Hergehört! Ein Tag an Ralph Ruthes digitalem Megafon

Es ist ein bisschen so, als würde man einen Tag im Haus einer Person verbringen, die man nur aus dem Internet kennt. Gewissermaßen also digitales Airbnb, nur unter Beobachtung der Öffentlichkeit und des Gastgebers.

Als mich der Cartoon-Zeichner Ralph Ruthe fragte, ob ich nicht Lust hätte, einen Tag lang seinen Twitter-Account zu übernehmen, habe ich mich anfangs gesträubt. Er wollte seine Reichweite nutzen, um anderen Stimmen eine Bühne zu geben; damit die andere Themen setzen und so seine FollowerInnen mit neuen Impulsen, Perspektiven, Inhalten konfrontieren.

Gesträubt hatte ich mich, weil ich selbst nicht den Eindruck habe, keinen Zugang zu medialen Bühnen zu besitzen. Es gibt ja tatsächlich verschiedene Kanäle, auf denen ich meine Anliegen unterbringen kann, unter anderem diese Kolumne hier. Zudem hatte ich etwas Respekt vor Ralphs 500.000 FollowerInnen. Das ist ja 1,4 mal Bielefeld, eine Menge Verantwortung. Und ich hätte ja alles Mögliche twittern können! Spendenaufrufe: „Jeder gibt 1 Euro und wir könnten ein Seenotrettungsschiff kaufen“; oder ich hätte zum Schokoladen-Diebstahl anstiften können; oder alle 500.000 dazu bringen, gleichzeitig zu hüpfen, um durch die Landung die Erde aus der Umlaufbahn zu bringen.

Vertrauen

Ralph fürchtete das alles nicht. Er kenne ja meine Arbeit. Das sei auch der Grund, warum er mich gefragt habe.  Weil er darauf vertraue, dass ich nicht in einem Anfall unberechenbarer Hybris Allmachstphantasien auslebe.

Das Argument verstand ich sehr gut. Vertrauen. Die Gewissheit, dass keiner dein Haus als digitale Performance in Brand setzt. Ich wüsste nicht, ob ich jemandem meinen Account überlassen könnte, schon allein wegen der privaten Nachrichten dort, die ich vorher erst mal löschen müsste.

Aber schließlich sagte ich zu und er verriet mir an einem Sonntagabend seine Zugangsdaten, Montagmorgen ging es dann los. 24 Stunden. Ab dem Moment, in dem ich das Passwort eintippte und das Mann-mit-Hasen-Ohren-Profilbild und die ungelesenen, privaten Direktnachrichten auftauchten, war ich grundlos aufgeregt. Obwohl ich die Schlüssel hatte, fühlte ich mich wie eine Einbrecherin, die sich in den Account schlich. Betont wegschauend an der Privatnachrichtenkommode vorbeinavigiert, tauschte ich Klingelschild und Profilbild aus. Hallo ihr 500.000 Fremden, die ihr vermutlich wegen Ralphs Lustigkeit da seid – ich komme leider ohne Comics! (Okay, nicht ganz – mit einem.)


Die Übernahme eines Kanals für einen begrenzten Zeitraum kennen wir formal vom Account der „Zeit“. Mittlerweile wird diese Kulturtechnik immer häufiger für gesellschaftspolitische Zwecke verwendet. Eine privilegierte MedienakteurIn überlässt ihre Bühne und Reichweite einer weniger privilegierten und/oder jemandem, der eine publizistische relevante Aussage hat. Joko und Klaas haben das bei ihren „15 Minuten“ gemacht und dann noch dezidierter bei „Männerwelten“, wo sie die Sendezeit ausschließlich Frauen überließen. Thema: sexuelle Gewalt und Sexismus.

Eine andere Initiative war das internationale #passthemic. Prominente überließen ihren Instagram-Account für einen Tag WissenschaftlerInnen und Corona-ExpertInnen, stellten ihnen Bühne und Mikrofon zur Verfügung, ihre Gäste brachten die Expertise mit. Caroline Kebekus überließ ihren Kanal zum Beispiel der Virologin Marylin Addo, was großartig war, da Addo zum Beispiel nicht in Talkshows geht.

Zudem wurde die Kampagne #ShareTheMicNow ins Leben gerufen: Einen Tag lang übergaben weiße SchauspielerInnen, Politikerinnen und Autorinnen insgesamt 50 schwarzen KünstlerInnen, AktivistInnen, JournalistInnen und UnternehmerInnen die Kontrolle über ihre Instagram-Konten.

Julia Roberts überließ beispielsweise der ehemaligen „InStyle“-Herausgeberin Kahlana Barfield Brown ihren Account und damit ihre 8,8 Millionen Fans, die nun Browns Geschichte kennen lernen konnten. Gwyneth Paltrow übergab das Mikro an Latham Thomas, der Gründerin von Mama Glow, einer Plattform für Mutterschaft, und MSNBC-Moderatorin Zerlina Maxwell erklärte amerikanische Politik auf dem Kanal von Hillary Clinton. Insgesamt wurden so rein theoretisch 300 Millionen Menschen erreicht.

 

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When the world listens to women, it listens to white women. For far too long, Black women’s voices have gone unheard, even though they’ve been using their voices loudly for centuries to enact change. Today, more than ever, it is NECESSARY that we create a unifying action to center Black women’s lives, stories, and calls to action. We need to listen to Black women. This is why we created #ShareTheMicNow. Tomorrow, Black women will speak from the Instagram accounts of white women. The intention of this campaign is to magnify Black women and the important work that they’re doing in order to catalyze the change that will only come when we truly hear each other’s voices.

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Initiiert hat #ShareTheMicNow die Marketingchefin der Künstleragentur Endeavor, Bozoma Saint John, den Autorinnen Luvvie Ajayi Jones und Glennon Doyle sowie der Unternehmerin Stacey Bendet. Das Ziel der Kampagne ist:

„Wenn die Welt den Frauen zuhört, hört sie den weißen Frauen zu. Viel zu lange sind die Stimmen schwarzer Frauen ungehört geblieben, obwohl sie ihre Stimmen seit Jahrhunderten lautstark einsetzen, um Veränderungen herbeizuführen. Heute ist es mehr denn je notwendig, dass wir eine vereinigende Aktion schaffen, um das Leben, die Geschichten und die Aufrufe zum Handeln schwarzer Frauen in den Mittelpunkt zu stellen. Wir müssen den schwarzen Frauen zuhören.“

So ein Takeover ist sich der Überlebensnotwendigkeit von Lautstärke und Amplifikation im Diskurs bewusst und erkennt an, dass selbst an einem demokratischen Ort wie dem Internet Wahrnehmung doch ungerecht verteilt ist. Einen blauen Haken erhalten prominente Personen ohnehin einfacher als solche, die zu wenig in der klassischen Berichterstattung stattfinden, obwohl sie täglich online Aufklärungs- und Unterhaltungsarbeit leisten.

Das freiwillig weitergereichte digitale Megafon

Die alten und etablierten Aufmerksamkeitsdynamiken reproduzieren sich und setzen sich online fort. Der Takeover ist das freiwillig weitergereichte digitale Megafon für eine gesellschaftspolitische Kommunikation, die durch große Reichweite Aufmerksamkeit schafft und eine bisherige Überhörbarkeit marginalisierter Gruppen oder Personen besser aufheben kann.

Es handelt sich um eine sehr wirksame Form von Clicktivism: Ralph hat mir gewissermaßen symbolisch sein digitalsoziales Kapital in Form von FollowerInnen überlassen, um gesellschaftliche Asymmetrien zu kompensieren. Und durch diesen Austausch wird bestenfalls ein Publikum erreicht, das ich sonst vielleicht nicht erreichen würde. Die in diesem Fall tatsächlich existierenden Filterbubbles sozialer Netzwerke werden dadurch für eine Weile zum Platzen gebracht, um blinde Flecken der Auseinandersetzung sichtbar zu machen.


Um ein vulgärempirisches Gefühl für die Follower zu bekommen, um in einer ganz primitiven Ein-Frau-Studie nachzuspüren, wie sich diese rund 500.000 Leute zusammenstellen, schmiss ich nach meiner Vorstellung einen Testballon in die 1,4 mal Bielefeld große Runde:

„Ihr kennt mich vermutlich nicht, ich möchte mich kurz vorstellen: Ich heiße Samira El Ouassil. Ohne zu googeln, was vermutet ihr, wo ich herkomme?“

Dazu ein Bild von mir.

Wer bin ich?

Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht, was ich erwartet habe, aber dachte: Irgendwas wird sich schon ableiten lassen. Ließ sich dann auch, nämlich: Dass es eine heterogene Gruppe lauter aufgeschlossener, twitterafinener Menschen mit Humor ist. Die deutliche Mehrheit antwortete: „Aus deiner Mutter“, „Von der Erde“ und „Bielefeld“, einige „vom Friseur“, einige andere „auf gar keinen Fall vom Friseur“. Auch wenn es ehrlich kein Test war – sie hätten ihn bestanden.

Ich konnte also loslegen, Bücher und Accounts empfehlen, die sich mit Intersektionalität, Brasilien, Rassismus, Poesie und der Klimakrise auseinandersetzen, konnte zwei mittelgute Gags machen und tat etwas, was ich seit Ewigkeiten nicht mehr gemacht habe: kommentieren. Interagieren.

Ich glaube, es war der Journalist Simon Hurtz, der vor ein paar Wochen sinngemäß twitterte, er habe das Gefühl, Twitter verlernt zu haben. Daran musste ich besonders während der Pandemie häufig denken. Nein, keine Sorge, ich verfalle nicht in Kulturpessimismus, auch nicht in ein „Der Ton ist rauer geworden im Internet“, aber ich habe häufiger als früher das Gefühl, dass ich gar nicht weiß, wie ich schriftliche Netzwerke eigentlich noch nutzen soll.

Twitter wieder lernen

Ich teile Dinge, die ich teilenswert finde und die Gehör brauchen; ich verkneife mir, Dinge zu teilen, die mich empören, um sie nicht größer zu machen; ich versuche, sinnvoll zu kuratieren – aber ich habe das Gefühl, im Grunde nur noch Werbung für meine Arbeit zu machen oder Erregungsangebote anzubieten.

Ich will Verspieltheit, gleichzeitig nervt mich die netzwerkdynamische Vorhersagbarkeit meiner Ironie. Ich ertappe mich beim geflissentlichen „Bauen“ von Tweets. Ich spüre, wie ich versuche, Memes mit dem aktuellen Tagesgeschehen zu bissozieren, nur um kryptische Einzeiler zu twittern, die lediglich Eingeweihten schmeicheln und die Noch-nicht-auf-dem-neuesten-Stand-Seienden verwirren. Bei meinen lustig gedachten Tweets ist es mittlerweile häufig so, dass man nicht mal mehr über irgendeine Pointe lacht, sondern nur über den Umstand, dass man das aktuelle Nachrichtengeschehen darin erfolgreich dechiffriert hat.

Das alles, um zu sagen: Ich hatte auch den Eindruck, dass ich Twitter verlernt habe, weil sich mein Mitteilungsbedürfnis in einen faulen Urlaub auf Instagram verabschiedet hatte und mein Sendungsbewusstsein derweil schmollend eine rauchen gegangen war. Aber einen Tag im digitalen Haus einer anderen Person zu verbringen, hat mir gewissermaßen die digitale Architektur eines sozialen Netzwerkes wieder näher gebracht. Ich hatte medial einen neuen Blickwinkel auf die Plattform, eine neue Wahrnehmung der Sinnhaftigkeit und Bereicherung einer Online-Diskussionen.

Es war also nicht nur so, dass die Nutzer aus ihrem vertrauten Rezeptions-Flur geholt wurden, auch ich wurde aus meinem Sende-Flur rauskomplimentiert und musste mich neu orientieren. Twitter wieder lernen.

Störung der Kommunikations- und Diskursroutinen

Am liebsten habe ich Kanäle und Bücher empfohlen, weil andere noch mehr zu sagen haben als ich, weswegen ich sehr hoffe, dass weitere Takeover mit eben diesen Stimmen folgen. Wenn andere reichweitenstarke Multiplikatoren ihr Mikro für einen Tag an Personen leihen, die in der Aufmerksamkeitsökonomie weniger sichtbar sind oder weniger sichtbar gehalten werden, sorgt das für eine erkenntnisreiche, herzensbildende Störung der Kommunikations- und, im besten Fall, Diskursroutinen. (Für beide Seiten!)

Das Gesehen- und Gehörtwerden ist elementar für transformative Prozesse einer Gesellschaft; deswegen ist das Takeover vielleicht so ein interessantes, weil einfaches und wirkungsvolles Instrument, das nichts kostet außer Vertrauen.

Der von #blackouttuesday ernüchterte Kulturpessimist muss solche Aktionen natürlich für gefälligen Klicktivismus halten, der zwar die kollektive Aufmerksamkeit kurzzeitig erhöht, im Endeffekt aber nichts ändert, da er im rein Symbolischen operiert. Ein-Tages-Rupturen von Medienutzungsroutinen in sozialen Netzwerken werden Ungerechtigkeit nicht von heute auf morgen beenden.

Aber sie können, und das sieht man vielleicht auch an der #ChallengeAccepted-Aktion, gedanklich Fenster öffnen, um kurz zu horchen. Etliche Frauen luden gestern ein Schwarzweiß-Porträt von sich hoch. Vordergründig ging es um Solidarität unter Frauen und die Stärkung wie Sichtbarkeit der eigenen Netzwerke. Viele werteten die Entscheidung nur Schwarzweiß-Bilder zu nutzen als eine ästhetische, es ging aber tiefer: Ursprung der Kampagne ist die Türkei, wo sie auf die vielen Femizide, also Morde an Frauen, aufmerksam will. „Türkische Menschen wachen jeden Tag auf und sehen schwarzweiß Fotos einer Frau, die ermordet wurde.“

Kampagnen wie #challengeaccepted, #sharethemic oder ein Takeover wissen um die Notwendigkeit durch Repräsentation, Lautstärke, Sichtbarkeit in sozialen Netzwerken. Wie bei jeder politischen Mobilisierung, ob digital oder auf der Straße, geht es um den emblematischen Wert einer großen Gruppe von Menschen, die einer Sache oder einer Person Gehör schenken, und sei es nur für einen Tag. Deshalb, liebe große Accounts: Lasst euch takeovern!

Nachtrag, 1. August. Im deutschsprachigen Twitter hat als erstes die Autorin @Seele_diebin auf diese Kulturtechnik hingewiesen und Accounts dazu angehalten, ein Takeover zu starten.

13 Kommentare

  1. Spannender Bericht und grundsätzlich tolle Aktion.

    Allerdings bleibt der Begriff „Privileg“ im Kontext von race, gender, desire etc. katastrophal. Das führt fast zwangsläufig zu einem menschenrechtlichen race to the bottom und das kann eigentlich nicht das Ziel sein.

  2. Ob ein Cartoonist im politischen Diskurs qua Geschlecht und Hautfarbe mehr Reichweite hat als eine Spiegel-Kolumnistin, sei mal dahingestellt…

  3. Nettes Experiment.

    Twitter ist halt nicht viel mehr als eine Ansammlung von Multiplikatoren, die tagein, tagaus multiplizieren. Trump twittert, Millionen twittern über Trump, Social-Media-JournalistInnen berichten über beides und gelegentlich gibt es dann Kolumnen über Twitter an und für sich. Eine Endlos-Spirale an Geschwätzigkeit. Twitter ist wie Enten mit Brot füttern.

    Unterhaltungsfaktor: vorhanden
    Nährwert: nah bei Null.

  4. Tja, wenn sie den Account von Don Alphonso übernommen hätte, das wäre eine Sensation gewesen! Aber so…?

  5. Radikaler Ansatz: Hildmann 24h über @spiegel_alles twittern lassen – aber nur, wenn al Ouassil 24h den Hildmann Telegram Account bekommt.
    Das könnte dann tatsächlich interessant werden.

  6. Ach, ich weiß noch was besseres. Ein Randomisator verändert alle Twitter-Acounts, und DANN muss man anhand der Tweets erraten, wer wer ist.
    Wer mehr als 75% richtig hat gewinnt einen Blumentopf.

  7. Bei längeren darüber Nachdenken:
    Ich weiß gar nicht, wie Ralph Ruthe überhaupt aussieht, also mag ich ihn nicht, weil er ein weißer alter Mann ist, sondern weil ich vorurteilbehafteterweise denke, mit dem Namen müsste er ein alter weißer Mann sein.
    Schlechte Nachricht für RR: nicht seine Privilegien, sondern meine Vorurteile haben ihm zu seinem Erfolg verholfen.
    Gute Nachricht für alle anderen: einfach einen Künstler*namen wählen, der Weiß und Alt ist, dann klappt’s auch mit dem Erfolg.
    (Die Möglichkeit, dass Ruthes Arbeit seinen Erfolg ermöglicht hat, schließt er ja selbst aus.)

    *sic: KünstlER

  8. @Mycroft (8):
    „(Die Möglichkeit, dass Ruthes Arbeit seinen Erfolg ermöglicht hat, schließt er ja selbst aus.)“

    Das ist Ihre Interpretation, die mit den Worten, die Ralph Ruthe benutzt hat, nicht in Einklang zu bringen ist. Er schreibt zwar von seinen „Weißer-Mann-Privilegien“, aber nichts darüber, dass sein Erfolg sich ausschließlich darauf gründet.

  9. „Er schreibt zwar von seinen „Weißer-Mann-Privilegien“, aber nichts darüber, dass sein Erfolg sich ausschließlich darauf gründet.“
    Ok, das war meine Art zu sagen, dass er seine Weiße-Mann-Privilegien wichtiger macht als sie sind, entweder, weil er sie deutlich überschätzt oder aber, um nach Komplimenten zu fischen.

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