Wie aus dem nüchternen Fachwort „Pull-Faktor“ ein Angst-Begriff wurde

Menschen aus dem Flüchtlingslager Moria demonstrieren dafür, die Insel Lesbos verlassen zu dürfen. Foto: imago images / ANE Edition

Manche Wörter können im Verlaufe einer Debatte ihre Bedeutung ändern. Sie können eine neue Konnotation, einen neuen Bedeutungsinhalt hinzugewinnen. Einst neutrale Vokabeln werden so unbewusst zu handfesten Schlagwörtern, Argumenten, Totschlagargumenten.

Ich möchte einen Begriff zur Diskussion stellen, der diesen Wandel durchlaufen hat und Belege dieses Wandels liefern: „Pull-Faktor“. Er ist eine entscheidende Vokabel des europäischen Fluchtdiskurses.

Aus der Wissenschaft in Politik und Medien

Der Begriff geht zurück auf das „Push-Pull-Modell der Migration“ von Everett S. Lee aus den 1960er Jahren. Demnach sei Migration ein Prozess, bei dem Menschen aus einem ursprünglichen Gebiet „weggedrückt“ werden (engl.: to push) und/oder von einem anderen Gebiet „angezogen“ (engl.: to pull) werden. Die konkreten Gründe werden als Push- und Pull-Faktoren bezeichnet.

Push-Faktoren sind Fluchtursachen wie Arbeitslosigkeit, Armut, Hunger, soziale Ungleichheit, hohe Steuern, fehlende Infrastruktur, Landknappheit, Überbevölkerung, Krieg, Diktatur, Folter, Völkermord, Missachtung der Menschenrechte, Diskriminierung, Verfolgung, Umweltkatastrophen und andere.

Im Gegensatz dazu sind Pull-Faktoren angenehme Zustände wie eine starke Wirtschaft, viele Jobs, Sicherheit, Wohnmöglichkeiten, Toleranz, Bildung, ein Gesundheitssystem, Sozialleistungen, viel Platz, gute Einwanderungsgesetze, Rechtssicherheit, Frieden, persönliche Freiheit undsoweiter.

Das ist der fachliche Hintergrund zum „Pull-Faktor“ und genauso wird der Begriff in den Kreisen der Entwicklungszusammenarbeit gebraucht.

Aus einem Fachbegriff wurde eine Befürchtung

Durch den Fluchtdiskurs der letzten Jahre gelangte die Vokabel über die Politik in den Alltagssprachgebrauch. Und hier hat sie sich unbemerkt verändert. Dazu ein Textausschnitt von Tagesschau.de:

„Vereinfacht gesagt, gibt es in der Union zwei Lager: Die einen um Bundesinnenminister Horst Seehofer pochen auf eine europäische Lösung und lehnen einen deutschen Alleingang ab. Sie begründen dies mit dem ‚Pull-Faktor‘, also der Befürchtung, dass eine Aufnahme von Flüchtlingen aus Griechenland weitere Menschen zur Flucht animierten.“

Pull-Faktoren sind heute keine reinen, neutralen Fluchtgründe mehr, sondern sie sind zu Befürchtungen geworden. Damit ist eine neue Bedeutungsnuance, eine Konnotation hinzugekommen: Die neue Bedeutung heißt: Angst. Pull-Faktoren sind das, was zu vermeiden ist. Dieser neue Wortgebrauch ist stark verbreitet:

„Die Politik kann und soll gern darüber diskutieren, bis zu welchem Alter wir ALLE Kinder, natürlich samt Eltern, in Deutschland aufnehmen. Sie kann diskutieren, wie wir verhindern, dass daraus ein ‚Pull-Faktor‘ wird.“ (Bild.de)

Welche Auswirkung aber hat nun die europäische Seenotrettung auf diese Geschäfte? Professor Tandian aus dem Senegal räumt indirekt einen Pull-Faktor ein. Der Wissenschaftler bezeichnet die Boote als „weiteres Transportmittel für die Migranten“. (Welt.de)

Aus dem neutralen Fachbegriff „Pull-Faktor“ ist ein Angstbegriff geworden. Die immanente Argumentation mit dem Begriff „Pull-Faktor“ lautet: Pull-Faktoren sind zu vermeiden, damit keine Ausländer nach Europa flüchten.

Ein Tarnwort

Damit hat es der „Pull-Faktor“ in die Reihe jener Schlagworte geschafft, die Gleiches aussagen wie die Wörter „Flüchtlingswelle“ oder „Flüchtlingsflut“. Dieser neue Wortgebrauch von „Pull-Faktor“ ist nichts anderes als die Erzählung der AfD. Mit einem Unterschied: Es ist niemandem bewusst. Das Wort hat immer noch den Beiklang des Fachbegriffs. Es ist ein Tarnwort, dessen Wirksamkeit auf seiner Unauffälligkeit beruht.

Besonders deutlich wird das, wenn – wie im Folgenden bei der „SZ“ – versucht wird, zu widerlegen, dass die Seenotrettung von Geflüchteten, ein Pull-Faktor sei, weil die Geflüchteten-Anzahl dadurch nachweislich nicht gestiegen sei:

„Der oft und kontrovers diskutierte ‚Pull-Faktor‘ ist damit widerlegt: Die Flüchtlinge legen nicht nur ab, wenn sie wissen, dass Helfer sie nach wenigen Meilen retten.“

Das ist eine argumentative Farce, weil sich gerade dadurch der neue Angst-Gebrauch des Wortes „Pull-Faktor“ wiederholt und verstetigt. Seenotrettung ist okay, weil es kein Pull-Faktor ist. Der Autor der „SZ“ erkennt damit implizit an, dass Pull-Faktoren zu vermeiden sind. Er argumentiert damit in letzter Konsequenz dagegen, Geflüchtete aufzunehmen. Ich weiß, das klingt kompliziert, darum noch einmal klarer: Wer heute „Pull-Faktor“ sagt, argumentiert im Alltagsdiskurs automatisch gegen Geflüchtete, denn Pull-Faktoren sind zu vermeiden. Und Geflüchtete aufzunehmen, wäre ja ein solcher.

Es bleiben Hypothesen

Wie konnte dieser Wortwandel geschehen? Der Philosoph Ludwig Wittgenstein weiß Rat: Die Bedeutung eines Wortes ist dessen Gebrauch. In der Fachsprache geht es einzig darum, die Ursachen und Gründe von Flucht zu verstehen. Ganz anders der Sprachgebrauch in der Politik der EU: Hier kommt der Angstgedanke hinzu und dieser verweist indirekt auf die politische Einstellung. Es ist ganz einfach: Europa will keine Geflüchteten aufnehmen. Der Bedeutungswandel des Wortes „Pull-Faktor“ ist ein subtiles Indiz für die Ausländerangst Europas.

Während die Folgen dieser Angst real sind, wie der Umgang mit den Menschen aus dem abgebrannten Flüchtlingslager Moria zeigt, bleibt die Angst, die dem Wort „Pull-Faktor“ innewohnt, rein hypothetisch: Wer aus Seenot rettet, generiert einen Pull-Faktor. Wer unbürokratisch Menschen aus Moria evakuiert, schafft Pull-Faktoren. Wenn Bürgermeister*innen in Deutschland Geflüchtete aufnehmen wollen, dann schaffen sie Pull-Faktoren. Wer jetzt 100 Kinder rettet, muss morgen Tausende retten. Wer jetzt 5000 Leute rettet, muss Millionen retten. In der Logik der Ausländerangst wird alles zum Pull-Faktor.

Es sind bequeme hypothetische Argumente, die sich vielleicht sogar beweisen lassen. Aber: Der Beweis folgt ja immer erst nach der Rettung. Deswegen würde man sich dann schön ärgern, Menschen gerettet zu haben, wenn man dann noch mehr Menschen retten müsste.

Durch die Angst vor Pull-Faktoren bleiben diese Hypothesen immer das: Hypothesen.

Europa-Bewertung: Einer von fünf Sternen

Doch im Gegensatz zu diesen Hypothesen ist das Leid der Menschen in Moria echt. Und damit (eigentlich) ein stärkeres Argument im demokratischen Diskurs.

Diese kleine Wortgeschichte ist ein bedauerlicher Beleg für die Kleingeistigkeit Europas. Herrlich arrogant zu glauben, wir müssten unser europäisches Haus nur so mies wie möglich darstellen und schon wären die Geflüchteten weg. Willkommen im Wettbewerb um das mieseste EU-Land, aus dem selbst noch Kriegsflüchtlinge Reißaus nehmen. Dieses europäische Kopfkino lässt anscheinend komplett außer Acht, dass sich Menschen selbst von einem Lager wie Moria kaum von Flucht und Asylgesuchen abhalten lassen.

Aus Moria sendet die EU nicht nur ein falsches Signal an Länder wie China, Saudi-Arabien, Russland und all die anderen, die sich öfter unsere Standpauken anhören müssen. Die EU zeigt: Sie ist nicht in der Lage, die Menschenrechte für Menschen zu garantieren, die sich momentan in der EU befinden. Es könnten schließlich auch andere die Menschenrechte für sich reklamieren.

Das ist in erster Linie ein schlimmes Signal an die eigenen Bürger.

144 Kommentare

  1. Diese Frage ist keine Frage einer verfehlten Politik der EU, sondern der EU-Mitgliedstaaten – das Problem ist ja gerade, dass die Mitgliedstaaten der EU hier keine ausreichenden Kompetenzen einräumen wollen. Sollte man auch sprachlich klar herausstellen.

  2. Ein Bedeutungswandel wurde nicht belegt. Dafür hätte man konkrete Beispiele gegenüberstellen müssen. Auch solche vor dem behaupteten Wandel. Abgesehen davon lässt sich so etwas nur statistisch belegen und nicht durch das Herauspicken von Einzelfällen.

    Man hätte den gleichen Artikel zum Wort „Klimawandel“ schreiben können. Der ursprünglich wissenschaftliche und neutrale Begriff habe sich zu einem Angstbegriff gewandelt, blabla.

    Doppelte Maßstäbe?

    Ein weiteres Beispiel für das unglaublich flache Niveau dieser Seite. Man nennt sich „Übermedien“, ist aber intellektuell weit unterlegen.

    Vielleicht sollte man sich lieber auf die Kritik von Schülerzeitungen verlegen.

  3. Interessanter Artikel! So wie ich das verstehe, sind also Push- und Pullfaktoren letztlich eh dasselbe, oder? Wenn das Elend in der Heimat pusht, dann pullt automatisch dessen Abwesenheit in der Fremde. Seenotrettung als Pullfaktor zu bezeichnen würde den Begriff also verschieben bzw. unzulässig verengen weil es ja eigentlich Wohlstand und Sicherheit sind, die diesen Faktor ausmachen, und nicht, dass das Risiko auf dem Weg dahin umzukommen abgenommen hat.
    Das regt mich an dieser Erzählung eh so auf: dass Menschen denken, man könnte ohne schlechtes Gewissen an diesem Wohlstandsgefälle festhalten wenn man den Armen nur hinreichend Angst davor macht, zu versuchen es zu überwinden.

  4. „Ein weiteres Beispiel …“

    Und der Oberhammer: Der Autor ist promovierter Sprachwissenschaftler.
    Man wagt gar nicht daran zu denken, auf welchem Niveau die nichtpromovierten Mitglieder dieser Szene rumkrebsen.

  5. @Stephan Fleischhauer. Ihrem berühmten Namensvetter wäre so ein Fauxpas allerdings nicht passiert. Der hätte gewusst, dass sich in den Sozialwissenschaften Dinge durch Belege belegen lassen. Nicht nur durch Zählung von Belegen. Wie dem auch sei, bin weiter offen für sachlichen Input.

  6. Der Autor ist promovierter Sprachwissenschaftler.

    Martin Haase ist sogar Professor und macht auf seinem Neusprechblog dasselbe. Man sucht sich einen Begriff, den die politischen Gegner verwenden, und belegt dann pseudowissenschaftlich, dass der Begriff falsch verwendet wird.

    Man sagt also nicht offen, dass man eine Gegenposition vertritt, sondern dass die Position des Gegners bereits durch falschen Wortgebrauch widerlegt sei. Würde das Wort nicht benutzt, wäre die politische Ansicht des Gegners erledigt. Und natürlich betreibt man damit nur hehre Wissenschaft. Wer’s glaubt.

    Das gleiche bei den ganzen Unwörtern. Und man wundert sich dann über Wissenschaftsskeptizismus.

  7. Bei allem Abscheu vor den Rechten (und deren Lautstärke mittlerweile auch hier, auf dieser Seite):

    Dass es Menschen, denen es verhältnismäßig gut geht, erschreckt, wenn unabschätzbare Menschen, denen es nicht gut geht, zu ihnen kommen wollen, um am Wohlstand teilzuhaben, teilweise aber ohne die Bereitschaft oder Fähigkeit, gewisse gesellschaftliche Errungenschaften mitzutragen, ist etwas, das man Menschen vorwerfen kann?

    Wer sich angesichts des Zustands vieler Herkunftsgesellschaften der Geflüchteten keine Sorgen macht, dass dieser derartige Zustände mitbringen könnten, der ist entweder blind – oder er kneift sehr fest die Augen zu.

    Mich würde ja die Vision dahinter interessieren: Freier Fluss von Menschen aus dem Elend hierhin zwecks Nivellierung auf niedrigem Niveau? Ich frage mich ernsthaft, wie viele das – über hehre Worte hinaus – wirklich gut fänden.

    Vom Laptop im Home-Office aus lässt sich so einiges schreiben. Wenn es an den eigenen Status, die eigene Sicherheit, das eigene Sicherheitsgefühl geht, bleibt davon nicht viel.

    Bei mir zumindest nicht. Bin ich ein schlechterer Mensch? Oder nur ein ehrlicherer?

  8. Dinge durch Belege belegen

    Wunderschönes Wortgeklingel.

    Passt auch gut zum gewohnten Übermediensprech, so erkenntfördernd wie „Hauptursache für Rassismus sind Rassisten.

  9. @2: Wenn das hier alles so unter Ihrer Würde ist, bleiben Sie halt weg. Lesen Sie es nicht. Schonen Sie Ihren Intellekt und Herzkreislauf. Nerven Sie anderswo.

    @3: Push-Pull-Faktoren beziehen sich grundsätzlich ja auf alle Formen von Migration: Stadt-Land-Wanderungen (z.B. Fehlen von Jobs auf dem Land / Jobangebot in Städten, Fehlen von Bildungsinfrastruktur auf dem Land / Bildungsangebot in den Städten etc.), selbst zur Erklärung zum Entstehen von boomenden und schrumpfenden Stadtteilen innerhalb einer Stadt wird das Modell herangezogen (z.B. Fehlen von Freizeitangeboten in der Peripherie / Freizeitangebote der Innenstadt oder Fehlen von bezahlbarem Wohnraum innerstädtisch / familiengerechte Wohnungen im Grüngürtel etc.).

  10. @ 7:
    Klingt sinnvoll. Erhellend finde ich den Kontrast, der entsteht, wenn man den Pull-Faktor (oder generell Migration) in solchen Kontexten ähnlich diskutieren würde:
    Was sendet es eigentlich für ein Signal, wenn Schwaben in Berlin medizinische Versorgung bekommen?
    Was für Menschen verraten ihre Heimatstadt und ziehen einfach aufs Land, anstatt sich vor Ort für bezahlbaren Wohnraum einzusetzen?
    Immer diese Wirtschaftsflüchtlinge, die in den Nachbarort zum Lidl fahren, statt beim Feinkostladen im Nachbarhaus einzukaufen!
    usw.

  11. @Stephan Fleischhauer
    Ihr Kommentar erinnert mich an folgenden Witz:

    Ein Angler angelt. Kommt ein Passant vorbei und schaut zu. Nach zwei Stunden sagt der Passant: „Gibt ja nichts dümmeres als ihre Art zu Angeln.“ Der Angler schaut sich um: „Doch. Stundenlang dabei zusehen, wenns einem nicht gefällt.“

  12. @8: Das Gedankenspiel gefällt mir gut! Und es lassen sich so viele weitere Beispiele finden.
    (Obwohl…macht Berlin das nicht seit Jahren, seine Pull-Faktoren reduzieren und dreckig und unfreundlich und überlaufen sein und die Leute ziehen trotzdem hin? ;) )

  13. Da dem deutlich überwiegenden Teil der Bevölkerung die genannte wissenschaftliche Definition des Begriffes „Pull Faktor“ nicht geläufig sein kann, läuft die Argumentation im Artikel im Bezug auf eine Breitenwirkung ins Leere.
    Niemand verbindet den Begriff (direkt) mit „Angst“.
    Das es eine Angst oder eher Sorge bzgl. der Flüchtlingsthematik und ihrer Folgen innerhalb der Bevölkerung gibt, kann wohl niemand abstreiten. Daraus darf aber nicht folgen, dass man den Betroffenen Motivationen nahelegt (so unterschwellig das hier auch versucht wird), welche aus „Angst“ geboren werden. Denn Angst ist – wie das Sprichwort schon sagt – ein schlechter Ratgeber.
    Das es trotzdem passiert – das Stichwort AfD sagt hier eigentlich alles – verbaut die Sicht auf Lösungsansätze und heizt Konfrontationen an.
    Was die „verängstigten“ Menschen benötigen ist nicht der erhobene Zeigefinger, Delegitimierung oder aggressive Konfrontation sondern Moderation in einem OFFENEN Diskurs.

  14. @ BAZOOKA JOE:
    Ich freu mich sehr, hier so eine realistische und ehrliche Meinung zu lesen.
    Das gibt mir das Gefühl, das noch nicht alles verloren ist.
    Das der Kommentar wohl erst jetzt nach 4 Stunden freigeschaltet wurde, scheint aber leider zu zeigen, dass irgendwer doch etwas „Angst“ vor ehrlichen Meinungen zu haben scheint …

  15. Ist das jetzt hier die Fips-Asmussen-Gedächtnisseite geworden oder warum fühlen sich in letzter Zeit einige bemüßigt, andauernd seltsame Witze zum besten zu geben.

  16. @12: „Da dem deutlich überwiegenden Teil der Bevölkerung die genannte wissenschaftliche Definition des Begriffes „Pull Faktor“ nicht geläufig sein kann…“

    Mein Erdkundeunterricht der achten oder neunte Klasse ist jetzt über 15 Jahre her, und trotzdem habe ich mich daran erinnert, als ich diesen Artikel las. Ich gehe davon aus, das alle Schüler die Push- und Pullfaktoren der Migration kennenlernen, wenn sie Afrika behandeln und nicht nur brandenburgische Gymnasiasten. Diese „wissenschaftliche Definition“ SOLLTE also allen bekannt sein.
    Dass viele Leute sie vergessen oder verdrängen, geschenkt…

  17. @Hans Meiser
    Soviel ich weiß, wird hier nichts frei geschaltet, höchstens im Nachhinein gelöscht, die Kommentare tauchen an sich immer sofort unmittelbar auf abgesehen von bekannten technischen Problemen, dass einzelne Kommentare recht zufällig erst später erscheinen…
    Die wissenschaftliche Definition von Pull-Faktor ist übrigens Lehrstoff 7. Klasse in Geographie schon vor 25 Jahren gewesen.
    Mi der vermeintlichen Forderung nach dem offenen Diskurs rennen Sie offene Türen:
    Die Mehrheit der Menschen in Europa will nichts substantiell abgeben ganz nach der Argumentations von BJ und deshalb lässt Europa politisch unterstützt von praktisch allen Regierungen praktisch niemanden rein. Was möchten Sie aus Ihrer Sicht denn bitteschön mehr?

    @BJ
    Dass ist eine ethisch offene Frage, ob es sie zu einem schlechten Mensch macht, nicht Ihren kompletten Besitz (oder vielleicht die Hälfte) teilen zu wollen. Die meisten Menschen sicher nicht, nach dem Motto: Wir sind halt nicht Jesus.
    Ich gebe Ihnen insofern recht, dass manche nach außen diesen Maßstab predigen, aber dann ebenfalls nicht einlösen. Hat sicherlich auch etwas mit sich selbst belügen zu tun.
    An sich ist aber gar nicht klar, ob z.B. selbst 50 Mio mehr Menschen in Europa unseren Wohlstand überhaupt gefährden würden. (eine Zahl die utopisch weit entfernt von der sogenannten Flut ist.)

  18. @ PETER SIEVERT
    „ Mi der vermeintlichen Forderung nach dem offenen Diskurs rennen Sie offene Türen:“
    Vermeintliche Forderung?
    Ich meine das ernst. Wie soll es denn sonst funktionieren? Zwangsmaßnahmen, Meinungen unterdrücken, etc.?
    Wenn nicht umgehend von handlungsfähiger Stelle (!) offen über für ALLE (und eben nicht – wie es aktuelle Praxis ist – kurzsichtig und plakativ für Wenige ) akzeptable NACHHALTIGE Lösungen unter Einbeziehung aller Betroffenen ein Diskurs in Gang gebracht und moderiert wird, sind Missverständnisse, Konflikte und Schuldzuweisungen vorprogrammiert. Das das letztendlich Keinem hilft, sollte Konsens sein.
    Ich denke, die Geschichte der Menschheit hat eindrucksvoll gezeigt, dass sich die Köpfe einschlagen (sei es auch nur verbal) noch nie zu einer guten Lösung geführt hat.
    Gut, bisher hat noch niemals irgend etwas zu einer wirklich umfassend guten Lösung für Alle geführt – aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.
    Und Nein: ich kenne die Lösung auch nicht. Aber da gibt es doch so Leute, die machen das beruflich – Politiker oder so heißen die, glaube ich. Werden sogar fürstlich bezahlt dafür ..,

  19. Schreibt Wallis hier eigentlich als Medienkritiker, der die Einhaltung journalistischer Standards beobachtet und kommentiert, oder als Kampagnenaktivist, der eine politische Agenda verfolgt?

    Auf seiner Website finde ich folgende Selbstbeschreibung:
    Ich bin ein Kampagnen & PR-Manager mit Erfahrungen in NGO & Politik-Kampagnen. Ich bin tätig u. a. zu den Themen: Klimaschutz, CO2, Öl, Arktis, Urwälder, Palmöl, Gentechnik, Demokratie, Rechtsextremismus, Rechtspopulismus, Tierschutz, Datenschutz, Bürgerrechte. Vor Ort – während der Aktion – fühle ich mich genauso wohl, wie am Schreibtisch bei strategischen Planungen.

    Auf Twitter nennt er sich Sprachforscher mit Hang zum Kontrollverlust. Forschung findet man da aber eher nicht. Nur ständig Framingvorschläge, Anprangern von Begriffen dr Konservativen, der Wirtschaft usw., eigentlich nur Sprachaktivismus.

  20. @ Eric Wallis

    Danke für diesen Kommentar!

    @ Stephen Fleischauer #2

    „Ein Bedeutungswandel wurde nicht belegt.“

    Oh je. Wer Augen hat, der sehe.
    Und wer es kann differenziert zwischen journalistischem Kommentar und einer sprachwissenschafltichen Analyse.

    Beste Grüße

    pitpitpat

  21. Einige Gedanken dazu:

    Beherrscht dieser Begriff ( Pull-Faktor ) die Flüchtlingsdiskussion, dann unterstützt das das rechte Framing, es wären ja weit überwiegend „nur“ „Wohlstandsflüchtlinge“.

    Wie beseitigen wir also, so es denn konsequent sein soll, den „Pull-Faktor“ Wohlstandsgefälle? Oder sind wir als Gesellschaft so pervers, dass wir nur Dinge wie Seenotrettung, gesundheitliche Versorgung, Bewegungsfreiheit, Selbstbestimmung etc., als „Pull-Faktoren“ abzuschaffen bereit sind?

    Eine Theorie, einen Ausgleich zu schaffen, ist ja die konsequente Öffnung aller Grenzen.
    Dagegen wird immer hoch theoretisch argumentiert. Studien dazu deuten aber auf das exakte Gegenteil dessen, was man da behauptet.
    Seitdem die USA die Grenze zu Mexiko abriegelt, kommen zwar weniger neue Migrant*innen, noch weniger aber verlassen das Land auch wieder. Es wird also perspektivisch dort immer mehr Menschen ohne Aufenthaltstitel geben. Da helfen auch Abschiebungen nicht.

    Die Gelder, die von Migrant*innen in die Heimat geschickt werden, entwickeln diese um ein Vielfaches effektiver, als jede geleistete Entwicklungshilfe. Sie sorgen dafür, dass diejenigen Fachkräfte, die ja angeblich den Ländern „geraubt“ würden, dann irgendwann tatsächlich überhaupt einen Job dort bekommen könnten. Denn zu dem Pull-Faktor Wohlstandsgefälle, benötigt es den Push-Faktor keine Perspektive.

    Aber wir waren ja woanders: Wir müssen Sklaverei in Libyen tolerieren ( ja finanzieren), wir müssen Seenotrettung kriminalisieren, Gangster zu Küstenwache umdeuten und in der EU möglichst abschreckende Elendslager errichten, um unsere „Kultur“ zu schützen.

    Was für eine Kultur mag das sein? Was bleibt übrig, wenn man all das abgezogen hat?

  22. Man könnte auch sagen, dass der Begriff Hund durch die sprachlichen Äußerungen einer Person, die Hunde hasst, seine Neutralität verliert und einen Bedeutungswandel durchmacht. Und man könnte dann fordern, diese Person solle das Wort Hund nicht mehr verwenden, sondern stattdessen Hassobjekt sagen. Sonst wäre es eine sprachliche Ungenauigkeit (bestenfalls) oder sogar hundsgemeines Framing. Und das muss man als tapferer Sprachwahrer natürlich unbedingt verhindern.

    Ich finde, man sollte Wallis den Titel Sprachwahrer des Jahres verleihen. Würde ihn bestimmt freuen.

  23. Schreibt @ Stephen Fleischauer hier eigentlich als Kommentator, oder als Bully, der Autoren ad hominem angreifen soll?
    Frage für einen Freund.

  24. @Frank Gemein
    Ich fürchte, da müsste man Stephan Fleischhauer selbst fragen, da sonst nicht viel über ihn bekannt ist.

  25. Meine eigene Meinung kenne ich ganz gut. Auch die der Leute rundrum. Wie es darüber hinaus aussieht, interessiert mich auch, aber wie erfährt man das?
    Es gibt semioffizielle Stimmungsberichte. Könnte sein, dass die passen. Sicher ist das nicht, wenn die von Leuten produziert werden, bei denen die Wahrheit nicht ganz oben im persönlichen Wertesystem angesiedelt ist.

    Deshalb seh ich mir gern die Leserkommentare auf den Online-Zeitungsplattformen an. Wobei für mich weniger die Kommentare aussagekräftig sind, aber die Likes/Dislikes.

    Zur Zeit der Flüchtlingskrise haben die Portale von Springer und FAZ dazu nicht viel hergegeben. Dort versammelt sich die tendenziell liberale oder konservative Leserschaft und die Redaktionen wussten sich nicht anders zu helfen als die Fensterläden zu schließen.

    Anders SPIEGEL und ZEIT. Die haben sich ein progressives Publikum zusammenmoderiert. In den Jahren 15 bis 17 kamen dort die gewünschten Refugees welcome! Kommentare mit viel Likes bedacht.
    Im Jahr 2018 ging das, meine subjektive Wahrnehmung, langsam zurück.

    Das ging wohl damit los, dass einige ihren Globus anschaut und mitbekommen haben, es stimmt nicht, dass die Marokkaner, Nigerianer und Tschetschenen syrische Bürgerkriegsflüchtlinge sind.

    Und das ging damit weiter, dass das angekündigte Schließen der Fachkräftelücke und das Erarbeiten der Rente immer noch auf sich warten lässt. Die Propagandaabteilungen, allen voran der freilaufende Fratzscher, produzieren immer noch ihre Jubelstatistiken. Aber wer glaubt das noch. 52% der Flüchtlinge in Lohn und Brot? Na klar, Fratzschi, wenn Du das sagst.

    Vor vier Jahren hat die gleichgeschaltete Lügenpresse noch verkündet „Zuwanderer sind nicht kriminelle als Deutsche“ (https://uebermedien.de/5616/vergleichsweise-kriminell-das-fluechtlingszitat-des-innenministeriums/). Eine abenteuerliche Behauptung, die sich heute keiner mehr wagt.

    Auch die Hilfskonstruktion der ausländerfeindlichen Gewalt greift nicht mehr so recht, wenn sich über die Jahre rausstellt, dass in fast allen Fällen von Wohnheimbränden „der Brand im inneren ausbrach“. Und weil der durchschnittliche Medienkonsument irgendwann bemerkt, dass in den meisten Fällen von Gewaltstraftaten der Täter kein Nazi ist, sondern der Einmann oder eine Männergruppe.

    Jedenfalls habe ich seit einem Jahr den Eindruck, dass bei SPIEGEL, ZEIT und anderswo die migrationskritische Seite überwiegt. Natürlich ist das nicht einfach, eine Sache zu kritisieren, die man bis vor kurzem noch mit Herzblut verteidigt hat. Deshalb halten viele immer noch Tuchfühlung zur guten alten Zeit, beginnen oder beenden ihre Kommentare mit solchen Stanzen:

    Bei allem Abscheu vor den Rechten

    Aber nicht alle. Es gibt immer noch ne ganze Menge, die stehen zu Merkel in Treue fest. Von denen liest man dann so was:

    An sich ist aber gar nicht klar, ob z.B. selbst 50 Mio mehr Menschen in Europa unseren Wohlstand überhaupt gefährden würden.

    Wie sagte der Professor in der Feuerzangenbowle?
    Jetzt stelln mer uns mal janz dumm.

  26. @Frank Gemein (23.)

    Schreibt @ Stephen Fleischauer hier eigentlich als Kommentator, oder als Bully, der Autoren ad hominem angreifen soll?

    Was ad hominem betrifft, da gibt’s hier erst mal ganz andere Kandidaten.

    Die Frage was das für einer ist, drängt sich doch auf bei einem dermaßen unterirdischen Eingangsartikel.
    Eine Frage, die erstaunliches zutage fördert, die Bandbreite des Wallis´ Fähigkeiten und Tätigkeiten von Klimaschutz bis Bürgerrechte.
    Ein Multitalent?
    Oder einer aus dem akademischen Lumpenproletariat, der nichts gelernt hat, der nichts kann, den keiner braucht; der von dem lebt, was er an den Futterkrippen der Umverteilung abgreifen kann?
    Suchen Sie sich was aus.

  27. @25 FIX und FOXI
    „Was ad hominem betrifft, da gibt’s hier erst mal ganz andere Kandidaten.“

    Stimmt auffällig. Und beweisen müssen Sie es auch gleich:

    „Oder einer aus dem akademischen Lumpenproletariat, der nichts gelernt hat, der nichts kann“

    Ein Magisterstudium aus Linguistik, Kommunikation und Psychologie ist unüblich, aber sicher interessant. Wenn ich mir Ihre Elaborate hier dagegen anschaue, so ist das doch eher Hauptschule Wedding vorzeitig abgebrochen.

    Ihre steilen Thesen wären bei Tichy oder Achgut vielleicht gut aufgehoben.

    „Lumpenproletariat“ – tse, na, ich will ja nicht wieder psychologisieren .

  28. Oh, und Wallis hat Unrecht. Der Begriff hat nicht nur seine Konnotation verändert, sondern auch seine Bedeutung. „Pull-Faktoren“ gibt es nur noch im Bezug auf die Migration im Mittelmeerraum.
    Oh, und die Trollparade … tststs

  29. Ein Magisterstudium aus Linguistik, Kommunikation und Psychologie ist unüblich, aber sicher interessant.

    Das ist alles?

    Das ist aber gar nicht nett, wie Sie den Trackrecord, die Bildung und die Fähigkeiten des Herr Dr. Wallis herabwürdigen. Besonders schade, dass Sie seine Promotion unter den Tisch fallen lassen.

    Außerdem hätten Sie ruhig erwähnen können, dass er außer einem Magisterstudium die Linguistik, Kommunikation und Psychologie (Achtung, keine Satire. Das habe ich mir nicht ausgedacht, er schreibt das über sich selbst) ein Experte ist für:
    – Klimaschutz
    – CO2
    – Öl (Sonnenblumen oder Raps?)
    – Arktis
    – Urwälder
    – Palmöl
    – Gentechnik
    – Demokratie
    – Rechtsextremismus
    – Rechtspopulismus
    – Tierschutz
    – Datenschutz
    – Bürgerrechte

    Dass der Tausendsassa auch in Frauenrechte, Homophobie, Ozonloch, LGBT-Rechte, Antiziganismus und Antarktis macht, hat er nicht geschrieben.
    Vermutlich aus Bescheidenheit.

  30. Nach Lektüre des Artikels stellt sich mir folgende Frage:

    Nehmen wir an, jemand steht der Aufnahme von Flüchtlingen und Faktoren, die angebliche Anreize zur Flucht geben, ablehnend gegenüber, möchte seine Ansichten aber in sachlichen neutralen Worten formulieren. Wie müsste er das tun? Oder würde jeder entsprechende Gebrauch der Sprache dann automatisch zu negativen Bedeutungsverschiebungen der verwendeten Ausdrücke führen? Denn irgendwelche Ausdrücke müsste man ja verwenden. Wäre das Fazit dann also, dass Positionen, die die Aufnahme von Flüchtlingen ablehnen und entsprechend Pull-Faktoren als potentiell problematisch klassifizieren, prinzipiell unartikuliert bleiben sollten – und zwar wohlgemerkt nicht aus inhaltlichen oder politischen, sondern schon aus rein linguistischen Gründen?

    Mich überzeugt der Artikel indes nicht. Stärkere Pull-Faktoren werden ceteris paribus und beim Bestehen entsprechender Möglichkeiten zu mehr Flüchtlingen führen. Steht jemand der Aufnahme von Flüchtlingen negativ gegenüber, wird es also auch Faktoren, die zur Aufnahme von Flüchtlingen beitragen könnten, nicht positiv beurteilen. Das ist aber ein sachlicher und kein primär sprachlicher Zusammenhang; der Zusammenhang hängt nicht an willkürlichen Bezeichnungen, sondern an der bezeichneten „Sache“ selbst. Neue Bezeichnungen würden daher auch nichts ändern.

    Wenn manche Menschen Flüchtlingen und „Pull-Faktoren“ negativ gegenüberstehen und dies sich in ihrer Sprache ausdrückt, so heißt das auch nicht, dass Wörter wie „Pull-Faktor“ oder auch „Flüchtlinge“ (oder „Geflüchtete“) eine negative Konnotation hätten. Es handelt sich hier vermutlich weiterhin um neutrale Begriffe, die von Sprechern mit unterschiedlicher Auffassung je nachdem in einem positiven, neutralen oder negativen Zusammenhang gebraucht werden können (so wie z.B. „Religion“, „Sozialdemokratie“ u.v.a.m.). Der Begriff „Pull Faktor“ wird vermutlich häufiger von Personen gebraucht, die die Aufnahme von mehr Flüchtlingen ablehnen, aber das hat wiederum primär sachliche und nicht sprachlichen Gründe: Wer eine Flüchtlingsbwegung fürchtet, wird naturgemäß eher auf vermeintliche Fluchtanreize fokussieren und über diese sprechen als jemand, der keine Probleme mit mehr Flüchtlingen hat – ganz egal, wie die jeweiligen Phänomene sprachlich bezeichnet werden.

    Wäre der Ausdruck „Pull Faktor“ indes negativ konnotiert, so müsste es uns sprachlogisch merkwürdig erscheinen, wenn das Wort „Pull Faktor“ in einem positiven Kontext gebraucht wird (so wie es z.B. seltsam erschiene, wenn jemand positiv über einen „Köter“ spricht). Ich vermute, dass dies nicht der Fall ist.

    Der Autor spricht von Angst, die dem „Wort ‚Pull-Faktor‘ innewohnt“. Ich glaube nicht, dass die Angst dem Wort qua Wort innewohnt, sondern dass die Angst der mit dem Wort bezeichneten Sache gilt.

    Es ist m.E. sehr wichtig, die Sach- und die Srachebene zu unterscheiden, also Sach- und Srachprobleme, und sich bewusst zu sein, dass bei Weitem nicht alle Sachprobleme wesentlich mit Sprache zu tun haben.
    Selbst wenn etwa ein praktisch universaler Konsens bestünde, dass Flüchtlinge abzulehnen sind und Pull-Faktoren ein Problem darstellen, hieße das nicht, dass die Wörter selbst negativ konnotiert sind. Dass ein „Gegenstand“ negativ gesehen wird, heißt nämlich noch nicht, der Ausdruck für ihn negativ konnotiert ist. Wenn ich hierzu aus einem älteren Beitrag von mir zitieren darf:

    Nehmen wir etwa an, jemand hat vor 200 Jahren gesagt, dass Frauen so intelligent und vernunftbegabt seien wie Männer.
    Das hätten viele Leute als kurios empfunden – aber doch wohl aus sachlichen bzw. inhaltlichen und nicht aus sprachlichen Gründen! Die Leute hätten gedacht, dass der Sprecher in der Sache Unrecht hat, aber nicht, dass er die deutsche Sprache mangelhaft beherrscht, weil er Wörter in der falschen Bedeutung verwendet.

    Obwohl sich das Bild der Frau radikal geändert hat und Frauen exzessiv diskriminiert, war eine Ersetzung des Wortes „Frau“ durch ein anderes Wort daher unnötig – die Vorurteile hingen an der Frau selbst, nicht am WORT „Frau“.

    Entsprechen mag die Aussage „Homosexualität ist normal“ vor 100 Jahren vielen Leuten seltsam vorgekommen sein; aber wieder nicht aus sprachlichen oder „bedeutungstheoretischen“, sondern aus sachlichen Gründen. […]

    So steht es auch um viele andere Beispiele: Wir bewerten Sklaverei heute völlig anders als früher (heute extrem negativ und früher neutral oder sogar positiv); dennoch ist der Begriff der gleiche. Wenn wir eine Zeitreise unternehmen und mit einem Sklavenhändler diskutieren könnten, so hätten wir einen neutralen Begriff („Sklaverei“), den wir für eine Diskussion verwenden könnten, ohne dass der Begriff selbst schon präjudizieren würde, welche Seite recht hat. […]

    Gäbe es nicht viele „neutrale“ Wörter in diesem Sinne, dann würden Werturteile wie etwa „XY ist normal/unnormal“ Tatutologien resp. Kontradiktionen nahekommen. Denn die vorgenommene Wertung würde ja bereits am Begriff selbst hängen oder wäre ihm entgegengesetzt.
    Auch wäre es dann unmöglich, dass Leute mit verschiedener Auffassung über ein Thema diskutieren. Denn bereits die Begriffe, die jede Seite verwendet, würden die jeweilige Wertung beinhalten. Leute mit unterschiedlicher Meinung hätten also nicht einmal eine gemeinsame, neutrale Sprache, welche es erlaubt, völlig unterschiedliche Positionen mit ihr auszudrücken.

    Zitat Ende

    Der Autor belegt, dass manche Menschen in „Pull-Faktoren“ ein Problem sehen, aber m.E. nicht, dass das Wort negativ konnotiert wäre oder eine Verwandlung der Konnotation mitgemacht hätte.

  31. @LLL hat exakt 1 unoriginellen Gedanken in diesem Thread, den er in einer Schwafelflut wiederkäut. Plus ad hominem Geprolle gegen den Autoren, wobei die Grenzen fliessend sind
    @FIXUNDFOXI Hat nur ad hominem Geprolle gegen den Autoren und wiederholt das ebenfalls in einer Tour, wobei er tatsächlich zu glauben scheint, dies sei witzig.

    Nur falls es sich jemand Neues ersparen möchte, den ganzen Sermon zur Gänze durchzugehen.

    LG

  32. Ach Frank Gemein. Wir wissen doch inzwischen, dass Sie kaum einen Beitrag zustande bekommen, ohne andere Leute persönlich anzugreifen. Dass Sie oft überhaupt darauf verzichten, auf Argumente eingehen und statt dessen nur rumpöbeln. Sie haben es jetzt doch wirklich genug beweisen, wo Ihr intellektuelles und menschliches Niveau liegt. Wir wissen es jetzt.

  33. Mag ja sein, daß „pull-Faktor“ gezielt eingesetzt wird, um Angst zu schüren. Anstatt dem aber zu widersprechen und auf die Neutralität des Begriffs zu pochen, macht der Autor genau das, was sich Rechte nicht besser wünschen können- er übernimmt selber die negative Konnotation des Begriffs.
    Vorauseilender Sprachgehorsam, wenn man so will.

  34. @LLL Sollten Sie sich von mir angesprochen gefühlt, kann ich Sie beruhigen. Dem war nicht so.
    Aber da Sie fragen:

    Sie spamen diesen Kommentarbereich mit ihrer unoriginellen Logorrhoe in einem Maße dicht, dass allen anderen der Austausch mehr und mehr unmöglich wird.
    Mit Wortbrei zugematscht von einem arroganten Schwafeler.
    Da tritt das Thema ob der Methode schon mal in den Hintergrund.

  35. Ergänzend zu meinem letzten Beitrag möchte ich noch darauf hinweisen, dass scheinbar manche politische und inhaltliche Kritik im Gewand von Sprachkritik betrieben wird.

    Das dürfte den Protagonisten oft nicht bewusst sein und sie mögen es gut meinen, aber das Problem bleibt. (Ich will damit nicht behaupten, dass dieser Beitrag in diese Kategorie gehören würde, aber es wäre auch nicht ganz abwegig, ihn so zu interpretieren, dass er ein wenig in diese Richtung weist.)

    Uwe Krüger hat das Problem in einem kurzen Kritik eines Zapp-Beitrages treffend formuliert:

    „Hier wird so getan, als ob den Protagonisten nur die Wörter nicht passen, doch eigentlich geht es um das, was damit ausgedrückt werden soll. Der Beitrag ist eine Gebrauchsanweisung, wie man Menschen, deren Haltung einem nicht passt, den Mund verbieten kann, ohne auf ihre Argumente oder Gefühle eingehen zu müssen – einfach indem man ihre Wörter delegitimiert. Er vermischt die Sprachkritik mit der Sache und ist damit manipulativ.“
    https://norberthaering.de/news/krueger-zapp/

    (An den Herrn mit dem sprechenden Namen und ohne Benimm:
    Ich überfliege Ihre Beiträge nur sporadisch und lese gewöhnlich nur, wenn ich ein „@ LLL“ sehe. Und auch das will ich mir abgewöhnen. (Mein Vorschlag wäre, dass Sie es umgekehrt genauso halten, wenn sie meine Beiträge nicht mögen, aber das bleibt Ihnen überlassen.))

  36. Der LLL (m?w?d?) kann schon arg lang werden. Auch mich hat er schon kritisiert. Aber seine Beiträge lese ich trotz der Überlänge, denn meistens enthalten sie doch etwas, was des Nachdenkens wert ist. Das konnte ich bei Frank Gemein bisher nicht entdecken.

  37. @LLL
    Ich will damit nicht behaupten, dass dieser Beitrag in diese Kategorie gehören würde, aber es wäre auch nicht ganz abwegig, ihn so zu interpretieren, dass er ein wenig in diese Richtung weist.
    Ist der Artikel nicht gerade ein Paradebeispiel dafür?

  38. Es gibt hier in diesen (unmoderierten) Kommentarspalten eine Handvoll Typen, die derart hässlich herumätzen, dass man eigentlich kaum noch jmd. empfehlen kann, Beiträge für Übermedien zu publizieren.

    „die gleichgeschaltete Lügenpresse“, „die Hilfskonstruktion der ausländerfeindlichen Gewalt“, „einer aus dem akademischen Lumpenproletariat“ – da fehlt eigentlich nur noch der NPD-Aufnahmeantrag. Schade, dass man das so laufen lässt.

  39. Fun Fact: LLLs Beispiel von der Frau ist besonders inkompetent gewählt. Denn der Wandel von Weib zu Frau als neutralem Begriff ist einer der einleuchtendsten.
    Ist halt wirklich schade, wenn ein interessanter Beitrag von flüchtlingsgetriggerten Schimpfen gekapert wird.

  40. @ Florian Blechschmied:

    Merci. (Ich bin übrigens ein „er“.)

    @ Daniel:

    Zur Frage von Weib und Frau sehen Sie bitte Kommentar 38 hier:
    https://uebermedien.de/49909/8-tipps-die-ich-fuer-anne-will-bekommen-habe-und-welche-davon-taugten/

    Es wäre hilfreich, wenn Sie sachlich und höflich bleiben könnten. So halte ich es ja auch, jedenfalls solange andere nicht sehr provokant schreiben.
    Abgesehen davon wäre es nett, wenn Sie nicht unmittelbar und übergangslos, nachdem Sie etwas über mich geschrieben haben, von „flüchtlingsgetriggerten Schimpfen“ schreiben würden.

    @ Stephan Fleischhauer:

    Na ja, der Autor sagt ja nicht gerade, dass man bestimmte Ausdrücke nicht gebrauchen solle. Aber es stellt sich natürlich schon die Frage (die ich zu Beginn meines ersten Kommentars ja auch gestellt habe), wie jemand, der gegen die Aufnahme von Flüchtlingen ist und vermeintliche Anreize daher negativ sieht, sich artikulieren sollte.

    Wenn die entsprechende Person bestehende Worte gebraucht (wie eben „Pull-Faktor“), wird man wohl immer sagen können, dass sie bestehende Wörter vereinnahmt und Konnotationen verschiebt (jedenfalls in der Logik des Artikels, wenn auch nicht nach meiner Auffassung).

    Es bliebe Personen mit den entsprechenden Einstellungen also dann also eigentlich nur, sich Synonyme für bereits bestehende Wörter (etwa zu dem bereits etablierten „Pull-Faktor“) zu überlegen. Abgesehen davon, dass dies schon etwas seltsam wird, wäre die Frage, ob das dann wenigstens okay wäre. Oder würde man dann sagen, dass die betreffenden Leite Wörter mit negativer Konnotation für ihren eigenen Sprachgebrauch schaffen, die Ressentiments bereits enthalten, anstatt allgemein übliche und neutrale Wörter zu benutzen?

    Falls Letzteres der Fall wäre, würde dies im Effekt tatsächlich darauf hinauslaufen, dass bestimmte Positionen aus dem Bereich des Sagbaren ausgeschlossen werden, indem jeder Versuch, sie sprachlich auszudrücken – egal ob mit konventionellen neutralen Wörter oder Neologismen – für illegitim erklärt würde. Da würden Sprachkritik dann tatsächlich als Vehikel dienen, um INHALTE zu bekämpfen, und zwar völlig unabhängig von jeder sprachlichen Form, in der sie potentiell artikuliert werden könnten.
    Und wie Krüger das schreibt, könnte diese Art der „Sprachkritik“ dann zugleich auch als Ersatz für eine argumentative Beschäftigung mit der kritisierten Position dienen.
    Dass ein solches Vorgehen höchst problematisch wäre – man mag eine Position noch so sehr ablehnen – sollte evident sein.

  41. @LLL
    Ja, gelesen, das „Argument“ ist falsch. Richtig ist, Weib war neutral konnotiert, bekam seine negative K. dadurch, dass die D. des positiv konnotierten „Frau“ erweitert wurde.

  42. Dass ein Sprachwissenschaftler die Kunst der Manipulation beherrscht, sollte eigentlich klar sein. Umso genauer müssen Beiträge wie obiger begutachtet werden.
    Leider wird man schnell fündig.
    Der Autor benennt Lees Modell zunächst richtig „Migration“, um fortan nur noch von Flucht und Geflüchteten zu schreiben.
    Auf der Basis dieser falschen Gleichsetzung argumentiert er sich zu einem (ideologisch) gewünschten Ergebnis. Der Autor versucht hier nichts anderes als einen Zirkelschluss.
    Man könnte nun das ganz große Rad drehen und das Völkerrecht bemühen, welches da ziemlich scharfe Grenzen zieht.
    Es geht aber auch einfacher.
    Jeder, der eines Jobs, einer Liebe, des schöneren Wetters oder des großzügigeren Sozialsystems wegen von A nach B wandert, ist im Sinne des Lee’schen Modells ein Migrant, nicht notwendigerweise aber ein „Geflüchteter“.
    Im Ergebnis ist der Artikel unwissenschaftlicher ideologischer Quark.

  43. @43
    Den „Zirkelschluss“ versuchen hier konkret ganz andere.

    Der Versuch, qua Endlosschleife die Idee zu verkaufen, dass es ja auch möglich sein muss, als Migrationsgegner den wissenschaftlichen Terminus „Pull-Faktor“ zu benutzen, scheitert daran, dass gar niemand ( schon gar nicht Eric Wallis ), dies jemals verboten hätte.
    Ein einziges Strohmann-Argument in Dutzenden Variationen.

    Oder auch die 5 Millionste Version einer aufgesetzten Cancel-Culture Argumentation, aufgeblasen und schwülstig dargereicht.

    Der Autor hätte aber auch deutlicher werden können. Der Fehler der SZ war nicht (nur), ein rechtes framing übernommen zu haben, er war auch ein wissenschaftlicher:
    Seenotrettung kann niemals ein Pull-Faktor sein, es sei denn, man wäre so verblendet anzunehmen, Menschen stiegen in die Boote um eine nette Tour auf dem Mittelmeer zu machen.

    Natürlich darf der Begriff jederzeit von jedem benutzt werden.

    Es geht darum ihn richtig anzuwenden und um das Recht, die falsche Benutzung kritisieren zu dürfen. Wer sagen will, dass ein humanes Aufnahmelager, die Aufnahme von Minderjährigen nach Jahren im Lager, gerechte Verfahren, die Verteilung von anerkannten Flüchtlingen oder auch nur die See-Notrettung ein Pull-Faktor seien, der vergewaltigt den wissenschaftlichen Terminus.

    Pull-Faktoren sind Sicherheit, Stabilität, (Meinungs-)Freiheit, Wohlstand … .

    Was diese Menschen eigentlich sagen wollen ist: Wir müssen die Lager unerträglicher-, die Situation der Flüchtlinge aussichtsloser machen, wir müssen dafür sorgen, dass weniger Menschen auf dem Meer gerettet werden, um andere abzuschrecken.

    Das Wort Pull-Faktor ist in allen diesen Fällen einfach eine Lüge.

  44. @Hans Meiser
    Natürlich können „ALLE“ am Diskurs teilnehmen und das tun sie auch. Sicher war „vermeintliche Forderung“ nicht gut formuliert, aber es muss doch klar gewesen sein, was ich meine. Sie fordern etwas, was es nur vermeintlich nicht gibt. Diejenigen, die Sie meinen, die ausgeschlossen wären, sind mutmaßtlich diejenigen, die fordern, die Grenzen dicht zu machen. Na Überraschung, deren Lösung wird bereits praktiziert.
    Wenn überhaupt, ist es ja eher umgekehrt, dass diejenigen, die sagen: „Lasst Sie doch einfach alle her“ als Tagträumer gar nicht ernst genommen werden. Wegen Arbeitskräftemangel, Demographie, Gleichheit aller Menschen, Kosmopolitismus, gäbe es ja durchaus rationale Gründe, aber jene Ansichten sind ganz klar in der Minderheit sowohl in der Bevölkerung als auch im Diskurs.

    Oder missverstehe ich Sie? Wer ist denn mit welchen Lösungsansätzen ausgeschlossen vom Diskurs Ihrer Meinung nach? Rechtskonservative Pragmatiker sicher nicht.

  45. @45
    >>> Wenn überhaupt, ist es ja eher umgekehrt, dass diejenigen, die sagen: „Lasst Sie doch einfach alle her“ als Tagträumer gar nicht ernst genommen werden. <<<
    Was wiederum so eindeutig eben gar nicht ist.

    https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2018/service/was-waere-wenn-alle-grenzen-offen-waeren
    Natürlich wäre die Umsetzung eine unglaubliche unilaterale Herausforderung und kann nur als schrittweises Entwicklung über längere Zeiträume angegangen werden.
    Aber viele Argumente dagegen sind Scheinriesen, die sich oft auch nur gegenseitig stützen.

  46. @LLL
    Wenn man sich seine taz-Artikel und Tweets so anschaut, sieht man, dass Wallis ständig versucht, mit Kritik an Begriffen seine politische Meinung unterzujubeln. Aber es ist auch in diesem Artikel überdeutlich.

    Das ist aber nicht das einzige Problem. Der Artikel enthält auch schwerwiegende Kategorienfehler, Übertreibungen, logische Widersprüche. Das geht soweit, dass selbst bei der Sprachkritik, die er in den Vordergrund stellt, nicht klar ist, wie sie überhaupt gemeint ist. Man kann sich auch nicht an den spärlichen „Belegen“ orientieren, um zu verstehen, was er eigentlich meint.

    Ich fang mal mit Übertreibungen an.

    Einleitend sagt er: Einst neutrale Vokabeln werden so unbewusst zu handfesten Schlagwörtern, Argumenten, Totschlagargumenten – und will das anhand des Begriffs Pull-Faktor erläutern. Pull-Faktor wäre also nicht nur ein Schlagwort, sondern gleich ein Totschlagargument. Dafür müsste er zeigen, dass mit dem Wort Diskussionen abgewürgt werden. Fehlanzeige. (Kein Wunder, Totschlagargument ist eben eine maßlose Übertreibung, ein Beleg dürfte sich nicht finden lassen.) Warum Wallis auch das simple „Argument“ in seine Reihung der gefährlichen Bedeutungsveränderungen aufnimmt, ist rätselhaft. Soll das heißen, wer ein Argument gebraucht, ist nahe am Totschlagargument? Oder es einfach nur Wortzauber, klingende Sprache, Wortwiederholung?

    Noch so eine Übertreibung: Es ist ein Tarnwort, dessen Wirksamkeit auf seiner Unauffälligkeit beruht. Wallis meint, wer Pull-Faktor sagt, sagt eigentlich, dass er Angst hat. Um das zu tarnen, verwendet er das erstere Wort und erhöht damit auch gleich die Wirkung. Man hat hier aber eher den Eindruck, dass Wallis um Wirkung bemüht ist. Dass seine dürftige These von Bedeutungswandel irgendwie bedeutsam rüberkommen soll. Belege für die behauptete Tarnfunktion kann ich nicht erkennen.

    Kategorienfehler: Pull-Faktor und Angst sind nicht austauschbar wie Synonyme.

    Sie sagten ja schon Es bliebe Personen mit den entsprechenden Einstellungen also dann also eigentlich nur, sich Synonyme für bereits bestehende Wörter (etwa zu dem bereits etablierten „Pull-Faktor“) zu überlegen.
    Ich fürchte, dass würde Wallis nicht akzeptieren.

    Er unterscheidet auch nicht zwischen neuer Bedeutung und Konnotation:
    Damit ist eine neue Bedeutungsnuance, eine Konnotation hinzugekommen: Die neue Bedeutung heißt: Angst. Pull-Faktoren sind das, was zu vermeiden ist.

    Noch ein Kategorienfehler: Im Satz davor redet er von „neutralen Fluchtgründen“, meint aber wohl die Abstraktion Pull-Faktor. Und er wirft einen kategorisch falschen Bedeutungswandel hinterher: Pull-Faktor = das, was zu vermeiden ist. Da kann man nur staunen.

    Das ist alles einfach so runtergeschrieben. Und drei Minizitate aus Tagesschau-Onliine, Bild und Welt müssen dafür bürgen.

    Mit seinem aufgeplusterten Gefasel will er eigentlich die Ablehnung von Flüchtlingen delegitimieren. Das hätte er außersprachlich bewerkstelligen müssen. Aber damit verlöre er die Maske der Objektivität. Mittels linguistischer Analyse lassen sich bequem und von oben herab alle Probleme der Welt wegargumentieren.

    Und weil Wallis ein professioneller Kampagnen-Spezi ist, sprudelt es nur so hervor:

    Damit hat es der „Pull-Faktor“ in die Reihe jener Schlagworte geschafft, die Gleiches aussagen wie die Wörter „Flüchtlingswelle“ oder „Flüchtlingsflut“. Dieser neue Wortgebrauch von „Pull-Faktor“ ist nichts anderes als die Erzählung der AfD.

    Pull-Faktor sagt nicht das gleiche wie Flüchtlingswelle oder -flut. Das Versatzstück ‚Erzählung der AfD‘ hat er wortgetreu aus einem taz-Artikel herübergepastet. Der war über ein anderes Thema, aber gleiche Machart, gleiche Sprachrabulistik. Was die Erzählung der AfD ist, sagt er hier wie dort nicht.

    Wittgenstein stimmt ihm aber zu. Immerhin.

    Logische Widersprüche/ falsche Schlussfolgerungen:

    Er behauptet, dass der SZ-Autor, der schreibt, dass das Bestehen eines Pull-Faktors in einer Konstellation widerlegt sei, automatisch impliziert, dass Pull-Faktoren generell zu vermeiden und Flüchtlinge abzuwehren seien.

    Er bezeichnet diese Darstellung des Autors übrigens als „argumentative Farce“ – mit anderen Worten: Wer das Wort Pull-Faktor verwendet – von mir aus auch im Sinne von etwas zu Vermeidendem, darauf kommt es hier nicht an – ist automatisch vom Diskurs ausgeschlossen. Denn er kann ja nicht argumentieren. So grenzt man Sachargumente mit Sprachanalyse aus.

    Eine andere Art von Widerspruch:
    Wer aus Seenot rettet, generiert einen Pull-Faktor. Wer unbürokratisch Menschen aus Moria evakuiert, schafft Pull-Faktoren. Wenn Bürgermeister*innen in Deutschland Geflüchtete aufnehmen wollen, dann schaffen sie Pull-Faktoren. Wer jetzt 100 Kinder rettet, muss morgen Tausende retten. Wer jetzt 5000 Leute rettet, muss Millionen retten. In der Logik der Ausländerangst wird alles zum Pull-Faktor.

    Auch wenn er das zuvor als „hypothetisch“ zurücknimmt. Er hämmert dem Leser hier ein, was alles Pull-Faktoren sein könnten. Entweder hält er den Übermedien-Leser für moralisch besonders gefestigt, oder er macht selbst gerade das, wovor er eigentlich gewarnt hat.

    Übrigens habe ich gestern in alten Artikeln gestöbert und Ihre sehr klugen Kommentare im Birk-Meinhardt-Artikel gelesen. Ich kann nur zustimmen.

  47. Der Autor hat recht. Dieses Pull-Faktoren-Gelaber (»Wer sein Lager anzündet, darf nach Deutschland.«) ist überflüssiges, von rechts instrumentalisiertes Panik-Geplärre.

    Der »Pull-Faktor« Moira liest sich in Wirklichkeit so: »Wenn du die Mittelmeerüberfahrt im Schlauchboot überlebst, anschließend vier Jahre in einem fünffach überfüllten Lager mit Wasser- und Lebensmittelknappheit überstehst und der Lagerbrand dich nicht umbringt, dann hast du eine 10%ige Chance, dass du nach Deutschland weiterreisen darfst, wo sie dich weitere vier Jahre in ein Flüchtlingsheim sperren und dir das Arbeiten verbieten.«

    Soviel Glück und Verheißung wird sich in Ghana und Afghanistan natürlich herumsprechen wie ein Lauffeuer.

  48. Die wesentliche Frage wäre hier, ob bestimmte Sprecher durch die Verwendung von etablierten Wörtern deren Bedeutung (Denotation oder Konnotation) verändern und damit die Wörter gewissermaßen „usurpieren“, oder aber ob sie die Wörter mit der üblichen Bedeutung benutzen, aber eben, um mit ihrer Hilfe neue Aussagen und Inhalte zu tätigen.

    Letzteres wäre zumindest rein sprachlich (!) zweifellos legitim, und wie gesagt scheint mir bei „Pull-Faktor“ dies der Fall zu sein. Wer das anders sieht, müsste erklären können, wie diejenigen, die die Aufnahme von Flüchtlingen sowie vermeintliche Anreize zur Flucht kritisch sehen, sich denn dann ausdrücken sollten. Bisher ist diese Frage unbeantwortet.

    Es wäre zudem vielleicht generell lohnenswert, sich zu überlegen, wie weit Sprachkritik gehen kann, ohne inhaltliche Kritik zu werden. Folgende Anlässe von sinnvoller Sprachkritik fallen mir ein (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

    – Ausdrücke sind manipulativ – sie bezeichnen nicht nur etwas, sondern präjudizieren in problematischer Weise schon ein Urteil (sei es durch ihre Konnotation oder Denotation).
    – Ausdrücke werden vereinnahmt und umfunktioniert, ihre Denotation oder Konnotation wird „verschoben“. (Das ist aber wie gesagt etwas anderes als wenn jemand Wörter korrekt benutzt, um mit ihrer Hilfe Aussagen zu tätigen, die man selbst für falsch hält.)
    – Wörter sind etymologisch besonders belastet.

    Keine reine Sprachkritik mehr (sondern implizite Sachkritik) wäre es hingegen, ein Wort oder einen Sprachgebrauch einfach nur deswegen abzulehnen, weil man die damit verbundenen bzw. ausgedrückten Ideen nicht mag, ganz egal, in welchem sprachlichen Gewand auch immer sie erscheinen mögen.

    Es wäre aus meiner Sicht daher auch hilfreich, wenn eine Sprachkritik, die bestimmte Wörter oder einen bestimmten Sprachgebrauch kritisiert, alternative Wörter und einen alternativen Sprachgebrauch vorschlagen würde, mit welchem dieselben (!) inhaltlichen Überzeugungen in sinnvoller und praktikabler Weise ausgedrückt werden können. Dies wäre auch der Beweis, dass es tatsächlich allein um sprachliche Ausdrucksweisen und nicht um die auzudrückenden Inhalte selbst geht.

    (Der von Krüger kritisierte Zapp-Beitrag leistet genau das NICHT, wenn dort vorgeschlagen wird, „Obergrenze“ (für aufzunehmende Flüchtlinge) durch „Untergrenze“ zu ersetzen, denn mit dem neuen Wort geht ja eine geradezu gegenteilige Idee einher. Das ist dann aber keine Sprachkritik mehr, sondern eine inhaltliche, die sich auch als solche ausweisen sollte.)

    @ Daniel:

    Zudem habe ich ja auch keine Aussage zum „Weib“ gemacht und nicht behauptet, dass Wörter für negativ bezeichnete Personen oder Dinge nicht negativ konnotiert sein können. Meine Behauptung war nur, dass nicht alle (!) Wörter, die Sachen oder Personen gelten, die negativ gesehen werden, auch eine negative Konnotation haben, und dass „Frau“ hierfür sehr wahrscheinlich ein Beispiel ist.

    (Allerdings glaube ich tatsächlich, dass es fast immer bestimmte Ausdrücke als neutral angesehen werden, weil Sprache so funktioniert, dass die Bezeichnung einer Sache und Aussagen über diese Sache unterschieden werden können.)

    @ MFD:

    Der Autor kritisiert ja aber nicht einfach die Einstellungen mancher Leute zu Flüchtlingen, oder dass über bestimmte Aspekte zu Unrecht zu viel gesprochen wird. Das dringt auch durch, und das ist eine legitime Sachkritik. Aber zusätzlich – und hauptsächlich – übt er doch eine bestimmte „linguistische“ Kritik.

  49. @LLL
    Genau. Sie haben Aussagen dazu gemacht, dass „Frau“ früher neutral war, obwohl das Frauenbild negativ war und übersehen, dass „Frau“ zu Zeiten Ihres Beispiels gar nicht das „neutrale“ Wort für „weiblicher Mensch“ war. Ich hab das verstanden.
    Und sonst: Ich denke es liegt daran, dass Sie nicht wissen, wo diese Konnotationen herkommen. Nämlich aus dem Gebrauch des Wortes. Totzdem ist es natürlich plausibel, dass nicht alle negativen Dinge auch mit negativ konnotierten Worten belegt sind. Weil es Absolutheiten in der realen Welt nicht gibt. Aber es fällt uns komischerweise auch kein Beispiel ein. Und das aus Ihrem Argument ist schon was die faktische Grundlage betrifft, falsch.
    Interessensfrage: Sind Sie viel in „Zettels kleinem Zimmer“?

  50. Wallis schlägt durchaus Alternativen vor, wie man sich ausdrücken soll: Statt XY ist ein Pull-Faktor, soll man sagen: Ich habe Angst vor Geflüchteten.

  51. @ Daniel:

    Ich verstehe Ihren Kommentar nur teilweise oder ich kann nichts damit anfangen. Dass beispielsweise die Konnotation aus dem Gebrauch des Wortes herrührt, scheint mir in dieser allgemeinen Form (wenn sie nicht behavioristisch verstanden wird) eine korrekte, aber auch triviale Aussage zu sein, und ich sehe nicht, inwieweit sie im Widerspruch zu meinen Darlegungen stünde.

    Also antworte also auf den verstandenen Teil:

    Als sich „Frau“ als gängige Bezeichnung sich etablierte und die übliche Bezeichnung war, wurde Frauen immer noch stark diskriminiert und galten Männern als unterlegen (wenn wahrscheinlich auch schon weniger als zu Zeiten des „Weibes“). Trotzdem galt die Bezeichnung als neutral.
    (Das hatte ich auch schon in dem verlinkten Kommentar auch schon so gesagt.)

    Dem würden Sie doch zustimmen, oder? Inwiefern also ist das Beispiel mit der „Frau“ schlecht?

  52. Es war ja zu erwarten, dass die üblichen Verdächtigen auch weiterhin nur einen kleinen absurden Fall von „cancel culture“ konstruieren wollen.
    Push- und Pull Faktoren sind ein fester Terminus aus der ökonomisch motivierten Migrationstheorie nach Everett S. Lee.
    PUNKT.

    Nun wird hier über viele Hundert Zeilen gejammert, man müsse ja auch seine eigene Definition von Pull-Faktoren benutzen dürfen.

    Ja, kann man machen, ist aber dann halt blöd.

    Einen wissenschaftlichen Terminus, zumal im Artikel der Bezug klar genannt wird, anders zu benutzen, ist ein Zeichen von bestenfalls Dummheit, nicht von Freiheit.

    Gemeint ist eigentlich Abschreckung, resp. Mangel daran. Ein Pull-Faktor soll es also sein dürfen, wenn man Migrant*innen nicht schlecht genug behandelt.

    Das wird man ja noch sagen dürfen!?
    Abermals, ja, ist aber dann halt blöd.

    Nochmals: Eine ang. nicht ausreichende Abschreckung ist per definitionem kein Pull-Faktor.

  53. @Frank Gemein
    Wikipedia nennt als Pull-Faktor:
    günstige Einwanderungsgesetze / Möglichkeit des Familiennachzugs

    Wallis nennt als Beispiel einer falschen Anwendung des Begriffs:
    ALLE Kinder, natürlich samt Eltern, in Deutschland aufnehmen

    Da müsste man schon begründen, inwiefern das eine unwissenschaftliche, „eigene Definition“ ist.

  54. @Frank Gemein (32.)

    @FIXUNDFOXI Hat nur ad hominem Geprolle gegen den Autoren und wiederholt das ebenfalls in einer Tour,

    Tut mir leid, ich kann beim besten Willen nicht erkennen was daran Geprolle sein soll, wenn mein Post zu 90% aus Zitaten von Dr. Wallis besteht.
    Wenn Ihnen das Abbild nicht gefällt, sollten Sie Ihren heiligen Zorn besser dem Original zuwenden.
    +

    Zur Sache.
    Ich hatte eigentlich gedacht, dass sich das von selbst erklärt. Doch die Wutanfälle der Merkel-Fanboys zeigen, dass man weiter ausholen muss.

    Das ist ja nicht neu, dass Begriffe im Laufe der Zeit eine andere Bedeutung oder emotionale Aufladung erhalten.
    „Zeitung“ zum Beispiel meinte vor 500 Jahre was anderes als heute.
    Andreas Gryphius´ „Es ist alles eitel“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Es_ist_alles_eitel) versteht man nur wenn man weiß, dass „eitel“ damals das Synonym für Vergänglichkeit war.
    In diesem Fällen ging die Bedeutungsänderung langsam vonstatten.

    Es gibt Fälle, in denen sich vielleicht nicht der Inhalt, aber die emotionale Aufladung von Begriffen sehr schnell ändert.
    Radioaktivität zum Beispiel. In den 20ern gab es Werbung für radioaktive Heilbäder. Heutzutage unvorstellbar.
    Oder Atomkernspaltung. Ein paar Jahre lang war dies ein Sachverhalt, der in einer feinen, aber kleinen Community hochbegabter Physiker diskutiert wurde.
    Seit dem 6. August 1945 ist es immer noch ein sachlicher, für viele Menschen aber auch ein Angstbegriff.
    Wenn ich Dr. Wallis richtig verstanden habe, ist der Grund dafür irgendwie die Erzählung der AdD.

    Genauso kam eine emotionale Komponente zum „Pull-Faktor“ zu der Zeit, als er nicht nur ein wissenschaftlicher Fachbegriff, sondern auch einer mit einer praktischen Bedeutung für politische Entscheidungen wurde. Jedoch ist die emotionale Aufladung bedeutend kleiner als bei Radioaktivität oder Atomkernspaltung. Was zur Frage führt, warum Dr. Wallis sich auf diese Nebensache kapriziert.
    Nein, stimmt nicht. Diese Frage hat @LLL (41.) schon beantwortet. Es geht darum

    dass bestimmte Positionen aus dem Bereich des Sagbaren ausgeschlossen werden

    Diskutabel dürfen nur noch die Absonderungen der Nomenklatura sein. Alles andere ist wahlweise das Narrativ der AdD oder ein Rechter Kampfbegriff.

    Neu ist das nicht. Ich bin in der DDR aufgewachsen. Bei der Propaganda dort war Oberfläche anders, die Systematik die gleiche.
    Es kommt aus dem Westen? Oder von einem Regimegegner? Dann ist es falsch. Falscher als falsch. So falsch, dass es nicht diskutiert wird.

    Geschichte wiederholt sich offenbar doch, mit Tragödie, Farce und allem drum und dran.

  55. Zitat FixundFoxi:

    „Oder Atomkernspaltung. Ein paar Jahre lang war dies ein Sachverhalt, der in einer feinen, aber kleinen Community hochbegabter Physiker diskutiert wurde.
    Seit dem 6. August 1945 ist es immer noch ein sachlicher, für viele Menschen aber auch ein Angstbegriff.“

    Und die Angst des Angstbegriffes hängt in diesem Fall auch ganz stark am Inhalt des Wortes. „Kernfission“ mag weniger Angst verursachen, aber sehr wahrscheinlich, weil der Ausdruck weniger geläufig und weniger bekannt ist. Würde das Wort „Kernspaltung“ durch „Kernfission“ verdrängt, so würde „Kernfission“ vermutlich ebenfalls bei vielen alsbald ein gewisses ungutes Gefühl erzeugen. Weil das Denotat, also die bezeichnete Sache, jeweils dieselbe ist und die Angst eben vor allem von der Sache selbst herkommt, und eben nicht primär aus der Sprache als solcher.

    Ansonsten stellt sich immer noch die Frage: Falls es illegitim ist, wenn Personen, die Angst vor mehr Flüchtlingen haben, bestimmte Begriffe (in ihrer korrekten Bedeutung!) verwenden, welche sollten sie denn dann ersatzweise benutzen?
    Man kann natürlich sagen: „Gar keine, denn entsprechende Positionen sollten nicht artikuliert werden.“
    Das ist dann aber keine Einsicht in linguistische Zusammenhänge, sondern eine politische Überzeugung.

  56. Bei »Merkel-Fanboys« bin ich eingeschlafen. War was Wichtiges oder nur wieder das übliche Mimimi aus der blaubraunen Ecke?

  57. @LLL
    Kann sein, egal. Der Widerspruch ist, dass Sie glauben, etwas könnte in der „Wirklichkeit“ negativ gesehen werden, ohne dass sich das auf die Bezeichnung niederschlägt. Was schwer vorstellbar ist. Wir finden als Sprachgemeinschaft etwas negativ und reden darüber nur in „neutralen“ Worten? Unplausibles Modell. Da hätte ich ehrlich gerne mal ein Beispiel gesehen …
    Das Beispiel „ist schlecht gewählt, weil der Wandel in der Konnotation von „Frau“ eher der von „positiv“ (früher) zu „neutral“ (heute) ist.
    (Wobei das relative Angaben sind, „Frau“ war nur positivER als „Weib“ und hat sich deswegen durchgesetzt.

  58. Was „Behinderte“ vs. „Menschen mit Behinderungen“ betrifft, so denke ich, dass das in erheblichen Maße ein subjektive Frage des Geschmacks ist. Argumente für „Behinderte“ wurden dargelegt. „Menschen mit Behinderungen“ soll vermutlich den Fokus symblhaft wieder ein wenig von der Behinderung weglenken.

    Meine Vermutung wäre, dass es den meisten Behinderten resp. Menschen mit Behinderungen relativ gleich ist, wie sie bezeichnet werden; aber ich habe keine Umfrage dazu und mag mich täuschen.

  59. Habe ich hier richtig herausgehört, dass Wallis die Grenzen des Sagbaren verschieben will?

    Ist er etwa ein Rechter?

  60. Es soll hier der Eindruck erweckt werden, jemand versuche einer bestimmten Gruppe die Benutzung eines Begriffes zu verbieten.
    Ein überstrapaziertes Narrativ, welches auch dieses mal absurd weit von der Realität entfernt ist. ( Das mittlerweile unausgesetzte mimimi verhindert das aber nicht ).
    Ob Seehofer, Söder oder Merz, Kurz oder Orban, Gauland, Meuthen, Springer oder FAZ, NZZ … , sie werden den Begriff weiter absurd verdreht bei jeder Gelegenheit anbringen, wenn sie eigentlich sagen wollen, dass an dieser Stelle die Abschreckung nicht ausreichend sei.
    In der ökonomischen Migrationstheorie sind Pull-Faktoren positive Begriffe und zwar solcherart, dass niemand auf die Idee käme, man müsse einen „Pull-Faktor verhindern“.
    Sicherheit verhindern, Freiheit verhindern, Wohlstand verhindern, so etwas laut zu sagen, käme einem politischen Selbstmord gleich.

    Natürlich ändern sich Begriffe. Chauvinismus ist nicht mehr primär eine Bezeichnung für aggressiven Nationalismus, Rassismus ist nicht mehr von dem Glauben an Rassen abhängig.
    Änderungen/Erweiterungen folgen aber idR einer gewissen Logik.
    Es ist nicht die Logik, die den Begriff derart verdreht, sondern die Feigheit die Dinge beim Namen zu nennen.

    „Wir müssen mehr abschrecken“ kommt viel schlechter an als „wir müssen Pull-Faktoren verhindern“.
    Es gibt eine üble Tradition, einen Terminus Technicus zur Verschleierung grässlicher Wahrheiten zu benutzen. Verhindern lässt sich das nicht. Aber den Finger darauf legen ist aller Ehren wert.

    Ge“cancelt“ werden soll hier einzig die Meinungsäußerung von Eric Wallis.

    Man kann niemanden zur Logik zwingen, das stimmt. Man darf aber mit jedem Recht darauf hinweisen, dass bewusstere Kreise dieses billige Framing durchschauen- und nicht multiplizieren sollten.

    So verstehe ich den Artikel. Niemanden wird ( wie denn auch ? ) irgend etwas verboten.

    Das Klagegeheul von Rechts ist nur wieder ein neues Potemkinsches Dorf.

  61. Klassischer Fall der Euphemismus-Tretmühle.
    Das Adjektiv behindert und das Substantiv Behinderter werden auch als Schimpfwort gebraucht. Das Wort Behinderung nicht. Deshalb nicht behinderte Menschen, sondern Menschen mit Behinderung. Wobei beim letzteren die Betonung wieder auf Behinderung fällt, was man vielleicht vermeiden möchte.

  62. @ Frank Gemein:

    Sorry, der letzte Beitrag sollte in einem anderen Thread stehen.

    @ Daniel:

    Spätestens als „Frau“ zu einer neutralen Bezeichnung geworden war, war es doch so, dass Frauen einerseits gesellschaftlich als minderwertig galten, der Ausdruck „Frau“ aber nicht negativ konnotiert war – oder?

    Falls Ihnen das nicht zusagt, nehmen Sie das englische „woman“.

    Die Demokratie gilt hierzulande allgemein als eine eine positive Sache und steht in recht hohem Ansehen. Dass jemand sich offen gegen sie wendet, kommt selten vor. Wenn aber z.B. ein Rechtsextremer das tut, sind wir dann aus INHALTLICHEN Gründen irritiert?
    Oder (auch) darüber, wie unpassend jemand da mit der deutschen Sprache umgeht? Haben wir das Gefühl, dass unser Gegenüber vielleicht nicht ganz weiß, was die von ihm verwendeten Worte im Deutschen genau bedeuten? So wie wir dies vielleicht glauben würden, wenn ein Ausländer positiv über einen „Köter“ spricht? Würden wir sagen, dass der Rechtsextreme informelle SPRACH-Regeln missachtet?
    Würden wir meinen, dass der Rechtsextreme erst mal ein anderes Wort für „Demokratie“ erfinden müsste, welches die gleiche Denotation, aber eine andere Konnotation als unser Wort hat, weil eine Aussage wie „Demokratie ist schlecht“ im Deutschen einfach aus rein sprachlichen Gründen nicht recht geht?

    Ich glaube eher nicht…

    Weitere Beispiel hatte ich ja gegeben.

    Jemand kann eine ganz andere Meinung als der Rest der Gesellschaft haben, und wir verstehen ihn trotzdem und mögen seine Ansichten absurd finden, aber deswegen doch nicht unbedingt seinen Umgang mit Sprache…

    Entsprechendes gilt übrigens nicht nur für Konnotationen, sondern auch für inhaltliche Überzeugungen, die wir mit einer Sache verbinden. Wir mögen viele starke Überzeugungen über eine Sache haben, sie müssen nicht oder nicht starr in die zugehörigen Wörter einfließen. Wir haben etwa bestimmte feste Überzeugunen über Erkrankungen. Ein Naturvolk hat vielleicht ganz andere Überzeugungen (etwa, dass sie das Resultat böser Geister sind).
    Wir könnten aber trotzdem (bei einer gemeinsamen Sprache) mit dem Naturvol über „Krankheiten“ sprechen oder sogar kontrovers diskutieren. Wir können den Begriff „Krankheit“ nämlich weitgehend a-theoretisch benutzen, so dass unsere jeweiligen Vorstellungen und Überzeugungen weitgehend ausgeklammert bleiben (wobei das vielleicht nicht der Standard-Fall bei Krankheiten ist, aber es ist möglich, den Begriff in dieser Weise zu verwenden).

    Oder nehmen Sie ein naheliegenderes Beispiel, das allerdings nicht ganze Gesellschaften betrifft: Stellen Sie sich vor, in der Naturwissenschaft wird eine Theorie zu einem Phänomen X allgemein akzeptiert. Nun kommt ein Wissenschaftler und interpretiert und erklärt Phänomen X anders. Der Wissenschaftler kann trotztdem denselben Namen für Phänomen X gebrauchen, auch wenn er wesnetlich andere Überzeugungen und Vorstellungen mit ihm verbindet, als die gesamte wissenschaftl. Community das bisher getan hat.

    Das funktioniert, weil Sprache eben von sehr vielen Eigenschaften einer Sache und von sehr viel Vorstellungen, die wir über eine Sache haben, abstrahieren kann. Sprache kann in hohem Maße „neutral“ sein. Das macht sie so flexibel.
    Würden unsere Überzeugungen über die Natur einer Sache oder auch bezüglich moralischer Wertungen stets schon in unsere Wörter mit einfließen, so könnten Menschen oder jedenfalls Gesellschaften mit unterschiedlichen Überzeugungen nicht mehr sinnvoll miteinander diskutieren, weil es ja keine neutrale, für beide Seiten brauchbare Sprache gäbe, in welcher es sich diskutieren lässt. Schon allein die Begriffe jeder Seite würden vielmehr implizieren, dass die eignen Überzeugungen richtig und die der Gegenseite falsch sein müssen.
    Oder beide Seiten müssten sich erst auf eine neutrale Kunst-Sprache einigen, die nicht schon mit ihren Begriffen präjudiziert, wer recht hat – aber selbst eine solche Sprache könnte es ja nicht geben.

  63. „Entsprechendes gilt übrigens nicht nur für Konnotationen…“

    Ich hätte schreiben müssen: „…nicht nur für Wertungen“.

  64. Übrigens ist der Begriff Pull-Faktor gar nicht so verbreitet. Er ist reichlich technokratisch und nicht unmittelbar selbsterklärend.

    Wenn man googelt, findet man auch „Sogwirkung“ oder andere Formulierungen, z.B. „Anreize setzen“ oder ähnlich.

    Und da kann man kaum den Vorwurf einer Bedeutungsverschiebung machen.

  65. @Frank Gemein
    Ob Seehofer, Söder oder Merz, Kurz oder Orban, Gauland, Meuthen, Springer oder FAZ, NZZ … , sie werden den Begriff weiter absurd verdreht bei jeder Gelegenheit anbringen

    Sie vergessen, dass Wallis diesen Vorwurf nicht nur den Konservativen macht. Siehe seine Ausführungen zur SZ – und meinen Kommentar weiter oben: Wallis verheddert sich am Schluss sogar in den moralischen Fallstricken, die er selbst ausgelegt hat.

  66. Das ging aber schnell. Gerade hatte ich noch geschrieben

    Diskutabel dürfen nur noch die Absonderungen der Nomenklatura sein. Alles andere ist wahlweise das Narrativ der AdD oder ein Rechter Kampfbegriff.

    schon kommt die Bestätigung

    … das übliche Mimimi aus der blaubraunen Ecke?

    Man muss kein Prophet sein um vorherzusagen: Das geht immer so weiter. Egal worum es geht.
    Die Merkel-Fanboys sind argumentativ dermaßen abgerockt, dass die sich spätestens beim dritten Return dahin zurückziehen, wo die sich am wohlsten fühlen: Nazis und Auschwitz.
    Im Parallelstrang kam vor ein paar Tagen wegen eben dieser Feststellung ein Mimimi von Stefan Pannor. Und anstatt mit diesem Blödsinn aufzuhören, haben die es bestätigt. Und die werden es immer wieder bestätigen.

    Tut mir leid, ich bin nur der Bote.

    +

    @LLL

    Man kann natürlich sagen: „Gar keine, denn entsprechende Positionen sollten nicht artikuliert werden.“
    Das ist dann aber keine Einsicht in linguistische Zusammenhänge, sondern eine politische Überzeugung.

    Genau darum geht es. Die Kommunikationskanäle verstopfen, dass nur noch die regierungsamtliche Meinung durchkommt. Alles was die Merkel-Herrlichkeit entzaubern könnte, wird zu Unworten erhoben.
    Entweder zum medial gepushten Unwort des Jahres. Oder in kleinerem Format wie hier, wo der legitime Begriff Pull-Faktor verschoben wird in den Bereich pfui, das sagt man nicht.

  67. Diese kleine Wortgeschichte ist ein bedauerlicher Beleg für die Kleingeistigkeit Europas.

    Das ist auch so eine merkwürdige Ungenauigkeit. Wallis hat lediglich deutsche Quellen genannt, aber das ist ja auch ein bisschen Europa. Er braucht wohl gerade eine Überleitung, um nach einem kleinen Schlenker durch die Stadt Moria sagen zu können:
    Die EU zeigt: Sie ist nicht in der Lage, die Menschenrechte für Menschen zu garantieren, die sich momentan in der EU befinden. Es könnten schließlich auch andere die Menschenrechte für sich reklamieren.

    Das zeigt, dass Wallis nur lose assoziiert. Es geht ihm nicht um einen stringenten Text, sondern er möchte seine Gefühle rauslassen und einfach mal alles anprangern, was ihn einfällt. Dazu passt auch das:

    Willkommen im Wettbewerb um das mieseste EU-Land

    Ja, so muss man das wohl sehen, als Sprachforscher mit Kontrollverlust.

  68. @LLL
    Ist irgendwie schade, dass der letzte Kommentar an mich so nichts mit unserer bisherigen Diskussion zu tun hat. Aber ich bin ja guter Absicht, deswegen …

    Weitere Beispiel hatte ich ja gegeben.

    Nö, wo? Ernste Frage: Wo ist das Beispiel für ein Wort, dass einen *negativen* Sachverhalt bezeichnet aber selbst nicht negativ konnotiert ist? Fehlt noch, aber Sie versuchen es ja …

    Wir können den Begriff „Krankheit“ nämlich weitgehend a-theoretisch benutzen, so dass unsere jeweiligen Vorstellungen und Überzeugungen weitgehend ausgeklammert bleiben

    Was nicht nur nich stimmt – zumindest müsste man dazu einen neuen sprachlichen Kontext schaffen – es widerspricht auch dem, wo wir uns zuvor einig waren, dass Konnotation nämlich aus dem Gebrauch entspringt.

    Nur eine der beiden Aussagen kann stimmen.

    Aber am Witzigsten ist das hier, weil es so bezeichnend ist …

    Würden wir meinen, dass der Rechtsextreme erst mal ein anderes Wort für „Demokratie“ erfinden müsste, welches die gleiche Denotation, aber eine andere Konnotation als unser Wort hat, weil eine Aussage wie „Demokratie ist schlecht“ im Deutschen einfach aus rein sprachlichen Gründen nicht recht geht?

    Fun Fact: das beobachten wir gerade: Der Begriff „Merkel-Diktatur“ etwa beschreibt eine Demokratie. Aber warum wir das dennoch verstehen, was da passiert und warum das so witzig ist, das hilft Ihnen eher nicht.

    Sind Sie oft in „Zettels kleinem Zimmer“ unterwegs?

  69. @Daniel
    Ernste Frage: Wo ist das Beispiel für ein Wort, dass einen *negativen* Sachverhalt bezeichnet aber selbst nicht negativ konnotiert ist?

    Bitte mal ’negativen Sachverhalt‘ definieren.

    Pro-Frage: Sind Telekesselchen erlaubt?

  70. @69
    Nein, das vergesse ich nicht. Bei der SZ kann es ( zumindest teilweise )sein , dass die Kritik ernst genommen wird. Also ist sie dort gut adressiert.
    Ich kann auch keine Stelle sehen, wo Sie irgend etwas „nachgewiesen“ hätten.

    Niemand geht davon aus, dass die AfD auf dem nächsten Parteitag auf die Vokabel „Pull-Faktor“ in absurder Verdrehung verzichtet, oder dass dort plötzlich in den Reden gegendert würde.

    Diese Aufforderungen gehen nicht prominent an diese Adressen. Das gesamte Gejammer ist, wie bereits gesagt, ein Potemkinsches Dorf.
    Das übliche rechte „Rumgeopfer“, wie die Jugend sagen würde.

    Glauben Sie denn ernsthaft, irgendjemand hätte eine Freude daran, sich dieses nervtötende Lamento andauernd zu geben?

    Die Welt dreht sich weiter und es gibt tatsächlich Menschen, die nach vorne schauen.

  71. Es ist durchaus interessant zu lesen, wie es oftmals dieselben Leute sind, die einerseits als Argument oft „die Mehrheit“ anbringen (die Mehrheit der Frauen findet Gendern doof, der Mehrheit der Menschen mit Behinderung ist es egal, ob sie ‚behindert‘ genannt werden, die Mehrheit der Menschen findet Diskussionen über dies oder das viel zu abgehoben – ob das nun überhaupt stimmt oder nicht, sei dahingestellt) und anderseits sehr oft gegen „die Mehrheit“ sind, wenn diese sich frecherweise nicht ihrer Meinung entsprechend verhält (die Mehrheit der Tageszeitungen schreibt dies und das falsch, die Mehrheit der Kommentator*innen auf Übermedien sieht dieses und jenes viel zu verbissen, die Mehrheit der Kommentierenden hier sind alles linksgrüne Merkelfans…). Das ist nicht mal Populismus, das ist irgendwann ganz schön langweilig.

  72. @Frank Gemein
    Würden Sie denn auch die Wikipedia-Beispiele als absurde Verdrehung bezeichnen (s. Kommentar #56)?

  73. @FixUndFoxi
    „Diskutabel dürfen nur noch die Absonderungen der Nomenklatura sein. “

    Gut, dann nennen Sie mir bitte eine Ansicht in der Flüchtlingspolitik, die offiziell nicht diskutabel bzw. nicht schon längst Realtität ist?
    (Waffengewalt an der Grenze von Frauke Petry war mal sonne Grenze, die scharf verurteilt – rein medial, nicht justizial – wurde , mittlerweile werden täglich Flüchtlingsboote mit Patroullienbooten abgedrängt und so richtig holt das keinen mehr vom Hocker. )
    Also: Nennen Sie mal eine solche Ansicht, die Ihrer Meinung nach nicht diskutiert werden darf. Hans Meiser bleibt stumm. Was haben Sie zu bieten?

  74. @Mr Re
    Hab gerade mal „Mehrheit“ und „meisten“ in die Browsersuche eingegeben. So viele Treffer kommen da nicht, und die Verteilung auf die Kommentatoren ist eher ausgeglichen.

  75. Einen Satz im obigen Artikel finde ich richtig schwer zu verstehen. Kann mir da jemand helfen?

    „Es sind bequeme hypothetische Argumente, die sich vielleicht sogar beweisen lassen. Aber: Der Beweis folgt ja immer erst nach der Rettung. Deswegen würde man sich dann schön ärgern, Menschen gerettet zu haben, wenn man dann noch mehr Menschen retten müsste.“

    Geht es hier darum, dass ein Pull-Faktor bewiesen oder widerlegt wird? In welchem der beiden Fälle müsste man mehr Menschen retten?

    Weiter oben sagt Wallis ja, es sei eine argumentative Farce, zu erklären, dass ein Pull-Faktor widerlegt sei. Gilt das hier auch?

  76. @MR RE
    Jup. Strange. Wollte an Katjaberlin schon lange mal schreiben, dass es zwei Torten wert wäre, dass 14% „das Volk“ sind aber 14% Nazis und Reichsbürger auf ner Hygienedemo nur „Randfiguren“. Ich ahne da ein Muster …

  77. Ich möchte die vorherigen Ausführungen noch etwas vertiefen, weil ich glaube, dass wir hier an einen wesentlichen Punkt im Zusammenhang mit Sprache rühren.

    Nehmen wir an, wir würden die Demokratie nicht nur wertschätzen, das Wort „Demokratie“ sei nicht neutral, sondern sondern eindeutig positiv konnotiert. Dann könnte ein Rechtsextremer, der die Demokratie hasst, wie gesagt kaum grundlegend negative Aussagen über die Demokratie tätigen, ohne dass seine Aussagen sprachlich (!) irritierend und implizit widersprüchlich wären.
    Der Rechtsextreme müsste sich in dieser Logik also ein neues Wort ausdenken, und dieses wiederum wäre dann negativ konnotiert. Wollen wir mit dem Rechtsextremen diskutieren, kann keines der Wörter verwendet werden; denn in dem einen Fall klingt es aus rein sprachlichen Gründen unpassend, was wir sagen, und im anderen Fall, was er sagt.
    Es müsste also eine dritte, neutrale Bezeichnung für „Demokratie“ her, die wir alle verwenden könnten, was aber in dieser Logik wohl gar nicht ginge.

    Als viel einfacher erscheint es mir hier, anzuerkennen, dass wir und der Rechtsextreme die Demokratie zwar unterschiedlich bewerten, dass wir uns aber alle mit demselben neutralen Wort („Demokratie“) auf sie beziehen und also auch diskutieren können, OHNE dass schon der schiere Wortgebrauch suggerieren würde, welche Seite recht hat. Unsere positiven Einstellungen zur Demokratie hängen nicht am Wort, sondern an der Sache, und die negativen des Rechtsextremen hängen ebenfalls an der Sache. Das Wort kann wenig dafür.

    (Dasselbe gilt mutatis mutandis selbstredend auch in Fällen, in denen etwas gesellschaftlich geächtet ist; man denke etwa, um beim Rechtsextremen zu bleiben, die Zeit des Faschismus. Es wäre möglich (wenn vllt. auch nicht sehr zielführend), mit einem Rechtsextremen über derartige Themen zu diskutieren, ohne dafür erst neue neutrale Begriffe erfinden zu müssen.)

    Wieso sind manche Wörter oder Ausdrücke überhaupt positiv oder negativ konnotiert und nicht neutral? Es gibt sicher verschiedene Gründe. Manche Ausdrücke enthalten bereits in ihrer Wortbedeutung ein Werturteil. (So etwa männliche Homosexualität nach der berühmt-berüchtigten Definition als „Unzucht unter Männern“. Ebenso „geschlechtergerechte Sprache“, wobei die meisten Leute sie ablehnen und es da also vermutlich auch keine positive Konnotation gibt.)
    In anderen Fällen mag es andere Gründe geben, nämlich dass ein Wort beispielsweise phonetisch stark an ein positives oder negatives anderes Wort angelehnt wird.

    Betrachten wir aber Wörter, für die das nicht zutrifft, und die an sich „unverdächtige“ Folgen von Buchstaben bzw. Lauten sind, wie etwa „Köter“ vs. den neutralen „Hund“. Wieso ist „Köter“ negativ konnotiert? Doch sicher, weil das Wort „Köter“ praktisch nur dann benutzt wird, wenn dadurch eine negative Haltung zu Hunden oder jedenfalls einem Hund zu transportiert werden soll. Das Benutzen des Wortes „Köter“ soll also ein Signal aussenden. Das Wort selbst ist hier eine Botschaft.
    Das heißt aber umgekehrt, dass der „Köter“ ohne den neutralen „Hund“ nicht negativ konnotiert sein könnte. Würde beispielsweise das Wort „Hund“ wie durch Geisterhand verschwinden und müssten alle Sprecher auf „Köter“ ausweichen, dann würde das Wort „Köter“ von vielen Leuten gebraucht werden, die durch das Verwenden des Wortes eben KEIN Signal und KEINE Botschaft im Sinne eines negativen Werturteils über Hunde aussenden wollen würden. Es gäbe ja keine sprachliche Alternative mehr. Wir könnten dann allein daraus, dass jemand „Köter“ sagt, also NCIHT mehr auf seine Einstellung der Sprechers schließen. Damit würde das Wort „Köter“ seine negative Konnotation verlieren und neutral werden.
    Dies würde selbst für eine Gesellschaft gelten, in der man Hunde nicht mag. Wir wüssten dann zwar, dass der Sprecher Hunde vermutlich nicht mag, weil die Leute dort eben so sind, aber wir könnten es nicht einfach aus seinem Wortgebrauch ableiten!

    Zusammen mit den anderen vorgebrachten Überlegungen würde dies dafür sprechen, dass es eigentlich beinahe immer neutrale Bezeichnungen für relevante Phänomene geben muss, unabhängig von der gesellschaftlichen Haltung zu ihnen.

    Ob ein Wort neutral oder positiv oder negativ konnotiert ist, weiß man als jemand, der mit einer Sprache vertraut ist, eigentlich unmittelbar. Ein Test wäre wie gesagt auch, mit einem fraglichen Wort einen positiven resp. negativen Satz zu bilden und zu sehen, ob der unabhängig von der Sache rein sprachlich unangemessen klingt. („Köter sind etwas Wunderbares“ klingt für uns SPRACHLICH merkwürdig, vielleicht ironisch, EGAL ob wir Hunde mögen oder nicht.)
    (Es mag andere Test-Möglichkeiten geben, aber Konnotationen müssen testbar sein, denn wenn wir nicht erkennen könnten, ob und wie Wörter konnotiert sind, brächte das Reden über Konnotation wenig.)

    Um den Bogen zurückzuspannen: Allein die Tatsache, dass manche Menschen Angst vor jenem Phänomen haben, welches als „Pull-Faktor“ bezeichnet wird und dies auch mithilfe dieses Wortes artikulieren, muss nicht zwingend dazu führen, dass die Konnotation des Wortes sich ändert. Dies wäre zu erwarten, wenn das Wort „Pull-Faktor“ gezielt genutzt würde, um sich bereits inhaltlich durch die Nutzung zu positionieren – dies wäre aber wohl nur möglich, wenn es eine allgemein als neutral wahrgenommene gängige Alternative zu „Pull-Faktor“ gäbe.

    Dabei geht es absolut nicht darum, ob bestimmte Positionen legitim und verwerflich sind; es geht einfach darum, wo wir es mit inhaltlichen/politischen/sachlichen und wo mit linguistischen/semantischen Fragen zu tun haben.

    (Nach meiner Überzeugung werden Sachprobleme viel zu oft zu Sprachproblemen erklärt, und man sucht auf der Sprach- statt auf der Sachebene eine Lösung, was dann aber natürlich nicht viel nutzt.)

    @ Daniel:

    Ich glaube wir reden aneinander vorbei bzw. kommen zu keinem gemeinsamen Nenner.

  78. Ich würde ja gerne noch etwas zum Thema „Sophismen, oder wie ich versuche mittels Masse einen Kommentarbereich zu kapern“ schreiben, bin mir aber nicht sicher, ob ich danach mit dem Selbstekel klar käme.

  79. @LLL
    Jup, Ihre Ausführungen kreisen immer wieder um neue Falschigkeiten. Inzwischen gibt es keine Bedeutung mehr und …. ach egal.

    Die Frage ist aber wirklich ernst gemeint: Sind Sie oft auf Zettels Raum?

  80. Frank Gemein betont hier ja, dass niemandem etwas verboten werden soll.

    So verstehe ich den Artikel. Niemanden wird ( wie denn auch ? ) irgend etwas verboten.

    Der Versuch, qua Endlosschleife die Idee zu verkaufen, dass es ja auch möglich sein muss, als Migrationsgegner den wissenschaftlichen Terminus „Pull-Faktor“ zu benutzen, scheitert daran, dass gar niemand ( schon gar nicht Eric Wallis ), dies jemals verboten hätte.

    Ich verstehe es schon als eine Art „Verbot“ – im Sinne einer Ächtung, die auch handfest sanktioniert ist. Aber dieses Verbot richtet sich vor allem an die eigene Bubble.

    Frank Gemein wäre diesem Fall derjenige, der sich an das Verbot zu halten hat.

    Mit den vermeintlich Rechten redet man eh nicht, da braucht es keine Sprachregelungen. Der Konformitätsdruck baut sich in der eigenen Community auf. Community wäre etwa mit Kirchengemeinde oder Sekte zu übersetzen.

    Natürlich geht es auch um den Kampf gegen den gemeinsamen Feind. In Mannschaftssportarten kann man vor Beginn eines Spiels, oder besser Kampfs, manchmal seltsame Rituale des Aufeinander-Einschwörens beobachten. Es würde mich nicht wundern, wenn Religionen hauptsächlich deshalb entstanden sind, weil sie die Kriegesführung gegen benachbarte Stämme zu besseren Erfolgen verholfen haben.

  81. @Frank Gemein
    Was ich krass finde ist, wie man in dem Referatston so völlig faktenfrei falsch liegen kann.

    Dann könnte ein Rechtsextremer, der die Demokratie hasst, wie gesagt kaum grundlegend negative Aussagen über die Demokratie tätigen, ohne dass seine Aussagen sprachlich (!) irritierend und implizit widersprüchlich wären.

    Was ja in der Realität abseits des Referats passiert. Wenn der Rechtsextreme etwa sagen würde, „In einer Demokratie sind die Menschenrechte immer außer Kraft gesetzte“, würde das natürlich irritieren.
    Ich finde das grundsätzlich interessant, denn die Frage ist für mich unbeantwortet: Wie haben wir es geschafft, dass man nicht nur falsch sindern offensichtlich falsch liegen kann. So, dass es ultraoffensichtlich ist, dass man das Thema nicht verstanden, das Problem nicht begriffen, die Fakten nie gesehen hat? Und dennoch auftritt, als müsse man die Welt erklären.

  82. @ Daniel:

    Vielleicht kommen wir ja so weiter:

    Woran konkret würden Sie denn festmachen, dass eine Sache in einer Gesellschaft nicht nur positiv/negativ gesehen wird, sondern dass ein Wort für diese Sache zugleich auch positiv/negativ konnotiert ist?
    Worin besteht für Sie der Unterschied? Worin das Abgrenzungskriterium?
    Es muss ja einen – wenigstens denkbaren oder theoretischen – Unterschied und ein Abgrenzungskriterium geben, denn sonst wäre eine Aussage wie „Nicht nur die Sache selbst wird positiv/negativ gesehen, sondern auch das Wort ist positiv/negativ konnotiert“ sinnlos bzw. inhaltslos.

    (Meinen Sie mit Zettels Raum einen Internet-Blog?)

  83. @Frank Gemein
    Sie könnten Schillers Glocke hier reinkopieren. Das wären rund 3 Meter Text. Der Selbstekel bliebe im Rahmen.

  84. @LLL

    Ah, Mist, jetzt haben Sie die Frage schon wieder nicht beantwortet, was genau der Fall wäre, in dem ein Wort nicht negativ konnotiert ist, die Sache in der Wirklichkeit aber negativ gesehen wird. Aber wahrscheinlich ist das jetzt auch egal.

    Was nicht egal ist, dass Sie irgendwie ihre eigenen Sachen nicht lesen. Ich versuchs mal in Ihren Worten.

    Wir haben es schon gesagt, die Konnotation eines Wortes entspringt dem Gebrauch. Ich weiß, warum Sie das jetzt ignorieren, es stimmt aber dennoch. Und so ist denn auch der Zusammenhang. Wenn eine Sache negativ gesehen wird, ist das Wort auch negativ belegt. Denn um die Sache zu beschreiben, wenn wir über sie reden, wenn wir über sie schreiben, verwenden wir negative Begriffe. So entstehen Konnotation und Dennotation.

    Es ist also in der Regel so, dass eine Sache, die in einer Gesellschaft negativ gesehen wird auch mit einem negativ konnotierten Begriff bezeichnet wird. Muss es ein „Abgrenzungskriterium geben“. Theoretisch nö, warum? Muss schon mal garnicht. Die Frage – und die stelle ich ja schon ne Weile – wäre, ob es das gibt, es also den Fall gibt, dass wir als Sprachgemeinsacht irgendwas so meh finden aber nur einen negativen Begriff haben. (Oder, dass wir etwas mies finden aber nur nen positiv konnotierten Begriff haben), zu beidem fällt mir kein Beispiel ein, meine Frage nach Ihrem Beispiel (eigentlich sogar ihren Beispielen) ignorieren Sie.

    Meinen Sie mit Zettels Raum einen Internet-Blog?

    Ja, ein Internet-Blog. Und kompliment, so konsequent muss man das auch erst mal treiben wollen.

  85. @ Daniel:

    Dass der Gebrauch die Sprache in einem gewissen Sinne ihre Bedeutung prägt, heißt nicht, dass jede gesellschaftliche Überzeugung direkt in jedes Wort einfließen müsste. Der Gebrauch der Sprache sieht vielmehr so aus bzw. führt dazu, dass mit dem einem Wort etwas wertfrei bezeichnet wird und dass mit einem anderen Wort eine Wertung mitgeliefert wird. (Vielleicht müsste man sich unterhalten, was genau es bedeutet, dass der Gebrauch die Bedeutung Sprache prägt. Meine Vermutung wäre, dass Sie das deutlich behavioristischer interpretieren würden als ich.)

    Ich versuche ein paar Beispiel dafür zu geben, dass gesellschaftlich negativ angesehene Phänomene sowohl mit neutralen wie mit negativ konnotierten Wörtern und Ausdrücken artikuliert werden können. In dem einen Fall finden wir positive Wertungen daher nur aus sachlichen Gründen absurd, in anderen haben wir auch das Gefühl, dass etwas mit der Sprache selbst nicht stimmt.

    Wir wünschen und sicher nicht die weltliche Herrschaft der Kirche zurück. Trotzdem ist „Kirchenherrschaft“ neutral, nicht aber die von der Denotation her gleichbedeutende „Pfaffenherrschaft“.
    Daher würden wir folgenden Satz inhaltlich absurd finden, aber nicht sprachlich:
    „Die Kirchenherrschaft sollte wieder eingerichtet werden wie im Mittelalter.“
    Nicht nur inhaltlich seltsam, sondern auch sprachlich merkwürdig würden wir hingegen diesen Satz finden:
    „Die Pfaffenherrschaft soll wieder eingerichtet werden wie im Mittelalter.“,

    Wir finden die Hexenverfolgung grotesk, aber der Ausdruck ist neutral. Anders hingegen „Hexenwahn.“
    Schauen wir uns folgende Sätze an:
    „Ich finde, dass die Hexenverfolgung vernünftig war.“
    Da ist aus inhaltlichen Gründen grotesk.
    „Ich finde, dass der Hexenwahn vernünftig war.“
    Das ist auch sprachlich merkwürdig, weil Hexenwahn negativ konnotiert ist.

    „Der Stalinismus war großartig.“
    Absurd.
    „Die Pest des Stalinismus war großartig.“
    Auch sprachlich merkwürdig, weil die Ausdrücke „Stalinismus“ und „Pest des Stalinismus“ zwar dieselbe Denotation haben (beide bezeichnen die historische Epoche des Stalinismus), aber die Konnotation in dem einen Fall neutral und in dem anderen sehr negativ ist.

    „Ein Stasi-Spion gewesen zu sein ist eine Ehre.“
    Inhaltlich nicht sehr überzeugend.
    „Ein Stasi-Schnüffler gewesen zu sein ist eine Ehre.“
    Auch sprachlich merkwürdig, weil „Schnüffler“ negativ konnotiert ist.

    „Königliche Hofbeamten sollten wieder regieren, nicht gewählte Politiker.“
    Inhaltlich absurd, aber nicht sprachlich.
    „Königliche Hofschranzen sollten wieder regieren, nicht gewählte Politiker“.
    Zusätzlich sprachlich merkwürdig, weil „Hofschranzen“ negativ konnotiert ist.

    Sie können das Beispiel auch konstruieren mit jemandem, der Sex mit Kindern hat und alternativ mit den Ausdruck „Kinderf…“ verwenden, aber das möchte ich hier nicht ausschreiben.

    Man könnte sicher mehr Beispiel finden, aber das Prinzip sollte klar sein. Wenn Sie das überzeugend finden, dann ist es gut, und wenn nicht, dann lassen wir es vielleicht einfach. Dann hat es vielleicht keinen Sinn. Und ich formuliere das wie alle meine Beiträge an Sie ganz neutral und wertfrei und ohne Polemik und ohne Ihnen ständig mitzuteilen, was Sie schon wieder alles falsch sehen und nicht verstanden haben – auch wenn Ihr Beispiel zeigt, dass es auch anders geht.

  86. Ich stelle hier mal eine steile These in den Raum.

    Ich halte diesen Artikel, und andere Artikel dieser Plattform, für einen liturgischen Text.

    Es einer von vielen Texten einer neuen Religion – man könnte sie als No-border-no-nation-Regenbogen-Religion nennen. Sie hat noch keinen Namen, ihr Textkanon und ihre Liturgie stehen noch nicht fest. Das gab es auch zum Beginn des Christentums, als alte weise Männer, die Kirchenväter, hochintellektuelle und ebenso höchst irrationale Texte schrieben, auswählten, zusammenstellten, den Gläubigen zur Erbauung und Fortbildung ihres Glaubens vortrugen.

    Der obige Text ist insofern ein Text von hoher Qualität, als er bewiesen hat, dass viele Anhänger der neuen Religion sich durch ihn gestärkt fühlen trotz der heftigen Angriffe der Ungläubigen.

    Ein liturgischer muss nicht stringent, rational oder widerspruchfrei sein. Er muss Stärke verleihen.

    Der Text bewegt die Leser- und Anhängerschaft – möglicherweise von einem Tag auf den anderen – zu einer neuen Erkenntnis: Sie sind nun überzeugt, dass das Wort Pull-Faktor ein Unwort ist, auch wenn sie das Wort vorher nie gekannt oder bemerkt haben. Man muss auf die kleinen Dinge achten, das sagen uns auch manche Gleichnisse der Bibel.

    Und am Beginn einer Religion richtet sich der Druck von Sprach- und Verhaltensregelungen nicht nach außen, sondern nach innen.

    Wir Ungläubigen sind ungleich freier, wir dürfen alles sagen, da haben die Gläubigen recht.

    Vielleicht wird die zunehmende Spaltung der Gesellschaft zur echten Bedrohung werden, aber das wird noch dauern. Aber die Risslinien im Boden sind klar erkennbar.

  87. @91:
    Nomen est Fleischhauer
    Ach so schwer ist es doch gar nicht: Es hat Ihnen ja niemand verboten, irgendetwas zusagen.Diese vorgebliche Zensur existiert nur in Ihrem Kopf. Sie dürfen die Toilettenschüssel Suppenterrine, das Fahrrad Kreissäge oder Ihre Kommentare lesenswert nennen. Nur muss Ihnen da eben niemand zustimmen.

    Was Ihre Lieben ( so es denn jemand mit Ihnen aushält ) daraus machen und ob irgendwann die netten Herren mit den weissen Jacken Sie abholen, kann ich nicht beurteilen.
    Auch wenn Sie dann weiter wahnhaft gegen die „Regenbogen“ Verschwörung wettern werden: Die waren es gar nicht.

    Ich helfe doch gerne.

  88. Spannender als den „Angst-Begriff“ „Pull-Faktor“ finde ich ja den Bedeutungswandel des Begriffs „Angst“ selbst.

    Wer nämlich heutzutage zugibt, Angst zu haben, vor Massen von traumatisierten Männern ohne Respekt vor z.B. Frauen und ohne Respekt vor den Grundwerten unserer Gesellschaft, der hat ja im aktuellen Narrativ gar keine Angst, nein, der hasst.

    Erwartet wird ja, dass eine alleinstehende junge Frau sich freuen muss, wenn direkt an ihrem Weg zum S-Bahnhof eine Flüchtlingsunterkunft entsteht. Freuen, weil so vielen armen Menschen hier eine Chance gegeben wird – die ihnen ja noch nicht mal gegeben wird.

    Auf keinen Fall darf sie Angst haben. Vor Übergriffen jedweder Art, vor toxischer Männlichkeit, genährt von einem übersteigerten religiösen Wahn, wie er in vielen Herkunftsländern zur Gesellschaft gehört.

    Wenn sie Angst hat, ist sie rechts.

  89. @Frank Gemein
    Genau das habe ich doch geschrieben. Doe Sprachverbote richten sich nicht gegen mich und andere Ungläubige.

    Sie haben meinen Kommentar nicht verstanden. Vielleicht würden Sie mir zustimmen, wenn Sie genauer lesen.

  90. Um es nochmal auf andere Weise zu verdeutlichen: Der Druck der Sprachregelung richtet sich nicht gegen Lisa Eckhart. Wenn dann eher gegen den Veranstalter, der als zur Szene gehörig wahrgenommen wird. (Er erzählte übrigens, dass im Protestler mal auf gefährliche Weise einen gasbetriebenen Heizpilz manipuliert hatten.) Der stärkste Druck richtet sich allerdings gegen gewisse Exponenten des linksintellektuellen Milieus, die nun alle Lisa Eckharts Humor fragwürdig finden müssen. Die Repräsentanten dieses Milieus unterwerfen sich diesem Druck freiwillig. Dass es diesen Druck gibt, erkennt man daran, wie beflissen die Leute ihre Meinung ändern. Wie sie untereinander diskutieren.

    Das ist auch eine Funktion der Twitter-Shitstorms. Gleichschaltung untereinder.

    Wenn ein ursprüngliches Mitglied der Community ausschert – wie z.B. Don Alphonso – wird er ganz besonders verachtet, geradezu verteufelt. Die Verachtung gegen ihn ist mit Abstand größer als die gegenüber anderen Außenstehenden. Das ist auch ein Druckmittel auf die Mitglieder der Community. Wer ausschert, wird hart bestraft.

    Das ganze Spektakel gibt es nicht nur links. Es gibt auch die Gegenbewegung auf der anderen Seite, die nicht besser ist. Nur zeitlich in Verzug.

  91. Was mich wirklich betroffen macht in diesem Kommentarbereich ist, wie unreif und eifernd die eher Linken hier auftreten und wie reif und sachlich die eher Rechten.

    Als Plattform, auf der sich selbsternannte bessere Menschen als unangenehme Gesinnungsterroristen bloßstellen, funktioniert Übermedien erstaunlich gut. Ich denke aber nicht, dass das die ursprüngliche Intention war. Oder irre ich mich da?

  92. >>>Sie sind nun überzeugt, dass das Wort Pull-Faktor ein Unwort ist, auch wenn sie das Wort vorher nie gekannt oder bemerkt haben.<< anziehen ) etwas Positives ist.

    Wer jetzt meint, Seenotrettung im Mittelmeer wäre der Faktor, weshalb sich Menschen in Eritrea auf den Weg nach Europa machten, der gehört nun einmal zu den eher schmerzfrei eingestellten Patienten.

    Tatsächlich ist das Verbot der Seenotrettung ja nicht einmal den Gläubigen abschreckend genug, weshalb sie auch noch Warlord Banden finanziell zur Pseudo Küstenwache ausstaffieren und die Hauptrouten durch die Sahara abriegeln lassen.

    Ihr Problem ist doch eher, dass die Leser hier sich weigern so naiv zu sein, den Trick mit dem Fake-Terminus für die angeblich mangelnde Abschreckung nicht zu durchschauen.

  93. den Trick mit dem Fake-Terminus für die angeblich mangelnde Abschreckung nicht zu durchschauen

    Es wäre ja durchaus interessant, mal genauer zu untersuchen, ob der Begriff beschönigend eingesetzt wird. Und man müsste sich eine geeignete Methodik überlegen. Der Artikel leistet das jedenfalls nicht.

  94. @95: BazookaJoe: Sie meinen reif und sachlich sei es also, von Merkel-Fanboys, die sich in/mit Auschwitz am wohlsten fühlen, Regenbogen-Religion, Lumpenproletariat, das in der Uni nix konnte, Genderisten etc. zu schreiben? Hmm. Interessante Interpretation der Begriffe.

  95. @Bazooka Joe
    Hat etwas Amüsantes, wie Sie sich selbst genüßlich über die „Masse“ der Kommentarspalte erheben und dieser aber gleichzeitig unterstellen, sich als bessere Menschen zu empfinden. (Ja, ich weiß, dass sie „besser“ in einem moralischen Sinne meinen.)
    Zur Sache mit der Angst: Liegt einfach daran, dass die Angst sehr oft als Argument vorgeschoben wird, wo in Wirklichkeit Ressentiment herrscht.

    Zitat: „Erwartet wird ja, dass eine alleinstehende junge Frau sich freuen muss, wenn direkt an ihrem Weg zum S-Bahnhof eine Flüchtlingsunterkunft entsteht.“
    Das ist falsch. Das erwartet eine verschwindend geringe Minderheit der Bevölkerung, so wie die große Mehrheit es mit einem Achselzucken zur Kenntnis nimmt, wenn Flüchtlinge auf der Ägäis abgedrängt werden und in Moria einkaserniert sind. Und es ist völlig unproblematisch, sich in diesem Sinne öffentlich zu äußern.
    Auch an Sie die Bitte, die weder Hans Meiser noch FixUndFoxi beantworten konnten oder wollen: Nennen Sie mir doch bitte eine Ansicht in Bezug auf Flüchtlingspolitik, die nicht im öffentlichen Diskurs vertreten wird bzw. werden kann oder nicht sogar schon längst gelebte Realität ist.
    (Sich nicht über ein Flüchtlingsheim zu freuen, wie sie suggerieren, gehört eindeutig nicht mal ansatzweise zu solchen „verbotenen“ Ansichten.)

  96. Das war missverständlich formuliert. Ich meinte: Man könnte durchaus untersuchen, ob Leute, die von der Verhinderung von Pull-Faktoren sprechen, in Wirklichkeit etwas anderes meinen und dies nur beschönigen wollen.

    Man bräuchte aber eine vernünftige Methodik, die nicht darauf abstellt: Das Wort Pull-Faktor wurde mit dem Wort verhindern kombiniert!!einself Also hat man versucht, seine Angst zu beschönigen!

    Das ist zirkulär und sollte unter der Würde einer medienkritischen Plattform sein.

  97. Stimmt, DERMAX, wie könnte jemand mit einer anderen Meinung einfach nur jemand mit einer anderen Meinung sein. Undenkbar. Es muss sich um einen Troll handeln.

    @Peter Sievert

    Sie haben Recht. Natürlich darf all das im öffentlichen Diskurs gesagt werden. Und Sie haben direkt noch mal Recht: Viele schieben Angst vor, um ihren Ressentiments mehr Nachdruck zu verleihen.

    Aber ist das immer so? Suchen die vier mir bekannten mehr oder minder jungen Frauen, die sich nicht mehr durch unseren Stadtpark trauen, seit dort um die zwanzig Geflüchtete dort massiv Präsenz zeigen und pfeifen und johlen, nur nach einem Mäntelchen für ihre Ressentiments, wenn sie sagen, das sei ein Angstort geworden? Haben dir all die Jahre nur die weltoffene, huminitäre Rolle gespielt und waren immer schon voller Ressentiments? Oder hat sich dort einfach eine Angst vor etwas herausgebildet, was eben auch Angst machen kann?

    Glauben Sie mir: Hier im Städtchen waren viele, mir eingeschlossen, Feuer und Flamme, die Neuen willkommen zu heißen. Sportvereine luden Menschen ein, Schulen stellten Projekte auf die Beine. Geblieben ist Ernüchterung und ja, der stille, nicht mehr ganz zu stille, bald vielleicht schon vernehmbare Wunsch, diese Männer mögen ganz schnell wieder verschwinden – was aber ein frommer Wunsch bleiben wird.

  98. Zu Push-und Pull-Faktoren sollte nicht unerwähnt bleiben, dass nicht nur Flucht, sondern auch Arbeitsmigration diesen Faktoren unterliegt. Deutschland hat viele Pull-Faktoren für gutausgebildete Ausländer.

    Ich schlage vor, den nächsten Vorschlag, Einwanderung gegen den „Fachkräftemangel“ zu fördern, als Pull-Faktor zu bezeichnen und dann mit Popcorn zuzusehen, wie sich Rechte und Neolibs zerfleischen.

  99. @Peter Sievert
    Nennen Sie mir doch bitte eine Ansicht in Bezug auf Flüchtlingspolitik, die nicht im öffentlichen Diskurs vertreten wird bzw. werden kann oder nicht sogar schon längst gelebte Realität ist.

    Die Frage ist falsch gestellt. Die Frage ist: Gibt es öffentliche Bereiche, in denen bestimmte Ansichten zurückgedrängt und sanktioniert werden? Etwa Sendezeit in den ÖRR, Vorträge in Universitäten, Kommentarpolitik sozialer Netzwerke. Gerade wurde ein Gesetz gegen Hassrede vom Wissenschaftlichen Dienst des Bundestags als verfassungswidrig eingestuft. Einer nicht genehmen Partei wurde der Parteitag verwehrt. Gibt es Strukturen unter dem Radar? Was ist mit dem funk-Netzwerk von ARD und ZDF?

    Noch darf man alles sagen, aber es lassen sich durchaus Tendenzen und einzelne Vorfälle erkennen, die einen nachdenklich machen können. Es geht auch nicht nur um den Ist-Zustand unserer Gesellschaft, sondern auch um die Zukunft. Die Leute spüren, dass sich etwas verändert, auch wenn noch keiner mit der dunklen Limousine abgeholt wird.

  100. Tut mir leid, aber es dreht sich im Kreise. Irgendwann sollte Schluss sein. Ich hoffe auf Herrn LLL und Herrn Fleischhauer.

  101. @105: Wenn man es ernst meinen würde mit der Push-Pull-Theorie, würde man sich ja an die Bekämpfung der Push-Faktoren machen, wenn man Migration verringern wollte. Bekämpfung von Krieg, Vertreibung, Armut, Perspektivlosigkeit etc. … das wäre ja was.
    Macht man ja auch. Glasfasernetz in der Brandenburger Pampa verlegen. Strukturhilfen für Duisburg. Sächsische Dorfplätze restaurieren.

  102. @BazookaJoe
    Da will ich auch gar nichts gegen sagen, dass für viele, die Angst sagen, auch Angst meinen. (Ob berechtigt oder nicht, geht jetzt zu weit, das spielt in dem Zusammenhang keine Rolle.)
    Und ja, ich habe das auch hautnah miterlebt, wie manche Neulinge sich toll eingelebt haben und andere nur für Frust gesorgt haben ob Ihres persönlichen Verhaltens. Aber das ist ja eine inhaltliche Frage.
    Aber selbst im örtlichen Kirchgemeinderat wird sowas mittlerweile recht offen diskutiert. Deshalb: Ich sehe diese sogenanten Denk- und Sprechverbote einfach nicht. Und die reale Politik gegenüber Flüchtlingen vor Ort und/oder unterwegs ist auch wirklich alles andere als humanitäre Utopie.
    Der größte Dorn im Auge der Rechtskonservativen ist mutmaßlich ja der Rechtsstaat, der die Abschiebungen so mühsam macht. Aber ist das eine kontroverse Aussage, die Empörung verursacht, wenn jemand äußert, es nerve ihn, dass Abschiebungen nicht „funktionieren“?
    Das wurde ja auf fast höchster Ebene zur Chefsache ähnlich erklärt von unserem Heimatminister.

  103. @Peter Sievert

    Im allgemeinen bin ich auch niemand, der Sprechverbote wittert. Aber HIER, hier gehen sehr schnell die Schubladen auf.

    Hier gibt es bei fast jedem Thema eine gewisse Hausmeinung, und wer der widerspricht, ist dann eben wahlweise rechtsoffen, Verschwörungsspinner, weißer alter Mann.

  104. Dieser Kommentar ist bewusst NICHT im engeren Sinne politisch (wie eigentlich alle meine Beiträge hier), und so hoffe ich, dass er die Diskussion nicht anheizt, sondern vielleicht eher etwas abkühlt. Denn ich erörtere hier einfach nur die Relevanz von Sprache.

    Der obige Übermeiden-Artikel handelt nicht nur, aber ganz wesentlich von linguistische Zusammenhängen, die wiederum mit sprachtheoretischen und sprachphilosophischen Fragen verknüpft sind. Und natürlich kann man eine andere „sprachtheoretische“ Auffassung haben als der Autor und muss deshalb trotzdem nichts gegen Flüchtlinge haben. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

    Packen wir also den Stier bei den Hörnern und nehmen wir einmal für einen Moment kontrafaktisch an, der Ausdruck „Pull-Faktor“ wäre im akademischen Diskurs verblieben, und Medien und Politik würden, wenn sie das entsprechende Phänomen benennen wollen, an seiner Stelle etwa stets von „fluchbtegünstigenden Anreizen“ oder was auch immer sprechen. Es würde also irgendeinen alternativer Ausdruck gebraucht werden, der in der akademischen Welt nicht verbreitet ist und der daher dann wohl auch kein „Tarnwort“ im Sinne des Artikels darstellen könnte.
    Würde die Debatte dann anders ablaufen? Ginge es den Flüchtlingen besser bzw. würden wir anders mit ihnen umgehen, wenn von entsprechender Seite vor „fluchtbegünstigenden Anreizen“ anstelle von „Pull-Faktoren“ gewarnt würde? Ich bezweifle es sehr…

    Und hier kommen wir wieder an einen Punkt, an den wir immer wieder kommen. Es gibt die Welt und es gibt die Sprache, und es gibt einen Bezug zwischen beidem. Und viele meinen nun, Sprache beeinflusse in jeder ihrer noch so arbiträren Eigenheiten unsere Sicht auf unsere Welt und damit unsere Welt so fundamental, dass man nur ein wenig an Wörtern herumrumschrauben müsse, und schon würden alle möglichen Sach-Probleme wenn nicht verschwinden, so doch jedenfalls bedeutend einschrumpfen.

    Und das stimmt eben nicht. Was man stattdessen mit diesen sprachreformatorischen Bemühungen bekommt, ist häufig eine Symbolpolitik ohne jeden erkennbaren realen Nutzen, die im Gegenteil sogar noch Gefahr läuft, von den realen Problemen abzulenken und unnötige Widerstände zu provozieren.
    Natürlich existiert sicher der einer oder andere Fall, in dem ein neues Wort oder ein neuer Name tatsächlich eine neue Botschaft vermitteln und daher nützlich sein mag. Häufig aber sind Worte und Namen einfach Schall und Rauch. Schauen wir uns Beispiele an:

    – Das Ansehen schwer erziehbarer Kinder und Jugendlicher wird ganz gewiss nicht dadurch anwachsen, dass sie in einer parodistisch anmutenden Art und Weise in „verhaltensoriginell“ umetikettiert werden. Der einzige Effekt ist nach meiner Erfahrung, dass die Leute sich über den Wortgebrauch lustig machen.

    – Ein Arbeitsloser wird so ungern „freigesetzt“ wie „entlassen“.

    – In den USA war für einige Zeit „Farbige“ die höfliche Bezeichnung für Schwarze; dann kam jahrzehntelang das unaussprechbare Voldemortsche „Du-weißt schon-was-Wort“; dann wurde dieses Wort gegen die Präferenz der deutlichen Mehrheit der Betroffenen geächtet und durch „Schwarze“ ersetzt (was immer noch weithin gebräuchlich ist); dann wurde von einigen Aktivisten „Afroamerikaner“ propagiert, dann „People of Color“ (was angeblich aber etwas ganz anderes sein soll als „colored“/farbig); und irgendwann wird wahrscheinlich wieder etwas Neues kommen. Geht es den Schwarzen deswegen auch nur ein Iota besser? Sicher nicht.

    – Aus den Zigeun[…] mussten Sinti und Roma werden, obwohl keineswegs alle Zig[…] Sinti oder Roma sind und kein Mensch den Singular zu Sinti oder Roma kennt, weder in der männlichen noch der weiblichen Form. Die Umbenennung stößt aber auch nicht in allen europäischen Ländern auf Begeisterung („Das Wort Rom beleidigt mich, nenn mich Zigeu[…]!“; Focus).
    Zur Neubenennung kam es, weil das Wort „Zigeun…“ angeblich mit Vorurteilen beladen sei. Gebracht hat die Umbenennung aber offenbar wenig: „Deutsche lehnen einer Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zufolge Sinti und Roma stärker ab als jede andere Bevölkerungsgruppe“, heißt es in der Süddeutschen Zeitung.
    Das Rätsel ist leicht gelöst: Die Vorbehalte der Leute galten nie und gelten auch jetzt nicht der jeweils geläufigen BEZEICHNUNG der genannten ethnischen Minderheit, sondern den BEZEICHNETEN selbst. (Wenn Lieschen Müller unbeliebt ist, würde sie wohl auch kaum beliebter werden, indem sie sich in Lieschen Schulze umbenennt.)

    – Es wird zum Teil ernsthaft gefordert (auch hier schon in Kommentaren), das Wort „Juden“ durch „Menschen jüdischen Glaubens“ zu ersetzen. Warum? Die Nazis haben das Wort verwendet! Na, dann muss es ja aber kontaminiert sein! Dass es Juden gibt, die gar nicht jüdischen Glaubens sind, dass man so den Nazis die Definitionsmacht über einen längst vor ihnen etablierte Sprachgebrauch einräumt (und das auch noch bei Juden!), und dass es doch wohl auch sehr fraglich ist, ob die meisten Juden sich das überhaupt so wünschen: Wen juckt’s!

    – Aus Flüchtlinge musste „Geflüchtete“ werden, was aus einer Reihe von Gründen absurd ist. Sind „Geflüchtete“ den Leuten willkommener als „Flüchtlinge“? Gewiss nicht. Kein Mensch wird seine Wertschätzung oder seine Vorbehalte gegen Flüchtlinge von diesem Wortwandel abhängig machen.

    – Zuerst kamen die Doppelnennungen – damit wir, wenn wir hören, dass Berlin mehr Einwohner hat als jede andere deutsche Stadt, nicht wie bisher nur an die dort lebenden Männer denken, sondern auch an die Frauen. Dann kam das Binnen-I. Dann der Unterstrich. Dann das Gender-Sternchen. Jetzt ist offenbar gerade der Doppelpunkt en vogue. Vermutlich folgt bald das Semikolon. Andere Sprach-Erneuerer wiederum propagieren Passiv-Konstruktionen im eleganten Stil des Beamten-Deutsch, bei dem die handelnden Personen, um die es geht, so weit wie nur irgend möglich unerwähnt bleiben. Dieses Vorgehen wird kombiniert mit Partizipial-Konstruktionen („Fahrrad Fahrende“ statt „Fahrradfahrer“, bald vermutlich dann „Tanzende“ statt „Tänzer“, wobei schon im letzteren Fall ein großer Bedeutungsunterschied herrscht.)
    Die Mehrheit der Frauen lehnt das Programm ab, und im Alltag spielt es eh keine Rolle und wird vermutlich auch nie eine spielen.
    Nützt die Anstrengung was? Island ist das Land mit dem kleinsten „gender Pay Gap“ und gendert traditionell wenig; im Türkischen hingegen gibt es kein Genus und „o“ heißt „er“, „sie“ und „es“. Auch ein Vergleich, der weitere Länder mit einbezieht, legt nahe, dass zwischen „geschlechtergerecher Sprache“ und realer „Geschlechtergerechtigkeit“ keinerlei Zusammenhang besteht.

    (- Vorbildhaft hingegen haben es aus meiner Sicht die Homosexuellen gemacht, die das neutrale Wort „Homosexualität“ beibehalten und aus dem negativ konnotierten „schwul“ ein neutrales Wort gemacht haben.)

    Bevor ich missverstanden werde: Es GIBT Probleme. Reale Probleme. Es gibt Rassismus. Es gibt die Diskriminierung von Schwarzen. Es gibt die Herabwürdigung ethnischen Minderheiten. Es gibt in manchen Bereichen immer noch Nachteile für Frauen. Und es gibt viele Menschen auf der Flucht, die sich in einer schrecklichen Situation befinden.

    Das SIND Probleme. Aber es sind keine Probleme der Sprache, sondern Sach-Probleme, die nur in der realen Welt gelöst werden können. Zu glauben, man müsse nur ein wenig an der Sprache drehen, und schon werde alle gut oder jedenfalls deutlich besser, ist – Entschuldigung – ein naiver sprachmagischer Aberglauben. Und es ist ein Aberglauben, der zum Teil den Fokus auch noch von den realen Problemen und realen Lösungen ein Stück weit weglenkt und unnötige Spaltung und unnötigen Ärger mit sich bringt.

    Der ganze Ansatz, reale Probleme und ihre potentiellen Lösungen so sehr in der Sprach zu verorten, wie dies oft geschieht, ist nach meiner Überzeugung das, was man im Englischen als „fundamentally flawed“ bezeichnen würde, als fundamental fehlerhaft, als grundlegend falsch. Und dieser Ansatz ist meines Erachtens auch noch kontraproduktiv. Es ist ein Irrweg, eine Sackgasse.

    Nochmals: Ich leugne keine realen Probleme und auch nicht die Notwendigkeit realen Lösungen. Im Gegenteil. Ich glaube einfach nur, dass die Sprache bei alledem eine viel geringere Rolle spielt als oftmals angenommen und propagiert. Man mag meine Auffassung ablehnen – aber als „inhuman“ bezeichnen kann man sie doch wohl schlecht. Und ein Grund, sich maßlos über sie aufzuregen, besteht doch auch nicht.

  105. @LLL

    Danke. Das übertrifft den Ausgangsartikel in Sachen Qualität um Dimensionen. Selbst wenn Sie kein „Kampagnen- & PR-Manager mit Erfahrungen in NGO & Politik-Kampagnen“ sind. Oder weil.

  106. Man kann ja eigentlich kaum annehmen, dass die Übermedien-Leserschaft und Redaktion zu blöd sind, um die von LLL nochmal dargestellten Zudammenhänge nicht zu erkennen.

    Die Frage ist: Warum haben diese ständigen Forderungen nach Sprachregelungen trotzdem diesen Erfolg, innerhalb dieser Community?

    Ich kann es mir nur so erklären, dass diese Leute sich gegenseitig synchronisieren wollen und wie ein homogener Block auftreten wollen. Gemeinsam ist man stark, und man muss doch etwas haben, mit dem man sich profilieren kann!

    Es geht auch um eine Art von Aktionismus. Man kan zeigen, dass man die Welt ändern will, auch ohne sein Auto abzuschaffen und ein Zimmer seiner Wohnung einem Geflüchteten* zu überlassen. Sprachregelungen sind einfach billig, und trotzdem ist gewährleistet, dass man Aufmerksamkeit erhält. Den Flüchtling im Keller sieht man ja nicht, aber man kann wegen lächerlichen Wort „Pull-Faktor“ wunderbar Theater auf Twitter machen.

    LLL ist ja schon dicht dran: Symbolpolitik.

    Wenn man diese Sprachregelungen verstehen will, muss man den Wert von Symbolen verstehen.

  107. Verdammt, wie konnte mir das passieren. Es miss heißen: einem*r Geflüchteten überlassen. Bitte mit Pause aussprechen.

  108. Wichtig bei diesem Symbolen ist immer der Kampf-Aspekt. Der Kampf für eine bessere Welt braucht Fokussierung, eine eingeengte Vorstellung von dem, was besser ist. Man baut sich einen Gegner auf.

    Auch das Wort „rechts“ ist so ein Symbolwort, um sich auf etwas zu fokossieren, das es so nicht gibt.

    Man will wissen, wie viele mitmachen, wer auf Linie ist. Wenn ÖRR-Sprecher solche Zeichen verwenden – Geflüchtete, Glottisschläge – dann ist das ein Feedback des Erfolgs und zugleich weitere Motivation.

    Armbinden will man nicht mehr, also braucht es andere Symbole.

  109. Gegen Sprachveränderung zu wettern ist einfach billig und trotzdem ist gewährleistet, dass man Aufmerksamkeit erhält. Es geht auch um eine Art von Aktionismus. Man kann zeigen, dass man die Welt nicht ändern will, auch ohne sich konkret mit Bedürfnissen Anderer oder Problemen auseinandersetzen zu müssen. Man kann ja eigentlich kaum annehmen, dass die Übermedien-Leserschaft und Redaktion zu blöd sind, um das nicht zu erkennen.

  110. @Mr Re
    Danke.
    Gott, was da an Blödsinn die letzten Beiträge geschrieben wurde ist kaum auszuhalten.

    Es wird behauptet

    Zu glauben, man müsse nur ein wenig an der Sprache drehen, und schon werde alle gut oder jedenfalls deutlich besser, ist – Entschuldigung – ein naiver sprachmagischer Aberglauben.

    was halt wirklich niemand tut.
    Da könnte man dann an der erneuten Textwand Punkt für Punkt abarbeiten, dass da wieder Nebelkerzen geworfen werden, um die es nicht geht bzw. die einfach nicht stimmen.
    Aber wer will schon immer und immer wieder über diese Stöckchen springen?
    Dann kommt der Vorwurf über Symbolpolitik (erneut Danke an Mr Re, der aufzeigt, wie substanzlos das ist), in dem auch wieder nur Behauptungen aufgestellt werden, welche das eigene Nichtstun rechtfertigen sollen, ohne auch nur einen Hauch Bezug zur Realität zu haben.

    Hier gibt es bei fast jedem Thema eine gewisse Hausmeinung, und wer der widerspricht, ist dann eben wahlweise rechtsoffen, Verschwörungsspinner, weißer alter Mann.

    Und es gibt Aussagen, die von der anderen Seite als Linksoffen oder Naiv bezeichnet werden.
    So what?
    Wenn sich jemand Rechtsoffen äußert, warum soll er dann nicht so bezeichnet werden?
    Wenn jemand nur aus der Sicht des Konstrukts „alter, weißer Mann“ berichtet, warum sollte es dann verboten werden, dies so zu benennen?
    Die andere Seite beschwert sich doch auch nicht darüber, wenn sie mit Begriffen bedacht wird, die deren Haltung bezeichnen sollen. Ich wurde schon öfter als Linksgrün versifft bezeichnet und es stört mich nicht. Ich glaube, das stört niemanden, der so bezeichnet wird. Es ist eher erschreckend, dass man für Haltung und Anstand angegangen wird, aber die Begriffe sind doch Pillepalle.
    Nur die andere Seite will halt nicht so benannt werden, wie sie sich aufführt. Wahrscheinlich, weil sie sich darin erkennen und fühlen, dass es keine guten Seiten sind, die da zum Vorschein kommen.

    LLL schrieb, es gibt reale Probleme, die angegangen werden sollen.
    Er will das aber aus welchen Gründen auch immer nicht im Sprachgebrauch wiedergefunden wissen. Er will, dass man im realen Leben etwas dagegen tut, was auch er als Problem ansieht.
    Dabei ist es doch eigentlich ganz einfach: hier haben wir eine Seite, die sich mit Medien auseinander setzt.
    Das Werkzeug der Medien zum Handeln ist im Realen aber nun mal die Sprache. Damit wird also etwas ganz handfestes, reales getan. Ein kleiner Beitrag, der alleine nichts ändern wird. Was aber eben auch niemand behauptet hat oder gar glaubt.

    Sich so zu sträuben, wenigstens diesen kleinen Beitrag zu leisten, diesen sogar zu negieren, da fehlt mir das Verständnis für.
    Wenn es denn einfach Kritik wäre, zum Beispiel, dass die verschiedenen Formen, das Gendern zu symbolisieren (Binnen-I, Doppelpunkt, was weiß ich) insgesamt nervig sind, was ja nun mal auch stimmt, dann könnte, dann sollte mensch ja drüber reden.
    Aber lieber werden Fantasiegebäude aufgebaut, an denen man sich dann abarbeitet und das Lob all derjenigen eingestrichen, die ähnlich verquer denken. Was da für Lebenszeit sinnlos geopfert wird.
    Manche Kommentatoren hier scheinen mir schon verloren zu sein im Grübeln darüber, wie man Versuche zur Verbesserung nieder schreibt, anstatt einfach mal etwas Konstruktives zu tun. Und diejenigen sind es, die sich dann auch noch für besonders sachlich halten.
    Eine komische Welt…

  111. @Micha
    „Die andere Seite beschwert sich doch auch nicht darüber, wenn sie mit Begriffen bedacht wird, die deren Haltung bezeichnen sollen.“

    Das mag vielleicht für Sie persönlich zutreffen. In der Regel werden aber Bezeichnungen wie „linksgrün“, oder „Gutmensch“ als rechte Kampfbegriffe diffamiert. Dabei ist Gutmensch perfekt gegendert, zwar ein wenig herablassend aber harmlos.
    LLL hat sachlich argumentiert, aber MR. RE benutzt natürlich den negativ besetzten Begriff „wettern“.
    In der letzten Zeit wurde der Begriff „cancel culture“ unter Feuer genommen und wortreich argumentiert, warum er falsch ist, auch hier. Ich finde ihn recht pointiert.

    Es ist doch so: Alle „Linken“ kämpfen grundsätzlich für die gute Sache, also ist Kritik daran falsch, empörend, ekelhaft, nazistisch.
    Ich bin immer wieder über die Dünnhäutigkeit bei Gegenwind der „links-liberalen“ Seite erstaunt.
    Es gibt ja wirklich so etwas wie eine Hausmeinung hier, und wer dagegen argumentiert ist ein Eindringling in die Hausgemeinschaft oder ein Troll.
    Aus meiner Sicht sind wir hier alle gleichberechtigte Gäste mit denselben Rechten und Pflichten.
    Ausnahmen bestätigen wie üblich die Regel.

  112. Ich würde das, was hier im Kommentarbereich passiert, nicht zu hoch hängen.
    Das Kapern der Kommentarbereiche gehört für einige Menschen zu dem, was diese unter „Aktion“ im weitesten Sinne verstehen. Die Folgen sind überall sichtbar und Gegenmaßnahmen, so für sinnvoll erachtet, sind nicht immer trivial und oft mit großem Einsatz verbunden.
    Ich gehe mal davon aus, dass die Bezahlschranke von Übermedien nicht so ohne weiteres auch auf das Forum auszudehnen ist und eine Moderation tut sich niemand freiwillig an, der noch bei Verstand ist.
    Wir alle wissen wer die Foren der Republik überflutet, mit welchen Strategien gearbeitet wird und wie unendlich nervtötend die Ergebnisse sind.
    Das Resultat ist glücklicherweise kaum, dass Menschen den Eindruck bekämen, diese Kommentatoren verträten eine Mehrheitsfähige Meinung. Vielmehr ist es so, dass kaum jemand Kommentare und Foren noch ernst nimmt.
    So wird das Werkzeug zerstört, welches man so machtvoll übernehmen wollte.

  113. @Micha

    Sie glauben also, Wallis’sche Wortklaubereien seien „kleine Beiträge“ zu einer irgendwie gearteten guten Sache?

    Nein, das sind sie nicht. Kleine Beiträge sind es, wenn jemand in der Flüchtlingsunterkunft mit Flüchtlingen Schach spielt. Wortklaubereien hingegen sind nichts als Wortklaubereien.

    Seitdem die groben Verstöße gegen sprachlichen Anstand – dankenswerterweise! – kaum noch vorkommen, muss sich halt weiter abgearbeitet werden. Bis man irgendwann feststellt, dass es kein einziges Wort gibt, das man nicht durch seine Verwendung mit Assoziationen belegen kann und auch belegt, Tag für Tag, immer wieder. Nicht jedes dieser Wörter kann man abschaffen.

    Dass hier jemand, der Geld damit verdient/verdienen will, Kampagnen sprachlich zu begleiten, gegen nicht mehr neutrale Wörter ins Feld zieht, das ist übrigens auch mehr als nur eine Randnotiz.

  114. @116 Frank Reichelt:
    ich weiss ja nicht, wo Ihnen der Maßstab dermaßen verrutscht ist, aber:
    „akademische(s) Lumpenproletariat“ ,“gleichgeschaltete Lügenpresse“, „die Hilfskonstruktion der ausländerfeindlichen Gewalt“ unterscheiden sich doch irgendwie von „linksgrün“ und „Gutmensch“.

    Das ist übrigens noch ein weiteres Ärgernis: Ich habe mir mal vor Jahren die Mühe gemacht, via Google eine Momentaufnahme zu starten, wer denn den Begriff „Nazi“ am häufigsten benutzt.

    Und siehe da, eine angebliche „Nazikeule“ war bei weitem häufige, als die eigentliche Beschimpfung. Und dann waren es fast ebenso häufig Rechte, die andere als „Nazis“ verunglimpften, wie Linke.

    Um seine Narrative ( wie bspw. auch die ominöse „cancel culture“ ) zu supporten, muss man sie halt pflegen.

    Die Strategie ist bekannt. Milo Yiannopoulos plant seine Tourneen exakt so, dass der Eklat vorprogrammiert ist und dann entsprechend vermarktet werden kann. Eingebettet in das Narrativ von der bösen Linken, die Karrieren zerstört.
    Nachgeforscht ergibt sich dann, dass seit mittlerweile Jahrzehnten immer dieselbe Handvoll Geschichten dafür bemüht wird und linke Lehrkräfte weit öfter gefeuert werden ( weil Evangelikale, Patrioten, Waffenfans, whatever Druck machen ), als Konservative.
    Nur jammern die halt nicht so orchestriert.

  115. @Reichelt

    LLL hat sachlich argumentiert, aber MR. RE benutzt natürlich den negativ besetzten Begriff „wettern“.

    LLL hat sachlich etwas beschrieben, was nicht stattfindet.
    Niemand, der sich über die Sprache Gedanken macht auf die Art und Weise, gegen die LLL argumentiert hat, denkt so, wie LLL es impliziert.

    In der Regel werden aber Bezeichnungen wie „linksgrün“, oder „Gutmensch“ als rechte Kampfbegriffe diffamiert.

    Die Angesprochenen fühlen sich durch die Bezeichnungen nicht angegangen, sie wundern sich eher, wie die Bezeichner diese Begriffe als negativ ansehen können. Sie prallen daher ab, werden höchstens als Bestätigung gesehen, dass man so falsch nicht liegen kann.

    Es ist doch so: Alle „Linken“ kämpfen grundsätzlich für die gute Sache, also ist Kritik daran falsch, empörend, ekelhaft, nazistisch.
    Ich bin immer wieder über die Dünnhäutigkeit bei Gegenwind der „links-liberalen“ Seite erstaunt.

    Wir haben hier ellenlange Texte derjenigen, die sich nicht dieser Linken zugehörig fühlen, weil die sich angegriffen fühlen, wenn bestimmte Wörter in Frage gestellt werden.
    Dünnhäutigkeit pur. Es geht noch weiter: hier werden ganze Aufsätze geschrieben, warum diese Dünnhäutigkeit berechtigt sein soll. Völlig an der Realität vorbei.
    Die andere Seite: ich habe vorhin zum Beispiel geschrieben, dass ich mit der aktuellen Art des Genderns beim Schreiben auch nicht zufrieden bin, dass es mich auch nervt. Und ich wette, niemand der Befürworter wird mich ob dieser Kritik angreifen. Alle werden sagen, ja, da sind wir erst auf dem Weg, da müssen wir was Besseres finden, das ist nicht der Weisheit letzter Schluss.
    Sachliche Kritik am Thema, da wird Ihnen niemand etwas gegenhalten.
    Sachliche Kritik daran, dass Sprache allein etwas ändert und man sonst nichts tun muss, die nervt einfach nur, weil das niemand behauptet.

    @Bazooka

    Nein, das sind sie nicht. Kleine Beiträge sind es, wenn jemand in der Flüchtlingsunterkunft mit Flüchtlingen Schach spielt. Wortklaubereien hingegen sind nichts als Wortklaubereien.

    Das ist wieder das Beispiel an Kritik, die keinen Sinn ergibt.
    Warum glauben Sie, dass das eine nicht mit dem anderen einhergehen kann?
    Was glauben Sie, werden diejenigen denken, die aktiv zum Beispiel in Flüchtlingunterkünften mit Sinti und Roma zusammen kommen, wenn es um die Verwendung bestimmter Wörter geht?
    Werden die sagen, es ist egal?
    Oder werden die sagen, alte Wörter, welche die Betroffenen verletzen, die sollten nicht mehr gebraucht werden?
    Ich bin so jemand, der den direkten Kontakt durch aktive Taten hat und der erst daher auch auf seine Sprache achtet.
    Genau so ist es übrigens beim N-Wort, weil ich im RL mittlerweile mehr mit Schwarzen zu tun habe und daher die Notwendigkeit sehe.
    Erst der reale Umgang mit den Problemen schafft ein Bewusstsein für die Probleme der aktuellen Sprachregelungen.
    Daher könnte ich mir vorstellen, dass diejenigen, die sagen, das ist alles Sprachmagie, dass nur ein kleiner Teil im RL aktiv irgendetwas tut, um reale Probleme zu lösen.
    Sie verdrehen die realen Verhältnisse.

    Wobei mir klar ist, dass es auch genügend Leute gibt, die sich nur übner die Sprache Gedanken machen und sonst keinen wirklichen Bezug zu den Problemen haben. Denen bin ich aber zum Beispiel Dankbar, wenn die mir durch ihre rein akademischen Gedanken Anregungen geben, wie ich mit den realen Menschen besser sprechen kann, ohne die vor den Kopf zu stoßen.
    Wo soll da ein Problem sein, dass eben nicht nur aus Ignoranz und Dünnhäutigkeit besteht?

  116. @Micha
    Es wäre tatsächlich eine Vereinfachung, zu sagen, man wolle reale Probleme durch Sprachregelungen lösen. Dazu weiter unten.

    Das Werkzeug der Medien zum Handeln ist im Realen aber nun mal die Sprache.

    Der Satz ist selbstentblößend. Welches „Handeln“ ist hier denn gemeint? Offenbar wollen Sie sagen: Die Medien sollen als politische Akteure auftreten.

    Sie reden von „Haltung und Anstand“. Aber eine sachliche Auseinandersetzung kann nicht funktionieren, wenn man Haltung und Anstand ausschließlich für die eigene Seite reklamiert. Man ist auch schnell bei heiligen Werten mit diesen hochstehenden Begriffen, eigentlich ein Merkmal konservativer Denkweise.

    Wenn man einen religiösen Menschen fragt, warum er solch irrationalen Vorstellungen anhängt, dann wird er – das kann man bei entsprechenden Diskussionen immer beobachten – nicht lange dabei bleiben, die widersprüchlichen Aspekte seiner Religion aufzulösen, sondern er wird sagen: Wenn man sich von meiner Religion trennt, wird man jegliches unmenschliche Verhalten rechtfertigen können, man hätte überhaupt keinen Grund mehr, moralisch zu handeln.

    Natürlich kommunizieren und befördern die Sprachregelwütigen auch konkrete politische Handlungen, im Fall des Artikels über „Pull-Faktor“ die Aufnahme und Unterstützung von Flüchtlingen nach Deutschland und Europa.

    Aber erstens wehrt man so die Diskussion von Gegenargumenten ab, und zweitens bewirkt man eine Spaltung in wir und die.

    Das eigentliche Problem, dass unserer Diskussion zugrunde liegt, auch hier im Kommentarbereich, ist, dass man vom Modus des Verhandelns und Argumentatierens in den Modus des Kampfs übergegangen ist. Die gesellschaftliche Einigung hat man aufgegeben (was übrigens nirgends so klar ist, wie beim Gender-Deutsch).

    Man befindet sich im Kampf. Im Kampf gegen „rechts“, wobei „rechts“ alles zusammenfasst, was sich den Kämpfern der vermeintlich guten Sache entgegenstellt. Das kann auch ein Kommentator auf Übermedien sein, der eigentlich gar nicht rechts ist. Aber die Begriffe sind halt symbolhaft. Sie sind Abzeichen wie das Kreuz an der Halskette.

    Das Einhorn, das Kreuz – oft enthalten solche Symbole Elemente der tugendhaften Selbstkasteiung wie eben auch des Martialischen, Kämpferischen, Bedrohlichen.

    Wenn die Nicht-Überzeugten jetzt von Gesinnungs-, Sprach-, Klima-Diktatur usw. reden, haben sie insofern recht, als die Aufgabe der Diskussion zugunsten des Kampfes tatsächlich nur in eine Diktatur münden kann, jedenfalls auf lange Sicht. Es gibt nur die beiden Möglichkeiten: Kompromiss oder Schädel einschlagen.

  117. Zum Stichwort Lügenpresse: Niggemeier hatte vor Jahren mal eine kleine Serie „Lügen fürs Leistungsschutzrecht“. Der Vorwurf massiver Falschberichterstattung kam mit der Ukraine-Krise auf. Der an den politischen Gegner adressierte Vorwurf des Lügens ist uralt.

  118. @SF

    Der Satz ist selbstentblößend. Welches „Handeln“ ist hier denn gemeint?

    Es wurde mehrfach von anderer Seite gesagt, bloße Worthülsen helfen nichts, es muss gehandelt werden.
    Medien handeln, in dem sie Sprache verwenden.

    Offenbar wollen Sie sagen: Die Medien sollen als politische Akteure auftreten.

    Wieder ein Argument, das kein Argument ist. Medien treten immer als politische Akteure auf. Jeder, der irgendwie öffentlich handelt, handelt damit politisch.

    Sie reden von „Haltung und Anstand“. Aber eine sachliche Auseinandersetzung kann nicht funktionieren, wenn man Haltung und Anstand ausschließlich für die eigene Seite reklamiert.

    Richtig. Deshalb schrieb ich schon, dass Kritik durchaus erwünscht ist, wenn die Kritik sich an den realen Gegebenheiten orientiert.
    Das geschieht aber nicht, es werden immer Strohmänner aufgebaut, an denen sich dann abgearbeitet wird und die dann belegen sollen, dass die „linke“ Sicht nicht nur utopisch ist, sondern auch noch diktatorisch werden könnte.
    Hier wurde zum Beispiel diskutiert, ob das Wort Pull-Faktor in einem jeweiligen Gebrauch richtig oder falsch ist/sein kann. Ich habe einige Argumente gelesen, die den Artikel stützen, weil Pull-Faktoren ja nun mal offenbar nur positive Sachen sein können (gute Lebensqualität, Sicherheit, etc.) und man dann, wenn man Pull-Faktoren verhindern will, konsequenterweise etwas gegen die gute Lebensqualität usw. tun müsste. Das will niemand, der Pull-Faktoren als Schlagwort nutzt und damit scheint es mir entlarvt zu sein als Umschreibung, dass man andere Menschen einfach nicht hier haben möchte.
    Vielleicht ist meine Schlussfolgerung falsch, aber es kamen keine Gegenargumente, es wurde einfach wieder in eine völlig andere Richtung „argumentiert“, dass Sprache ja nichts ändern würde etc., so dass mir die Diskussion über den Artikel entschieden zu sein scheint.

    Und ähnlich kann man es bei so ziemlich allen anderen Dingen auch sehen: Flüchtlingspolitik: Nein, niemand will die ganze Welt aufnehmen, kein Linker sagt das. Umweltpolitik: nein, niemand will überall Solaranlagen und ein Windrad in jedem Vorhof. Niemand will den Leuten ihre Mobilität nehmen. Niemand will die Leute abhalten, zu reisen oder zu konsumieren. Es wird nur darüber geredet, wie man das alles machen könnte, ohne damit größeren Schaden anzurichten.
    Die Gegenseite kommt dann mit dem Bild, dass man anderen etwas aufdiktieren will.
    Auch da scheint mir die sachliche Diskussion entschieden.

    Aber erstens wehrt man so die Diskussion von Gegenargumenten ab, und zweitens bewirkt man eine Spaltung in wir und die.

    Für mich stellt es sich so dar: ich will, dass WIR alle unser Bestes Versuchen, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. „Unser Bestet“ kann auch bedeuten, dass wir so gut wie gar nichts ändern, einfach, weil wir andere Sorgen haben. Und es gibt andere, die Leuten wie mir sagen, DIE wollen uns etwas aufschwatzen, was ich nicht will. Wenn jemand sagt, er will sein Auto nicht aufgeben, weil … (von mir aus, weil diejenige Person einfach Bock drauf hat), dann ist das für mich ok. Sagt die Person aber, dass das mit dem Umdenken doch eh nicht nötig ist, dass wir hier in De eh nichts tun können etc., dann ist das für mich nicht ok. Dann kann die Person mir zwar sagen, ich wäre es, der Spaltet. Sachlich gesehen sieht es aber eben anders aus.

    Zu dem Rest: wieder eine Umkehr der Tatsachen. Niemand wird einfach so gebrandmarkt. Es wird erklärt, warum man anderer Meinung ist und wenn dann Scheinargumente gegen Strohmänner kommen, dann ist man nur noch genervt.

  119. @Micha
    Wir können hier unmöglich alle Sachdiskussionen nachzeichnen, aber Sie haben natürlich recht, dass viel aneinander vorbei geredet wird. Nur kurz zur Frage, ob Pull-Faktoren grundsätzlich positiv sind: Ich hatte oben in einer Antwort an Frank Gemein aus der Wikipedia zitiert, wo auch Familiennachzug als Pull-Faktor aufgeführt wird. Das passt dann nicht mehr so gut in Ihr Argumentationsschema, dass ich nebenbei auch nicht ganz nachvollziehen kann.

    Meine Sicht ist auch nicht, dass diese auf sprachliche Eigenschaften fokussierte Argumentation diktatorisch ist, sondern unsauber und inkonsistent. Und dass sich die Progressiven an dieser Inkonsistenz nicht stören, weil ihre Sprachregelungen eine ganz andere Funktion haben und deshalb auch nicht konsistent sein müssen.

    Progressive unterwerfen sich freiwillig ihren inkonsistenten Sprachregelungen, für die Gegenseite sind die nicht verbindlich. Die Gefahr einer Diktatur besteht eher auf lange Sicht, da man nicht in Kompromiss-, sondern in Kampfstimmung ist. Zudem sieht man heute bereits Versuche, die in eine höchst bedenkliche Richtung gehen, indem z.B. gewisse politische Kräfte der Meinung sind, man müsse parlamentarische Anträge nicht annehmen, wenn sie bestimmten – neu erfundenen, ideologisch motivierten – Sprachregelungen nicht nachkommen.

  120. @Micha
    Nur zur Sicherheit, um ein Missverständnis auszuschließen, nochmal eine Stelle aus meinem Kommentar #123:
    Aber erstens wehrt man so die Diskussion von Gegenargumenten ab, und zweitens bewirkt man eine Spaltung in wir und die.

    Da habe ich eine Überleitung vergessen. Es bezog sich nicht auf die Frage, ob man Flüchtlinge aufnehmen soll, sondern was man mit der Ablehnung des Begriffs Pull-Faktor als etwas zu Vermeidendes bewirkt. (Man blockiert die Diskussion durch Sprachblockaden und etabliert damit eine Front im politischen Spektrum.)

  121. @Micha
    Eigentlich will ich diesen Streit um Wortbedeutungen zurückstellen, wie gesagt halte ich es für eine Scheindiskussion. Aber weil Sie nochmal so ausführlich darauf eingehen, muss ich vielleicht doch antworten. Sie sagen:
    weil Pull-Faktoren ja nun mal offenbar nur positive Sachen sein können (gute Lebensqualität, Sicherheit, etc.) und man dann, wenn man Pull-Faktoren verhindern will, konsequenterweise etwas gegen die gute Lebensqualität usw. tun müsste. Das will niemand, der Pull-Faktoren als Schlagwort nutzt und damit scheint es mir entlarvt zu sein als Umschreibung, dass man andere Menschen einfach nicht hier haben möchte.

    Ich hätte schon ein Problem damit, irgendwelchen Dingen prinzipiell positive Eigenschaften zuzuweisen. Abgesehen davon leiten Sie es auch nur aus einer Beispielliste ab (und sagen „offenbar“). Der Begriff Pull-Faktor sagt schon selbst, dass die in Frage kommenden Gegebenheiten aus Sicht der potentiellen Flüchtlinge attraktiv sind, das ist ohnehin klar. Ich gebe mal ein vielleicht etwas provozierendes Beispiel, um zu verdeutlichen, warum ich Ihnen nicht folgen kann. Angenommen, wir hätten hier eine stark homophobe Einstellung in der Bevölkerung, dann könnte das auch ein Pull-Faktor sein für andere, die diese Einstellung teilen. Es geht hier nicht um ein prinzipielles Positiv-Sein. Pull-Faktor ist ein Begriff, der die Perspektive der potentiellen Flüchtlinge einnimmt, nicht unsere.

    Wenn jemand das Wort Pull-Faktor verwendet, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er Flüchtlinge (Zitat:) „nicht hier haben will“, das ist sicher richtig. Aber ein Tarnwort (oder „Umschreibung“, wie Sie es nennen) kann es nur dann sein, wenn der Verwender meint, „Pull-Faktor“ stünde für etwas Schlimmes wie Beulen-Pest oder Hungersnot, Dinge also, die man unbedingt vermeiden muss. Dann wäre tatsächlich eine falsche Wortbedeutung im Spiel.

    Wer Pull-Faktor sagt, meint nicht unsere tollen Lebensbedingungen per se, sondern nur einen Aspekt davon, nämlich deren In-Aussicht-Stellung oder Verfügbarkeit für Zuwanderer. Darum sind nicht nur unsere Lebensbedingungen Pull-Faktoren, sondern alle Gegebenheiten, die die Zugänglichkeit erleichtern. Z.B. Familiennachzug (laut Wikipedia).

    Sie stellen es so dar, als wäre Pull-Faktor ein Wort ohne diese Perspektive aus Flüchtlingssicht. Ich halte das für schlicht falsch und irreführend. Ich würde eher sagen, dass Sie/Wallis dem Begriff eine falsche Bedeutung geben.

    Hier rächt sich auch, das Wallis keinerlei Belege für die vermeintlich ursprüngliche Bedeutung angegeben hat. Ich habe das in meinem allerersten Kommentar bemängelt.

    Wir müssen hier uns auch nicht einig werden. Aber mit dem Strohmann-Vorwurf machen Sie es sich etwas leicht. Fackele ich Strohmänner in meinem langen Kommentar #49 ab, in dem ich auf Kategorien- und Logikfehler eingehe? Vielleicht mache ich Denkfehler, aber ich versuche mich an Wallis Text zu halten, meines Erachtens, ohne ihm was zu unterstellen, was er nicht sagt.

  122. @ Micha:

    Diejenigen, die sich für Sprachänderungen stark machen betonen gerne, wie sehr die Sprache unser Denken präge. Ich kann das nur so verstehen, dass einer Veränderung der Sprache dann auch ein erheblicher, wenn nicht prägender Einfluss zugesprochen wird.

    Die Position der Verfechter des Genderns etwa begreife ich so, dass das Gendern Frauen im Denken deutlich präsenter mache und so das Potential habe, einen nicht unbeachtlichen Beitrag zu mehr Gerechtigkeit leisten. Wenn man sich entsprechende Texte ansieht, die für das Gendern werben, bekommt man (oder jedenfalls ich) nicht das Gefühl, dass da höchstens von einem winzigem Nutzen ausgegangen werde, so wie dies aus Ihren Texten klingt.
    Die Linguistin Ewa Trutkowski scheint dies übrigens ähnlich zu sehen. Auf die Frage, wieso denn die Debatte um das Gendern so politisch sei, antwortet sie in einem Interview mit Radio-Eins („Möglichkeiten und Grenzen von gendergerechter Sprache“):

    „Sprache wird hier als Vehikel benutzt, um die soziale Realität umzustülpen. Aber ich denke, die soziale Realität muss erst … da muss anders dran gearbeitet werden […] Sprache determiniert nicht das Denken. Das ist einfach der Punkt hierbei.“

    Die Gründe für die Umbenennung der „Zigeun…“ in „Sinti und Roma“ verstehe ich so, dass es auch das Ziel war, so den negativen Zuschreibungen und Stigmatisierungen, die angeblich an dem Wort „Zigeun…“ hingen (in Wahrheit aber natürlich an den so bezeichneten Menschen selbst), wenigstens zum Teil zu entkommen.

    Und selbst dort, wo man sich vielleicht keinen so direkten und konkreten Nutzen von Sprachänderungen verspricht, werden arbiträre Wörter zumindest symbolhaft mit realen Problemen in einen Zusammenhang gestellt: Die Wörter stehen dann plötzlich stellvertretend für die realen Probleme (wie Hass, Diskriminierung usw.).
    Vgl. etwa was Matthias Dell, der hier auch schon Artikel verfasst hat, zum N-Wort meint:
    „Das N-Wort ist der verführerischste Name der Abwertung, der prominenteste und mächtigste, weil älteste (nicht zu sagen: traditionsreichste) Begriff des Hasses, in dem wie in einer Zip-Datei die Jahrhunderte alte, blutige Geschichte des Rassismus komprimiert ist […].“
    (Man frage mich bitte nicht, wie sich insbesondere der Teil mit der ZIP-Datei von der metaphorische in eine analytische Sprache so übersetzen ließe, dass er einen rationalen Zugang erlaubt.)
    Der Kampf für die Eliminierung des inkriminierten Wortes wird so zum symbolischen Kampf für die Erlösung vom ralen Übel.
    Und zum Teil soll der Kampf mehr als nur symbolisch sein. Dell scheint die komplette Beseitigung des „N-Wortes“ auch deshalb für wesentlich zu halten, „…weil wenn wir das Wort nicht mehr hätten, dann stünden wir vor unserer problematischen Kolonialgeschichte und müssten in diesen Abgrund schauen und auf uns und was das mit uns zu tun hat, und das ist sehr, sehr hart…“ (so in einer Diskussion in den Kommentaren.)
    Der symbolische Kampf gegen das N-Wort wäre dann also auch der ganz reale Kampf gegen die Verdrängung vergangener Verbrechen und somit für Aufklärung und Humanität.

    Die Frage lautet zudem: Wieso wird so ein Aufhebens um Sprachpolitik gemacht, wenn man sich davon nicht einen erheblichen Nutzen verspricht? Immerhin existieren ja auch erhebliche Nachteile: Viele Leute reagieren sehr empfindlich auf „Sprachvorschriften“ – auch wenn es sich da eigentlich nur um Forderungen handelt, die zum Teil mit sozialem und moralischen Druck behaftet sind. Sie haben dann das Gefühl, dass ihnen der Mund verboten wird, ohne dass sie einsehen würden warum. Die Reaktionen mögen zum Teil unberechtigt und oft auch übertrieben und polemisch sein, aber sie sind nun einmal da. Und sie gehören sicherlich zum Kapital rechtspopuplistsicher Bewegungen. Diese Realität muss man berücksichtigen, wenn man den Schaden gegen den Nutzen aufwiegen möchte.

    „LLL schrieb, es gibt reale Probleme, die angegangen werden sollen.
    Er will das aber aus welchen Gründen auch immer nicht im Sprachgebrauch wiedergefunden wissen. Er will, dass man im realen Leben etwas dagegen tut, was auch er als Problem ansieht.
    Dabei ist es doch eigentlich ganz einfach: hier haben wir eine Seite, die sich mit Medien auseinander setzt.
    Das Werkzeug der Medien zum Handeln ist im Realen aber nun mal die Sprache. Damit wird also etwas ganz handfestes, reales getan.
    Ein kleiner Beitrag, der alleine nichts ändern wird. Was aber eben auch niemand behauptet hat oder gar glaubt.“

    Sie präsupponieren hier, dass diese Änderungen sinnvoll und nützlich sind, wenn vielleicht auch nur zusammen mit anderen Werkzeugen und auch nur in geringem Maße. Ich teile genau diese Prämisse aber nicht, sondern bezweifle sie; und vor allem glaube auch, dass der Schaden der „Sprachpolitik“ den Nutzen in vielen Fällen bei Weitem überwiegt.

  123. Um das noch zu ergänzen:

    Die „Kosten“ mancher sprachlicher Veränderung und der Art, wie sie forciert werden, sehe ich nicht nur darin, dass nicht wenige und auch nicht immer rechtsextreme Leute das als Bevormundung empfinden und negativ reagieren. Beim Gendern mache ich zum Beispiel erhebliche Probleme und direktere potentielle Negativ-Folgen aus (siehe dazu die Diskussion unter „Kritiker versuchen, Rundfunkräte gegen Gender-‚Knacklaut‘ zu mobilisieren“ und ggf. die dort von mir genannte Literatur).

    Um vielleicht nochmals den Artikel selbst zurückzukommen und seine zentrale These kritisch zu hinterfragen, möchte ich einen Vergleich bemühen, um meinen Punkt vielleicht noch klarer zu machen. Die weitaus meisten Leute in Deutschland dürften Donald Trump sehr doof finden. Überträgt sich die negative Wertung auf seinen Namen? Wenn ja, dann müssten wir es nicht nur aus inhaltlichen, sondern auch aus sprachlichen Gründen merkwürdig finden, wenn jemand Donald Trump toll findet. Aber tun wir das? Werden wir jemanden, der so eine Meinung äußert, sagen:

    „Moment mal, schon im Namen von Donald Trump schwingt doch mit, dass der absolut nicht toll ist. Das gehört doch zur Konnotation von Donald Trump, jedenfalls im deutschen Sprachraum. Du widersprichst Dir selbst. Dir fehlt es an Sprachkompetenz oder Logik. Es ist als würdest Du sagen: Der Drecks-Laden hier ist ein toller Laden. Erfinde einen neuen Namen für Donald Trump, und dann kannst Du sagen, dass er toll ist. Das ist zwar dann immer noch falsch, aber wenigstens verstößt es nicht mehr gegen die Logik der Sprache!“

    Sicher nicht würden wir so reagieren!

    Und was für die Bezeichnungen von Menschen gilt, gilt auch für die Bezeichnungen von Dingen.

    Natürlich: Wenn wir ein Wort wie „Stalinismus“ hören, dann haben wir vermutlich negative Assoziationen und zum Teil auch negative Gefühle; aber die rüheren m.E. im Wesentlichen vom Denotat von „Stalinismus“ selbst her, also von der bezeichneten Sache, also vom Stalinismus selbst. Dass das Wort „Stalinismus“ darüber hinaus selbst noch eine spezielle Negativität an sich hätte, glaube ich nicht. Wir können mit Stalinisten diskutieren, ohne dass wir sagen würden: „Aber wie könnt ihr den Stalinismus verteidigen – das Wort impliziert doch schon, wie verkehrt er war!“ Egal, wie schlimm wir in der großen Mehrheit den Stalinismus finden – allein das Wort „Stalinismus“ gibt noch nicht vor, wie er zu beurteilen ist.

    Und wie gesagt sehe ich – auch angesichts der Ausführungen des Artikels – keinen Grund, dass es bei „Pull-Faktoren“ anders sein sollte: Manche Leute werden Pull-Faktoren ganz neutral gegenüberstehen; andere werden sie eher mit Unwohlsein betrachten; andere wiederum werden sich wünschen, es gäbe mehr „Pull-Faktoren“. Aber all diese Leute könnten höchstwahrscheinlich über Pull-Faktoren diskutieren und dabei das Wort „Pull-Faktoren“ benutzen, ohne dass die Verwendung des Wortes durch eine der Parteien „sprachlich unpassend“ klänge. (Wäre „Pull-Faktoren“ negativ konnotiert, müsste ein Satz wie „Pull-Faktoren sind doch etwas Positives!“ irgendwie sinnwidrig für die Hörer resp. Leser klingen, und zwar unabhängig davon, was sie selbst über „Pull-Faktoren“ denken.)

    Nochmals: Genau das ist das, was Sprache leistet: Sprecher, die bezüglich eines Phänomens X ganz unterschiedliche Auffassungen haben, können doch ein und dasselbe Wort zur Bezeichnung dieses Phänomen benutzen, ohne sich in einer Diskussion etwas zu vergeben und ohne aneinander vorbeizureden. Sprache erlaubt gewöhnlich das Absehen von unseren Meinungen bezüglich dessen, was wir da benennen; sonst würde sie nicht funktionieren, jedenfalls nie für alle.

    Und nochmals: Diese sprachtheoretische Positionierung hat absolut nichts mit inhaltlichen Fragen bzgl. des Umgangs mit Flüchtlingen zu tun.

  124. @ Micha:

    „Ich habe einige Argumente gelesen, die den Artikel stützen, weil Pull-Faktoren ja nun mal offenbar nur positive Sachen sein können (gute Lebensqualität, Sicherheit, etc.) und man dann, wenn man Pull-Faktoren verhindern will, konsequenterweise etwas gegen die gute Lebensqualität usw. tun müsste. Das will niemand, der Pull-Faktoren als Schlagwort nutzt und damit scheint es mir entlarvt zu sein als Umschreibung, dass man andere Menschen einfach nicht hier haben möchte.“

    Wie Herr Fleischhauer schon im Prinzip neben anderem sagte:
    Der Pull-Faktor besteht nicht (z.B.) in „Lebensqualität“.
    Er besteht in der Aussicht auf Lebensqualität, und zwar für den Flüchtling, und zwar Lebensqualität im potentiellen Zielland, und zwar insoweit sie ihn motivieren könnte, ins Zielland zu kommen. Jemand kann eine hohe Lebensqualität für sich wollen und es zugleich ablehnen, dass im von ihm bewohnten Land auch auf Flüchtlinge eine hohe Lebensqualität wartet.

    Insoweit werden sicherlich tatsächlich viele Leute, die nicht mehr Flüchtlinge haben wollen, Angst vor „Pull-Faktoren“ haben. (Manche werden trotzdem beispielsweise für Seenotrettung sein, aus moralischen Gründen.) Aber das hat wie gesagt m.E. nichts mit dem Wort „Pull-Faktoren“ zu tun.

  125. Roma ist übrigens generisches Maskulinum, so verstehe ich jedenfalls den entsprechenden Wikipedia-Artikel.

  126. Mal ernsthaft @LLL Sie haben jetzt über 750 (sic!) Zeilen zu einem 120 Zeilen Text kommentiert ( Ich habe für Sie abgerundet ), um damit um die Ecke zu kommen:
    “ Der Pull-Faktor besteht nicht (z.B.) in „Lebensqualität“.
    Er besteht in der Aussicht auf Lebensqualität, und zwar für den Flüchtling, “
    ?

    Würde Sie mir dann bitte noch einmal, in diesem Lichte, den Pull-Faktor Seenotrettung erklären?

    Nein, Sophismus reicht da nicht. Das gute alte Wort Rabulistik wäre eine treffendere Bezeichnung für Ihre, ohne Frage, Mühe.

  127. @LLL also bitte richtig erklären:
    Denn Seenotrettung wird im Artikel und in vielen Kommentaren als Pull-Faktor explizit erwähnt.

    Sie wäre dann also die Aussicht auf Überleben um eine Aussicht auf Lebensqualität dann später evt. zu haben? Eine Art Proto-Pull-Faktor?

    Ich weiss, Sie haben keine Probleme das weiter zu Verbiegen, aber langsam ist es richtig amüsant, zumal hier eh niemand mehr für den Erkenntnisgewinn mitliest.

  128. Dass bei der relevanten Geschichte Sprache keine entscheidende Rolle spielt (außer natürlich der üblichen, dass sie Kommunikation erst ermöglicht), lässt sich m.E. auch durch den Hinweis plausibel machen, dass sich alles Relevante erzählen ließe, ohne wie der Artikel über Sprache zu sprechen. Etwa so:

    ‚Früher waren potentielle Anreize für Flüchtlinge vor allem ein Thema für die Wissenschaft. Seitdem ein erheblicher Teil der Bevölkerung jedoch Angst vor dem Kommen weiterer Flüchtlinge haben, interessiert sich auch eine breitere Öffentlichkeit für mögliche Fluchtanreize. Fluchtanreize werden dabei vor allem in einem negativen Kontext diskutiert, da es diejenigen sind, die die Aufnahme weiterer Flüchtlingen befürchten, die über potentielle Fluchtanreize sprechen.‘

    So oder so ähnliche könnte man das doch auch aufschreiben, ohne dass eine in der Sache wesentliche Information verlorengeht. Denn Flüchtlinge, Fluchtanreize, Ängste und die öffentliche Diskussion sind hier doch die eigentlich relevanten Gesichtspunkte, nicht die Sprache.
    Dass das Wort “Pull-Faktor” aus dem akademischen Raum übernommen wurde, um potentielle Anreize zur Flucht zu benennen, mag unter linguistischen Gesichtspunkten von Interesse sein – aber dann wohl auch wirklich nur unter diesen (und nicht etwa auch von gesellschaftspolitischen wie bei Kampfbegriffen).

    @ Micha:

    Es ist, um dies noch zu ergänzen, übrigens auch möglich, ein und dieselbe Sache unter der einen Rücksicht gut und unter einer anderen schlecht zu finden. Muss jemandem ein Bein amputiert werden, um sein Leben zu retten, so wird der Patient die Amputation negativ finden unter der Rücksicht, dass er ein Bein verliert, aber positiv unter der Rücksicht, dass so sein Leben gerettet wird. Und da die meisten Menschen mehr an ihrem Leben als an einem Bein hängen, wird der Betroffene sich im Effekt wahrscheinlich die Amputation wünschen. Oder weniger dramatisch: Wenn ich Geld für ein Brötchen ausgebe, finde ich das negativ unter dem Gesichtspunkt, dass mein Geldvermögen abnimmt und positiv insoweit, als ich dann ein Brötchen habe.

    Selbst wenn unser Wohlstand hierzulande unvermeidlich ein Fluchtanreiz wäre, könnte jemand also unserem Wohlstand gegenüber eine positive Haltung haben unter der Rücksicht, dass er durch den Wohlstand besser lebt, eine negative aber unter der Rücksicht, dass dieser Wohlstand Anreiz für Fluchtbewegungen sein könnte (also einen “Pull-Faktor” darstellt). Die meisten Leute werden im Effekt dann vermutlich trotzdem nicht auf ihren Wohlstand verzichten wollen…

  129. Sie wäre dann also die Aussicht auf Überleben um eine Aussicht auf Lebensqualität dann später evt. zu haben? Eine Art Proto-Pull-Faktor?

    Niemand gewinnt Lebensqualität durch Überleben. Aber vielleicht definieren Sie einmal das Wort Seenotrettung. Ich glaube kaum, dass irgendjemand von einem Pull-Faktor reden würde in Fällen, bei denen Seenotrettung mit einer Überführung zur ursprünglichen Küste verbunden ist. Könnte es sein, dass Sie Seenotrettung als Tarnwort verwenden?

  130. Aber vielleicht definieren Sie einmal das Wort Seenotrettung

    Das ist ein definierter Begriff (s. zB SAR-Übereinkommen); und zur Seenotrettung gehört die Verbringung an einen sicheren (!) Ort.

  131. Übrigens ist es sehr interessant, einmal in die Grundlagen der Migrationstheorie hineinzusehen, die auch den Begriffen Push- und Pull-Faktor zugrunde liegt. Die deutsche und englische Wikipedia nennt als Begründer Everett Lee, die entsprechende Quelle: A Theory of Migration (1966)

    Lee zitiert (zustimmend) Ravenstein aus dem 19.Jh., der bereits theoretische Grundlagen geschaffen hat. Unter anderem:
    Migrants proceeding long distances
    generally go by preference to one of the great centers of commerce and industry

    Lee stellt dann seine eigenen Thesen zu Migrationsbedingungen vor, unter anderem:

    The volume of migration is related to
    the difficulty of surmounting the intervening obstacles.
    This hypothesis hardly needs elaboration. One of the most important considerations in the decision to migrate is the difficulty of the intervening obstacles.

    Damit meint er nicht, dass nur Wirtschaftsflüchtlinge weite Strecken auf sich nehmen, aber es ist seiner Meinung nach ein empirisch belgetes Phänomen, dass weite Strecken nur für Industrienationen in Kauf genommen werden.

    Zu Reisehindernissen schreibt er:
    The volume of migration is related to
    the difficulty of surmounting the intervening obstacles.
    This hypothesis hardly needs elaboration. One of the most important considerations in the decision to migrate is the difficulty of the intervening obstacles.

    Er erwähnt die besonderen Strapazen von Antlantiküberquerungen im 17. und 18. Jh, und sieht die späteren technischen Erleichterungen als Migrationsbeschleuniger.

    There are many other instances in history where where the removal of obstacles has set in motion large flows of migrants, and others in which the imposition of new obstacles or the heightening of old ones has brought about the sharp diminution of a long continued flow.

    Er beschreibt auch, wie sich bestimmte Fluchtrouten etablieren:

    It is a common observation that migrants proceed along well defined routes toward highly specific destinations. This is true in part because opportunities tend to be highly localized and in part because migrants must usually follow established routes of transportation. Perhaps just as important is the flow of knowledge back from destination to origin and, indeed, the actual recruitment of migrants at the place of origin. The overcoming of a set of intervening obstacles by early migrants lessens the difficulty of the passage for later migrants, and in effect pathways are created which pass over intervening opportunities as elevated highways pass over the countryside.

    Da würde mich interessieren, wie die Leserschaft hier zur „neutralen Wissenschaft“ steht. Sprachwahrer Wallis beruft sich ja darauf, dass „Pull-Faktor“ in den Kontext der Migrationstheorie gehört.

    Bei Lee findet man noch andere hübsche Passagen:

    Victims of injustice as well as the perpetrators of crime may be forced to leave the area in which they are living.

    in the least developed countries we should find a largely immobile population which usually changes residence only under duress and then en masse rather than through individual action (Hervorhebung von mir)

    Migrants responding primarily to minus factors [= push factors] at origin tend to be negatively selected; or, where the minus factors are overwhelming to entire population groups, they may not be selected at all. [zuvor: By positive selection is meant selection for migrants of high quality and by negative selection the reverse.]
    Examples of the latter are political expulsions like that of the Germans from Poland and East Prussia or the Irish flight which followed the failure of the potato crop. On the whole, however, factors at origin operate most stringently against persons who in some way have failed economically or socially. Though there are conditions in many places which push out the unorthodox and the highly creative, it is more likely to be the uneducated or the disturbed who are forced to migrate.

    The degree of positive selection increases with the difficulty of the intervening obstacles.

    Lee hat hier überhaupt kein Problem, Sachverhalte als positiv oder negativ zu bezeichnen, wenn er auch keine moralischen Wertungen damit verbindet. Aber um moralische Bewertung geht es ja auch nicht, wenn man die Überführung von Migranten nach Europa mit dem Seenotrettungsboot als Pull-Faktor bezeichnet.

    Ich habe aus der Arbeit nur Passagen ausgewählt, die Fluchtrouten betreffen oder der auf Übermedien vertretenen Meinung entgegenstehen dürften, es ergibt sich dadurch kein brauchbares vollständiges Bild. Aber ich frage mich schon, wo Wallis oder einige Leser hier ihre Vorstellungen vom richtigen Gebrauch eines Wortes hernehmen.

  132. Da wir ja hier unter Wortklaubern sind: Wenn Seenotrettung in den hier strittigen Fällen auch Rettung vor den widrigen Verhältnissen im Herkunftsland plus Transfer ins gewünschte Zielland ist, dann ist Seenotrettung eben nicht nur Seenotrettung.

    Ich denke, der Wissenschaftler Everett Lee (s.o.) würde das Vorgehen als migrationsfördernd bewerten, insbesondere wenn man sich erfolgreich darum bemüht, dass die meisten Flüchtlinge ihr gewünschtes Ziel erreichen.

  133. Um zur Linguisik zurückzukommen, hier die Einleitung zum Artikel Fachsprache auf Wikipedia:

    Eine Fachsprache, auch Technolekt, ist die für ein bestimmtes Fachgebiet oder für eine bestimmte Branche geltende Sprache. Auch eine Sprache, „die sich vor allem durch Fachausdrücke von der Gemeinsprache unterscheidet“, wird so genannt. Die Fachsprachen bilden mit der Gemeinsprache, den Mundarten und regionalen Varietäten die Gesamtsprache.

    Ein Fachmann würde bei einer Leuchte niemals von einer Lampe sprechen. Ein Journalist oder Politiker ist an solche Fachsprache allerdings nicht gebunden. Man sollte immer dazusagen, auf welcher Sprachebene man sich befindet, erst recht, wenn es auf besondere Aspekte ankommt, die im allgemeinensprachlichen Verständnis nich vorausgetzt werden können. Das gilt auch für das Wort Seenotrettung. Es ist einfach eine Bedingung aufrichtiger Kommunikation, sich unmissverständlich auszudrücken. Manche mögen aber den suggestiven Effekt bestimmter Wörter, dann muss man natürlich Stillschweigen bewahren.

  134. zur Seenotrettung gehört die Verbringung an einen sicheren (!) Ort

    Welche konkreten Orte werden dort denn als „sicher“ definiert? Gibt es da eine Liste von Ländern oder klare Kriterien?

  135. Noch dies: Im Artikel heißt es in einer Überschrift:

    „Aus einem Fachbegriff wurde eine Befürchtung“

    Der Autor scheint mir an dieser Stelle Objekt- und Metasprache durcheinanderzubringen: Das, wovor manche Leute sich fürchten, ist nicht das Wort „Pull-Faktor“, sondern es sind Pull-Faktoren selbst. Sicher, der Autor mag griffig und damit beabsichtigt ungenau formulieren: aber er scheint mir wie gesagt trotzdem sachliche Fragestellungen und Probleme in die Sprache hineininzuinterpretieren.

    Dem würde ich entgegenhalten: Nein, ein Fachbegriff wird von gewissen Leuten (korrekt!) benutzt, um mit seiner Hilfe und der Hilfe weiterer Wörter in Sätzen auszudrücken, was sie befürchten. Aber genau das ist normal: Dass ein und dasselbe Wort (in derselben Bedeutung!) benutzt wird, um mit seiner Hilfe unterschiedliche Botschaften zu senden, auch neue, womöglich problematische. So funktioniert Sprache. Dass jemand Wörter (in ihrer korrekten Bedeutung) benutzt, um etwas vielleicht Falsches, Problematisches oder Unethisches zu sagen, ist kein linguistisches Problem. Und ebenfalls nicht, wenn jemand Wörter (korrekt) benutzt, um eine womöglich unbegründete und im Effekt womöglich schädliche Angst auszudrücken.

    Im Artikel heißt es unter der Überschrift „Tarnwort“:

    „Dieser neue Wortgebrauch von ‚Pull-Faktor‘ ist nichts anderes als die Erzählung der AfD. Mit einem Unterschied: Es ist niemandem bewusst. Das Wort hat immer noch den Beiklang des Fachbegriffs. Es ist ein Tarnwort, dessen Wirksamkeit auf seiner Unauffälligkeit beruht.“

    Das würde m.E. nur unter folgender Prämisse Sinn machen: Der Begriff „Pull-Faktor“ müsste nicht nur eine negative Konnotation haben; sondern durch den Gebrauch des Wortes in einem politischen Kontext durch Personen, die „Pull-Faktoren“ negativ bewerten, würde zugleich ein irreführende Eindruck erweckt. Welcher? Offenbar der, dass die Wissenschaft Pull-Faktoren negativ bewerte, obwohl sie neutral über sie spricht.
    Inwieweit sonst von einem „Tranwort“, das unbewusst wirkt, die Rede sein könnte, ist jedenfalls für mich nicht erkennbar. Dafür jedoch, dass die populäre Verwendung des Ausdrucks „Pull-Faktor“ tatsächlich zu solch einem Missverständnissen führt, bleibt der Autor den Beweis schuldig (und wie gesagt m.E. auch den Beweis für eine negative Konnotation).

    Zur Seenotrettung als potentieller Pull-Faktor: Die Seenotrettung hat den Effekt, die Chance einer erfolgreichen Flucht in ein anderes Land zu erhöhen und daher eine Flucht womöglich als attraktiver erscheinen zu lassen. Damit kommt die Seenotrettung als potentieller „Pull-Faktor“ in Betracht.
    Natürlich: Nur wenn jemand überhaupt motiviert zur Flucht ist, wird etwas, was die Flucht aussichtsreicher macht, die Motivation zur Flucht erhöhen. Aus der Definition des „Pull-Faktor“ geht allerdings nicht hervor, dass nur das unter den Begriff fallen soll, was völlig unabhängig von einer bereits vorhandenen Motivation hinreichend ist, um eine Flucht attraktiver zu machen. Auch der Autor des Artikels argumentiert nicht in diesem Sinne.

    Inwieweit durch die verbesserte Aussicht bei Seenotrettung dann aber tatsächlich Fluchtbewegungen verstärkt werden, ist eine empirische Frage. (Laut dem im Text verlinkten Artikel der SZ gibt es keinen solchen Pull-Faktor, der einen beobachtbaren Effekt hätte.)
    Und ob man im Zweifelsfall so oder so Seenotrettung betreiben soll, oder ob es ohnehin erstrebenswert ist, mehr Flüchtlinge aufzunehmen: das sind moralische und politische Fragen.

    (Ach ja: FALLS die Wissenschaft den Begriff „Pull-Faktor“ so gebrauchen würde, dass Seenotrettung auch dann nicht darunter fallen könnte, wenn diese dazu führen würde, dass mehr Menschen fliehen, dann würde der Begriff „Pull-Faktor“ populär tatsächlich etwas anders gebraucht werden als wissenschaftlich; der Begriffsumfang des „populären“ Begriffs wäre etwas weiter. (Der Autor des Artikels behauptet übrigens nichts dergleichen.)
    Das ist aber wohl bei vielen Begriffen so, dass Fach- und populärer Begriff sich nicht ganz decken. Und das wäre in diesem Fall unter politischen Gesichtspunkten völlig irrelevant, soweit diese hypothetische sprachliche Differenz zwischen „akademischem“ Pull-Faktor-Begriff und populärem Pull-Faktor-Begriff nicht irgendwelchen falschen und problematischen Überzeugungen, die in der Flüchtlingsdebatte eine Rolle spielen mögen, Vorschub leisten könnte. Und wie sie das können sollte, erhellt mir nicht.)

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