Die Aktualität des Erinnerns

22 Prozent der 14- bis 29-Jährigen wissen nicht, dass Auschwitz ein Vernichtungslager war.

Fast 7 Prozent der 35- bis 54-Jährigen in Deutschland haben laut einer CNN-Umfrage noch nie vom Holocaust gehört.

Laut einer Studie des jüdischen Weltkongresses hegt jeder vierte Deutsche antisemitische Gedanken, was sich mit den Ergebnissen der CNN-Umfrage deckt, in der ein Viertel der Deutschen sagt, Juden hätten zu viel Einfluss in Finanzen, und ein Fünftel, sie hätten zu viel Einfluss in den Medien.

15 Prozent der AfD-Anhänger glauben laut einer Forsa-Umfrage an die „Auschwitz-Lüge“, also daran, dass es nur Propaganda der Siegermächte sei, dass Nazis Millionen von Menschen umgebracht haben; 42 Prozent der AfD-Anhänger denken, dass Deutschland wieder einen Führer brauche; 64 Prozent der AfD-Anhänger finden, dass „die Juden Geld von Deutschland kassiert“ hätten und dass „damit jetzt genug“ sei.

Statistisch gesehen hat das Täterland derzeit weniger Ahnung von seinen Taten als in den vergangenen Jahren. Wir sind dümmer oder vergesslicher geworden – oder wollen es sein. Zu der Unwissenheit kommt, dass wir uns an das, was wir eigentlich wissen müssten, falsch erinnern. Die eigene Erzählung deckt sich aus unterschiedlichsten Gründen nicht mit der historischen Vergangenheit oder kann statistisch nicht stimmen: In der Untersuchung „Trügerische Erinnerungen – Wie sich Deutschland an die Zeit des Nationalsozialismus erinnert“ befragten die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ und die Universität Bielefeld über 1000 Personen nach ihrer Meinung über Täter, Opfer und Helfer während des Zweiten Weltkriegs. 17,6 Prozent der Befragten gaben an, dass unter ihren Vorfahren Täter waren, genau so viele Personen (18 Prozent) sagten, ihre Vorfahren hätten in dieser Zeit potenziellen Opfern geholfen. Mehr als die Hälfte berichtet, dass unter ihren Verwandten Opfer waren.

Gleichzeitig nehmen antisemitische Straftaten zu. 2018 zählte das Bundeskriminalamt 1799 solcher Delikte, das entspricht einer Zunahme von 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Am 9. Oktober 2019 verhinderten allein die Türen der Synagoge und die Ladehemmung der selbstgebastelten Waffe, dass es bei einem Anschlag in Halle zu einem Massaker kam – die Umsichtigkeit der jüdischen Gemeinschaft und der Dilettantismus des Täters.

Und, achja, gestrige Breaking-News: Über 500 Soldaten bei der Bundeswehr stehen unter Rechtsextremismusverdacht.

Vergessen verhindern

Das Verständnis für unsere Geschichte, nein genauer: das Verinnerlichen unserer kollektiven, kulturellen Vergangenheit ist zu jeder Gegenwart ethische und gesellschaftspolitische Pflicht – aufgrund aktueller Studien aber vielleicht mehr denn je. Zwar wird stets vom Erinnern gesprochen, aber oftmals wird das Wort nicht im Sinne von Erinnern gemeint, sondern als Gegenpol zum Vergessen. Wir meinen eigentlich „Vergessen verhindern“, wenn wir uns „erinnern“ sagen. Never forget. Man erinnert sich zudem nicht an die „Geschichte“ an sich, sondern an die mediale Präsentation und Aufbereitung historischer Momente, ihrer Töne, Texte und Bilder – weshalb JournalistInnen so wichtige Chronisten sind, wenn es darum geht, das Vergessen zu verhindern.

So schreiben Aleida und Jan Assmann in „Das Gestern im Heute. Medien und soziales Gedächtnis“ über den Auftrag der Medien:

„Für die Hegung eines Speichergedächtnisses und die Eintreibung von Erinnerungsschulden besitzen nicht zuletzt Medien hervorragende Bedeutung. Über den gesetzlich verankerten Programmauftrag von Bildung, Information und Unterhaltung hinaus fällt ihnen damit noch ein weiteres Ressort zu: die Erinnerung.

Dokumentieren ist auch deshalb gegenwärtig wichtiger denn je, da die letzten Zeitzeugen bald das Erlebte nicht mehr unmittelbar teilen können. Wenn wir Berichte aufzeichnen, denken wir die Sterblichkeit ihrer ErzählerInnen immer schon mit; jedes Protokoll ist also auch der Versuch, Unsterblichkeit zu schaffen.

Unverzichtbare Augenzeugenberichte

Vielleicht ist der Augenzeugenbericht und das aufgezeichnete Gespräch, sogenannte „Oral History“, die Form, die am wenigsten an der Herausforderung scheitern muss, die Unbeschreibbarkeit des Holocaust zu beschreiben. Wie übersetzt man das Undenkbare, wenn jede Vermittlung nicht im Entferntesten dem Grauen gerecht werden kann?

Ein Roman über Auschwitz sei entweder kein Roman oder handle nicht von Auschwitz. Mit dieser Aussage fasst der Autor und Holocaust-Überlebende Elie Wiesel das Dilemma der ästhetischen und inhaltlichen Vermittlung der Shoah zusammen.

Auch Susan Sontag arbeitet sich in ihrem Werk „Das Leiden anderer betrachten“ in Bezug auf Fotografie an diesem Dilemma ab. Wie kann man Elend zeigen, wenn man es zeigen muss, um davon zu erzählen, ohne aber einerseits Voyeurismus zu bedienen und andererseits den Betrachter vor Entsetzen emotional bis hin zur Empathielosigkeit zu lähmen?

Die protokollierten Erzählungen der Überlebenden machen Historiografie konkret, sie machen aus einer entmenschlichten, anonymen Masse industriell Ermorderter wieder Menschen.

Und unabhängig von jedem historischem Bildungsauftrag: Das Schicksal der Opfer zu würdigen, ist ethische Pflicht.

Durch die journalistische Würdigung der Erinnerungen und Zeitenzeugenberichte von Überlebenden bis in unsere Gegenwart aktualisieren wir Geschichte nicht nur, sondern wir vergegenwärtigen auch die Notwendigkeit von Geschichtsschreibung.

Während die journalistische Produktion einer Nachricht das Abarbeiten an einer Wirklichkeit ist, die gerade in Echtzeit entsteht, ist die Aufzeichnung das Herausarbeiten einer Vergangenheit, die uns durch die Vergegenwärtigung so erst überhaupt im Jetzt erreichen kann. Die Berichterstattung macht aus Geschichtsschreibung Aktualität. Das heißt, wir verhindern nicht nur das Vergessen durch die Zeitzeugen; ihre Erzählungen werden gleichermaßen zum Teil einer Nachrichtenwirklichkeit, der direkten Einfluss auf unsere unmittelbare Zukunft nimmt.

Es reicht also nicht nur der Zeitzeugenbericht, es braucht den Zeitzeugenbericht als Nachricht, immer wieder, um Geschichte zur Aktualität zu machen, denn Geschichte kann immer nur in der Aktualisierung der Geschichtsschreibung geschrieben werden.

Heute vor 75 Jahren ist Auschwitz befreit worden. Deshalb möchte ich das Augenmerk auf die Berichterstattung legen, welche die Geschichten der Überlebenden teilt und die Schicksale der Opfer dokumentiert. Lesen Sie, teilen Sie, erzählen Sie Ihren Kindern, Verwandten, Freunden davon, verbreiten Sie, was diese Menschen erfahren haben.


Für das „Zeit-Magazin“ hat Nicola Meier die Geschichten von Ruth Webber, Miriam Ziegler, Gabor Hirsch, Paula Lebovics und Marta Wise aufgeschrieben. Sie sind fünf der Kinder auf dem Foto, das nach der Befreiung von Auschwitz gemacht wurde.

Marta Wise: „Da war eine junge Frau mit einem Baby. Ein Mann sagte: Geben Sie das Baby einer alten Frau. Weil sie mit dem Baby sofort in die Gaskammer käme. Ohne Baby hätte sie noch eine Chance, ins Arbeitslager zu kommen.“

Paula Lebovics: „Sie haben uns in einen Raum gebracht, wir mussten unsere Kleidung auszuziehen, alles. Dann haben sie unsere Köpfe geschoren. Es gibt Dinge, die ich in dem Raum gesehen habe, über die werde ich nicht reden.“

Gábor Hirsch: „Wir wurden mit irgendwelchen Desinfektionsmitteln behandelt, dann erhielten wir unsere Kleidung.“
Paula Lebovics: „Alles, was ich bekam, war eine Bluse. Keine Unterwäsche, nichts. Ich erinnere mich auch nicht an Schuhe.“

Marta Wise: „Meine Schwester Eva bekam Schuhe, hol- ländische Holzclogs, ich bekam nur Lumpen.“

Paula Lebovics: „In dem Lager, in dem meine Mutter und ich untergebracht waren, gab es dreistöckige Kojen. Es war so eng, wenn einer sich umdrehte, mussten sich die anderen auch umdrehen. Ich hoffte, dass ich mich nicht einnässte. Das ging mir durch den Kopf.“

Ruth Webber: „Der Appell morgens konnte eine Stunde dauern, was kurz war, oder vier Stunden. Meine Mutter ging morgens arbeiten. Ich habe sie mal gefragt, was sie machen musste, und sie antwortete, dass sie ein Loch gegraben hätten, in dem sich die Deutschen verstecken könnten, wenn die Russen kämen, es dann aber wieder zugeschüttet hätten, um woanders das nächste Loch zu graben. Es ging wohl hauptsächlich um die Beschäftigung.“

Marta Wise: „Wir hungerten.“

Gábor Hirsch: „Ich habe meine Mutter noch einmal gesehen, als wir beim Frauenlager waren. Ich wollte ihr meine Brotration geben, aber ihr Wille war stärker, sodass ich am Ende noch mit dem Brot meiner Mutter ins Lager zurückkehrte. Das war das letzte Mal, dass ich sie sah.“

Marta Wise: „Ich habe Evas Holzclogs auf die andere Seite des Zauns geworfen, weil mir dafür jemand auf der anderen Seite Brot versprochen hatte. Er hat es mir aber nicht gegeben.“

Ruth Webber: „Eines Abends kam meine Mutter zu mir, sie sagte, sie werde aus Auschwitz in ein anderes Lager gebracht. Ich sagte zu ihr: Nun, es gibt sowieso nichts, was du für mich tun kannst, ich werde sowieso in Rauch aufgehen. Das war kein guter Abschied.“


Maximilian Kiewel hat die Geschichte von Franz Brichta aufgezeichnet, der mit 14 nach Auschwitz kam. Seine Eltern wurden dort ermordet; er überlebte, weil er als Zwangsarbeiter in Mieroszow eingesetzt wurde.

„Dann trat ich nach draußen, sah die Kamine der Krematorien, die Rauch und Feuer ausspuckten. Ich wusste damals noch nicht, was der Rauch und der Qualm zu bedeuten hatten. Dann sagten mir andere Häftlinge, dass alle Menschen vergast und ihre Körper verbrannt wurden. Da schaute ich auf die Schornsteine und dachte: Mama, wo bist du? Welche dieser Flammen bist du? Ich sah es und fühlte nichts mehr. Ich war taub.“

Auf 54 Seiten hat die damals 14 Jahre alte Sheindi ihre Erfahrungen unter Lebensgefahr aufgeschrieben. Sie wurde 1944 von den Nazis nach Auschwitz deportiert, ihre Familie ermordet. Nach 14 Monaten wurden Sheindi und ihre ältere Schwester befreit.

„Mir tun der Rücken und die Hände so sehr weh. Ich muss mich nicht anziehen, weil ich in meiner Kleidung geschlafen habe. Ich will mich waschen, aber es gibt kein Wasser. Wie schön wäre es, wenn wir das alles nur nur träumen würden, aber nein, solches sollte man nicht mal träumen.“


Vor fünf Jahren hatte der „Spiegel“ für sein Projekt „Die letzten Zeugen von Auschwitz“ mit 19 Überlebenden gesprochen und ihre Geschichten aufgezeichnet. In der vorletzten Ausgabe haben sie zwölf von ihnen noch aufgesucht und festgehalten, was diese zum Weltgeschehen heute sagen. Einer von ihnen ist Ra­phaël Es­rail:

„Bis heu­te habe er noch nie ein Stück Brot weg­ge­wor­fen. Manch­mal, wenn er Men­schen in lan­gen Män­teln sehe, auf dem Bou­le­vard, in der Bä­cke­rei, müs­se er sich ab­wen­den, so leb­haft sei sie plötz­lich, die Er­in­ne­rung an die Na­zi­scher­gen.

Im ver­gan­ge­nen Jahr ist Es­rail noch ein­mal nach Ausch­witz ge­reist. Als er vor dem Block 11 stand, To­des­block ge­nannt, brann­ten ihm die Au­gen. Für ei­nen kur­zen Au­gen­blick war er, 2019, nicht der Über­le­ben­de Ra­phaël Es­rail. Nicht der Mann, der es sich zu sei­ner Auf­ga­be ge­macht hat, da­von zu er­zäh­len, was Men­schen an­de­ren Men­schen an­tun kön­nen. Son­dern wie­der der Häft­ling. ‚Ver­dammt dazu, aus­ge­löscht zu wer­den.‘ Für ei­nen kur­zen Au­gen­blick sei wie­der al­les da ge­we­sen.“


Éva Fahidi wurde mit 18 Jahren deportiert und überlebte als einzige aus ihrer Familie. 59 Jahre lang hat sie nicht darüber gesprochen.

„Nach der Befreiung 1945, nach den erfolglosen Versuchen, ihre Familie wiederzufinden, als sie schon wusste, aber nicht verstehen wollte, dass alle umgebracht worden waren, fuhr Éva Fahidi nach Hause, durch das zerstörte Europa. Es dauerte Wochen. Im November stand sie vor ihrem Haus in Debrecen. Jemand Fremdes machte die Tür auf, jemand Fremdes interessierte sich nicht dafür, dass das ihr Haus war. Jemand Fremdes schickte sie weg, weil in diesem Haus schon jede Menge Menschen lebten.“


Regina Steinitz hat als jüdisches Mädchen in Berlin den Nationalsozialismus überlebt. Heute ist sie 89.

„Ich war wütend, dass alle gesagt haben, sie wissen von nichts. Denn sie wussten vielleicht nicht von Auschwitz. Aber die Kristallnacht, die hat jeder gesehen, jeder hat davon gewusst. Oder dass die Bücher verbrannt wurden! Und dass man die Juden abholte! Und die Wohnungen leer waren! Und Leute, deren Häuser bombardiert worden waren, dort einzogen, in die jüdischen Wohnungen! Da stand noch das Essen auf dem Tisch. Das hat niemand gewusst?! Man redet immer über die Nazis. Das kann ich so nicht vertragen. Es gab nur Nazis und Nichtnazis. Was ist das für eine Quatscherei!“


Ivar und Dagmar Buterfas-Frankenthal erzählen in der „taz“ von den Schikanen und Gewalt, die sie in Nazi-Deutschland über sich ergehen lassen mussten:

„Ich wache jede Nacht davon auf. Ein Hauptalbtraum ist: Ich wurde 1938 in der Schule am Rhiemsweg eingeschult. Als ich sechs Wochen da war, gab es eine große Versammlung auf dem Schulhof. Es waren ungefähr 500 Schüler und Schülerinnen angetreten, die größeren hatten schon ihre Hitlerjugend- und BDM-Uniformen an. Dann haben wir unter der Hitler-Fahne das Horst-Wessel-Lied gesungen, dann war alles stumm, der Schulleiter stand auf der Freitreppe – die gibt es heute noch. Er rief: ‚Buterfas, tritt’ hervor. Du weißt, warum du hervortreten musst? Dein Vater ist Jude, pack’ deine Sachen, verschwinde und lass dich nie wieder sehen!‘ Die anderen Kinder guckten, dann ging es los: ‚Jude, Jude‘. Sie haben mir mit einer Zigarette ein Loch ins Bein gebrannt. Ich wusste nicht mal, was ein Jude ist.“


Leon Schwarzbaum wurde mit 25 Jahren im Konzentrationslager Auschwitz interniert, seine gesamte Familie wurde dort ermordet. Er hat erst mit über achtzig über seine Zeit dort gesprochen, weil er es als seine Pflicht ansieht, aufzuklären.

„Jede Bewegung, jedes falsche Benehmen konnte ein Todesurteil sein. Ich habe gesehen, wie die Transporte kommen. Zu Fuß sind die Menschen am Stacheldraht vorbeimarschiert. Der Stacheldraht war gespickt mit Strom. Und morgens, wenn ich aus meiner Baracke kam, da sah ich manchmal, wie Menschen so im Draht hängen. Die waren schon tot, durch den Strom. Ich habe gedacht: Du musst hier weg. Du kannst hier nicht bleiben. Seelisch geht man da ein. Die Transporte, die laufend kamen, der Gestank, die Musik, die spielte, das war ja so wie Dantes Inferno. Die Kommandos, die abends wieder zurückkamen von der Arbeit. Die hatten immer am Ende der Kolonne vier bis fünf Tote.“


Bald werden die Zeitzeugen nicht mehr da sein, um uns persönlich an unsere historische Verantwortung zu Erinnern. Wir müssen verhindern, dass Revisionisten und Geschichtsverdränger die Lücke, die diese Menschen in unserem kollektiven Gewissen hinterlassen werden, mit ihrer „Schuldkult“-Rhetorik einer ersehnten „erinnerungspolitischen Wende“ besetzen. Wir haben eine Partei im Bundestag, die keine Schulbesuche in Gedenkstätten mehr möchte und die Zeit des Nationalsozialmismus als „Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ bezeichnet.
Wir müssen das Verdrängen verhindern.

19 Kommentare

  1. @ Übermedien:

    Freundlicher Hinweis: Dieser Artikel ist schon freigeschaltet, stattdessen ist die Kolumne von letzter Woche noch nicht kostenlos lesbar. Ich vermute das ist durcheinander geraten.

    Oder gibt’s diesmal aus Bildungsgründen keine Bezahlschranke? :-)

  2. Eine Aktualisierung der Geschichtsschreibung muss aber auch über das Erhalten der Erinnerung hinausgehen.
    Wir müssen uns nicht nur damit beschäftigen, was in den Vernichtungslagern oder Konzentrationslagern vorgegangen ist.
    Wir müssen uns eben im Sinne einer Aktualisierung der Geschichtsschreibung damit beschäftigen, was anschließend für Opfer und gegen Täter getan wurde.
    Die Art wie ein Hans Globke in der Ära Adenauer Karriere machte, wie zögerlich und nur unter Druck der Öffentlichkeit Kurt Lischka dann doch noch von der deutschen Justiz verurteilt wurde, die Tatsache, dass Eichmann von den Israelis gerichtet wurde, obwohl der deutsche Geheimdienst wusste, wo er sich befand, dass alles sollte ebenfalls nicht vergessen werden, oder?

  3. Vielen Dank für die Zusammenstellung!

    @Jub 68
    Es gab natürlich ein Davor und ein Danach. Darüber wurde und wird berichtet. Aber vielleicht sollte man sich dieses Jahr auf die Verbrechen selbst konzentrieren.

    Als alternativer Lesetipp: Der Comic „Maus“ von Art Spiegelman, dem Sohn eines Überlebenden.

  4. Bei diesen Zahlen ist man ratlos. Wie kann man sich dem so entziehen, dass man davon noch nie etwas gehört hat?
    Ich weiß nicht so recht, ob ich erschrocken über die Zahl sein soll oder ob man sie besser als eine Art Naturkonstante des kollektiven Bewusstseins deutscher Grobklotzigkeit deutet, anhand derer man extrapolieren kann, wann die Gesellschaft sich wieder in einer demokratischen Wahl für so eine üble Gesellschaft entscheidet. Zitate von AfDlern schieben so ein Szenario tatsächlich wieder in den Ereignishorizont. Gestern Abend im „Bericht aus Berlin“ gab es vom „Lügensender“ ARD ein paar Beispiele zum Besten, in denen alleine die Zitate für sich sprachen. Aber das ist hier nicht das Thema.
    Wem die persönlichen Erzählungen von Holocaust-Überlebenden über die Normalität der Grausamkeiten nicht ausreichen, um eine Vorstellung dessen zu bekommen, was hier passiert ist, kann sich noch das kompakte Buch „Konzentrationslager Dokument F 321“ unter das Kopfkissen legen: eine Sammlung von Aussagen von KZ-Insassen (für den Nürnberger Prozess). ca. 320 Seiten dick – das reicht aus, um sich ein Jahr lang jeden Abend eine Seite zu Gemüte zu führen. Eignet sich auch zum verschenken. Man wird damit sicher nicht der Lieblingsonkel – aber man erinnert.
    Oder „Shoa“ – von Claude Lanzmann, ein klasse Werk, das hängen bleibt.
    Es gibt genug zu sehen und es versteckt sich nicht.
    Und ich stimme JUB68 zu: um eine Ahnung zu bekommen, was heute passiert, lohnt es sich die 50er und 60er und die Arbeit von Fritz Bauer zu Gemüte zu führen.

  5. Ob es viele Leute gibt, die so „geschichtsvergessen“ sind, dass die davon nie etwas gehört haben wollen, weiß ich nicht.
    Aber die Relativierer haben davon gehört. Sonst könnten sie’s nicht relativieren.

  6. Danke vielmals. Der Artikel ist sehr schön verfasst und das Thema ist wirklich aktueller denn je und an Brisanz kaum zu übertreffen. Wir vergessen leider wirklich Vorkommnisse, die nicht vergessen werden sollten oder verändern unbemerkt unsere Erinnerungen, was sogar noch gefährlicher ist.

    Warum es eine so ausgeprägte Dissonanz gibt, zwischen vermeintlichen und tatsächlichen Opfern, in den Reihen unserer Vorfahren, sollte eigentlich nicht überraschen. Wer möchte schon gerne ein Nachkomme von Hitlers Helfern sein? Wer möchte sich den damit verbundenen Fragen stellen? Im Gegenteil, wer sich in den Kreis der Opfer einzupflegen vermochte, der konnte eher positive Aufmerksamkeit, Mitgefühl und Unterstützung erhalten. Die Nachkriegszeit war sehr entbehrlich. Fast alles auf dem Speiseplan wurde im ersten Winter aus Rüben gemacht, wurde mir aus erster Hand berichtet. Rübenkuchen, Rübensuppe, Rübensaft, Rübenkaffee, Rübenalles. Viele Frauen und Kinder hatten keine Männer und Väter mehr oder noch nicht wieder. Der Mensch lebt auch für den Lustgewinn. Und auch wenn wir sehr leidens- und verzichtfähig sind, ganz ohne positive Momente, gehen wir kaputt. Die Lüge, zu den Opfern des NS-Regimes zu gehören, war oft für den Selbsterhalt, eine bittere, aber willkommene Medizin.

    Bei vielen wird das Bewußtsein anfangs noch vorhanden gewesen sein, dass da eine Lüge fortbesteht. Man hat es sich aber schnell in ihr gemütlich gemacht. Und nach und nach wurde vergessen, dass die Lüge eine Lüge ist. Davor ist kaum jemand gefeit. Das steckt in der DNA. Würden müssen vergessen können, um uns neue Dinge zu merken. https://www.tagesspiegel.de/wissen/hirnforschung-auf-das-erinnern-folgt-das-vergessen/11518396.html

    „Wie übersetzt man das Undenkbare, wenn jede Vermittlung nicht im Entferntesten dem Grauen gerecht werden kann?“

    Es gibt kein Medium, welches im Stande wäre eine Immersion perfekt zu realisieren. Das, was passiert ist, sind ja lang andauernde Entmenschlichungs- und Vernichtungsprozesse gewesen. Vielleicht kann sowas in der Zukunft realisiert werden – Gedankentransplantation – aber noch sind wir nicht so weit. Und mal im Ernst: Wer will das wirklich 1 zu 1 nacherleben? Wie ethisch wäre es, ein solches System aufzubauen?

    Dennoch: Heutzutage haben wir schon gute Chancen die Kernelemente spürbar am leben zu erhalten. In der virtuellen Welt ist inzwischen fast alles möglich. Die Detailtiefe, die zu programmieren wir im Stande sind, ist atemberaubend. In entwickelten Simulationen, insbesondere im Gamingbereich, lässt sich schon jetzt die echte Welt komplett vergessen, wenn man erst einmal eingetaucht ist. Fast alle Sinne können stimuliert werden. Besonders wichtig hierbei: Das bewegte Bild. Unsere Augen haben die einzige ‚Breitbandanbindung‘ ans Gehirn. Und Bildmanipulation beherrschen wir ganz hervorragend.

    Wir sollten mit Überlebenden zusammen anfangen Datenstrukturen zu erzeugen, die wiederspiegeln, was passiert ist. Am besten mit VR-Technik.

    Wir haben gerade 9 Mrd. Euro Haushaltsüberschuss zur Verfügung. Warum nehmen wir die nicht in die Hand dafür? Wie könnte Deutschland das Vergessen besser verhindern? Mir fällt nichts ein.

  7. Just heute erklärte mir ein Arbeitskollege, dass die USA den (sic!) Coronavirus patentiert haben und man wüsste ja, dass die Amis die Chinesen ausrotten wollen.
    Ich schickte ihm einen mimikama Link … Einzige Antwort: Ne so eine Werbeseite gucke ich mir nicht an, zwinker.

    Ne, sorry, so Lappalien wie Vernichtungslager interessieren da nicht. Man möchte lieber nach vorne schauen.

  8. @Anderer Max
    Haben Sie sie oder ihn auf den Gedenktag angesprochen? Es wäre eine gute Gelegenheit gewesen, das Thema ins Gedächtnis zu rufen oder gemeinsam zu ergründen. Man kann den Gedenktag bzw. das Thema ja, auch obwohl man auf der Arbeit nicht darüber spricht, als wichtig erachten.

    Die Verantwortlichmachung der USA ist ohne Belege unfraglich total daneben und stumpfer ekliger Antiamerikanismus und doppelt dumm. Das verwässert zusätzlich auch das Feld für echte und relevante Kritik an der US-Politik. Die (Un)Logik dahinter nennt sich Bestätigungsfehler oder Confirmation Bias. https://de.wikipedia.org/wiki/Bestätigungsfehler

    Just an FYI: Der Duden sagt „Virus, das oder der“. https://www.duden.de/rechtschreibung/Virus
    Entsprechend ist im Akkusativ ‚den‘ oder ‚das‘ auch OK.

  9. @10: „ein“ Coronavirus, nicht „das“ Coronavirus, das meinte ich ;)

    Mir geht es um das Timing. Pünktlich zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz entdecken die Faschos nun den Coronavirus als deren wichtigstes Thema. Wer’s glaubt.

  10. @anderer Max:
    Ja, das ist aber nicht Vergessen, Verdrängen oder Verleugnen. Das ist Abstumpfung, weil da jemand ernsthaft denkt, dass jemand einen Völkermord plant, aber das mehr achselzuckend zur Kenntnis nimmt.

    Oder es ist Ablenkung, wenn Ihr Kollege weiß, dass das nicht stimmt. Jede Erinnerungskultur hat Ihre Grenzen.

  11. @Anderer Max #11
    >>„ein“ Coronavirus, nicht „das“ Coronavirus<>nun den Coronavirus als<< :D

    Ich finde, man kann schon |der, das, den| sagen, weil es ja im Moment nur die eine Instanz gibt, die Thema ist und rumgeht.

    Und Thema… oh je… ist sie wirklich. Faschos haben auch schon die Ursache dingfest gemacht. Offene Grenzen. Sellner und die AfD voran. Der Rest der dämlichen Rasselbande hinterher.

    Die wollen sowas wie die DDR oder schlimmer noch, das NS-Reich. Ich habe keine Zweifel mehr.

  12. Meine gute Tat heute: ich war Erklärbär:
    ich kam mit einem der 22% 14 – 29 Jährigen über den Montag ins Gespräch, genaugenommen einem 14 Jährigen. Ah, sagte ich, der Tag der Befreiung des KZ Auschwitz durch sie Sowjets. Es sagte ihm nichts.
    Jetzt weiß er’s. (sie nehmen gerade den 2. Weltkrieg durch und da waren sie vielleicht noch nicht am Ende des Krieges – wer weiß).

    Das Zitat aus der Bildzeitung weiter oben im Artikel hat übrigens die Aufmachung einer Reportage über Petra R aus Wanne-Eickel, die sich Sozialhilfe erschlichen hat. Sie können halt nicht anders, die Springers. Nun ja: wenn es der Sache dient.

  13. Man begegnet bei dem Thema Erinnern an „Auschwitz“ , Holocaust, Shoa auch immer wieder, und nicht allzuselten, den Floskeln „..andere waren genauso schlimm…aber Stalin…, und die Kulturrevolution in China…. – und noch mehr Tote „… – die das schamlos in die Arithmetik einer Anzahl der Toten hineinstellen und damit relativieren.
    Und dieser Punkt der Einzigartigartigkeit des Geschehens (bis dato) gehört untrennbar in die Erinnerungskultur eingearbeitet.
    Ein Deutschland, das sich dem „Nie wieder“ verpflichtet fühlt, hätte diesen Tag bereits auf Kosten des kreuzdämlichen Volkstrauertags etabliert und das Kriegsende zu einem Feiertag gemacht(und das auf Kosten eines der unsäglichen kirchlichen Feiertage).
    Das wäre Erinnerungskultur!

  14. Mir wäre es eher wichtiger, wenn in den Schulen mehr auf die aktuellen rechtsradikalen und antisemitischen Probleme in Deutschland eingegangen würde. Mal in Religion besprechen warum in Berlin ein Mann mit Kippa angegriffen wurde anstatt zum hundertsten mal die NS Zeit durchzukauen.

    Nicht falsch verstehen: Ich will das Thema nicht vom Bildungsplan streichen! Aber wenn Ich an meine Schulzeit zurückdenke, dann haben wir das Thema von der 5. bis zur 10. Klasse jedes Jahr mindestens einmal in Geschichte behandelt und da der Unterricht in Religion immer so aussah dass uns der Lehrer abstimmen hat lassen was wir machen wollen, wurde auch da jedes Jahr die NS Zeit behandelt. In sechs Jahren weiterführender Schule kam das Thema also ca. 12 mal dran. Irgendwann kann man es dann als Schüler nicht mehr hören und es nervt einen einfach nur noch. Das kann aber doch nicht der richtige Ansatz sein, dass man Schüler dazu bringt von so einem wichtigen Thema gelangweilt zu sein.

    Nun gut, jetzt bin Ich auch schon 15 Jahre aus der Schule raus und weiss nicht wie die Bildungspläne und Lehrthemen heute aussehen, aber Ich finde genauso wichtig wie die NS Zeit sollte der wachsende Antisemitismus und Rassismus der Jetztzeit Thema sein.

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