„Werde“ edel und gut

Das mit dem richtigen Leben im falschen ist so eine Sache. Je mehr man über dieses richtige Leben weiß, umso mehr fällt einem auf, was man so alles falsch macht. Dem können zwei Reaktionen folgen: stetiges Selbstgeißeln („Wir sollten wirklich mehr/weniger…“) oder Reaktanz („Ey, was soll ich denn noch alles …?“). Die Abgrenzung ist manchmal so dünn wie ein Joghurtdeckel aus Alu.

Sich ein Heft wie „Werde“, das „Magazin für das grüne Leben“, ausgerechnet an einem Flughafen zu kaufen, kann man sich dann nur noch damit schönreden, sehr schnell nach Hause zu müssen, um die bienenfreundlichen Pflanzen auf dem Balkon zu gießen und den Mehlwurmspender für die verwöhnten Stadtvögel aufzufüllen.

Was „Werde“ will, wird schon durch das Cover klar: „Mehr Bio für Bienen“ steht auf der Sommer-Ausgabe – sonst nichts. Etwas mehr verrät die Flappe über dem Cover: „Wie wir die Bienen jetzt retten können“, „Der Öko-Hof von Charles und Perrine“ sowie „Die Würde der Tiere ist unantastbar“. Dazu noch der Claim des Magazins: „Wir leben das Leben“. Die Abgrenzung zur Betulichkeit ist manchmal auch nur so dünn wie ein Joghurtdeckel.

Aber was soll man sagen: „Werde“ fühlt sich zumindest gut an. Gedruckt wird das viermal pro Jahr („mit den Jahreszeiten“) erscheinende Magazin auf wertigem, dickem Papier (Recycling, was sonst), sodass die 124 Seiten in der Hand liegen wie 160 Seiten Hochglanz. Das Recyclingpapier kostet die Fotos ein bisschen Strahlkraft, aber das kann man auch als Stilmittel sehen. Auf die Bilder ist man jedenfalls so stolz, dass einige von ihnen als Postkarten dem Heft beigefügt sind. Das ist mal eine raffinierte Werbemaßnahme!

Das Layout von „Werde“ ist ein langer ruhiger Fluss, wogegen ja auch niemand etwas haben kann. Als einzige Verrücktheit gönnt sich die Redaktion gestürzte Bildunterschriften, für die der Bund deutscher Chiropraktiker sicher sehr dankbar ist. Die muss man aber ohnehin nicht lesen, weil sie so gut wie nie etwas mit den Fotos zu tun haben, sondern einfach Sätze aus den Texten sind. Hier dürfte die Redaktion gerne mehr Aufwand reinstecken.

Alles sehr unbelehrend geschrieben

Das Heft startet sanft, erst mit (etwas zu kurz geratenen) Buchtipps, dann mit Kurzvorstellungen von Menschen und Initiativen, die die Welt verbessern wollen, etwa mit Geschirr aus Kaffeesatz im Kampf gegen Plastikmüll oder Gratismahlzeiten für Obdach- und Mittellose. Alles sehr unbelehrend geschrieben und so, dass man sich im eigenen – falschen – Leben denkt: Geht doch!

Es folgen schlappe 24 Seiten über Bienen, eine 20 Seiten lange Reportage über ein französisches Ehepaar, das sich zu Permakultur-Landwirten umschulen ließ, 17 Seiten über einen Schweizer Bauernhof, auf dem Tiere zwar gehalten, aber weder gemolken, geritten oder gar geschlachtet werden, sowie zwölf Seiten über die Paarung der Eintagsfliegen auf dem serbischen Teil des Flusses Theiß. Dazwischen gibt es ein Plädoyer des Sozialwissenschaftlers Jörg Sommer für ein „suffizientes Leben“ und ein Interview mit dem Philosophen Kai Marschal unter dem sperrigen Titel „Wie wir uns zu uns selbst verhalten“.

Wie gesagt: ein langer ruhiger Fluss mit vielen großformatigen und sogar doppelseitigen Bildern, die allerdings den Lesefluss manchmal auch etwas zu lange unterbrechen. Aber darüber konnte man sich ja auch schon lange nicht mehr beschweren.

Die Sprache von „Werde“ fühlt sich manchmal an wie das Papier: spröde, leicht rau – und ein bisschen mehr Farbe könnte an manchen Stellen auch nicht schaden. Ich brauche ja um Himmels Willen keine Knaller-Headlines, aber diese vermitteln schon ein bisschen den Subtext „Lies mich trotzdem“:

  • „Das Glossar der guten Zukunft“
  • „Machen wir das, was hilft“
  • „Wir leben unseren Traum in der Normandie“
  • „Wie wir die Honigbienen retten können“
  • „Mein Beitrag zu einer nachhaltigen Welt“
  • „Philosophie des guten Lebens“
  • „Wilder Lavendel“

Noch wach?

Die Bienenkönigin, diese alte Gangbangerin

Etwas spröde ist manchmal auch der Aufbau der Texte. Bei den Bienen wird der Begriff Schwarmtrieb erst elf Seiten nach seiner ersten Erwähnung erklärt, im Interview mit Tobias Miltenberger, dem Gründer der Stuttgarter Imkerei Summtgart. Das ist sogar für jene Menschen zu spät, die ihren Balkon bienengerecht bepflanzen. Die wirklich spannenden Details erfährt man ohnehin erst in dem Interview, zum Beispiel:

„Zur konventionellen Imkerei gehört die künstliche Befruchtung der Königin: Sie wird in einen Schlauch gesteckt und begast, dann klappt man ihr Hinterteil auf und bringt den Samen von ein oder zwei Drohnen ein.“

Beim natürlichen „Hochzeitsflug“ hingegen sammle die Königin, diese alte Gangbangerin, „den Samen von zehn bis zwanzig Drohnen“, was total versaut klingt, aber einfach nur für besonders gut durchmischtes Erbmaterial sorgt. Hier spielt die Musik, „Werde“!

Immerhin taucht nirgendwo der erhobene Zeigefinger auf, und wenn, dann wird er in kollektive Wir-Watte gehüllt:

„Wir haben den Bienen einige Probleme beschert.“

Das Magazin will nicht missionieren. Wer bei der Coverzeile über die Würde der Tiere Angst bekommt, ein Plädoyer für Veganismus um die Ohren geknallt zu bekommen, kann beruhigt sein: Bereits auf Seite 20 wird bedauert, dass man, pardon, dass wir ohne Honigbienen „kein Steak auf dem Teller“ hätten.

Mehr kritischere Nachfragen: Ist es wirklich so einfach?

So antiautoritär „Werde“ mit seinen Leserinnen und Lesern umgeht, so sanft verhält es sich – leider – auch gegenüber seinen Hauptfiguren. An vielen Stellen wünscht man sich kritischere Nachfragen: Ist es wirklich so einfach?

Kann man seine Kühe einfach nicht mehr melken und schlachten und trotzdem genug Geld verdienen, um eine Familie zu ernähren? Wenn bei den Permakulturbauern die Bohnenranken den Mais umschlingen, wie erntet man den dann? Wie kommen genug Nährstoffe in den Boden, wenn der so intensiv bepflanzt wird? Darf in der Permakultur, wo jede Pflanze ihrer Nachbarin das Wasser neidig ist, gegossen werden? Und wenn Miltenberger sagt, dass er nur 20 Prozent des produzierten Honigs ernte – wie kann er damit wirtschaften?

Oder: Wem gehört der wilde Lavendel, den die Französin Roselyne Dubois im Luberon kiloweise erntet, um daraus ätherisches Öl zu produzieren? Wieso ist niemandem der Widerspruch aufgefallen, ihre Schnittsicheln müssten sauber sein, „damit man die Pflanzen nicht verletzt“? Und was zum Henker meint Sozialwissenschaftler Sommer, wenn er sagt, suffizientes Leben bedeute „die Akzeptanz unserer planetaren Grenzen“. Also Nein zur Raumfahrt?

Laut Selbstbeschreibung will „Werde“ (Buchstabieren hilft dem Kioskverkäufer beim Finden) von Menschen erzählen, „die die Welt in wirkungsvollen Schritten zu einem besseren und gesünderen Ort machen“. Von ihnen könne man lernen, deshalb will das Magazin inspirieren, „die Welt mitzugestalten und ihre Schönheit zu bewahren. In sozial und ökologisch herausfordernden Zeiten sucht Werde Geschichten des positiven Wandels.“

„Werde“ – das Magazin des Naturkosmetik-Herstellers Weleda

Das klingt schon etwas sehr edel, und wenn man dann liest, dass „Werde“ nicht gewinnorientiert arbeitet, will man schon beinahe zum Stofftaschentuch greifen. Wenn, ja, wenn man nicht wüsste, dass „Werde“ das Magazin des Naturkosmetik-Herstellers Weleda ist oder, laut Impressum, durch Weleda „ermöglicht“ wird. Aber: Weleda kommt nur in Anzeigen vor. An keiner Stelle riecht es nach PR. So kann Corporate Publishing auch funktionieren.

Trotzdem: Ist „Werde“ deshalb etwas zu nett unterwegs, weil man sich die Weleda-Kundschaft nicht durch Vorschriften vergrätzen will? Und wirkt sich diese pazifistische Einstellung eben auch auf den Umgang mit den Texten aus? Nachzuprüfen am 9. September, dann erscheint die Herbst-Ausgabe.

Werde
werde-magazin.de
124 Seiten, 6,50 Euro
PressUp GmbH

2 Kommentare

  1. ..danke wieder für die Anmeinerstattlesung.
    Wahrscheinlich bin ich einfach nur zynisch bis ins Mark, aber bei so Kuschelweichjournalismus stellen sich mir ständig die Nackenhaare ^^

  2. Wer die anthroposophische Szene kennt, wird bestimmt nicht lange brauchen um zu erkennen, woher der Wind weht. Das sind Märchenerzähler auf der Grundlage der heutigen Wirklichkeiten mit Assoziationen auf die in der Kindheit erworbenen romantisch verklärten Lebenswelten, die man in seiner juvenilen Phase nach dem Erwachsenwerden gerne umsetzen möchten. Grauenhaft!
    Was das Wort antiautoritär in dem Bericht zu suchen hat, verstehe ich nicht.

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