Not sharing is also caring

Mitteilen. Verteilen. Austeilen. Urteilen. Verurteilen. Berurteilen. Aburteilen. Alle diese Tätigkeiten kann man nicht ohne das Wort „teilen“ schreiben.

Jeder von uns vollzieht diese Handlungen, während er Texte, Bilder, Protagonisten teilt. Unser Mitteilungsbedürfnis trifft auf Sendungsbewusstsein trifft auf soziale Sehnsucht trifft auf Plattformen, die dies fördern. Das Ergebnis: Wir retweeten, sharen, reposten. Als anschlusssuchende Tiere reagieren wir auf existenzielle Art darauf, dass uns andere Menschen zustimmen oder widersprechen, und das Teilen von Inhalten ist eine Möglichkeit, beides zu tun.

Aus dem Teilen wird Unübersehbarkeit

Diese Anschlusssuche wird im öffentlichen Raum zu einem gesellschaftspolitischen Akt: Teilen macht etwas sichtbar, es amplifiziert, es lenkt den Blick auf Dinge, auf die nicht genügend geschaut wird. Durch einen Retweet wird das Konnektiv zum Kollektiv und Korrektiv.

Teilen steht medial zum Beispiel zu Beginn einer Bewegung. Wir spüren es in den etlichen Videos, die wir am Wochenende in den sozialen Netzwerken sehen konnten: ein amerikanisches Mosaik von Polizeigewalt. Das Sammeln vieler einzelner negativer Erfahrungen macht auf ein systemisches Problem aufmerksam. Es verschafft dem Problem genau die Unübersehbarkeit, die ihm aus strukturellen Gründen vorher verwehrt wurde.

Das Teilen kann etwas nicht mehr ungesehen machen. Es existiert nun unverdrängbar im Diskurs, so wie es zum Beispiel auch bei #Metoo und #Metwo war.

The revolution will be retweetet

Es gibt noch einen Ausdruck, einen besonderen, der auf dem Wort „Teilen“ basiert: „Anteilnahme.“ Man nimmt an, was man sieht, und lässt zu, dass es zu einem Teil von einem selbst wird. Anteilnahme bedeutet, sich für etwas zu interessieren. Zwei Videos, die in der vergangenen Woche aus trauriger und beschämender Notwendigkeit viel geteilt wurden, wurden zum Teil unserer sozialmedialen Gegenwart: Das Aufeinandertreffen von Christian Cooper und Amy Cooper im Central Park und die Tötung von George Floyd.

Beide Filme waren unübersehbare Beweise für Rassismus, beide Dokumentationen einer gerne wegrelativierten Realität.

Die Hundebesitzerin Amy Cooper droht dem (nicht mit ihr verwandten) Vogelbeobachter Christian Cooper, nachdem der sie gebeten hat, ihren Hund im Park anzuleinen. Amy Cooper warnt, sie werde die Polizei anrufen und behaupten, dass sie von einem afroamerikanischen Mann bedroht werde – und das macht sie dann auch. Sie wählt den Notruf und legt eine oscarreife Darbietung der Verfolgten Unschuld dar, schluchzt und fleht in ihr Telefon in dramatisch gespielter Angst vor dem schwarzen Mann, während dieser sie von ziemlich weit weg nicht bedroht, sondern filmt. (Er trägt allerdings einen sehr bedrohlichen Fahrradhelm.)

Sie handelt in diesem Moment nicht nur rassistisch, indem sie dem spazierenden Ornithologen aufgrund seiner Hautfarbe unterstellt, ein Aggressor zu sein; sie nutzt zudem noch den Rassismus der Polizei, den Rassismus eines ganzen Apparates aus, um diesen als Waffe gegen Christian Cooper einzusetzen.

Ich darf das, ich bin weiß

In der Drohung „Ich rufe jetzt die Polizei und werde sagen, dass mich ein afroamerikanischer Mann bedroht“ stecken ein halbes Jahrhundert institutionalisierter Rassismus und das Aufwachsen in einer Gesellschaft, die ihr vermittelt, dass sie im Recht ist, weil sie weiß ist.

Sie weiß verstörend präzise um ihr Privileg und ihre Machtposition, die sie in diesem Moment erschreckend routiniert ausnutzt.

Diese Klarheit, diese Aggressionen, dieser unausgesprochene Anti-Gesellschaftsvertrag, über den sich beide Beteiligte in dem Video vollkommen bewusst sind, musste in seiner Krassheit filmisch festgehalten werden, damit man es überhaupt nachvollziehen kann. Damit Menschen, die keinen Rassismus erfahren, es besser verstehen und vor allem glauben können.

Deswegen hat dieses Handyvideo so eine Schlagkraft: Man hat einen Videobeweis für diesen diskriminatorischen Mindfuck, für ein gesamtgesellschaftliches Gaslighting, das gerne die Opfer zum Problem erklärt und nicht die Strukturen und deren Nutznießer.

Die unschaubaren Bilder

Die andere, entsetzliche Dokumentation weißer Gewalt gegen schwarze Menschen: die letzten Lebensminuten von George Floyd. Er stirbt vor der laufenden Handykamera der 17-Jährigen Darnella Frazier, die alles online veröffentlicht.

Dadurch konnte sein Tod nicht in einer Polizeistatistik verschwinden. Das Video wird seither immer weiter geteilt. Immer wieder der Moment repliziert, in dem der weiße Polizist in den Nacken seines schwarzen Opfers kniet; immer wieder sein Sterben retweetet.

Es sind unschaubare Bilder der Agonie, von unaushaltbarer Brutalität. Es ist wichtig, dass dieses Video öffentlich gemacht wurde, aber gleichzeitig kann, werde und darf ich es nicht teilen. Es ist retraumatisierend für Opfer rassistischer und/oder körperlicher Gewalt und reduziert George Floyd auf eine afroamerikanische Leiche, wie es in der amerikanischen Ikonographie schon viel zu oft der Fall ist, wo leblose, schwarze Körper fotografisch wie Trophäen weißer Herrschaft und Überlegenheit rumgezeigt werden.

George Floyd darf durch diese Bilder nicht enthumanisiert werden. Und gleichzeitig ist ihre Veröffentlichung unabdingbar.

Die Zwickmühle

Das legt das Dilemma des Teilens dar: Jemand muss es zu Beginn teilen, um es sichtbar zu machen, jedoch sollten es nicht alle verbreiten, um die Gewalt nicht zu reproduzieren. Es macht einen Unterschied, wer es teilt, mit welcher Intention und zu welchem Zeitpunkt.

So etwas Simples wie ein Retweet wird zum komplexen Differenzierungs-Prozess eigener Medienkompetenz und Medienethik. Es ist nicht automatisch immer richtig oder falsch etwas zu teilen. Etwas zu verbreiten, kann Probleme reproduzieren, Inhalte kontraproduktiv vergrößern und Voyeurismus bedienen; es kann Banalitäten Aufmerksamkeit geben, die man besser ignoriert, und Geltungsbedürftige stärken, die man eigentlich durch Nichtbeachtung aushungern müsste. Die AfD. Spiegel-Cover. Troll-Accounts.

Teilen kann Unbeteiligte, Unbehelligte vorführen und lächerlich machen. Das Frank-Schätzing-Double, das in sein Telefon brüllt, hatte ein Recht darauf, nicht im Internet verteilt zu werden.

Warum teile ich das?

Man muss also ein spezifisches Bewusstsein entwickeln und seine eigenen Mediennutzungsgründe recht spitzfingerig und ehrlich auseinander häkeln. Versuche ich das soziale Netzwerk wie ein Dorf als soziales Korrektiv zu nutzen, um auf Missstände aufmerksam zu machen? Benutze ich es zur medialen Notwehr, indem ich unethisches Verhalten dokumentiere? Gebe ich mir oder Menschen, für die ich mich einsetze, durch das Verbreiten eine Stimme?

Geht es mir um Mobilisierung durch Kritik, Negativbeispiele, Abschreckung? Oder geht es mir auf Individualebene um einen Impulsabbau, Katharsis, Moodmanagement?

Will ich Erregungsangebote schaffen zur Selbstprofilierung? Mich über einen öffentlichen, performativen Abwärtsvergleich selbst meiner Rechtschaffenheit versichern?

Teile ich auch aus Anteilnahme, zum Beispiel indem ich die friedlichen Demonstrierenden der George-Floyd-Proteste verbreite? Verbreite ich Schönheit? Will ich unterhalten?

Oder geht es mir darum, mich über Dinge zu mokieren, über Politiker, die Unsinn erzählen, Publizisten, die peinlich sind? Teile ich das zur Aufklärung oder auf der Suche nach Anerkennung und Anschluss? Mache ich dadurch eigene Werte sichtbar und stärke sie oder stärke ich mich, indem ich andere entwerte?

Zum Teilen verlockt

Molly Crockett, Professorin für Psychologie an der Universität Yale, es formuliert es so:

„Wenn Sie jemanden für die Verletzung einer Norm bestrafen, macht Sie das für andere vertrauenswürdiger, so dass Sie Ihren moralischen Charakter durch den Ausdruck von Entrüstung und die Bestrafung von Verletzungen sozialer Normen zum Ausdruck bringen können. […] Menschen glauben, dass sie durch den Ausdruck von Entrüstung Gutes verbreiten – dass es von einem Standpunkt der Moral und der Rechtschaffenheit kommt“.

Da soziale Netzwerke darauf angewiesen sind, dass ihre Benutzer Inhalte bereitstellen, die von anderen Nutzern konsumiert werden können, sind sie so konzipiert, dass wir möglichst einfach interagieren und schnell teilen können – das ist mittlerweile eine Binse. Infolgedessen, so Crockett, werden diese Netzwerke „zu einem Ökosystem, das die empörendsten Inhalte auswählt, […] wo es einfacher als je zuvor ist, Empörung auszudrücken.“

Wir müssen uns also aktiv dagegen wehren, zum Teilen verführt zu werden.

Was aber, wenn ich tatsächlich publizistisch einen informationellen Mehrwert liefern möchte? Da sind wir mit beiden Füßen in der Redaktionsgesellschaft von Bernhard Pörksen:

„Die redaktionelle Gesellschaft ist eine Gesellschaft, in der die Maxime und Ideale des guten Journalismus zu einem Element der Allgemeinbildung geworden sind. Zum Beispiel: Prüfe erst, publiziere später, höre auch immer die andere Seite, mache ein Ereignis nicht größer als es ist, sei skeptisch im Umgang mit der Macht, zeige die Ungerechtigkeit in der Welt.“

Eine „Ethik des Teilens“, wie sie auch der Journalist und Autor Friedemann Karig in seinem „Krautreporter“-Essay beschreibt. Es geht zwar vor allem um die Verbreitung von Terror-Bildern; die Konsequenzen, die er daraus zieht, lassen sich aber auf das Teilen im Allgemeinen übertragen:

„Eine dazu nötige Ethik des Teilens fängt lange vor der Diskussion solcher konkreten Beispiele an. Nämlich bei der Bewusstwerdung der impliziten Politik jeder Entscheidung, ob überhaupt reagieren oder nicht. Und bei der Entscheidung, wie Kontakten gegenüberzutreten ist, die gegen die eigene Überzeugung agieren. Eine solche Ethik bedeutet das Ende der Ausreden, dass man als einzelner egal wäre. Und auch das Ablehnen von Ignoranz, da diese eher die Extreme stärkt.“

Eigentlich bräuchte man vor jedem Repost eine kurze Mediennutzungs-Selbstanamnese, an dessen Ende die Beantwortung zweier Fragen stehen muss: Warum teile ich das? Und: Mache ich die Welt zu einer besseren, wenn ich diesen Inhalt verbreite?

Die Herausforderung ist, eine digitale gesellschaftliche Resilienz gegenüber trivialer Trigger zu entwickeln. Man müsste sich darauf einigen, kollektiv zu ignorieren und gleichzeitig kritisch zur Kenntnis zu nehmen. Zum Beispiel bei Gauland oder Maaßen. Das braucht: Gelassenheit, redaktionelle Kompetenz – und Selbstbeherrschung.

Es braucht sinnbildlich Favs für Tweets, die unveröffentlicht im Entwürfe-Ordner geblieben sind.

Alan Jacobs, Autor des Buches „How to Think: A Survival Guide for a World at Odds“, schlägt fünf Nutzungs-Gewohnheiten für einen bewussteren Umgang mit Online-Inhalten vor, aus denen ich folgende Empfehlungen für verantwortungsbewusstes Teilen im Internet ableite:

Da Netzwerke technisch zum Teilen ermutigen: Warten bevor man teilt. Eine Studie zur kognitiven Reaktion auf das nationale Emergency Alert System der Homeland Security von 2016 hat ergeben, dass die meisten Menschen nur sechs Sekunden brauchen, um zu entscheiden, ob sie etwas retweeten.

Denken Sie länger als sechs Sekunden nach. Nutzen Sie die Zeit, die Richtigkeit und Quelle der Information zu überprüfen und hinterfragen Sie Ihre Motive und Gefühle, warum Sie etwas verbreiten möchten.

Wenn wir schlecht gelaunt sind, sind wir eher gewillt, Provokantes zu teilen, wir sind dann trolliger.

Verbreiten Sie auch das Positive, das Konstruktive, Sie wissen schon, das Gute, das Wahre, das Schöne. Besonders, wenn das Weltgeschehen erdrückend erscheint. Ein Grund für die Hamsterkäufe im März waren die Bilder leerer Regale, die die Leute in Panik versetzten, weshalb sie Nudeln einpackten, als hinge ihr Leben davon ab – und damit neue leere Regale erzeugten, die Menschen wiederum fotografierten und neue Panikkäufe lostraten. Es beginnt mit einem Foto der negativen Ausnahme und wird dann zur selbsterfüllenden Prophezeiung, dass die ganze Welt schlecht ist.

Ich plädiere hier allerdings nicht für selbstvergessene, privilegierte Verdrängung kommentierbarer Misstände und gutgelauntes Ignorieren, es geht nicht darum, den ganzen Tag nur Katzeninhalte zu teilen. (Bitte nicht.) Die Verbreitung von Protest und Kritik sind demokratisch überlebensnotwendig, es ist zum Beispiel zivilgesellschaftlich erforderlich, die Polizeigewalt zu dokumentieren, auch hier mit der Selbstreflektion, aus welcher Intention wir retweeten: aus Empörung, Aufklärung oder Gewalt-Voyeurismus? Hier kein aber, sondern explizit ein und: und Teilen Sie Inhalte, die ihre Werte und Ideale vermitteln, machen Sie Akteure groß, die sich groß verhalten, geben Sie den Anständigen mehr Präsenz. Zeigen Sie zum Beispiel die Demonstranten, die verhindern, dass Geschäfte geplündert werden:

Oder Protestierende, die sich beherzt für die Menschenrechte einsetzen:

Oder friedlichen Protest:

Oder Menschen, die die richtigen Worte finden:

Und Menschen, die die Protestierenden schützen und unterstützten:

Auch wenn Charlie Brooker Twitter als das wichtigste Videospiel der Geschichte einordnet, geht es auf sozialen Netzwerken nicht um Gewinnen oder Verlieren. Teilen sie nicht, um das Internet einmal durchgespielt zu haben, lassen Sie sich nicht von Herzen in einen inneren Kampfmodus der Powertweetification versetzen. (Es sei denn Sie schreiben so schöne Tweets wie Dax Werner und Creamspeak, dann schon.) Verlassen Sie abends das Internet am besten als einen diskursiv besseren Ort als den, den Sie morgens vorgefunden hatten.

Üben Sie Empathie. Was macht das, was Sie im Begriff sind zu teilen, mit anderen Menschen? Verletze ich Persönlichkeitsrechte? Verletze ich Sitten, Gefühle, Menschengruppen? Seien Sie beim Verbreiten von Inhalten ein bisschen der Mensch, für den Ihr größter Bewunderer (Ihr Hund, Ihre Mutter) Sie hält.

Sharing is caring. Not sharing can also be caring. Care before you share.

7 Kommentare

  1. Danke für das Teilen der Videos der Anständigen. Ich kannte sie nicht und bedauere das im Nachhinein sehr. Trumps Kirchgang und den Tanklaster hatte ich hingegen x-mal in der FB-Chronik. Diese Filme machen wütend und verändern einen nicht zum Positiven.

  2. Vielen Dank für diesen großartigen Artikel, den ich gerne mit meinen Kindern teile; obwohl ich glaube, die machen das eh schon so mit dem „nicht teilen“.

  3. Gibt es LehrerInnen unter den LeserInnen ?
    Der Inhalt ist Schulstoff: im Umgang mit digitalen Medien, im Umgang mit Sprache, in Sozialkunde (wenn es das Fach noch gibt), im Umgang mit Digitalisierung, im Umgang mit Bildern und, und, und…
    Nehmt den Beitrag als Blaupause für den Unterricht. Besser und prägnanter bekommt Ihr es nicht aufbereitet. Hier seid ihr ganz vorne mit dabei.
    Bis das Thema Einzug in Lehrpläne hält vergehen mindestens ein Jahrzehnt.
    Ich selbst bin keiner – also kein Lehrer – nehme hier aber ein solides Gerüst für die Diskurse mit, die noch kommen.

  4. Herzlichen Dank für diesen tollen Artikel! Er ist es auf jeden Fall wert, geteilt zu werden.

  5. Wieder mal super!

    Eine sehr gute Betrachtung des Phänomens. Mich erinnert das an die Anfangszeiten der Email in den frühen 80ern, als es zur Netikette gehörte, eine emotionale Antwort-Mail mindestens eine Nacht liegen zu lassen, bevor man sie versendet (habe ich leider auch nicht immer eingehalten und dann oft bereut…).

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