Ein atemberaubender Podcast über einen gigantischen Betrug

„Wenn ich gewusst hätte, was ich durchmachen muss, hätte ich das ganze nie öffentlich erzählt.“
„Aber wovor genau hattest du Angst?“
„Dass sie mich erschießen.“
Pause.
„Ernsthaft?“
„Ja.“

Dieser Dialog ist nicht gespielt. Er stammt weder aus einem Krimi noch aus einem „Tatort“. Er ist echt. Er stammt aus dem Gespräch eines Journalisten mit einem Whistleblower, der darauf hingewiesen hatte, dass die angebliche Kryptowährung „OneCoin“ wohl ein betrügerisches Schneeballsystem ist. Er sagt es ganz leise. Ohne jede Theatralik. Und es lässt einem den Atem stocken – ein Effekt, der im Podcast „The missing Cryptoqueen“ häufiger auftritt.

„OneCoin“ könnte sich zum größten Betrug des Jahrzehnts entwickeln. Ausgedacht hat ihn sich ganz offenbar: Dr. Ruja Ignatova. Die Bulgarin gilt als der Kopf hinter „OneCoin“ und machte aus der Idee einen Hype. Hunderttausende investierten. „OneCoin“-Events füllten ganze Hallen. „Dr. Ruja“, wie sie genannt wird, sprach weltweit auf Konferenzen. Und dann, eines Tages, im Oktober 2017, als sie vor zahlreichen Anhängern im Congress Center in Lissabon sprechen sollte, da tauchte sie einfach nicht auf – und von diesem Tag an ist sie verschwunden. Wohin? Dieser Frage geht „The Missing Cryptoqueen“ in einer atemberaubenden Recherche nach.

Bislang beziffern US-Behörden den Schaden von „OneCoin“ auf vier Milliarden Dollar. Hörer von „The Missing Cryptoqueen“ wissen: noch. Denn während Jamie Bartlett und Georgia Catt ihren Podcast produzieren, bekommen sie Dokumente zugespielt. Wir als Hörer sind dabei, wie sie sich fassungslos durch die Zahlen wühlen, die Summen zusammenrechnen, und ganz langsam verstehen, was sie da vor sich liegen haben. Die Dokumente zeigen: Vier Milliarden, das ist die Summe, die „OneCoin“ nur auf einem Kontinent und bis zu einem bestimmten Stichtag eingenommen hat. Auf allen anderen Kontinenten lief der Betrug aber auch. Und nach dem Stichtag, ja sogar nach dem Eingreifen der Behörden, lief er immer noch weiter.

„OneCoin“ behauptete, man werde bald die Nr. 1 der Kryptowährungen sein und Bitcoin ablösen. Ahnungslosen Leuten wurden enorme Gewinne versprochen, wenn sie denn früh genug „OneCoins“ kaufen – und mehr als das: Wenn sie andere Leute werben, das gleiche zu tun. Dafür bekamen die, die die neuen Käufer geworben hatten, eine Provision. Und die wiederum bekamen für Leute, die sie warben, Provision. Je weiter oben man in der Pyramide steht, bei umso mehr Leuten verdient man jeden Monat mit. So das Versprechen. Mit einem kleinen Unterschied, den die abertausenden Familienmütter und -väter, die Kleinunternehmer, die muslimischen Gemeinden, die jungen Menschen, die ihre Eltern anpumpten, nicht sahen: Es gab keine Krypto-Währung. Keinen Kurs. Keinen Gegenwert. Alles war ausgedacht.

In „The Missing Cryptoqueen“ fragen sich Bartlett und Catt, wo sie hin ist: Die Frau, die als der Kopf hinter dem ganzen Betrug gilt. Immer größer, immer globaler, immer erfolgreicher wurde die angebliche Kryptowährung – so unglaublich groß, dass die beiden Podcast-Macher zwischenzeitlich sogar spekulieren, ob der bulgarischen Betrügerin, die gern mit großen Diamantohrringen auftritt, das ganze möglicherweise schlicht über den Kopf gewachsen ist.

Kann das sein? Wollte da jemand einfach einen „ganz normalen“ Betrug laufen lassen und wurde die Geister nicht mehr los, die sie rief? Steckt vielleicht doch die bulgarische Mafia dahinter? Und wohin ist sie verschwunden – und mit ihr die Milliarden?

Der Inhalt bestimmt die Dramatik, nicht andersherum

Die Frage bleibt offen, aber man lernt enorm viel in diesem Podcast. Über Kryptowährungen und die Inszenierung von Hypes. Über Journalismus, der manchmal Glück braucht, in jedem Fall aber Geld für Reisen und Anwälte und manchmal einfach nur einen Postboten, der zufällig vorbeikommt. Über Medienrecht: Denn natürlich lässt sich von „OneCoin“ niemand interviewen; die nichtssagenden PR-Botschaften auf die Antworten der BBC-Rechercheure müssen aber natürlich trotzdem eingebaut werden.

Wie bei der BBC nicht anders zu erwarten, ist das hier ein großes Hörvergnügen. Man weiß dort, wie man Audio macht. Darum wird langsam erzählt, es gibt viele Zwischenfazits, immer wieder wird zusammengefasst, ohne dass jemand ins Schwafeln kommt. Der Inhalt bestimmt die Dramatik, nicht andersherum. Und dem Ohr wird einiges geboten: Schaupieler, die Texte vertonen, Sprachnachrichten, Telefonanrufe und Musik, die extra für den Podcast komponiert und von einem Chor eingesungen wurde.

Die allerdings könnte ein bisschen einheitlicher schon sein. Mal hören wir den harten, hölzern-spröden Gesang des Chores, mal einen träumerischen Spieluhr-Sound, mal technisierte Klängen und mal athmosphärische Klangteppiche. So richtig will das alles nicht zusammenpassen. Auch die doch sehr bedächtige, ganz besonders stark staunende Erzählerstimme von Jamie Bartlett, der ein „why?“ oder ein „where?“ auch gern mal auf ein bis zwei Sekunden ausdehnt, ist anfangs gewöhnungsbedürftig.

Echter Journalismus, kein Krimi

Das gibt sich aber schnell, und dann hören wir: eine atemberaubende Geschichte und definitiv einen der besten Podcasts des Jahres. Fast vergisst man beim Durchhören der acht Folgen, dass man hier keinem Krimi und keinem Hörspiel zuhört, sondern echtem Journalismus. Mit dem Mikrofon in der Hand stehen Bartlett und Catt vor der Yacht der verschwundenen Cryptoqueen im bulgarischen Sozopol, vor der Firmenzentrale in Sofia, sie sind mitten in einem absurden OneCoint-Event dabei, sie reisen nach Uganda, um uns zu erzählen, dass die Betrugsmasche zwar hierzulande aufgeflogen sein mag, aber in Afrika gerade erst beginnt. Sie besuchen einen schillernden Typen in den Niederlanden, der so reich damit geworden ist, anderen OneCoin aufzuschwatzen, dass er die Farbe seiner Kleidung, Unterwäsche und Uhr auf die Farbe des Sportwagens abstimmt, den er heute fahren will.

Und: sie fahren nach Deutschland, wo Dr. Ruja vor Jahren eine Metallfabrik aufkaufte, Geld aus der Firma zog und – verschwand. Das Muster ähnelt sich. Nur dass diesmal nicht eine traditionsreiche mittelständische Firma das Opfer ist, sondern hunderttausende Menschen auf der ganzen Welt.

Auch diesmal könnte die Spur zu Dr. Ruja wieder nach Deutschland führen: in die Gegend um Frankfurt. Für deutsche Hörer endet die achte und letzte Folge so auch mit einem fast unerträglich großen Fragezeichen – denn ein Informant meldet sich bei den beiden Journalisten:

„Ich habe überlegt, ob ich euch anrufen soll. Zwei Tage lang. Ihr seid so nah dran. Ihr habt das richtige gemacht, als ihr nach Frankfurt gegangen seid. (…) Sie sieht gut aus, wie eine reiche deutsche Frau. Und sie lacht. Weil sie denkt: Diese Journalisten – fast hätten sie mich gehabt.“


Podcast: The Missing Cryptoqueen
Erscheinungsrhythmus: acht Folgen, alle bereits erschienen
Episodenlänge: 20 Minuten bis eine Stunde

Offizieller Claim: gibt’s nicht
Inoffizieller Claim: Unfassbar!

Geeignet für: alle, die eine Einstiegsdroge ins Podcast-Hören suchen
Nicht geeignet für: Leute, die mit schnell gesprochenem Englisch so ihre Probleme haben

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