Die Frage wäre ja eher nicht, ob man neue AKWs baut, sondern die alten länger laufen lässt, bis die Energiewende weiter vorgeschritten ist.
    So wie man Lockdowns verlängert, bis die Impfung weiter fortgeschritten ist.

  3. @MYCROFT:
    Es gibt durchaus diejenigen, die neue AKWs wollen oder aber gleich auf Fusion setzen.
    Weitere Laufzeitverlängerungen bedeuteten in jedem Fall Abstriche an den Auflagen. Ein Vorhaben, welches sowieso politisch nicht durchsetzbar ist, noch unattraktiver zu machen, wäre da auch kontraproduktiv.
    Aber vor allem haben die Betreiber überhaupt kein Interesse daran.
    h_t_t_p_s_:_/_/www.tagesspiegel.de/wirtschaft/akw-betreiber-gegen-laengere-laufzeiten-die-nutzung-der-kernenergie-hat-sich-erledigt/24422262.html

    Realpolitik sieht anders aus.

  4. „@MYCROFT: Es gibt durchaus diejenigen, die neue AKWs wollen oder aber gleich auf Fusion setzen.“
    Ja, und? Ich kann trotzdem auf dem Standpunkt sein, dass AKWs keine Alternative zu Solarenergie ist, aber eine Alternative zur Kohle, bis Solar flächendeckend vorhanden ist.

    „Weitere Laufzeitverlängerungen bedeuteten in jedem Fall Abstriche an den Auflagen.“ Wieso „weitere“ Laufzeitverlängerungen? „Ein Vorhaben, welches sowieso politisch nicht durchsetzbar ist, noch unattraktiver zu machen, wäre da auch kontraproduktiv.“ Das wäre die zweite Frage: welche Risiken nimmt man in Kauf, um andere Risiken zu minimieren? Bzw., wenn man die Wahl hat zwischen Pest und Cholera, hat Cholera vllt. doch eine Mehrheit.

    „Aber vor allem haben die Betreiber überhaupt kein Interesse daran.“
    Das betrifft ja nur die Betreiber in Deutschland.

  5. Als ob erneuerbare Energien „CO²-frei“ wären!
    Atomkraft aufgrund vergangener Erfahrungen mit uralten Reaktoren die auf absoluter Fahrlässigkeit beruhten, komplett zu verteufeln ist ein klimapolitischer Schuss ins Knie, und die Fossil-Lobby freut sich. Wir werden Atomkraft zumindest eine Weile gemeinsam mit Erneuerbaren brauchen, wenn wir sofort sämtliche fossile zurückfahren wollen – und das ist die oberste Priorität im Moment!

    kurzgesagt: Do we need Nuclear Energy to Stop Climate Change? https://www.youtube.com/watch?v=EhAemz1v7dQ

    kurzgesagt: How many people did nuclear energy kill?
    https://www.youtube.com/watch?v=Jzfpyo-q-RM

  6. #5
    >>>Ja, und? Ich kann trotzdem auf dem Standpunkt sein, dass AKWs keine Alternative zu Solarenergie ist, aber eine Alternative zur Kohle, bis Solar flächendeckend vorhanden ist.<<<
    Dazu müsste neu gebaut werden. Laufzeitverlängerungen reichen bei weitem nicht, um die Kohle bei der Grundlast abzulösen.
    "Wieso „weitere“ Laufzeitverlängerungen?"
    Weil die 2010 beschlossenen großzügigen Laufzeitverlängerungen alle nach Fukushima wieder gecancelt wurden. Die Dinger laufen alle aus.
    Spätestens 31.12.2022.
    Was da noch läuft ( etwa 11-12% ) ist perspektivisch nicht einmal Grundlast sicher. Ab 25° Wassertemperatur des zugeleiteten Kühlwassers müssen die Meiler runtergefahren werden. Hitzewelle plus Flaute … und dann?
    "Das wäre die zweite Frage: welche Risiken nimmt man in Kauf, um andere Risiken zu minimieren?"
    Moderne Gaskraftwerke, die wirklich nur im Bedarfsfall und ab und zu zur Kontrolle/Wartung angefahren werden, sind weit effektiver zur Grundlastabsicherung.
    "Das betrifft ja nur die Betreiber in Deutschland."
    Ja, da lebe ich.
    Der einzige andere Betreiber, der in D aktiv war, war m.W. Vattenfall. Und die haben sicher kein Interesse, bei der Kohle die in die neue Imagekampagne bereits geflossen ist.

  7. „Dazu müsste neu gebaut werden. Laufzeitverlängerungen reichen bei weitem nicht, um die Kohle bei der Grundlast abzulösen.“ Das habe ich auch nicht gesagt. Wenn zum Zeitpunkt x Solar und Wind noch nicht 100% der Grundlast liefern, muss man so lange ein anderes Kraftwerk stehen lassen. Laufzeitverlängerung fürs AKW hieße, dass man ein Kohlekraftwerk abbauen kann.

    „Weil die 2010 beschlossenen großzügigen Laufzeitverlängerungen alle nach Fukushima wieder gecancelt wurden.“ Dann wäre es keine „weitere“, sondern eine „neue“ Laufzeitverlängerung.

    „Was da noch läuft ( etwa 11-12% ) ist perspektivisch nicht einmal Grundlast sicher.“ Ja, deshalb wird die Grundlast derzeit teilweise aus AKWs in Nachbarländern importiert.

    „Moderne Gaskraftwerke, die wirklich nur im Bedarfsfall und ab und zu zur Kontrolle/Wartung angefahren werden, sind weit effektiver zur Grundlastabsicherung.“ Sicher? Grundlast heißt für mich der Bedarf, der ständig herrscht. Was Sie jetzt beschreiben, ist die Spitzenlast. Aber auch da ist es so, dass Gaskraftwerke erstmal gebaut werden müssen, zwotens eine ausreichende Gasversorgung benötigen und drittens CO2 produzieren. Und bis es soweit ist, wie gesagt…

    „Ja, da lebe ich.“ Ja, ich auch. Aber ich bekomme einerseits Strom aus AKWs in Belgien, Frankreich oder Tschechien, andererseites bekäme ich den Fallout ab. Insofern halte ich das für ein zumindest europäisches Problem.

    Oder, wenn Sie mich fragen, die langfristig beste Lösung wäre Solarstrom in Afrika, der Wasserstoff produziert und nach Europa schickt.

  8. Danke für den wichtigen Beitrag. Die Propagandamaschine zum Thema Atomkraft läuft gerade erst langsam an, um nach der Bundestagswahl auf volle Kraft zu gehen.
    Die Öffentlich-Rechtlichen mischen da kräftig mit:
    https://www.3sat.de/gesellschaft/makro/wirtschaftsdokumentation-zurueck-zum-atom-finnlands-nukleare-zukunft-100.html

    Diese hier auch wieder mit Wendland:
    https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/strahlendes-comeback–rettet-atomkraft-das-klima-100.html

    Man muss sie kritisch im Auge behalten. Sonst ist die erste Amtshandlung von Kanzlerin Baerbock die Verlängerung der Laufzeiten.

  9. Um im Duktus des Artikels zu bleiben: Wer ist diese Daniela Becker, und wieso darf sie bei Übermedien unwidersprochen und mit selektiver Quellenauswahl Desinformation verbreiten?

    Habe soeben mein Abo gekündigt, zumindest bis Wendland hier eine Gelegenheit zur Erwiderung erhält. Sorry Leute, aber bei dem Thema verstehe ich keinen Spaß.

  10. Nachdem ich drüber geschlafen habe, nochmal mit weniger Emotion: Dieser Artikel wird dem Qualitätsniveau, das ich von ÜM gewohnt bin, bei Weitem nicht gerecht. Es ist nicht der erste, über den ich mich geärgert habe, aber der erste, bei dem ich es nicht mehr akzeptabel finde.

    Wo es um Wendland als Person geht, ist der Artikel einfach unsauber recherchiert, ergeht sich in ad-hominem, guilt by association sowie Geraune um ihre „möglichen Beweggründe“ und lässt mich bereits deshalb stark an der Qualitätskontrolle zweifeln.
    Wo es um technisch-inhaltliche Fakten geht, strotzt er nur so vor Pseudo-Argumenten, Irreführungen und teils auch schlicht Falschaussagen. Wahrscheinlich springt mir das besonders ins Auge, weil ich hier mehr im Thema bin als bei anderen Artikeln, ich denke aber, dass Manches davon unmittelbar hätte auffallen müssen, bevor Becker das so veröffentlichen durfte. Ich kann das gerne an konkreten Punkten erläutern, es könnte aber lang werden.
    Der schmallippige Verweis auf Wendlands Kritik, den ihr nachträglich am Ende angefügt habt, ist m.E. sehr dürftig.

    Mein Appell an Übermedien: Das Thema Klimakrise und wie man sie wirksam bekämpfen kann ist zu wichtig, als dass ich euch das Wiederkäuen bequemer Wohlfühl-Halbwahrheiten auf so dünner Argumentationsbasis durchgehen lassen könnte. Bitte werdet wieder auch und gerade bei solchen Themen kritisch und genau, bei denen die vermeintlich richtige Haltung bereits festzustehen scheint.

  11. Dürfen „Gedankenexperimente“ nicht mehr sein?
    Wer die Frage stellt, ob es aus Sicht der CO₂-Reduktion nicht besser wäre, vorhandene Kernkraftwerke weiter laufen zu lassen, statt fossile Brennstoffe einzusetzen, gehört gleich zur Lobby.
    Nur mal so angemerkt: Der Bau bereits bestehender Kraftwerke verursacht keinen CO₂-Ausstoß mehr. Trotzdem wird dieser Aufwand von den Kernkraftgegnern immer herangezogen, um eine angeblich schlechte Bilanz der Kernkraft zu berechnen.

    Ich schätze Übermedien sehr, aber diese Art von Gesinnungspolizei, wie sie im Beitrag von Daniela Becker zum Ausdruck kommt, ist kaum erträglich.

    Am entlarvendsten ist diese Stelle:
    „Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass Wendland einen Text veröffentlicht hat mit dem Titel: „Total verstrahlt: Die ARD und ihre Atom-Berichterstattung“ – Wendland findet sie viel zu einseitig. Und nun darf ausgerechnet sie im „Zukunfts-Podcast“ der ARD – weitgehend ungestört von kritischen Fragen – ihre Position vortragen.”
    Ach so, da hat jemand die ARD kritisiert, dann darf sie oder er auf keinen Fall mehr dort zu Wort kommen.

    Von mir gibt es jetzt erst einmal eine gelbe Karte für diesen Beitrag.

  12. @12 wäre interessiert welche der Aussagen im Artikel falsch sind, Pseudo-Argumente beinhalten oder nur Wohlfühl-Halbwahrheiten präsentieren. Wohl weil ich nicht so sehr drin bin im Thema, sind die mir nicht ins Auge gesprungen. Wäre also dankbar für Erläuterungen und bestenfalls Belege, fall die Zeit das hergibt.

  13. Vor einem Jahr hatte ich irgendwo gelesen, man solle Baerbock nicht unterschätzen. Es sei ihr zuzutrauen, dass sie die Atomkraft wieder etablieren wird.
    Schien mir kühn, diese Aussage damals.

    Seit ungefähr einen Monat sieht man mit Staunen, dass die Mainstreammedien allesamt Beiträge im Angebot haben mit dem Tenor „Atomkraft – wäre nicht schlecht“.
    Ob da jemand was orchestriert?

    Insoweit kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Daniela Becker irgendwie den letzten Schwenk verschlafen hat.

    Aber nicht nur der Artikel hat so einige Leckerli im Angebot, auch kommentartechnisch kommt interessantes. Z.B. dieses:

    Als Ergänzung zum Beitrag: https://ourworldindata.org/cheap-renewables-growth
    Daraus geht ganz klar hervor, dass der Ausbau von Solar und Wind (Onshore) das Beste ist bezüglich Kosten, Sicherheit und CO2.

    Schade dass der Autor nicht sagt wie das kommt, dass wir in D die weltweit höchsten Energiepreise zahlen müssen für die angeblich so cheap renewables.

  14. eigentlich kann doch jegliche diskussion über die vermeintliche praktikabilität der stromerzeugung mit AKW schon bei der frage, nach dem müll enden. seit 80 jahren haben die physiker keine lösung für das problem, wohin mit dem strahlenden abfall. schlimmer noch, bei der Asse durften sie zeigen, was sie können, wie man mit radioaktivem müll umgeht und sie haben auf ganzer linie versagt! für das versagen können sie noch nicht mal irgendwelche anti-akw-aktivisten oder politiker verantwortlich machen, die industrie hatte dort praktisch freie hand.

    und es hat sich nichts an der müllsituation geändert.

    offensichtlich ist es aber finanziell machbar sich weiterhin medien zu kaufen. die ard ist bestimmt nicht so teuer wie hinkley point und dergleichen.

  15. Vielleicht mal zum Verständnis:
    1. Die Menge des Atommülls erhöht sich nur unwesentlich, wenn die bestehenden Kernkraftwerke länger als vorgesehen betrieben wird.
    2. Die Menge des ausgestoßenen CO2 erhöht sich aber gewaltig, wenn stattdessen fossile Brennstoffe verbrannt werden.
    3. Es geht nicht darum, neue Kernkraftwerke zu bauen, sondern bestehende Anlagen bestmöglich zu nutzen.

  16. Leider veröffentlicht: Der Atom-GAU bei Übermedien

    Das ist wirklich ein indiskutabler Beitrag zum Thema. Wer ist diese „Expertin“? Wieso diese Rosinenpickerei bei den Fakten? Mein PLURV-Meter schlägt leider bis weit über den roten Bereich hinaus aus.

    Ich muss mich da ÜberFall und Lutz Cleffmann anschließen. Ich weiß nicht, was Frau Becker als „Umweltwissenschaftlerin“ für eine Expertise hat, vom Energiemarkt hat sie jedenfalls nicht den blassesten Schimmer. Dafür aber eine Meinung. Eine sehr wohlfeile, bequeme Meinung. Da stören Fakten nur.

    Und wer die Meinung nicht teilt, der wird halt in AfD-Nähe geraunt. Das ist einfach nur unanständig. Übrigens: Samira El Ouassil hat schon Beiträge bei der „Achse des Guten“ veröffentlicht. Hinfort mit ihr!

    Ich habe jetzt keine Lust, all die Ungenauigkeiten und Fehler aus dem Artikel auseinanderzunehmen. Sind mir erstens zu viele und zweitens sind sie offensichtlich genug.

    Ich würde jetzt auch gerne mit Abokündigung drohen, aber dafür ist es zu spät, schon lange geschehen. Aber dieser Artikel ist wirklich ein schlimmer Tiefpunkt.

  17. Liebe Atomkraft-Fans, eure Überzeugungskraft leider darunter, wenn ihr nur schreibt „die Autorin ist doof, ihre Argumente falsch, ich kündige!“, in Bezug auf Argumente, die euch nicht überzeugen, aber bloß verkündet, das sei ja offensichtlich und müsse nicht näher erläutert werden.

  18. @19 Mr Re

    Welche Atomkraft-Fans meinen Sie genau? Mich können Sie nicht meinen und weder bei ÜberFall noch bei Lutz Cleffmann kann ich das erkennen.

    Ein paar Worte zum Inhalt:

    Unter „Wer ist diese Expertin“ unterstellt der Artikel nach wie vor eine AfD-Nähe von Frau Wendland. Der Nachtrag vom 22.04. zerschießt diese Unterstellung, und trotzdem steht sie immer noch da. Wieso wird das nicht korrigiert?

    Im Weiteren schreibt Frau Becker: „Zwar emittieren Kernkraftwerke im Betrieb keine Treibhausgase, aber Atomstrom ist keineswegs CO2-frei.“ Was für eine Binsenweisheit. Liest man den verlinkten Artikel oder googelt sich ein paar Studien zur CO2-Emission verschiedener Energiequellen zusammen (dauert eine Minute!), stellt man fest, dass die CO2-Emissionen bei Kernkraft über den Lebenszyklus kaum über denen von Windkraft liegen, weit unterhalb von z.B. Solarstrom. Stattdessen suggeriert Frau Becker was ganz anderes. Und beschwert sich dann über Rosinenpickerei bei den Fakten seitens ARD/Wendland. Entweder weiß es Frau Becker nicht besser oder sie lässt das aus anderen Gründen bewusst weg.

    Weiter:
    Wie Frau Becker richtig schreibt, liegt der Anteil der Kernenergie im deutschen Stommix derzeit bei etwas über zehn Prozent. Dieser Anteil wird nach dem Ausstiegsszenario demnächst auf Null sinken. Es gibt dereit keinerlei Aussicht, dass diese Versorgungslücke durch EE-Strom kurzfristig auch nur teilweise ausgeglichen werden kann. Man schaue sich dazu einfach mal die aktuellen Ausbauquoten an. In einer Zeit übrigens, in der wir den Stromverbrauch in Deutschland immer weiter erhöhen, z.B. durch den Ausbau der Elektromobilität. Überhaupt: es geht doch überhaupt nicht um Kernenergie contra EE-Strom. Es geht darum, Stromerzeugung aus fossilen Rohstoffen und damit CO2-Emissionen so weit wie möglich zu minimieren. Wenn Frau Becker sich mal für ein Stündchen mit jemandem aus einer Netzleitzentrale oder einem/r sonstigen Fachmann/frau aus der Energiewirtschaft unterhalten würde, könnte sie vielleicht erkennen, wie ungeheuer komplex so ein Stromnetz ist und dass ein simpler Ausbau der Erneuerbaren schon bald an technische Grenzen stoßen wird.

    Ich könnte diesen Artikel seitenweise weiter auseinander nehmen. Hier fehlt es einfach an einem Mindestmaß an technischem Verständnis, das ist alles vollkommen substanzlos und damit irgendwie auch populistisch.

    Ich habe die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl auch mitbekommen. Und ich habe Kernenergie auch schon immer abgelehnt. Aber in den letzten Jahren habe ich auch verstanden, dass wir eine weltweite Klimakrise haben, die das Leben von Millionen Menschen bedroht. Wir können nicht darauf warten, dass Deutschland in einigen Jahrzehnten mal emissionsfrei Strom produziert. Wir müssen jetzt handeln, und da muss man sich (unter vielen vielen anderen Punkten) zumindest mal fragen (!), ob es sinnvoll sein könnte, bestehende Kernkraftwerke, die weitgehend emissionsfrei Strom erzeugen, weiter zu betreiben. Nicht, weil man es geil findet sondern aus purer Not. Es gibt dabei durchaus (technische) Argumente, die gegen die Kernenergie sprechen (z.B. die kaum vorhandene Regelbarkeit), aber die lese ich in dem schrecklich oberflächlichen Beitrag von Frau Becker nicht. Da lese ich nur Ideologie und Inkompetenz raus.

    Es ist zum Heulen, dass diese Diskussion nach wie vor auf Kindergartenniveau geführt wird. Ansonsten: bitte den letzten Absatz von @12 ÜberFall nochmal lesen.

  19. Danke für den guten Artikel!

    Die Studienlage zur Atomkraft zeigt meiner Ansicht nach überzeugend, dass neue Anlagen aus verschiedenen Gründen nicht zur Rettung des Klimas beitragen können. (Zu spät, zu teuer, zu viele andere Risiken (z.B. Proliferation von Atomwaffen). Das wird in vielen Medien nicht klar genug benannt.

    Hier ein Beispiel einer Metastudie aus Österreich: https://www.heise.de/news/Studie-Atomkraft-ist-nicht-nachhaltig-und-hilft-nicht-im-Klimawandel-5046080.html

    Oder International:
    Sovacool BK et al. „Differences in carbon emissions reduction between countries pursuing renewable electricity versus nuclear power.“ Nature Energy volume 5, pages 928-935(2020). http://www.nature.com/articles/s41560-020-00696-3
    Der ippnw schreibt: Die Aussage der Studie lässt sich wie folgt zusammenfassen: Atomkraft trägt nicht dazu bei, die Kohlenstoffdioxid-Emissionen eines Staates zu senken – die Verwendung von Erneuerbaren Energien hingegen schon.

    Bleibt die Frage, ob ein übergangsweises Weiterlaufen in Deutschland einen positiven Effekt hätte, da schneller weniger Kohle verbrannt würde. Hier ist es nicht ganz so klar, es muss gerechnet werden. Mir scheinen die nachvollziehbareren Argumente von den Seiten zu kommen, welche zu dem Ergebnis kommen, dass es kostengünstiger und risikoärmer sei, die Atomkraftwerke schnell abzuschalten.

    Beispiel: https://www.diw.de/de/diw_01.c.670481.de/publikationen/wochenberichte/2019_30_1/zu_teuer_und_gefaehrlich__atomkraft_ist_keine_option_fuer_eine_klimafreundliche_energieversorgung.html

    Insofern finde ich es eine berechtigte Kritik, warum einem Studiogast mit einer Position, nicht eine ähnlich erfahrene Person mit einer anderen Position entgegengestellt wird. Bei sehr tiefen Diskussionen ist eine kurze Recherche vermutlich nicht ausreichend, um wirklich sinnvoll berichten zu können, weil Berichte zusammenfassen und damit verkürzen müssen. Ein Verbesserungsvorschlag wäre: Wenn Reaktionen das bemerken (hohe fachliche Tiefe), werden sie vorsichtiger (also mehr Zeit und Budget für Recherche, Überprüfung und mehr Heranziehen von renommierten Organisationen).

  20. „Es geht darum, Stromerzeugung aus fossilen Rohstoffen und damit CO2-Emissionen so weit wie möglich zu minimieren.“
    Dass dies die einzige Prämisse sei, ist m. E. eine kommunikative Glanzleistung.

    Sooo großartig in der CO²-Gesamtbilanz ist Atomstom auch gar nicht:
    https://www.umweltbundesamt.de/service/uba-fragen/ist-atomstrom-wirklich-co2-frei
    Das Endlagerproblem ist auch ein CO²-Problem.

    Sich gegenseitig Ideologie zu unterstellen wird aber auch niemanden weiter bringen.

    Ich persönlich habe ja auch meine Probleme mit kurzgesagt-Videos (Siehe #10). Das ist, naja, ein YT Kanal, der kommerzielle Interessen hat. Das Video ist ja auch noch mal neu produziert worden, weil das erste ordentlich Gegenwind bekam. Da gehen bei mir schon die Alarmglocken an. Lieber Lesch, Gassner und Nguyen.

    Hier 2 Beiträge von Lesch zum Thema:
    https://www.youtube.com/watch?v=qdAH4019or0 (2019)
    https://www.youtube.com/watch?v=dVKWuGdarn8 (2021)

    Und ja, ich sehe das auch reell: Wie überbrückt man die Versorgungslücke nach dem Ausstieg? In 20 Monaten ist Schluss. Die erneuerbaren haben nun mal das Problem der Verfügbarkeit, das kann man auch nicht wegdiskutieren. Speicherkraftwerke bauen, dafür ist schon zu spät, wahrscheinlich. Da wird uns nur Import bleiben, und die Ironie ist natürlich nicht von der Hand zu weisen.

    Ich befürchte leider, dass hier keine Konzepte vor der Bundestagswahl kommen werden, zu heikel. Im September reden wir eh noch zu 90% über Lockerungen und „Privilegien“.
    Mit viel Glück kann die CDU ihre 15 Jahre lang versäumten Reformen
    wieder an andere Farben auslagern.
    Dann kann man 2025 sagen, was die anderen Farben nicht alles kaputt gemacht haben und die Früchte die nächsten 4 Legislaturen ernten.

  21. @21 Bernhard Reiter

    Über den Neubau von Kernkraftwerken in Deutschland brauchen wir eigentlich nicht zu diskutieren, denn das ist politisch ganz bestimmt nicht durchsetzbar. Die von Ihnen verlinkte DIW-Studie untersucht die betriebswirtschaftliche (!) Machbarkeit neuer Kernkraftwerke. Zur Emission von Treibhausgasen finde ich nur dies:

    „Zuletzt handelt es sich bei Atomkraft unter Berücksichtigung des gesamten Lebenszyklus (Bau, Betrieb, Rückbau der Anlage, Uranabbau, Brennelemente Herstellung) mitnichten um eine CO2-freie Technologie. Eine Metastudie ermittelt einen Mittelwert für die Treibhausgas-Emissionen von Atomkraftwerken von 66 Gramm CO2-Äquivalenten pro kWh. Dies entspricht etwa 20 Prozent der Emissionen eines Gaskraftwerks.“

    In der von Mycroft verlinkten Stellungnahme heißt es:
    „Laut ⁠IPCC⁠-Bericht von 2014 liegen die Treibhausgasemissionen von Kernkraftwerken über den gesamten Lebenszyklus im Bereich von 3,7 bis 110 Gramm CO2-Äquivalenten pro Kilowattstunde mit einem ⁠Median⁠ von 12 CO2-Äquivalenten pro Kilowattstunde.“

    Damit sieht die Klimabilanz eines AKW, insbesondere eines bereits gebauten und in Betrieb befindlichen, ausgesprochen gut aus, insbesondere im Vergleich mit einem Braunkohlemeiler. Im heutigen deutschen Energiemarkt (ich habe da mal mit einem Händler gesprochen) gilt Kernenergie zurzeit als praktisch kostenfrei, gefolgt von Braunkohle und Steinkohle in aufsteigender Reihenfolge. Gas ist sehr teuer, EE-Strom bei den Kosten schwer zu kalkulieren, da komplex finanziell gefördert.

    Nochmal: es liegt mir fern, Kernenergie als Lösung aller Probleme zu propagieren, aber stumpf gegen Kohlestrom und gegen Atomstrom zu sein und in den Erneuerbaren das Allheilmittel zu sehen: Das geht nur, wenn man die Realität ausblendet. Wenn man die Probleme volatiler Stromerzeugung fernab von den Stromverbrauchern und die Sensitivität eines Stromnetzes komplett ignoriert. Das kann einem das gute Gefühl geben, auf der richtigen Seite zu stehen. Ich wünschte, ich könnte das. Ignorance is bliss. Aber so rennen wir sturznaiv weiter und weiter in die Klimakatastrophe. Das kann nicht die Lösung sein. Die Lösung wird sehr kompliziert werden.

    Es gibt auch schon eine Erwiderung auf diesen Artikel: https://www.salonkolumnisten.com/uebermedien-kernkraft/

    Ich würde es begrüßen, wenn Übermedien darauf reagieren würde.

  22. Sorry, lieber Übermedien Team,
    Ich erwarte mir mehr Qualitätskontrolle bei so einem Artikel. In jedem 2. Absatz würde ich hier Dinge anstreichen weil sie missverständlich sind, suggerieren, wichtige Elemente weglassen etc
    Das könnt ihr besser

  23. @23: Bitte nicht vergessen, dass dies hier ein „Kommentar“ ist. Die Kritik von Salonkolumnisten finde ich persönlich recht amüsant, da sie genau das macht, was Sie der Autorin hier vorwirft. Und das ohne da einen Namen dran zu pinnen … „Redaktion“ ist der Autor … und ohne „Kommentar“ Kennzeichnung.
    Frau Wendland ist auch dort Autorin und hat sowas hier geschrieben: https://www.salonkolumnisten.com/oekostrom/
    Dass sich die Redaktion hinter ihre Autorin stellt, sollte nicht allzu überraschend sein.

    Ich will die Schere da jetzt nicht noch größer machen, aber lasst doch alle mal die „Ideologie“ Vorwürfe raus.

  24. @23 Ingo S.

    Mir geht es darum, dass es durchaus renommierte Personen und Argeumentslinien für eine Position „Atom-Strom nicht weiterlaufen lassen“, gegeben hätte. Beispielsweise vom DIW oder dem IPPNW. (Wer es kontroverser mag hätte auch https://www.ausgestrahlt.de/blog/2020/03/23/irrweg-der-klimakrise/ anfragen können.) Hier setzt doch die Kritik von Übermedien an. Sie erscheint mir im Grundsatz berechtigt.

    Wenn es Ihnen speziell ums Weiterlaufen in Deutschland geht, dann hätte das erhöhte Risiko von Unfällen bei älter werdenden Atommeilern angesprochen werden müssen. Vermutlich auch die teilweise Inkompatibilität der unflexiblen Atommeiler mit vielen dezentralen Erzeugungs und Speichermöglichkeiten. Dann bräuchte es wohl eine:n Modellierer:inn die zeigt, ob über die Zeit es nicht früher weniger CO2 Austausch gibt, wenn der Aufbau der denzentralen Lösungen ohne Atomkraft besser gelingen kann. Und dass Kernenergie in DE praktisch „kostenfrei“ sei, kommt mir zumindest seltsam vor.

    Bisher habe ich da keine abschließende Meinung, merke aber dass die Darstellung der Argumente in vielen Medien misslingt. Da es Übermedien um die journalistische Arbeit und Darstellung geht, finde ich es berechtigt diese beim Podcast der Tagesschau zu kritisieren, auch wenn die Autorin von Übermedien selbst nicht eine überzeugende fachliche Antwort liefern kann.

  25. „In der von Mycroft verlinkten Stellungnahme“
    Ähh, das war ich nicht.

    @Mr. Re:
    Nicht jeder, der für eine Atomkraftlaufzeitverlängerung ist, ist Atomkraftfan.
    Sonst wäre ich auch Lockdownfan, weil ich für eine Verlängerung und Verschärfung des Lockdowns bin.
    Nur von einem lockeren Lockdown hätte ich kurzfristig sogar was, in Hinblick auf die Atomkraft genieße ich keinen ihrer Vorteile (billigen Strom und gute CO-2-Bilanz), aber alle ihre Nachteile (GAU-Gefahr, Endlagerung), weil die nächsten Meiler näher bei mir sind als Tschernobyl an Moskau.

  26. Übermedien braucht nach diesem schlampig recherchierten,rufmörderischen und ideologisch satt voreingenommenen Artikel wohl eine eigene Aufpasserseite, also ein Über-Übermedien. Das Inhaltliche dazu haben einige meine Vorkommentatoren und die Salonkolumnisten schon gesagt. Am besten, ihr löscht diesen Schrott komplett. Es fällt seit langem auf, dass ihr euch gerne eine unpolitische Aufpasserfunktion zuschreibt, aber bei ALLEN ideologisch besetzten Themen brav die vom Mainstream als korrekt angesehene Meinung vertretet. Pseudounpolitisches Gebaren ist der übelste politische Spin, den man man Artikeln geben kann. Wers nicht glaubt, möge sich eine einfache Frage stellen: Wie oft wird Schrott von TAZ oder Der Freitag hier als solcher besprochen? Entweder erzeugen die keinen, oder… Dieses ‚oder‘ hat mich dann zum 5. Mai das Abo kündigen lassen. Für vorhersagbaren Frontalunterricht kann ich auch Kleber oder Gause gucken. Medienkritik ist eine schöne Idee. Aber wenn ihr eure eigenen Scheuklappen nicht mehr runterkriegt, kommt so ein Bullshit wie oben raus.

  27. @ Marcel H.:
    So, wie eine Anti-Antifa?

    @ Ingo S.: Ja, es ist nicht von der Hand zu weisen, dass noch laufende Atomreaktoren eine sehr gute CO²-Bilanz haben.
    Ich will eigentlich nur sagen, dass das nicht der einzige Faktor ist, der bei Atomkraftwerken eine Rolle spielt.
    Ich persönlich halte EE für das Allheilmittel – Nur muss man es richtig anwenden. Wie gesagt gibt es da das Speicher-Problem, das man nicht ignorieren kann. Zeit genug war eigentlich seit 2011, seitens Regierung. Und ja, auch mir kommt ein Weiterbetrieb von AKWs derzeit als sinnvolle Lösung vor. Hätte auch nie damit gerechnet, das mal zu sagen.

  28. @14 Wilke Eugen: Gut, ich will versuchen ein paar Punkte rauszugreifen, ohne Romane zu schreiben:

    Die irreführende Aussage „Atomstrom ist keineswegs CO2-frei“ wurde in @20 und @23 dankenswerterweise schon aufgegriffen: Natürlich, KEINE Energiequelle ist CO2-_frei_, der bessere Begriff wäre CO2-arm – und das ist Kernkraft über den gesamten Lebenszyklus ebenso wie Windkraft, sogar besser als Photovoltaik, mit 12 g/kWh im Median. Quelle: IPCC, seriöser geht es in Klimafragen kaum.
    Diese Unterstellung, Atomstrom sei ja gar nicht soo gut fürs Klima (die auch das Umweltbundesamt gerne so darstellt, s. Link in @22), soll der Position „Atomstrom gegen Klimawandel!“ von vornherein den Wind aus den Segeln nehmen – ein redliches Argument ist es nicht, und schon gar nicht bei bereits bestehenden Kraftwerken, die weiter betrieben werden könnten.

    Bei der damit verbundenen Frage, wie schädlich der Atomausstieg für den dt. Klimaschutz ist, laviert Becker zwischen mehreren Pseudo-Argumenten umher, etwa dass Atomstrom ja gar keinen so großen Anteil am Strommix mehr habe (natürlich, der Ausstieg ist ja längst im Gange) und Erneuerbare große Zuwächse verzeichnen. Das ist aber doch nicht die Frage! Für den Knackpunkt, wieviel weniger CO2 ohne Ausstieg drin wäre, darf Hr. Graichen von Agora Energiewende (nicht unbedingt eine neutrale Quelle) weiterlavieren, genau könne man das nicht sagen, da die entsprechenden politischen Entscheidungen ja voneinander abhängen. Aber hallo tun sie das – ohne Atomausstieg hätte der ebenfalls mühsam ausgehandelte Kohleausstieg bis 2038 auch ganz anders ausfallen können!
    Egal wie man es dreht – um zu dem völlig abwegigen Schluss zu gelangen, der Atomausstieg sei für die dt. CO2-Bilanz irgendwie doch gar nicht so schlimm, muss man schon einige mentale Gymnastik aufbringen, und Becker turnt da offenbar gerne mit.

    Nicht (mehr) richtig ist eines der Lieblingsargumente von Atomkraftgegnern: „dass es bislang weltweit kein einziges Endlager gibt“. Es gibt Onkalo in Finnland. Würde man Becker darauf ansprechen, würde sie sich vermutlich darauf zurückziehen: „Da ist noch nichts eingelagert, also zählt das noch nicht!“ – sei’s drum.

    Am ärgerlichsten fand ich aber das mit wenigen Worten gemalte Schreckgespenst von dem Tritium-haltigen Wasser in Fukushima. Zunächst einmal ist es in keiner Weise ungewöhnlich oder gar skandalös, Tritium-Wasser verdünnt ins Meer zu leiten; dies wird standardmäßig und ohne dass dadurch irgendwelche Schäden aufgetreten wären auf der ganzen Welt praktiziert, auch in erheblich größeren Mengen bzw. Konzentrationen als was jetzt in Fukushima geplant ist. Die Mengen sind stets verschwindend gering gegenüber z.B. dem ständig durch kosmische Strahlung ins Meer abregnenden Tritium. Prägnant bei Golem zusammengefasst (Meinungsartikel eines Wissenschaftsjournalisten): https://www.golem.de/news/fukushima-laesst-wasser-ab-tritium-zwischen-tatsachen-und-wissenschaftsleugnung-2104-155694.html
    Was das generelle Gefährdungspotenzial von Tritium allgemein und dem Fukushima-Wasser im Besonderen angeht, ist dieser Forbes-Artikel (wenn auch schon 1,5 Jahre alt) immer noch das beste in Sachen Laienverständlichkeit, was ich kenne: https://www.forbes.com/sites/jamesconca/2019/09/12/its-really-ok-if-japan-dumps-radioactive-fukushima-water-into-the-ocean/
    Kurz: Es ist in keinster Weise ersichtlich, wie von den homöopathischen Dosen Tritium, die von dem um ein Vielfaches verdünnten und laaaangsam ins Meer geleiteten Wasser von Fukushima im Meer übrig bleiben, auch nur irgendeine schädliche Wirkung ausgehen soll.
    Was wird daraus bei Becker, die doch offenbar irgendwas mit Umweltwissenschaft zu tun hat und all das hoffentlich weiß? Ein ebenso lapidares wie bedrohliches „…mit unbekannten Folgen für die Umwelt“. Mehr muss die Leserschaft nicht erfahren; wir wissen ja alle: „Das ist radioaktiv, und deshalb ist es immer schädlich!“ Nur nicht in die Details gehen oder gar irgendetwas einordnen, sonst würde von dem nebulösen Bedrohungsszenario ja nichts übrig bleiben.
    Das ist nicht einmal mehr der Versuch eines Sacharguments, das ist einfach nur Panikmache auf Antivaxxer-Niveau!

  29. 5. Mai ist in den Niederlanden Tag der Befreiung. Hmm…..

    @ diverse: Atomkraft-„Fans“ war nicht sehr differenziert, stimmt, sondern einfach schneller zu schreiben als „Menschen, die im Rahmen dieser Diskussion insgesamt der Atomkraft mehr Positives als Negatives abgewinnen“.

  30. Daniela Becker hat Recht. Der Podcast ist naiv, voreingenommen und gibt zum Teil obskuren Expert*innen enorm viel Zeit. Anna Veronika Wendland hat zweifellos Expertise. Aber ihre Geschichte von der Atomkraftgegnerin zur Atombefürworterin – für die gibt es auch nur eine Zeugin – sie selbst. Der ebenfalls ausführlich interviewte Götz Ruprecht, der sich selbst Erfinder des „Dual-Fluid-Reaktors“ nennt, einem Laborkonzept, dessen Umsetzungsfähigkeit in den Sternen steht, arbeitet für die AfD im Bundestag, für die er auch regelmäßig als Experte in Anhörungen zur Endlagerung auftritt. Die hält er natürlich für überflüssig. Die Expert*innen, die nicht der Meinung sind, dass Atomenergie eine Lösung für die Klimakrise sein könnte, haben deutlich geringere Wortanteile im Podcast. Der Podcast hat Schlagseite. Nichts anderes schreibt Daniela Becker – sehr zutreffend.

  31. Seit 70 Jahren gibt es diesen Dreck. Und seit 70 Jahren hat die Wissenschaft kein schlüssiges Konzept vorgelegt, wie sie mit dem Atommüll fertig werden wollen. Wir wissen nur, dass er uns zigtausend Jahre lang umbringen wird.

    Ich verstehe nicht, wie man Anhänger dieser Energieerzeugung sein kann. Schon gar nicht verstehe ich dieses Hurra-Geschrei von Wendland (»Atom ist das neue Öko«). Das machst du doch nur freiwillig, wenn dir einer ordentlich Schmerzensgeld dafür bezahlt.

  32. Der Diskussionsbeitrag der Scientists for Future [1] zum Thema Laufzeitverlängerungen lautet übrigens:

    „““
    Eine Laufzeitverlängerung der in Deutschland noch aktiven sechs Reaktoren ist nur
    theoretisch denkbar. Sie ist derzeit für die Betreiber der bestehenden Kraftwerke
    keine realistische Option, da die Planungen zum Ausstieg weit fortgeschritten sind,
    die rechtlichen Rahmenbedingungen neu verhandelt werden müssten und es für
    einen Weiterbetrieb nur eine geringe gesellschaftliche Akzeptanz gibt.

    Sollte es dennoch dazu kommen, würde zusätzlicher radioaktiver Abfall entstehen,
    dessen Entsorgung und dadurch entstehenden Kosten nicht geklärt sind. Zudem sind
    die laufenden Reaktoren im Durchschnitt über 30 Jahre alt; Störanfälligkeit und da-
    mit verbundenes Unfallrisiko sind somit nur sehr schwer zu beurteilen und nicht ver-
    sicherbar. Auch bei einem Weiterbetrieb der bestehenden Kernkraftwerke würde
    sich der nötige Ausbaupfad für erneuerbare Energien nicht signifikant verändern, da
    dieser sich am Gesamtenergiebedarf ausrichten muss.

    Die jährliche Betriebsdauer der bestehenden [..] würde sich mit wachsender regenerativer Erzeugung deutlich verringern, so
    dass die hohen Fixkosten, die für Ertüchtigungen für den Weiterbetrieb [..] notwendig wären, einen wirtschaftlichen Betrieb verhindern.“““

    (Offenes Visier: Ich bin bei selbst bei den S4Fs, habe an dem Diskussionspapier jedoch nicht mitgewirkt.)

    Nebenbei: Seitdem 5. IPCC Bericht sind einige Erkenntnisse mehr dazu gekommen, bzw. berücksichtigt worden.

    [1] Gerhards, C.; Weber, U.; Klafka, P.; Golla, S.;
    Hagedorn, G.; et al. (2021). Klimaverträgliche Energieversorgung für Deutschland – 16 Ori-
    entierungspunkte (Version 1.0, Deutsch). Diskussionsbeiträge der Scientists for Future, 7,
    55 pp. doi: 10.5281/zenodo.4409334.
    2021-04-22, abrufbar unter https://zenodo.org/record/4409334#.YIFq4j9CRaQ

  33. Ok, aber man ist trotzdem kein Fan oder Anhänger von irgendwas, nur, weil man in diesem Irgendwas Vorteile gegenüber etwas anderem sieht. Noch nichtmal _nur_ Vorteile oder _keine_ Nachteile, sondern die reine Feststellung, dass es Vor- und Nachteile auf beiden Seiten gibt.

    Insbesondere, weil ich kein „Fan“ bin, ist mir das Argument „Die Stromindustrie ist schon so weit fortgeschritten mit dem Atomausstieg“ völlig egal ist. Die Autoindustrie ist auch schon weit fortgeschritten mit der Entwicklung von Benzinern und Diesel. Ich will was von der Industrie, nicht für die Industrie. Im benachbarten Ausland gibt es Betreiber von AKWs, wenn sonst keiner will, könnte man die fragen, ob sie das übernehmen wollen.

    Wenn es JETZT genug EE gäbe, gäbe es keine Diskussion „AKW oder KK behalten?“ Wenn es JETZT genug Impfdosen gäbe, gäbe es keine Diskussion „Harter/weicher/mittlerer/irgendwas Lockdown oder Lockerungen.“

  34. Ein merkwürdiger Artikel: Verschwörungsmythologisches Geraune über „Absichten“ und „Hintergründe“ von AKW-Befürwortern wird aufgeladen mit Verweisen auf vorangegangene Katastrophen, aus denen sich keine Schlüsse für die Zukunft ableiten lassen: Weder droht (zB) in Lingen ein Ems-Tsunami noch existier(t)en in Deutschland KKW mit RMBK-Technik. Und worin jetzt die „Medienkritik“ liegen soll, bleibt ebenfalls unerfindlich.

  35. #38 Th. Koch: „Und worin jetzt die „Medienkritik“ liegen soll, bleibt ebenfalls unerfindlich.“

    Echt jetzt? Lesen Sie bitte #34 von Dagmar Dehmer. Kurz und prägnant auf den Punkt gebracht.

    Warum ich gegen Atomkraft bin? Dazu drei Worte: Endlagerung, Endlagerung, Endlagerung. Danke fürs Lesen, bitte weitermachen!

  36. Ich teile den Inhalt / die Meinung des Artikels, finde aber das Format zu reißerisch für eine sachliche Medienanalyse, die ich von übermedien gewohnt bin. Außerdem kommt die Hauptforderung von Frau Wendland nicht gut durch: nämlich die 6 aktuell noch laufenden Kraftwerke um ein paar Jahre zu verlängern, um der Misere, in der wir stecken (bisher zu wenig für den Klimaschutz getan zu haben) etwas zu entzerren. Das erscheint mir nicht durchweg unplausibel, um schneller von der Kohle weg zu kommen. Wenn wir dann 2030 (vielleicht mal mit einer etwas grüneren Regierung) endlich genug getan haben, kann man die letzten AKWs ja immer noch abschalten (bzw. lieber gleich einen neuen Ausstiegstermin festschreiben, sonst kommt wieder irgendwer an die Macht, der das Problem einfach ignoriert). Und die 10 Jahre Atommüll verändern das Endlagerungs-Problem jetzt nicht so wahnsinnig (im Vergleich zu dem, was wir seit den 70er Jahren produziert haben). So stelle ich mir das in meiner naiven Welt zumindest vor. Das ist natürlich immer noch keine schöne Lösung, aber so ist das dann doch letztlich immer in der Realpolitik…

  37. Über die Verlinkung im Übermedien Statement zur Akzeptanz der Selbstverpflichtungserklärung des Deutschen Pressrats bin ich auf die Beschwerde von Frau Wendland gekommen.
    Das hat sie wohl sehr geärgert, als „Pseudo-Expertin“ betitelt zu werden. Das zeugt allerdings nicht von der Souveränität einer Expertin, wenn man sich darüber ärgert. Und es als „ehrabschneidend“ anzuzeigen ist eher old-school Befindlichkeit. Bei den Experten, die einem in den Medien als solche präsentiert werden, könnte sie sogar den Spieß umdrehen und stolz drauf sein, aber da fehlt es ihr an Lässigkeit.
    Dumm ist, wenn man von EIKE & Co zitiert wird – aber mit denen nichts am Hut hat (und das nehme ich ihr ab)– aber alleine die Zitierung als Beleg für eine Billigung politischer Inhalte ungeliebter Parteien oder gar mehr interpretiert werden (So das Ergebnis mein schnellen kurzen Recherche).
    Und spannend wird es tatsächlich in den nächsten Jahren, ob die Kernkraft nochmal Einzug hält. Das offensichtlichste Argument – kein Kohlendioxid – verfängt. Und ob die Flächen in der BRD für die Windkrafterzeugung ausreichen ist auch noch nicht verbrieft. Und weil der Atommüll nicht in Nachbars Garten erbärmlich stinkt, ist er ein Abstraktum, dass man einfach hinnimmt und mit dem sich die Kernkraft-Gegner immer wieder als links-grün versiffte Ideologen hinstellen lassen dürfen. Gleich den Roten-Socken Kampagnen aus dem christdemokratischen Spektrum, die mit ihre Neuauflagen immer wieder reüssieren.
    Bleibt zu hoffen, dass es mit der Kernfusion vorangeht.

  38. Lese gerade auf der Seite der Salonkolumnisten:
    „Die Salonkolumnisten-Redaktion sieht einer Stellungnahme der „Übermedien“-Redaktion mit großem Interesse entgegen. “ – verfasst am 26.4..
    Ich fände es einen fairen und starken Zug, wenn sich Daniela Becker dazu äußern würde.

  39. Pfff, soll sich übermedien jetzt von Befindlichkeiten treiben lassen?
    Soll Frau Wendland doch noch mal den Presserat einschalten, übermedien ist ja da ja jetzt auch drinne und wird „betreut“.

    @ #42:
    Frau Wendland benutzt doch selbst das EIKE-Vokabular, siehe #40.
    Das übliche Prinzip: Es wird gedogwhistled, damit man nachher sagen kann „hab ich doch garnicht so gesagt“.
    Wenn ich seriös diskutieren will, brauche ich diese Vokabeln nicht, sondern diskutiere über’s Thema, nicht über meine Befindlichkeit über einen Blogbeitrag irgendwo.

    Und ja, wem wäre denn eine inhaltliche Auseinandersetzung nicht lieber?!
    Noch 16,5 Monate, dann gibt’s keine Atomkraft mehr in DE und es fehlt nach wie vor jegliches Konzept, wie das kompensiert werden soll, außer durch mehr Braunkohle und Import.

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