Die TV-Zeitschrift von gestern für morgen

Schon lange habe ich mich beim Lesen eines Magazins nicht mehr so jung gefühlt. Und gleichzeitig so alt. Denn wenn man heute um die 30-Jährige fragt, ob sie „Hörzu“ kennen, suchen die vermutlich nach dem nächstbesten Augenverdreh-GIF. Oder zucken einfach mit den Schultern. „Hörzu“?

„Deutschlands erstes TV-Magazin“ existiert immerhin schon seit 1946 und ist damit älter als die „Tagesschau“. Das nimmt der „Hörzu“ niemand mehr, auch nicht die zahlreiche Programmzeitschriften-Konkurrenz. Deshalb plärrt auf dem Cover auch ein gelber Störer: „Nr. 1“! Der passt dort gerade noch drauf, denn das Titelblatt funktioniert nach dem Prinzip: „Einmal mit alles“.

Die optische Grundlage ist immer eine Fotomontage, die das Titelthema mit der Subtilität eines Holzhammers vermittelt. Vorige Woche war es das Brandenburger Tor mit einer draufgeklatschten Deutschlandfahne: BÄM, 30 Jahre Mauerfall. Diese Woche ist es ein bekrönter Röhrenfernseher mit hineinmontierter Judith Rakers: BÄM, das ist also dieses Fernsehen. Hochmodernes Fernsehen. Sogar: „Einfach besser fernsehen“ – so lautet das Titelthema unterm Retro-Rakers-Gerät.

Rundherum geht es krachbunt zu. Das Titelthema ist in zwei Farben gesetzt. Drunter steht:

„STREAMING, TECHNIK, MEDIATHEKEN: DAS MÜSSEN SIE JETZT WISSEN“.

In GROSSBUCHSTABEN und ebenfalls in zwei Farben und auch noch mit einer dritten unterlegt. Ist die Leserschaft der „Hörzu“ schon so schwerhörig, dass man sie nicht nur optisch, sondern auch typografisch anbrüllen muss?

Weitere Titelthemen, unten auf der Seite: Tina Turners 80. Geburtstag (zwei Schriftarten, drei verschiedene Farben), „Ist Deutschland zu dick? – Warum Übergewicht zum Problem wird“ (zwei Schriftarten, aber nur zwei Farben) sowie „Willkommen auf der Blumeninsel: Zauberhaftes Madeira“ (dito).

Zu jedem Anreißer gesellt sich natürlich auch ein Foto, aber immerhin nur eins; vergangene Woche haben sie es in der „Hörzu“-Bildredaktion geschafft, in ein eingeklinktes Bild noch ein weiteres einzuklinken. Muss man auch erst mal machen. Und dann ist da diese Woche auch noch diese Krone, die der Fernseher trägt. Vermutlich war die einfach schon auf dem Stockfoto drauf.

An dieser Stelle überlege ich zum ersten Mal, wer wohl die Zielgruppe der „Hörzu“ sein mag. Wer kauft sich heute noch ein TV-Magazin, um damit den Fernsehabend zu planen? Wer sieht heute überhaupt noch regelmäßig fern? Ist 60+ zu hoch gegriffen? Die Anzeigen sagen eindeutig: nein.

Wenn Ärzte um Testamentsspenden werben

Es wird halt schon einen Grund haben, dass die Organisation Ärzte ohne Grenzen in dieser Ausgabe auf einer ganzen Seite um „Testamentsspenden“ wirbt. Auch der „Hörzu“ sterben eben die Leserinnen und Leser weg. Die Auflage sinkt stetig, inzwischen liegt sie bei knapp über 900.000 Exemplaren. Früher, in der alten Bundesrepublik, verkaufte die „Hörzu“ mal Millionen.

Der durchschnittliche, sagen wir: ältere „Hörzu“-Leser wird also neumodischen Optikkram wie ein aufgeräumtes Layout oder gar Weißraum ohne irgendwas drauf vermutlich gar nicht erst erwarten. Deswegen kann man das Heft auch von vorn bis hinten vollräumen mit Zeug.

Am ruhigsten ist noch die Doppelseite über Tina Turner. Trotz der acht Fotos, die dort untergebracht wurden. Der Text über „Das wilde Partyleben im alten ROM“ hingegen ist mit einem über eine Doppelseite ausgebreiteten Gemälde aus dem 19. Jahrhundert illustriert, auf dem die angeblich „hemmungslosesten“ Stellen umkringelt und hervorgehoben sind, und zusätzlich musste noch die separate Abbildung einer „Öllampe mit erotischem Motiv aus dem 1. Jahrhundert“ mit draufgepappt werden. Sicherheitshalber, weil die Leute auf dem Gemälde dann doch etwas zu unsexy in der Gegend herumliegen.

Was das alte Rom in einer TV-Zeitschrift zu suchen hat, fragen Sie? Nun, am Samstag läuft auf ZDF Neo die Doku „Ein Tag im alten Rom“. Über Tina Turner erzählt am Sonntag eine Doku im ZDF. Und das Interview mit Jürgen Klinsmann passt zu den Fußball-EM-Qualifikationsspielen der deutschen Herrenmannschaft am Samstag und am Dienstag. Auch die große Reportage über Afrikas Elefanten hat ihren Aufhänger natürlich im TV („Wie Elefanten denken“, Freitag auf 3Sat), und die Frage, ob Deutschland zu dick wird (Spoiler: ja!) gehört zu der Doku „Abnehmen, um zu überleben“ am Montag im Ersten.

Schleichwerbe-Zufälle ist man hier ja gewöhnt

Was ein Autotest in einem TV-Magazin zu suchen hat, bleibt allerdings ungeklärt. Wenigstens bei den drei Seiten über Arthrose ahnt man, weshalb es sie gibt. Man muss nur ein paar Seiten zurückblättern: Dort steht, sicher rein zufällig, eine Anzeige für das einzige Medikament, das im Arthrose-Artikel namentlich genannt wird. Solche Schleichwerbe-Zufälle ist man aber von „Hörzu“ ja schon gewöhnt, der Presserat kümmert sich bald sicher mal wieder.

Der Rest der Anzeigen, meist zielgruppengerecht mit eher grauhaarigen Männern, Frauen oder Paaren illustriert, verspricht entweder Linderung für kleine (Alters-)Wehwehchen oder Hilfsmittel zur Gewichtsabnahme.

Der Stil der redaktionellen Artikel jedenfalls ist immer sehr korrekt, phasenweise ein wenig steif, vor allem ausführlichst erklärend. Die Titelgeschichte über „besseres Fernsehen“, die vorne noch „Einfach besser fernsehen“ und hier nun „Endlich besser fernsehen“ heißt, ist natürlich auch für Oma und Opa geschrieben: Jede aktuelle Möglichkeit, wie man wo TV-Inhalte empfangen kann, wird dort detailliert ausgewalzt – inklusive Handhabung der Fernbedienung sowie einer Anleitung, wie man damit Apps steuert:

„Innerhalb der Apps bewegt man sich mit den Pfeiltasten: Mit dem ,OK’-Knopf in der Mitte wählt man aus, was man sehen möchte.“

Ok.

Nichts wird ausgelassen: Die Mediatheken werden ebenso erklärt wie die Bildauflösung eines Geräts und was man sich unter einem Smart-TV vorzustellen hat. Selbst jene technische Neuigkeit, die bei „Hörzu“ und ähnlichen Blättern dereinst auf den Aus-Knopf drücken könnte, wird erwähnt: Streaming.

Auf fast einer halben Seite stellt die Redaktion aktuelle Anbieter ebenso korrekt vor wie alles andere – keinerlei Unterton von wegen Niedergang des Fernsehens und so. Alle unter 50 werden aus diesen sechs Seiten nicht viel Neues erfahren, aber die sind ja offenbar auch nicht die Zielgruppe.

Aber der Mantelteil, also die Ratgeber- und Fernsehgeschichten, ist ja auch nicht der Kern einer TV-Programmzeitschrift. Es ist, natürlich: das TV-Programm selbst. Und wie der Kollege Michalis Pantelouris hier mal die Kollegen bedauert hat, die das eintippen müssen, gilt mein Respekt mindestens ebenso den Grafikern, die das Layout dafür entwickelt haben.

Pro Wochentag bietet die „Hörzu“ je drei Tipps für die Genres Serie, Doku & Report, Show & Co., Sport sowie Kultur & Info. Dazu kommen zwölf Spielfilmtipps, jeweils mit kurzer Inhaltsangabe und mehr Zusatzinformationen als mein elektronischer Programm-Guide von Kabel Deutschland bietet. Und das alles auf nur einer Doppelseite.

Danach folgen fünf weitere Doppelseiten mit dem kompletten Programm von – ich habe mich definitiv verzählt – 59 TV-Sendern. Zu den zehn wichtigsten Sendern gibt es dort noch einmal Platz für ein paar ausführlichere Tipps. Und wenn der Mantelteil es ein paar Mal geschafft hat, mich schwindlig zu layouten, kann ich zur Übersichtlichkeit des Programmteils nur sagen: Sehr gut! Auf einen Blick sind die Highlights des Tages zu erkennen und die entscheidenden Fakten (wann beginnt das Ganze?) stehen groß daneben.

Nacktmulche, die permanent fernsehen

Vorgeschlagen werden jedoch nicht immer nur die Blockbuster auf Pro7 und RTL, sondern auch richtig gutes Zeug und, naja, etwas Spezielleres. Ich weiß jetzt, dass nächsten Mittwoch auf Arte Charlie Chaplins „Der Vagabund und das Kind“ läuft und dass es auf Kabel1 eine deutsche Dokureihe namens „Trecker Babes“ gibt, die so beschrieben wird:

„Im niedersächsischen Rinteln an der Weser kommt Trecker-Babe Theresa heute nicht nur wegen der enormen Hitze ins Schwitzen.“

Das ist genau die Kernkompetenz eines guten Programmies: wenigstens so zu tun, als würde man sich in der großen weiten Welt des Fernsehens auskennen – selbst, wenn es um Darts geht. Samstag auf Sport1 läuft das Viertelfinale des Grand Slam, und da tritt ein Martin Schindler an, von dem „Hörzu“ weiß, wann er in einen Verein eingetreten und was seine Einlaufmusik ist: „Another Brick in the Wall“. Sogar den Grund für diese Musikwahl bringt das Layout in der Zweidrittel-Spalte, die Sport1 zur Verfügung steht, unter. Wow.

Je mehr ich im Programmteil blättere, umso mehr stellt ich mir die „Hörzu“-Redakteurinnen und -Redakteure wie Nacktmulle (ich glaube, auch zu denen gibt es nächste Woche irgendwo eine Doku) vor, die rund um die Uhr nichts anderes tun als fernzusehen. Sie können Benedict Cumberbatch als „Doctor Strange“ mit der Kurzbeschreibung „Blasierte Figuren kann Cumberbatch richtig gut“ ebenso in wenigen Worten beschreiben wie „Tatort“-Kommissarin „Lena so couragiert wie am ersten Tag“ Odenthal.

Nach 42 Doppelseiten TV-Programm hat man als Leserin zwei Dinge gelernt: Es gibt (immer noch) ein TV-Leben neben Netflix. Und: Wer braucht schon 100 Zeilen für eine Filmkritik?

Hörzu
148 Seiten, 2 Euro
Funke Programmzeitschriften GmbH

5 Kommentare

  1. Faszinierend an dieser Titelseite ist auch, dass es seit (gefühlt) Jahren die drei gleichen Blasen sind, die sich da am unteren Rand tummeln.

    Das einzige wirklich Nützliche an diesem Heft ist inzwischen nur noch das kostenlos im Netz herunterladbare ausführliche Radioprogramm.

  2. Hätte man nicht Boris Rosenkranz fragen können, was er zu Hörzu zu sagen hat. Dann wäre vielleicht auch erwähnt worden, daß diese Zeitschrift früher ganz toll gestaltete Titelbilder hatte:

    https://twitter.com/der_rosenkranz/status/944581940094668800

    Ich erinnere mich auch noch an eine schön gezeichnete Graphik, mit der die Zeitschrift Hörzu ihre große Auflage feierte. Da führen diverse Lastkraftwagen in Serpentinen einen Berg hinauf, und von oben nach unten waren diese mit den Namen und der Auflage deutscher Fernsehzeitschriften beschriftet.

    Es wäre doch mal interessant zu erfahren, wann und aus welchem Grund diese graphischen Gestaltungen weggefallen sind. Ist der Zeichner irgendwann in Ruhestand gegangen, und es gab keinen Nachfolger? Oder ist es das Ergebnis einer anderen Layoutkultur, der auch der alte Schriftzug mit der frechen Mischung aus Groß- und Kleinbuchstaben zum Opfer gefallen ist?

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