Eine bohrende Erkundung des menschlichen Zusammenlebens – nicht nur auf dem Mars

Podcast-Kritik: The Habitat

Kürzlich war ich auf einem Gruppenausflug. Zwei Tage, gut ein Dutzend Leute, gemeinsame Aktivitäten, Essen, Orga, Planung. Es war toll, aber es hat auch nur ein paar Stunden gedauert, bis die ersten zwischenmenschlichen Reibereien zutage traten. So sind wir Menschen eben, vor allem in Gruppen.


An dieser Frage, wie gut der und die Einzelne im Team funktioniert, hängt oft viel mehr, als man auf den ersten Blick ahnt. In unserem Fall: Wie gut oder eben schlecht eine Gruppe von sechs Booten paddelnd vorankommt. Ich musste dabei an einen Podcast denken, der schon ein bisschen älter ist, aber nicht vom Radar verschwinden sollte. Die Podcasts, die wir hier seit mittlerweile 36 Kolumnen besprechen, sind meist neue Produktionen. Aber genau wie gute Bücher sind gute Podcasts auch Archive, die kleine Schätze und große Themen konservieren.

Unsere Paddeltour war nach zwei Tagen vorbei, aber man stelle man sich vor, so eine Gruppensache dauere ein ganzes Jahr. Ohne Pause, ohne Rückzugsfläche. Und mit dem Wissen: Wenn hier jetzt etwas schiefgeht, hilft dir niemand.

Genau darum geht es in „The Habitat“.

Der Untertitel des Podcasts lautet:

„Leben auf dem Mars. Irgendwie. Die wahre Geschichte von sechs Freiwilligen, die auserwählt wurden, um auf einem Fake-Planeten zu leben.“

Dieser Fake-Planet ist auf Hawaii. An einem Vulkan gibt es dort eine Gegend, deren Bedingungen der Realität auf dem Mars so nahe kommen, wie das auf der Erde eben möglich ist. Geröll, Fels, kein Wasser, Stürme. Und kein Mensch weit und breit.

In dieser Gegend hat die NASA eine Mars-Station aufgebaut: Eine hermetisch abgeschlossene Kuppel. Elf Meter im Durchmesser, sechs Meter hoch. Darunter leben sechs Menschen, die die NASA auserwählt hat. Sie simulieren ein Jahr Leben auf dem Mars, und weil die Crew das Glück hatte, in einem Schaltjahr gelandet zu sein, waren es am Ende auch noch 366 Tage.

Foto: Dave Malkoff CC BY-NC-SA 2.0

„HI-SEAS“ heißt diese simulierte Mars-Station. Mittlerweile gab es dort sechs solcher Test-Missionen. Sie sind nötig, weil man vor einer irgendwann mal kommenden bemannten Mars-Mission vieles testen und berechnen kann – das Material, den Energieverbrauch, wie lange das Essen oder das Wasser reicht, man kann Puffer anlegen, Werkzeug und Ersatzmaterial mitgeben –, aber eine Sache, die viel kritischer für den Erfolg ist als das alles, kann man nicht vorher berechnen oder auf Vorrat anlegen: die Ressource Mensch.

Was macht es mit sechs Menschen und einer Gruppe, ein Jahr lang dort zu sein? Um diese Frage zu beantworten, sammelt die NASA in dieser Fake-Mars-Station Erfahrungswerte.

Für die Leute im Habitat ist nichts davon Fake. Das Leben wird dem auf dem Mars zu 100 Prozent nachempfunden. Für Privatsphäre steht lediglich ein Mini-Raum mit Bett und kleinem Tisch zu Verfügung. Duschen darf man acht Minuten – pro Woche. Zu essen gibt es ausschließlich Gefriergetrocknetes. Alles, was an Nachrichten zur oder von der Erde gesendet wird, braucht 20 Minuten.


„Will they survive Mars? And will they survive each other?“

Unser aller Glück ist, dass Linn Levy von der Produktionsfirma Gimlet den sechs Test-Astronauten ein Aufnahmegerät mitgegeben, ab und zu Fragen und Aufgaben per E-Mail geschickt und aus diesem Material „The Habitat“ gemacht hat. Es ist nicht nur ein sehr unterhaltsamer Podcast, sondern eine tastende, mitunter bohrende, vielschichtige und intime Betrachtung des menschlichen Zusammenlebens. Das merkt man spätestens dann, wenn Tristan, einer der sechs Test-Astronauten, in das Aufnahmegerät spricht: „Irgendwann kommt der Punkt, da könntest du Morgan Freeman hier haben, und du würdest sagen: Morgan, halt endlich mal die Klappe!“

In diesem Podcast steckt so vieles, was wir im Abstrakten alle wissen und im Konkreten selten aussprechen: Dass auch die besten Freundschaften und engsten Beziehungen Tiefs haben. In „The Habitat“ hat das ganze freilich mehr Dramatik: „Will they survive Mars? And will they survive each other?“

Ganz zu Beginn ist in der Gruppe von diesen Sorgen nichts zu merken. Alle sind euphorisch. Alle glauben, für ein Jahr guter Freunde zu werden. Wir sind dabei, wie sie sich als Team finden, die Regeln kennenlernen (die wichtigste: Alles außerhalb des Habitats ist giftig und geht nur im Raumanzug). Doch schnell geht alles schief. Die Gruppe übt das Planen einer Mission, gemeinsam über eine Karte gebeugt, und kann sich über nichts einig werden. Wo man sich befindet. Was auf der Karte ist und was nicht. Ob die in Fuß oder in Metern ist. Niemand war vorher hier, man kann sich auf keine Erfahrungswerte verlassen – und die Gruppe hat direkt ihren ersten Konflikt, unterschwellig zwar und nicht offen ausgetragen, aber ziemlich grundsätzlich.

In Folge zwei lernen wir das Habitat kennen und bekommen ein Gefühl, wie eng das alles ist. Der eigene Privatraum ist keine drei Schritte groß, für das ganze Habitat sind es 33. Das war’s. Alles ist auf das Notwendigste beschränkt und alles wird recycelt – auch das, was in die Toilette geht, die natürlich eines Tages nicht funktioniert, was Linn Levy die Gelegenheit gibt, uns von der „großen Tradition von Toilettenproblemen in der Geschichte der Raumfahrt“ zu erzählen: „Das Apollo-Programm war ein Erfolg in vielerlei Hinsicht, aber Kacken gehört nicht dazu.“

Um den bildhaften Eindruck noch zu verstärken, hören wir Originalaufnahmen der Apollo-10-Mission von 1969: „Gebt mir eine Serviette, schnell. Hier schwebt ein Scheißhaufen.“

Normalerweise würde man Abstand nehmen. Hier geht das nicht.

In der dritten Folge wird klar, warum das Leben im All so gar nichts mit den romantisierenden Vorstellungen gemein hat, die uns Filme und Serien vermitteln. Wie kompliziert es ist, jeden Tag en detail einem Team auf der Erde auflisten zu müssen, was man alles zu sich genommen hat. Stundenlang immer und immer wieder die gleichen Fragen zu beantworten, für die laufenden Studien.

In dieser Folge ist auch Halbzeit, und das ist ein neuralgischer Moment. Psychologen wissen schon länger, dass sich nach sechs Monaten in Gruppen etwas verändert und Konflikte stärker hervortreten. Normalerweise würde man Abstand nehmen. Hier geht das nicht.

Ein weiterer gruppendynamischer Prozess kommt zum Tragen: das gemeinsame Feindbild. Wir lernen, dass das in anderen Missionen im All fast immer Mission Control war, die NASA-Mannschaft am Boden, die alles steuert und überwacht. Hier nicht, denn jeder Satz von oder an Mission Control ist ja 20 Minuten unterwegs – hier wird es jemand aus der Gruppe. Nach und nach tauchen in den Tagebuch-Aufnahmen all die Kleinigkeiten auf: Jemand ist zu laut auf dem Laufband. Jemand redet immer zu laut. Jemand sagt immer, was er als nächstes macht. Jemand poltert immer auf der Treppe.

Noch etwas anderes beginnt jetzt hervorzutreten. Die Frage: Was, wenn zwei der Teilnehmer sich näher kommen? Die NASA hat eine Richtlinie für Sex im All, aber wie ist das hier? In dieser Mission, deren Regeln sich die Teilnehmer selbst gegeben haben? Die Aufnahmen, die Linn Levy hört und monatelang akribisch auswertet, gehen nicht explizit darauf ein, auch dann nicht, als sie die Crew danach fragt – aber das Thema ist da. Man hört es. Unausgesprochen.

In der letzten Folge öffnet sich die Tür des Habitats, und die sechs Crew-Mitglieder sind wieder frei. Linn Levy besucht später einige von ihnen zuhause, aber auch mit Abstand wollen manche über diese Zeit nicht mehr reden.

Die Gruppe ist interessanter als der Einzelne.

Manchen war „The Habitat“ zu voyeuristisch. Einige sahen keinen großen Unterschied zu einem Reality-TV-Format wie „Big Brother“. Andere vermissten, dass die sechs Protagonisten keine charakterliche Tiefe bekommen – oder kritisierten, dass aufgrund des Settings gar keine „echten“ Sachen passieren und man daher Töne und Material von Raumfahrt-Expeditionen hineinmontieren musste. Und manche hätten auch einfach gern mehr über die Technik, die Logistik, das ganze Raumfahrt-Thema gelernt – denn wenn da Leute nur das Leben im All simulieren, drohe schnell Langeweile, so die Angst.


Das ist alles verständlich, aber unberechtigt. Denn „The Habitat“ ist eine großartige Mischung aus allem. Der Ansatz, eben nicht nur über Technik oder nur über die Personen oder nur über den Mars zu sprechen, geht voll auf. Die interessantesten Stellen in „The Habitat“ sind nicht selten jene, die in einer TV-Show oder einem Technik-Podcast herausgeschnitten worden wären. Eine Überidentifikation mit den Personen hätte es zur Soap abgleiten lassen.



Nein, wie wir diese Gruppe hier kennenlernen ist genau richtig. Wir sind Beobachter, wir schweben über den Dingen, aber wir erleben nicht mit, denn: Die Gruppe ist interessanter als der Einzelne. Das klingt hart und so gar nicht nach dem, wie wir unsere Gesellschaft normalerweise begreifen. Aber genau darum geht es hier: Wie viel oder wenig sind wir bereit zu geben, damit Zusammenleben gelingen kann? Da hat es durchaus etwas sehr Schmerzhaftes, wenn die Kommandeurin der Mission später, zuhause, mit etwas Abstand, von Linn Levy gefragt wird, ob sie bemerkt habe, dass niemand sie leiden konnte, und sie antwortet: Wenn es den anderen dabei geholfen habe, die Mission durchzustehen, dann sei das in Ordnung.


Zum Mars fliegt man neun Monate, zurück zu Erde sind es dann wieder neun Monate. 500 Tage muss dort ein Teilnehmer verbringen, denn so lange dauert es, bis der Mars wieder nah genug an der Erde ist. Wie man genug Energie für die Rückreise auf den Planeten bekommt, ist bisher nicht geklärt. Wenn also die ersten Menschen zum Mars fliegen, dann werden sie vermutlich dort sterben. Und wenn das irgendwann passiert, dann haben Wissenschaftler eines Forschungsprojekts an einem Vulkan in Hawaii vielleicht dafür gesorgt, dass die sich nicht nach wenigen Monaten die Köpfe einschlagen haben.

„The Habitat“ ist nach wie vor: Eine absolute Hörempfehlung.




Podcast: „The Habitat“ von Gimlet

Episodenlänge: 7 Folgen (+ eine Bonus-Episode), jeweils circa 30 Minuten lang

Offizieller Claim: Life on Mars. Sort of. The true story of six volunteers picked to live on a fake planet.

Inoffizieller Claim: Jede Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied

Nicht geeignet für: Trekkies und Astro-Fans, die schon alles über das Leben im All wissen und denen gute Technik wichtiger ist als gute Stimmung im Team

Wer diesen Podcast hört, hört auch: Ende des Jahres vielleicht vom Projekt „ZWEIDRITTEL.FM“ – Jugendliche aus einem Berliner Jugendknast planen ein Podcast. Vielleicht nehmen auch sie Eindrücke aus ihrem Alltag auf, auf jeden Fall sollen Songs und Texte entstehen. Derzeit läuft ein Crowdfunding, wer helfen will, kann das hier.

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