Ein Alptraum

Es ist ja nicht so, dass ich mir, wenn ich mit dieser Kolumne dran bin, zwangsläufig ein Magazin aussuche, das ich so richtig schön verreißen kann. Im Gegenteil. Ich möchte zu gerne auch Empfehlungen aussprechen. Ich will überrascht werden, schwärmen, schon in der U-Bahn nach Hause fremde Mitfahrer anstoßen und „Boah, das schon gesehen?“ sagen – und vor lauter Begeisterung die Haltestelle verpassen.

Deshalb dieses Mal „Alps“, ein Magazin für „alpine Lebensart“, das einer Österreicherin wie mir, die seit 20 Jahren im platten deutschen Norden lebt, wo auf jeden Maulwurfshügel ein Gipfelkreuz gepflanzt wird, das dieser Österreicherin also eigentlich nur ein paar schöne Bergpanoramen liefern müsste, um sie in ein schluchzendes Bündel Sentimentalität zu verwandeln, dem man irgendwann, Tage später, die durchgeweichten Seiten sanft entwinden muss, damit es wenigstens endlich duschen geht. Soweit der Plan.

Das Titelblatt von „Alps“ erfüllt gleich alle Anforderungen an ein gutes Cover: schöne Farben, moderne Anmutung, und mit der Köchin Veronika Siflinger-Lutz eine Coverfrau, die dank Dirndl, geflochtenen Haarkranzes und Milchkanne in der Hand den unique selling point des Hefts auf einen Blick vermittelt. Dass die Vroni bei mir für einen Sekundenbruchteil Assoziationen zu Christine Neubauer weckt, ist etwas, wofür ich mich gleich entschuldigen möchte. Mein Therapeut ist informiert.

Vroni ist die „Alps-Köchin“, so steht es auf dem Cover, und sie präsentiert ihre „hohe Küche“ (Haute Cuisine, aber auf den Bergen – mitgekriegt?) diesmal „beim Käsemacher auf der Stanglalm“, was auch schon mal gut klingt. Weiters verspricht der Titel eine Reportage über das Klettern „mit Kind und Kegel“, eine Geschichte über das Genuss-Wandern entlang des Südtiroler Kastanienwegs sowie „Geisterhäuser: Der Charme verlassener Orte in den Alpen“. Dazu ein Interview mit Luise Kinseher, die man im Norden nicht wirklich kennt, aber sie fordert laut Cover, dass Heimat „bunt und vielfältig sein“ muss, was ja wirklich ein sehr provokanter Sager ist, wer wird da nicht neugierig.

Bayern, das Engadin, Südtirol, Tirol, Salzkammergut, alles drin

Das Inhaltsverzeichnis zeigt, dass die Redaktion, obwohl in München zuhause, den Alpenraum wirklich in seiner Gesamtheit begreift. Bayern, das Engadin, Südtirol, Tirol, Salzkammergut, alles drin. Unterteilt ist das Heft in die Ressorts Alpenträume, Alpenleben, Alpenpfade, Alpenlust und Alpenblick – auch wenn sich die Aufteilung nicht immer ganz trennscharf erschließt. Und dass bei der Ankündigung des Interviews mit Kabarettistin Luise Kinseher „à la“ mit „alias“ verwechselt wird – sei’s drum.

Den Auftakt machen „10 Alpenträume“, also zehn üppig bebilderte Kurztexte vom Kieselnsammeln in der Isar bis zu einem neuen bayerischen Kartenspiel. Und Termine: Ich weiß jetzt etwa, dass ich nicht nur das Knödelfest in St. Johann in Tirol sondern auch die Internationale Käseolympiade in Galtür verpasst habe, mich aber jederzeit auf dem Dachstein in 2600 Meter Höhe auf eine im Berg verankerte durchsichtige Aussichtsterrasse stellen kann. Die schönen Bilder dazu kommen trotz matten Papiers gut zur Geltung.

Nicht ganz sicher bin ich mir, warum eine Laufsportfirma eine schicke kleine Berghütte auf den Schweizer Lunghinpass stellt, sie aber bald wieder abbauen möchte. Und ob man es wirklich als „großes Aha-Erlebnis“ bezeichnen sollte, wenn man am Ende einer Tour durch die Schneckenlochhöhle „das Sonnenlicht wieder erblickt“, aber ich will jetzt wirklich nicht so sein. Auch aus der unübersichtlichen Infografik über Nutzen und Auswirkungen des Tourismus für den Alpenraum werde ich nicht ganz schlau, liegt aber vermutlich an mir.

Oder das Kinseher-Gespräch fährt einfach nicht

Dann also Luise Kinseher, eine bayerische Kabarettistin, die „der Schutzpatronin Bayerns als ,Mama Bavaria’ am Nockherberg gewissermaßen Leben einhauchen durfte“. Uns Nordlichtern sagt das nicht viel, den Südtirolern vielleicht auch nicht, aber „Alps“ beschreibt diese Rolle als das „Mensch gewordene Gewissen bayerischer Machthaber“, und dann soll das auch so sein.

In dem Interview geht es vor allem um den Heimatbegriff, Horst Seehofer und die AfD. Und entweder ist es meine Schuld, weil keine Bayerin – oder das Gespräch fährt einfach nicht. Richtet sich „Alps“ vielleicht doch eher an die süddeutsche Leserschaft?

Anmerken möchte ich noch meine Ratlosigkeit, wieso Frau Kinseher unter anderem in einer Münzwäscherei fotografiert wurde, sowie die Kleinigkeit, dass man „Sie“ in der persönlichen Anrede groß schreibt, aber das sind echt nur Peanuts. Wie die Trennstriche mitten in den Wörtern, die fehlenden Abführungszeichen und der doppelte Satz mitten im nächsten Text über das Klettern mit Kindern.

Der Autor geht mit seiner Patchworkfamilie dafür in die Südtiroler Dolomiten. Die Kinder, 6 und 9 Jahre, sind zum ersten Mal in einer echten Wand, bislang sind sie nur in der Halle gekraxelt, und einer der ersten Absätze lautet so:

„Es ist, als hätten wir uns in einer Filmkulisse verirrt, als seien wir aus Versehen in eine Computeranimation hineingeraten, in der sich ein paar Disney-Programmierer mal so richtig austoben und das hineinfantasiert haben, was man in eine virtuelle Bergumgebung so hineinfantasieren kann.“

Ein Autor fährt in die Natur und muss zu einem Vergleich mit dem Künstlichsten alles Künstlichen greifen, um diese beeindruckende Landschaft zu beschreiben? Misstraut er seiner eigenen Schilderungskraft?

Auch ein paar andere Dinge sind zumindest auffällig. Kann man sich einen wettergegerbten Südtiroler Bergführer vorstellen, eine „Kletterlegende“, wie es heißt, der Sätze von sich gibt wie:

„Und darum geht es ja in den Bergen, um Freiheit, darum, das Band des Lebens ein kleines bisschen (sic!) über den Alltag hinaus zu erweitern.“

Hat der Patchworkvater über den Sohn seiner Lebensgefährtin bei einer schwierigeren Tour tatsächlich gerade „Theo (…) funktioniert einfach“ geschrieben?

Was ist jemand, der „[Der Bergführer] hat etliche Extremtouren in den Dolomiten, aber auch sonst wo in der Welt erstbegangen …“ schreibt, eigentlich von Beruf?

Und kann es sein, dass das Heft sprachlich irgendwie … unbayerisch klingt? Unalpin? Wie man in Österreich sagt: piefkinesisch? Oder war das lediglich meine hoffnungsvolle Erwartung, dass ich nicht nur schöne Fotos von hohen Bergen zu sehen bekomme, sondern dass die Texte auch ein bisschen geschmeidiger, weniger norddeutsch-steif klingen?

„Alps“ gibt es schon seit 2010, es ist Ausgabe 43

Nein, irgendwie läuft es also doch nicht mit mir und „Alps“, das auch als Negativbeispiel im Deutschunterricht verwendet werden könnte. Ich beginne mich zu fragen, ob das Anfängerfehler eines neuen, noch uneingespielten Redaktionsteams sind. Aber ich finde heraus: Das Heft gibt es bereits seit 2010, also seit fast zehn Jahren! Die vorliegende Ausgabe trägt die Nummer 43, und sie enthält jede Menge Stoff für den „Hohlspiegel“.

Ein paar Beispiele:

„Zwölf Schlafzimmer jeweils mit eigenem Bad, TV und W-Lan finden nun Platz.“ Kennt man doch, wenn sich alle ums Wlan streiten. „Die Grabungen im Keller verzögerten den Bau um ein halbes Jahr.“ Wer hier wertvolle archäologische Funde als Ursache vermutet, liegt falsch. Gemeint sind Grabarbeiten.

Beides steht in einem Artikel über den Chef des dänischen Küchenartikelherstellers Bodum, Jorgen Bodum, der sich im Engadin ein altes Bauernhaus mit vermutlich sehr viel Geld schön hergerichtet hat. Mehr muss man über den Text auch nicht wissen.

Weiter geht’s:

„Auf unseren vielen Touren machen wir immer wieder Entdeckungen, die wir nicht für uns behalten können. Und was machen wir dann damit mit ihnen? Genau: verraten.“ Das ist der Vorspann einer kleinteiligen Strecke mit Tipps.

„Tamara Lunger (…) betrat als jüngste Frau den Lhotse“ – der übrigens kein Tanzsaal ist, sondern der vierthöchste Berg der Erde. Und Berge werden üblicherweise nicht betreten, sondern bestiegen.

„Kraftquellen, etwa Zirbenholz, sorgen für Entspannung.“ Was man mit dem Zirbenholz machen soll, steht dort leider nicht.

„Das, was viele [für Kakao] halten, ist meist gefärbter Zucker mit Farbe und Geschmack“, sagt ein Kakaospezialist in einem Kurzinterview. Da hätte schon Hans Rosenthal einen Punkt abgezogen.

Und weiter:

„Neben dem Käse leben auch fünf Schweine auf der Stanglalm.“ Das ist eine der vielen Bildunterschriften zur Titelgeschichte über Veronika Siflinger-Lutz’ hohe Küche. Schöne Fotos, vermutlich gute Rezepte, aber wer hier die Ausstattung gemacht hat, hat sich sein kindliches Gemüt bewahrt.

Eine weitere Bildunterschrift lautet: „Weit gehen muss die Vroni nicht. Einfach zur Haustüre raus und schon warten Dutzende Kräuter, um gepflückt zu werden.“ Und vermutlich rufen sie sogar „Nimm mich! Nimm mich!“, während sie so ihrer Pflückung harren.

„Beigesetzte“ Kulturen? Mein Beileid!

Im Artikel wird die Käseherstellung auf der Stanglalm beschrieben, und der „Hohlspiegel“ kann langsam eine Sonderausgabe drucken. Denn beim Käsen werden die Kulturen der Milch nicht „beigesetzt“ – mein Beileid! –, sondern zugesetzt. Auch der Kälbermagen wird danach nicht „zugeführt“, sondern zugefügt. Knapp daneben, aber in den Alpen zählt halt jeder Fehltritt. Und ganz eigentlich handelt es sich auch nicht um Kälbermagen, sondern um Lab, ein Gemisch von Enzymen, das aus Kälbermägen gewonnen wird.

Okay, vielleicht sollte ich nicht spitzfindig sein, aber es ist doch ein Alpenmagazin, die sollten sich doch auskennen, also eins noch: Es heißt definitiv das Knöderl, nicht der Knöderl. Jede Toleranz hat schließlich irgendwo ihre Grenzen. Zumal auf der Doppelseite „Cityguide Bad Ischl“ auch noch die schlimmsten Touristenfallen des Ortes versammelt werden. Man hätte sie auch ohne „Alps“ gefunden, und eigentlich müsste man dringend vor ihnen warnen.

Eigentlich bin ich an dieser Stelle schon mürbe, aber ich versuche es trotzdem mit der Geschichte über das Südtiroler Ahrntal. Der Vorspann verspricht, Menschen vorzustellen, die das Tal „mit Visionen nach vorne bringen“. Der Text beginnt mit:

„Wenn Markus Eder Amerikaner wäre, er wäre ein Paradebeispiel für den American Dream.“

Ich weiß schon wieder nicht, wo ich anfangen soll. Bei der holprigen Grammatik? Aber die spürt man auf Seite 90 schon gar nicht mehr. Dann bei dem ebenso unnötigen wie falschen Vergleich: Eder ist nämlich weder Unternehmer noch Tellerwäscher-zum-Millionär-Paradebeispiel, sondern Spitzensportler. In einer für eine Wintersportgegend völlig überraschenden Disziplin: Skifahren. „Solche Geschichten schreibt das Ahrntal: Dass ein gelernter Elektriker in einem kleinen Skigebiet die Liebe zum Schnee entdeckt und aus einem abgeschiedenen Tal die Freeride-Welt erobert.“

Rätselhafte Begeisterung

Ein Magazin, das sich „Alps“ nennt, sollte von so einer Vita vielleicht nicht ganz so überrascht sein. Wer in der Nähe eines Skigebiets zur Welt kommt, muss schon sehr schräg drauf sein, nicht mit all den anderen Jungs morgens, mittags, abends (und auch zwischendurch) Skifahren zu gehen, selbst in so einem abgeschiedenen Tal, das jedes Jahr auf nur 430.000 Gäste-Übernachtungen kommt. (Zur Sicherheit: Das war jetzt Ironie.)

Was an dem Freestyler visionär sein soll, bleibt ebenso rätselhaft wie bei einem Großteil der hier vorgestellten Ahrntaler. Eine Frau bringt Mädchen Spitzenklöppeln bei, ein Ehepaar hat das „seit 1910 im Familienbesitz“ befindliche Gasthaus ausgebaut, und ein Mann führt den Tante-Emma-Laden seiner Eltern weiter. Unter seinem Foto steht: „Patrick Eder mit seiner Sarah und Klein Bruno“ – und vielleicht ist Spitzenklöppeln nicht die einzige Kulturtechnik auf diesen Seiten, die aus einem vergangenen Jahrhundert stammt.

Das Heft schließt mit einer Fotostrecke über verlassene Orte in den Alpen, und ich denke noch: Nu, da können sie ja nicht so viel falsch machen. Aber dann versuche ich, aus den Bildunterschriften zu erfahren, welche Orte die Bilder zeigen – und da ist es dann endgültig vorbei, ich gebe auf. Kein Schluchzen, keine Sehsucht nach den Alpen, nichts. Dabei sagt „Alps“ über sich selbst: „Jede Ausgabe fasziniert durch ihr hohes Maß an journalistischer Qualität.“

Alps
Alps Magazine GmbH
120 Seiten, 5,90 Euro
www.alps-magazine.com

4 Kommentare

  1. Das hört sich ja streckenweise wirklich schlimm an.

    Bei den verlassenen Orten ist es allerdings gar nicht so verkehrt, diese nicht in den Bildunterschriften zu benennen – in der Szene der Urbexer ist es schließlich verpönt, diese Lost Places so öffentlich zu machen.

  2. @ Frank Reichelt
    Danke, jetzt hab ich doch noch was zu lachen gehabt.

    @Daniel Schäfer
    Wenn sie das durchgezogen – und erklärt – hätten: gern! Aber bei manchen steht’s dabei, bei manchen nicht. Und ich vermute, dass das Fotobuch, aus dem die Strecke stammt, nicht so geheimnisvoll tut.

  3. Da muß man ja spätestens in den 80ern sozialisiert worden sein, um aus der Formulierung, daß Hans Rosental einen Punkt abziehen würden, darauf zu schließen, daß der Autorin eine Dopplung in dem vorher zitierten Satz aufgefallen ist.

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unseren Datenschutzhinweisen gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.