Deutsche Verlage: Auf der Sinnsuche beim Kickboxen

Erkenntnis kommt aus den merkwürdigsten Ecken: In einem aktuellen Interview mit der „New York Times“ erklärt der Komiker und Schauspieler Chris Rock eines der Kernprobleme beim Umgang mit Rassismus so einfach und verständlich, dass es zumindest für mich erschreckend ist, dass ich es zum ersten Mal wirklich zu verstehen glaube.

„I said this before, but Obama becoming the president, it’s progress for white people. It’s not progress for Black people. […] Humanity isn’t progress — it’s only progress for the person that’s taking your humanity. If a woman’s in an abusive relationship and her husband stops beating her, you wouldn’t say she’s made progress, right? But that’s what we do with Black people. We’re constantly told that we’re making progress. The relationship we’re in — the arranged marriage that we’re in — it’s that we’re getting beat less.“

(„Ich habe das schon mal gesagt: Dass Obama Präsident wurde, ist ein Fortschritt für Weiße. Es ist kein Fortschritt für Schwarze. […] Menschlichkeit ist kein Fortschritt – es ist nur ein Fortschritt für die Person, die dir bisher die Menschlichkeit nimmt. Wenn eine Frau in einer gewaltätigen Beziehung ist und ihr Ehemann aufhört, sie zu schlagen, würde niemand sagen, dass sie einen Fortschritt gemacht hat, oder? Aber genau das ist es, was wir mit Schwarzen machen. Uns wird andauernd erzählt, dass wir Fortschritte machen. Die Beziehung, in der wir stecken – die arrangierte Ehe -, besteht daraus, dass wir weniger geschlagen werden.“)

Der Gedanke ist grauenhaft gut, wie das ganze Interview, aber es ist nicht einmal der erstaunlichste Moment.

Hat das alles noch Sinn?

Der Interviewer beschreibt Rock als einigermaßen müde – und unsicher, ob seine Comedy, in der er sich schon seit Jahren zum Beispiel mit Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA auseinandersetzt, auch noch irgendetwas anderes ist als nur unterhaltend. Schließlich ändere sich nichts. Auch Chris Rock, inzwischen 55 Jahre alt und einer der größten Entertainer unserer Zeit, zweifelt an der Sinnhaftigkeit seiner Karriere.

Das mag gleichzeitig beruhigend und verstörend sein, vor allem passt es sehr genau in eine Zeit, in der „Purpose“ längst so sehr von Unternehmen als Rekrutierungs-Tool erkannt ist, dass es eben „Purpose“ heißt und nicht mehr nur „Sinn“ oder „Zweck“.1)Für Sinn oder Zweck könnte man im Bullshit-Bingo auch nicht ernsthaft Punkte vergeben, insofern ist das zu begrüßen. Mitarbeiter in Unternehmen hätten der Erkenntnis nach gerne, dass ihr Unternehmen einen größeren „Purpose“ hat, also einen anderen Zweck erfüllt als nur den, Geld zu verdienen.

(Es tut fast weh, das aufzuschreiben, weil es bedeutet, bis zu dieser Erkenntnis ist man nach streng marktwirtschaftlicher Logik eigentlich davon ausgegangen, Konsumenten hätten nichts anderes im Sinn, als Geld auszugeben, aber schieben wir den Gedanken kurz weg.)

Purpose ist das Zauberwort, und damit müssten journalistisch ausgerichtete Medienunternehmen sehr gut aufgestellt sein, denn Journalismus kommt mit einem eingebauten Purpose. Mit wenigen Ausnahmen wie vielleicht dem Kollegen, der angeblich Journalist war, sich aber in betrügerischer Absicht zum „FAZ“-Redakteur upgegraded hat um auf die „GQ Men of the Year“-Party zu kommen2)Was für guten Geschmack spricht, es ist eine sensationelle Party, wenn auch wegen Corona erst wieder nächstes Jahr (die diesjährige Preisverleihung gibt es online am 29. Oktober auf menoftheyear.de, *Werbemodus aus*), wird man Journalist, weil die Guten gewinnen sollen und die Bösen sterben.

Die Partys sind nur ein Bonus. Oder ein Berufsrisiko.

Haben die Verleger ihren Purpose verloren?

Das Problem von Verlegern und Sendern ist also nicht, Mitarbeiter vom Purpose zu überzeugen, sondern sich selbst. Denn Verlage, Sender und alle anderen nicht öffentlich-rechtlichen Journalismus-Produzenten wollen und müssen Geld verdienen, was zunehmend schwieriger geworden ist in den vergangenen Jahrzehnten.

Und es gibt irgendwo einen Punkt, an dem es kippt: Es mag ja sein, dass Mitarbeiter der vielen nicht-journalistischen Unternehmen, die gerade daran arbeiten, ihren Sinn und Zweck hervorzustellen, lieber und besser und einträglicher arbeiten, wenn sie einen Sinn hinter ihrer Arbeit sehen. Und ich kenne keinen Journalisten, der nicht findet, es wäre sinnvoll und sehr, sehr nützlich, Geld zu verdienen. Aber die entscheidende Frage ist, was man wofür macht: Machen wir Journalismus, um Geld zu verdienen, oder ist es umgekehrt? Es gibt da traditionell einen Zielkonflikt.

"A Birmingham Prize Fight" von W Allen aus dem Jahr 1789
„A Birmingham Prize Fight“ von W Allen aus dem Jahr 1789. Es zeigt den englischen Meister Tom Johnson und Isaac Perrins aus Birmingham. Laut „Gentleman’s Magazine“ vom Oktober 1789 soll Johnson gewonnen haben – nach 62 Runden. Foto: Birmingham Museums Trust/Unsplash

Ich habe einen skurril anmutenden Anlass, diese sicher nicht neue Frage noch einmal zu stellen: Im Hamburger Jahr Top Special Verlag, der einige sehr schöne Special-Interest-Titel herausgibt zu Themen rund um Jagd, Reiten, Angeln und ähnlichen naturnahen Hobbys, hat die Verlegerin Alexandra Jahr einen neuen Geschäftsführer präsentiert, der mit der Branche bisher nichts zu tun hatte: ihren Fitnesstrainer.

„Krieg ich jetzt auf die Fresse?“

Der Mann heißt Ardalan Sheikholeslami und ist ein sehr erfolgreicher und auch bekannter ehemaliger Profi-Kickboxer3)Genau genommen K1-Kämpfer, was eine relativ kompliziert zu erklärende Form ist, die ich hier mal lässig als „zwischen Kickboxen und Thai-Boxen“ beschreibe, in Wahrheit ist sie viel mehr als nur das. Aber darum geht es hier nicht. und Trainer. Verlegerin Jahr hat Führungsqualitäten und Eigenschaften bei ihm entdeckt, die sie offenbar in ihrer bisherigen Verlagsführung vermisst. Und das ist ihr gutes Recht. Die Frage ist, ob es schlau ist.

Es ist sicher nicht unfair zu sagen, dass der Versuch in diesem Fall nicht besonders gut gestartet ist. Nach offenbar hitzigen Diskussionen („Krieg ich jetzt auf die Fresse?“) endete die Installation des neuen Chefs unter anderem mit der Demission des langjährigen Chefredakteurs von „Jäger“.

Thema der Diskussion war nach Berichten der „Hamburger Morgenpost“, denen eine Tonaufnahme der Veranstaltung zugespielt wurde, die Qualifikation des neuen Chefs.

Kickboxer für Journalismus

Die Zusammenfassung ist sehr lustig zu lesen, im Wesentlichen scheint es, sagen wir, Skepsis zu geben, ob die Qualifikationen des Kampfsportlers tatsächlich geeignet sind, um einen Verlag zu leiten. Und das ist es, was mir zu denken gibt: Wenn es allen Verlagen schlechter geht, sollte man dann nicht zumindest auch nach Leuten suchen, die völlig neue Arten zu denken in unsere Branche tragen?

Zwischenruf: Ich ahne, dass es Menschen gibt, die sagen würden, die Zukunft des Journalismus in dem Sinne, dass man ihm einen Purpose zusprechen würde, wird nicht an Magazinen wie „Jäger“ und „Fliegenfischen“ entschieden, aber dem möchte ich vehement widersprechen, und ich habe listigerweise ein Indiz oben eingebaut: Das Interview mit Chris Rock oben stammt zwar aus der „New York Times“, aber aus dem Ressort „Television“. Es geht eigentlich um seine Rolle in der neuen Staffel von „Fargo“ auf Netflix. Erkenntnis kommt aus den merkwürdigsten Ecken.

Ich persönlich muss sagen, ich hätte gern jemanden mit den Qualitäten eines erfolgreichen Kickboxers an einer Verlagsspitze. Ich wünschte mir nur, dass er die Qualitäten für Journalismus einsetzt.

Fußnoten   [ + ]

1. Für Sinn oder Zweck könnte man im Bullshit-Bingo auch nicht ernsthaft Punkte vergeben, insofern ist das zu begrüßen.
2. Was für guten Geschmack spricht, es ist eine sensationelle Party, wenn auch wegen Corona erst wieder nächstes Jahr (die diesjährige Preisverleihung gibt es online am 29. Oktober auf menoftheyear.de, *Werbemodus aus*)
3. Genau genommen K1-Kämpfer, was eine relativ kompliziert zu erklärende Form ist, die ich hier mal lässig als „zwischen Kickboxen und Thai-Boxen“ beschreibe, in Wahrheit ist sie viel mehr als nur das. Aber darum geht es hier nicht.

5 Kommentare

  1. „Der Gedanke ist grauenhaft gut…“

    Ja? Für mich ist der Gedanke krauses Zeug.

    Geschlagen worden zu sein und nicht mehr geschlagen zu werden: Ja, das ist das, was man einen Fortschritt nennt. Ein schwarzer Präsident im Weißen Haus war ein Fortschritt – wenn auch keiner, den man jetzt, wo dort ein anderer herrscht, ohne Bitterkeit betrachten kann.

    Fortschritte sind, im Deutschen ist das sprachlich recht eindeutig, Schritte und keine Sprünge.

    Ja, ich fände Sprünge besser. Ich fände auch größere Schritte besser. Es gibt auch manchmal Schritte, die sind so klein, dass es sich fast verbietet, sie als Fortschritte zu sehen, weil sie eher nur der Anschein von Fortschritten sind.

    Aber das würde ich weder beim Präsidentenamt noch bei dem kruden Vergleich mit der geschlagenen Frau so sehen.

    Ich kenne Chris Rock nicht und ich glaube ihm vorbehaltlos, dass er Rassismus erfahren musste und dass er mehr darüber zu sagen hat als ich. Aber ich maße mir an, seine Gedanken als Kokoleres zu bezeichnen.

    Und als ziemlichen Schlag ins Gesicht – um mal im schrägen Vergleich zu bleiben – der Frau, der gesagt wird, nicht mehr geschlagen zu werden sei auch nicht besser.

  2. Ich hoffe ja, Frau Jahr wird in ihrer anscheinend etwas über das Fitnesstraining hinausgehende Beziehung zum Kickboxer nicht geschlagen, jedenfalls nicht über ein zum Trainings-Purpose notwendiges Maß hinaus.

  3. Der Gedanke ist schon gut – wenn ein Mann seine Frau nicht mehr schlägt, ist es sein Fortschritt Richtung besserer Mensch, aber ihr Vorteil.

    Wenn sie einfach schluss mit dieser Ehe machen würde, wäre es ihr Fortschritt UND ihr Vorteil.

  4. “ Die Beziehung, in der wir stecken – die arrangierte Ehe -, besteht daraus, dass wir weniger geschlagen werden.“)

    Der Gedanke ist grauenhaft gut“

    Der Gedanke ist deshalb „grauenhaft“ gut, weil er mit einer eindrücklichen Analogie ohne Zwischentöne insinuiert, dass die Alltagsrealität für Schwarze in den USA, wenigstens wenn man „wach“ genug ist, sich als eine Mischung aus „Get out“ und „The Purge“ darstellt. Das ruft ein Schaudern hervor, weil man erschrocken-überrascht ist und gleichzeitig indigniert, vielleicht kommen auch noch Schuldgefühle hinzu: So ist das also wirklich – in der Realität, deren wahren Charakter man durch Schmerz und Leid erst erkennt. Was war man für ein Trottel, auf empirische Evidenz zu vertrauen. Die hat der weiße alte Wissenschaftler erfunden, um uns zu verhexen! Von nun an ist man auf dem Quivive.

  5. Geschlagen worden zu sein und nicht mehr geschlagen zu werden: Ja, das ist das, was man einen Fortschritt nennt.

    Ich vermute, dass Fortschritt hier anders gemeint ist.

    Wenn ich Sie jeden Tag schlage dann ist es für Sie zweifelsohne eine Verbesserung, wenn ich damit aufhöre – aber Sie haben deswegen keinen Fortschritt gemacht. Den Fortschritt hätte ich gemacht.

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