Herr Ober, da schwimmt ein Adjektiv in meiner Suppe!

Es muss eine Zeit vor Jamie Oliver gegeben haben, denn bei aller draller Alterslosigkeit wird er nächste Woche erst 41 Jahre alt und regiert den europäischen Kochbuch- und -sendungsmarkt erst seit knapp 20 Jahren, auch wenn es sich länger anfühlt. Seit Jamie sagt man, man koche gern, „am liebsten Pasta“. Vorher sagte man: „Heute gibt es nur Nudeln.“ Wobei „man“ nicht ganz richtig ist, es gab vorher schon Menschen, die gerne kochten, aßen und tranken, und man nannte sie Feinschmecker. Für sie ist das Magazin „Der Feinschmecker“ gemacht, zufällig genau so alt wie Jamie Oliver, und es wird mit großer Entschlossenheit so gestaltet, dass man ihm seine Unjamiehaftigkeit sofort und ständig ansieht.

Kochmagazine sind heute warm, auf rauem, matten, „offenen“ Papier gedruckt, und das Essen ist so angerichtet, dass es im Stylistendeutsch „gelebt“ aussieht, also mit Texturen von Holztischen, Tischdecken, altem Geschirr und Besteck und möglichst noch ein paar Kochutensilien drumherum – und das Essen sieht aus wie Essen, nicht wie abstrakte Kunst.

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Außer im „Feinschmecker“: Dessen Cover hochglänzt weiter und das Essen ist auf weißen Tellern optisch freigestellt, klinisch rein und hipsterfrei gestylt. Es sieht völlig aus der Zeit gefallen aus, dieses Heft, und das ist bitte keine Wertung, nur eine Feststellung, denn schon das Wort „Feinschmecker“ ist ja aus der Zeit gefallen. Es klingt weniger nach Spaß am Essen als nach Restaurants, in die sich nur Eingeweihte hineintrauen.

Insofern ist die Zielgruppe des „Feinschmecker“ sehr leicht auszumachen: Es sind Menschen, die sich als Feinschmecker verstehen. Das ist nicht so selbstverständlich, wie es klingt: Den „Playboy“ lesen eben nicht nur Playboys; man muss keinen Maserati fahren, um ihn zu lesen.

Wer aber nicht bereit ist, gutes Geld für gutes Essen auszugeben und einen Wein statt als Getränk auch als Erlebnis betrachten zu können, der ist beim „Feinschmecker“ völlig falsch – schon deshalb, weil das Heft voll ist mit aufwendig recherchiertem Service, aber ohne eine einzige echte Reportage auskommt. Während bei Heften wie besagtem „Playboy“ das Lesen – oder sagen wir: Ansehen – das Erlebnis ist, ist die Lektüre des „Feinschmecker“ durchgehend als Vorbereitung auf das eigentliche Erleben angelegt: essen, trinken, genießen muss man dann doch noch in der realen Welt.

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Das Heft ist, ganz leicht vereinfacht zusammengefasst, eine Mischung aus Tipps und Rezepten. Restaurants, Mittelmeerinseln, Hotels, Gasthäuser, Olivenöl. Pasta zum Niederknien, gepresste Fischrogen, junge österreichische Winzer, naturreiner Tomatensaft. Alles verpackt in Tipps, wobei die Winzer einen Hauch ihrer crazy Biografien preisgeben („Schauspieler und Winzer – Florian Schuhmann war bis Ende 2014 beides“ ist der Einstieg in eine Geschichte).

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Der anonyme Luxushoteltester, der sich neben seiner Kolumne in einem ziemlich sympathischen Interview auf einer Doppelseite einmal selbst vorstellen darf, ist (mit verdecktem Gesicht) so fotografiert, dass er exakt aussieht wie man sich einen Handlungsreisenden aus der Zeit vorstellt, als Handlungsreisender noch das Wort für Junior Sales Representative war. Es ist keins der drei guten Fotos in diesem Feinschmecker. Gleichzeitig scheint der Mann aber ein ungemein gut geeigneter Hoteltester zu sein, der einen wunderbar eigenen Kompass für die Bewertung seiner Unterkünfte findet.

Schon wieder: Das Erlebnis liegt nicht im Lesen des Heftes, sondern in der Vorstellung und letztlich dem Erleben dessen, was an Tipps mitgegeben wird – News to Use. Das muss nicht falsch sein, mich persönlich enttäuscht es aber, weil aus meiner Sicht nichts dagegen spräche, dass der „Feinschmecker“ aufregend geschrieben und fotografiert würde.

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Das beste Bild im Heft ist das Portrait einer sizilianischen Familie, die im Münsterland echtes Gelato herstellt und verkauft (Gelato ist, was Speiseeis gerne geworden wäre, wenn es mal groß ist). Sie sind als Mafiaclan inszeniert, aber lachend und mit Eiswaffeln in der Hand. Zauberhaft! Und die totale Ausnahme. Der Rest des Heftes bietet fotografisch selten mehr als jede PR-Broschüre, und die Texte sind derart mit Adjektiven überfrachtet, dass man einen roten Stift auspacken und „Nicht so faul bei der Schilderung“ darunter schreiben möchte. Willkürliches Beispiel: „Leuchtend gelb steht er am gewundenen Sträßchen von Bötzingen nach Burkheim, trutzig und einladend zugleich“.

Es geht um einen Gasthof, dessen „alter“ Stammtisch, „blank gescheuert“ gegenüber steht der „geschwungenen Theke mit ihrem ausladenden Jagdpanorama im Stil eines altbadisch-texanischen Realismus der frühen 70er-Jahre.“ Mich nervt das. Ich mag lieber echte Beschreibung lesen als Adjektive, und um zu erklären, was ich meine, habe ich oben selber ein paar faule Sätze eingebaut, die über den Hoteltester.

Warum soll ich als Autor sagen, jemand wäre sympathisch und für seinen Job geeignet, anstatt ihn einfach zu zitieren und den Leser zu diesem – oder einem anderen – Schluss kommen zu lassen? „Hotels sind komplexe, hochindividuelle Organismen. Jedenfalls, wenn es sich um wirkliche Spitzenhäuser handelt“, sagt er, und auf die Frage woran es meistens hapert: „Am Wasserdruck. […] Das bekommen selbst gestandene Luxushäuser oft nicht hin: dass genug Wasser aus der Dusche kommt und unten glatt wieder abfließt.“ Oder: „Wenn das Fluidum des Hauses stimmt, wenn ich angelächelt werde, ist der Rest fast egal.“

Ich mag den Mann. Muss man aber sicher nicht, und mein Dienst am Leser wäre größer gewesen, wenn ich ihn hätte erleben lassen statt ihm meine Meinung aufzudrücken, und ich glaube, ein „alter, blank gescheuerter Stammtisch“ wäre assoziativer, wenn sich im Laufe der Jahrzehnte so viele Ärmel auf ihm gerieben hätten, dass er das Jagdpanorama des Tresens gegenüber widerspiegelt –sagt das gleiche, aber der Leser sieht es selbst. Ich mag es, wenn Reporter meine Augen und Ohren vor Ort sind, und ich Falle des „Feinschmecker“ sogar noch mein ausgelagerter Gaumen. Ich weiß, es ist unglaublich schwer, originell und assoziativ über Essen zu schreiben, aber ich glaube, es wäre ein guter Start, einfach alle Adjektive zu verbieten: „unkompliziert“, „bodenständig“, „munteres Cross-Over“, „geschmacksstark“, „schlicht“, „saftig“, „zart“, „pikant“, „säuerlich-erfrischend“ – alles zitiert aus einem halben Absatz „Feinschmecker“, und mir läuft das Wasser in den Augen zusammen statt im Mund.

Ganz toll allerdings: Ein fünfeinhalbseitiges Kompendium zu Olivenöl (im Anschluss an die Sieger der Wahl zum Olivenöl des Jahres), einfache Pastarezepte von vier wirklich tollen Köchen und wirklich viele, viele, viele Tipps. Vieleviele.

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Und dann ist da noch ein Rezeptheft mit in der Plastiktüte verschweißt, das Foodie heißt, komplett jamiefiziert und hipstergestylt ist und aussieht wie die pubertäre Tochter des Feinschmecker. Sie sind ein kleines bisschen Vorort, die beiden: Die Mutter nicht ganz so weltläufig, wie sie denkt, die Tochter nicht ganz so Punk, wie sie gern den Anschein wecken würde, aber letztlich sind sie keine unsympathische Familie.

„Der Feinschmecker“ (samt gratis „Foodie“)
Ganske Verlagsgruppe
monatlich
9,95 Euro

19 Kommentare

  1. Ich sehe meine Zukunft hier nicht unbedingt nachhaltig als PC-Nörgler, aber: sizilianische Familie als Mafiaclan inszeniert? Ja. Zauberhaft.

  2. @Dietmar: Nun ja. Ich würde einerseits gerne betonen, dass ich hier kein Riesenbuhei machen will wegen eines müden Witzes, und das Foto sogar tatsächlich cool aussieht, aber andererseits ist Selbstironie doch was anderes ist als ein rassistisches (oder nationalistischer? Ich würde der Einfachheit halber bei Rassismus bleiben, weil mir kein besserer Begriff einfällt.) Klischee, das ja keineswegs nur die Gelatos betrifft, sondern alle Menschen sizilianischer bis italienischer Abstammung.

  3. @Muriel

    Davon ausgehend, dass die Familie für das Photo kein „Angebot erhalten hat, das sie nicht ablehnen konnte“…meinst Du nicht, dass die Eistüten das Klischee ausreichend brechen. ?! Die Gelatos sind wohl dieser Meinung gewesen, haben sich wahrscheinlich köstlich beömmelt darüber.

    Rassistisch, nationalistisch ?

    Das Problem mit der PC – der ich im übrigen gar nicht mal ablehnend gegenüberstehe – ist: sie hat häufug absolut keine Antenne für Ironie, Witz und „tongue-in-cheek“.

  4. @Dietmar: Das ist so ein gängiges Klischee, das sicher nicht nur, aber auch daher Kraft bezieht, dass viele (Ich sag der Einfachheit halber mal) PC-Kritiker keine Antenne dafür haben, dass man was witzig und trotzdem problematisch finden kann.
    Wie gesagt, mir gefällt das Foto in gewisser Weise, und ich hätte vielleicht auch mitgemacht, aber es ist trotzdem schwierig, dass Sizilianer(innen) permanent als Mafiosi dargestellt werden müssen. Und ich finde, wenn man ernsthafte Medienkritik betreibt, kann man das zumindest erwähnen und problematisieren, wenn man schon das Foto lobt.

  5. @Autor: Grandios! Ich habe mich seit langer Zeit nicht mehr so über eine Textstruktur gefreut, wie über Ihre Schleife mit dem Hoteltester. Das war virtuos!

  6. Müssen sie ja nicht. Aber wenn eine sizilianische (!) Familie augenscheinlich Spaß daran hat mit diesem Klischee (das ist eins, ohne Zweifel) zu spielen, warum soll ich ihnen vorschreiben, ob sie das dürfen und wenn ja, wie. Und warum sollte ich dann neben dem Spaß ein Problem damit haben?

    Das käme ja fast ein bißchen paternalistisch ‚rüber…und das ist ja dann erst recht ’n Problem.

  7. @Dietmar: Diese Fragen sind sehr berechtigt. Wo kommt denn die Idee her, man müsste irgendwem was vorschreiben?
    Warum ich da ein Problem sehe: Weil das Klischee nicht nur die Personen betrifft, die das Foto machen, sondern alle Menschen sizilianischer Abstammung.

  8. @Muriel
    Nach der Logik dürfte ich keine klischeebehafteten „Witze“ über Ostfriesen, ca. 60jährige, Männer und Leute, die ‚Dietmar‘ heißen machen…ich habe bestimmt noch potentiell Betroffene vergessen. Mach‘ ich aber trotzdem…ich nehme mir das Recht, mich selber zu veralbern. Wenn sich andere Merkmalsträger den Schuh dann verkehrt ‚rum anziehen ist das ein vertretbarer, weil minimaler, Kollateralschaden.

  9. @Dietmar: Ja, das ist ein Argument, das man öfters hört im Kontext von „black lifes matter“ vs „all lifes matter“, oder „Diskriminierung“ von Männern. Es ist aber ein Unterschied ob eine tatsächliche Diskriminierung im Sinne einer systematischen Benachteiligung/Ausgrenzung vorliegt oder eben nur ein Scherz auf Kosten anderer. Das betrifft dann eben auch Klischees, die wir selber eigentlich hinter uns gelassen haben (hysterische Frauen, dumme Provinzler, fadenscheinige Sizilianer/Juden/Araber). Wenn man sie wiederholt hält man sie nur unnötigerweise in Bewusstsein und verstärkt sie eventuell bei Leuten, die sich keine Gedanken über so etwas machen. Also, gerne Witze über Dietmars oder BMW-Fahrer, auch Witze über gestikulierende Italienier, kein Problem.
    Im übrigen finde ich das Photo mit den Sizilianern nicht weiter schlimm, aber als jemand der viel beruflich in Sizilien zu tun hat, kann ich Ihnen versichern, dass solche Klischees in den Köpfen auch junger Deutscher noch sehr tief sitzen.

  10. @Dietmar: Wie ich schon schrieb, geht es mir nicht darum, ob jemand etwas darf.
    Und wie HH59 schon schrieb, geht es auch nicht darum, ob andere Merkmalsträger über etwas lachen können.
    Aber wie man daran ja eigentlich erkennt, ist dann wohl auch alles gesagt, und mir bleibt noch, mich für die Unterhaltung zu bedanken und alles Gute zu wünschen. Horrido.

  11. Eigentlich geht mir PC-Kritik am Hintern vorbei – ich habe einen Laptop.

    Sizilianer dürfen sich nicht mehr über sizilianische Klischees lustig machen? Wasnquatsch.

    Neulich kam ein Kollege aus dem Urlaub zurück. Ich fragte ihn am Telefon: Wie war’s?
    Er: Ich bin schön braungebrannt.

    (Was man wissen muss: Der Mann ist schwarzer Amerikaner)

  12. Ja, das ist in der Tat Quatsch. Wie ich ja auch schon mehrfach schrieb.
    Manchmal frage ich mich, wie das kommt, dass man zu manchen Themen noch so oft erklären kann, was man meint, und es interessiert niemanden. Empörung hat halt irgendwie auch ihren ganz eigenen Reiz, und Relativierung und Einsicht schmälern den bloß, schätze ich…

  13. Ach, Muriel, wo lesen Sie denn Empörung?

    Doch nicht bei mir – und ich auch nicht bei Ihnen.

    Die Sensibilitäten sind halt ungleich ausgeprägt.

    (Und das Wort „Neger“ habe ich ganz bewusst vermieden – weil es tatsächlich diskriminiert. Das verwende ich nur, wenn ich meine Kinder provozieren will.)

  14. “Sizilianer dürfen sich nicht mehr über sizilianische Klischees lustig machen? “
    Das hab ich als Ausdruck einer gewissen Empörung gelesen, unter anderem auf Basis der Annahme, dass ohne halbwegs starke Emotionen ein Bezug auf den tatsächlichen Inhalt meiner Kommentare gelungen wäre.

  15. Das war eine schwer zugespitzte Zusammenfassung Ihrer ersten Anmerkung.
    Man könnte es natürlich auch so zusammenfassen: „Auch die Verballhornung von Klischees perpetuiert dieselben.“
    Was auch stimmt.
    Ich bin halt einer, der lieber einen Freund als einen Witz verliert.
    Oder grundsätzlich: Verlachen schadet Klischees, Vorurteilen etc. mehr als Verschweigen.

  16. Ich finde, es war eine eher irreführende Entstellung meiner bisherigen Beiträge, und das wird nicht besser dadurch, dass man als Vertreter der „Hey, aber ihr seht schon, dass es da auch ein Problem gibt, über das man zumindest nachdenken sollte…?“-Fraktion IMMER gefühlte drei Viertel seiner Beiträge darauf verwendet, zu erklären, dass man NICHT die „Jeder, der … sagt, muss umgehend bei der GePCPo gemeldet und in das nächstgelegene Umerziehungscamp überführt werden“-Fraktion ist, nur damit dann wieder jemand schreibt: „Ja, aber man wird doch wohl noch n Gag machen dürfen, meine Güte!!!“

    „Oder grundsätzlich: Verlachen schadet Klischees, Vorurteilen etc. mehr als Verschweigen.“
    Erstens: Hast du dafür eine Quelle?
    Zweitens: Sogar wenns teilweise stimmt (Ich bin ja jederzeit für Humor, auch wenns ein bisschen weh tut.), sind wir uns doch sicher vom Grundsatz her einig, dass man nicht viel gegen das Vorurteil tut, Polen würden Autos klauen, indem man permanent öffentlich Witze drüber macht, dass ja jeder weiß, dass alle Polen Autos klauen, und dass man sich mindestens überlegen sollte, in welchem Umfeld und auf welche Weise man Witze über Minderheiten macht.

  17. Naja, wenn die Polen selbst Witze über den Fahrzeugklau machen (würden), dann sähe die Sache doch ein wenig anders aus als wenn die Witze in der deutschen BILD stehen. Und darum ging’s.

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