Ein Internet-Krimi aus Anrufen, Anrufbeantwortern und Autofahrten

Bevor ich zur eigentlichen Kritik komme …

Ich habe lange überlegt, welchen Podcast ich in dieser Woche besprechen soll. An Coronavirus-Podcasts, die sich anbieten, mangelt es ja nicht: Sie beschäftigen sich entweder mit der Pandemie und dem Virus oder stellen mehr oder weniger bemüht eine (Pseudo-)Verbindung zwischen Coronavirus und Thema X her oder entstehen einfach nur, weil irgendwelche Dudes im Homeoffice jetzt nicht wissen, wohin mit ihrer Arbeitszeit. Obendrein habe viele bewährte Podcasts nochmals ihre Schlagzahl erhöht oder konzentrieren sich gar komplett auf Corona.

Ich bin skeptisch, wie nachhaltig dieses gefühlt exponentielle Podcast-Wachstum ist. Ob die Wette aufgeht, dass der NDR-Info-Podcast „Das Coronavirus-Update mit Christian Drosten“ mit seinem Publikumserfolg für Deutschland ist, was „Serial“ für die USA war: Der Moment, der viel neues Podcast-Publikum „freischaltet“ und Menschen zum Podcast-Hören bringt, die es vorher nicht getan haben. Ich bin auch skeptisch, weil ich nicht daran glaube, dass das massiv wachsende Sende- und Produktionsbedürfnis von Podcasterinnen und Podcastern sowie Medienhäusern gerade ein im selben Maße wachsendes Publikum findet – wo gerade so viele Routinen ausgesetzt sind, damit klassische Hörsituationen wegfallen und es auch durchaus Wichtigeres gibt, als die Kopfhörer aufzusetzen.

Ich bin noch kein Hobbyvirologe, deswegen leiste ich mir – auch aus egoistischen Motiven – diese Woche ein Stückchen Eskapismus und kann versprechen: Dieser Podcast testet garantiert negativ auf alle Bezüge zum Coronavirus.

… und damit zu „Motherhacker“

„Motherhacker“ vom US-Podcastlabel Gimlet Media ist ein gelungenes kurzes Podcast-Kammerspiel: Neun Episoden erzählen mit atemberaubenden Tempo und wenigen Stimmen einen modernen Internet-Krimi. Der Podcast glänzt mit einer großartigen Protagonistin und einer starken Schauspielerin. Inhaltlich, dramaturgisch, ästhetisch setzt der Podcast dabei auf bewährte Zutaten des Podcast-Labels. Das ist die größte Stärke des Podcasts; es ist aber auch seine größte Schwäche.

„Motherhacker“-Protagonistin Bridget ist alleinerziehende Apothekerin und Künstlerin der Ausreden und der Manipulation. Es gibt für sie kein Problem, das sich nicht lösen lässt – mit einem Anruf, ihrer Fantasie und ihrem schauspielerischen Talent. Für das Geburtstagsessen ihrer Tochter Charlotte ist kein Platz mehr im schicken neuen Restaurant zu bekommen? Kein Problem für Bridget, Vorhang auf für ihre bestens eingeübte Lüge: Sie fragt den Kellner am Telefon nach seiner Vorgesetzten, gibt sich bei ihr dann als verzweifelte Sekretärin einer furchtbar wichtigen Google-Managerin aus. Sie drückt noch ordentlich auf die Tränendrüse: Bridgets fiktiver Sekretärinnen-Job hängt angeblich davon ab, dass die Chefin noch heute einen Platz im Restaurant bekommt. Gerade einmal 50 Sekunden dauert das Telefonat. Das Geburtstagsessen ist gesichert.

Vom Opfer zur Betrugskünstlerin

Dann bekommt Bridget plötzlich einen Anruf, ihr Ex-Ehemann ist aus der Entzugsklinik zur Notaufnahme gebracht worden. Sirenen heulen im Hintergrund, die Krankenversicherung deckt die dringend notwendige Behandlung aber nicht ab. Weswegen die sowieso schon geldknappe Bridet jetzt schnell mehrere tausend Dollar am Telefon überweisen muss. Obwohl sie selber eine Manipulationskünstlerin am Telefon ist, fällt sie auf einen Telefonbetrug herein.

„Motherhacker“ erzählt dann, wie Bridget versucht, ihr Geld von den Betrügern zurückzubekommen. Sie landet tatsächlich bei der kriminellen (Telefon-)Strippenzieherin, die das Manipulationstalent von Bridget längst erkannt hat und ihr einen Pakt vorschlägt: Nutze deine Fertigkeiten für mich, und du bekommst nicht nur dein Geld wieder, sondern wirst für jeden weiteren erfolgreichen Diebstahl einen Anteil der Beute bekommen. Das klischeebeladene Finale: Ein letzter großer Millionen-Coup, den Bridget für ihre Auftraggeberin durchziehen muss, bevor sie endlich aussteigen will.

Hörspiel mit Augenzwinkern für Podcast-Fans

So wie die fiktive Bridget andere Figuren im Hörspiel mit ihrer Stimme erfolgreich über’s Ohr haut, so überzeugend ist die reale Leistung von Schauspielerin Carrie Coon („The Leftovers“) als Bridget. Leider überzeugen nicht alle Figuren und Schauspieler bei „Motherhacker“ im selben Maße. Besonders Rupert Friend („Homeland“) ist als Peter Hardy, Sicherheitschef eines Tech-Konzerns und finales Betrugsopfer von Bridget, ein Totalausfall. Schauspielerisch und auf dem Papier eine vollkommen unglaubwürdige Figur, die sich eher nach Drehbuch-Notwendigkeit für das Finale anfühlt als nach einem echten Charakter.

Für Podcast-Fans gibt es zwei bemerkenswerte Cameo-Auftritte: Alex Goldman aus dem Storytelling-Podcast „Reply All“ spielt als Hacker mit. In Folge 4 ist während einer Autofahrt beiläufig Michael Barbaro als Radiomoderator zu hören, mit seinem charakteristischen Stakkato aus dem Nachrichtenpodcast „The Daily“ der New York Times.

Das Konzept von „Motherhacker“ erinnert mich stark an die beiden vorhergehenden Hörspiel-Podcasts von Gimlet, an „Homecoming“ und „Sandra“: Es gibt keine Erzählung, stattdessen abrupte, akustische Szenenwechsel. Mich beeindruckt hier einmal mehr, wie viel Handlung in so kurze Episoden passt, weil Lücken und Sprünge clever genutzt werden. Alle Handlungsorte muten dank viel Detailliebe und Realismus „echt“ an und klingen nicht nach fantasievollen, aber eben doch nicht überzeugenden Hörspielstudio-Imitationen. Wie viele andere Storytelling-zentrierte Podcast-Anbieter hat es Gimlet Media perfektioniert, sogar das „Unechte“ und „Nichtspontane“ authentisch und spontan klingen zu lassen. Mitunter werden dafür Dialoge teilweise improvisiert und an echten Handlungsorten aufgenommen, statt Drehbücher im Studio vorzulesen.

Bewährtes Rezept: Fiction-Podcasts bei Gimlet Media

Auch bei „Motherhacker“ erlebe ich einmal mehr die die Heldenreise einer sympathischen Protagonistin. Wieder stolpert die Heldin erst ahnungslos in den Plot, muss sich dann in einem scheinbar funktionierenden System zurechtfinden und am Ende das System überwinden, das mittlerweile als böse erkannt ist. Beiläufig stört einmal mehr ein anstrengender Lebensgefährte als nervige Randfigur. Da ist, wie auch schon bei „Homecoming“ und „Sandra“, die strenge Stimme aus dem Telefon, die Anweisungen faucht und die Protagonistin bedroht. Wie schon bei „Sandra“ spielen Smartspeaker eine Rolle, einmal mehr hat der dominierende Konzern der fiktiven Welt sehr viele Ähnlichkeiten mit Amazon. Nicht fehlen dürfen auch die vielen Autofahrten. Weil der charakterische Klang schnell akustische Räume schafft. Und Autotür-Geräusche so toll Szenenwechsel verkünden können. Und Autofahren immer Bewegung, Dynamik und Ortswechsel in die Handlung bringt.

Nicht falsch verstehen: Das alles bietet natürlich den gewissen Wohlfühl-Faktor, sich als Hörer nicht auf ein völlig unbekanntes Konzept einlassen zu müssen. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Bridget aus „Motherhacker“, Helen aus „Sandra“ und Heidi aus „Homecoming“ im selben Universum leben. Als überzeugter „Tatort“-Nichtgucker würde ich dieses Phänomen gerne den „Tatort“-Effekt nennen: Ganz viel wohlige Verlässlichkeit, die aber mit der Zeit auch irgendwie einlullt und im Endstadium eine bleierne Lähmung bei Publikum und Produktion hervorruft. Bis zur Grenze der Selbstparaodie. Zum Glück rettet sich „Motherhacker“ noch an genügend Stellen mit Humor und Selbstironie – wenn auch nur ganz knapp.

Nichtdestotrotz: „Motherhacker“ wirkt auf mich deswegen streckenweise wie ein Remix von Zutaten, die im Hause „Gimlet Media“ schon erfolgserprobt sind: Journalistisch hatte sich der Podcast „Reply All“ bereits in mehreren Recherchen mit automatisierten Anrufen und Telefonbetrug beschäftigt. Ästhetisch und dramaturgisch haben die Hörspiel-Vorgänger „Homecoming“ und „Sandra“ mit den selben Ideen gearbeitet. Für die mittlerweile dritte Fiction-Produktionen des Podcastlabels hätte ich weniger Altbewährtes und mehr Mut zu Neuem erwartet. Genau deswegen hinterlässt dieses für sich genommen tolle Hörspiel einen bitteren Beigeschmack: „Motherhacker“ fühlt sich nicht wie das eigentliche Produkt an, sondern wie ein weiterer Prototyp, wie die Bewerbung eines Skripts, ein „Proof of Concept“ – sei es für die zweite Podcast-Staffel oder einmal mehr für eine Podcast-Verfilmung.


Podcast: „Motherhacker“ von Gimlet Media
Episodenlänge: 9 Folgen mit jeweils circa 10 Minuten Länge

Offizieller Claim: Bridget’s life is a series of dropped calls. With a gift for gab, an ex-husband in rehab, and down to her last dollar, Bridget’s life takes a desperate turn when she starts vishing over the phone for a shady identity theft ring in order to support her family.
Inoffizieller Claim: Der vollkommen unterschätzte Super-Skill: Telefonieren

Wer diesen Podcast mochte: Mag auch „Backup – Sag mir, wer ich bin“ von Viertausendhertz; „Gaslight“, „Carrier“, „Blackout“ und „The Left Right Game“ von QCODE Media

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