Die große Kicker-Bundesliga-Sonderheft-Cover-Analyse 2019/2020

In zwei Wochen beginnt die Fußball-Bundesliga der Männer, und mit noch größerer Spannung als die ersten Spiele erwarten Fußballfreunde die Titelbild-Gestaltung des „kicker“-Bundesliga-Sonderheftes: Gibt es Änderungen in der Aufstellung der bewährten Designelemente? Welche Zu- und Abgänge sind zu verzeichnen? Oder sehen wir gar eine völlig andere Strategie?

Besonders brisant sind diese Fragen in dieser Saison, weil der „kicker“ vor einem Jahr für seine Verhältnisse geradezu revolutionäre Veränderungen vorgenommen hatte: So wurde die große Meisterschale, die jahrelang am linken Rand war, an den rechten Rand gerückt! Würde sich dieser radikale Trend in diesem Jahr fortsetzen? Würden die stecktabellenaffinen „kicker“-Dauerkarteninhaber ihr Lieblingsheft überhaupt noch wiedererkennen?

Die schnelle Antwort lautet: Ja. Rechts sehen Sie das Cover des aktuellen Heftes, links das Vorjahresmodell.

Links: 2018/19, rechts: 2019/20.

Trotz aller Ähnlichkeit: Eine genaue Analyse verrät, das beim „kicker“ seit vergangenem Sommer ein neuer Wind weht.

Eine statische Ära

Die „kicker“-Sonderhefte erscheinen seit Ende der 1960er-Jahre immer zum Saisonbeginn im Sommer. Sie bieten orakelnde Vereinsporträts, wimmelige Mannschaftsfotos und unfassbar viel Zahlen- und Statistikmaterial. Denn wer will nicht wissen, bei welchem Dorfverein der vierte Torwart des SC Paderborn im Jahr 2002 als Fünfjähriger seine Karriere begonnen hat? (Antwort: SuS Boke.)

Nun ist der „kicker“ ein 99 Jahre altes Sportmagazin gefangen im Körper eines 55 Jahre alten Sportmagazins. An seinem Auftreten ist nichts, wirklich gar nichts zeitgemäß. Und das Sympathische daran: Es wird auch gar nicht erst versucht. Über das Geschehen im deutschen Fußball wird im „kicker“ mit einer knochentrockenen, unironischen BräsigSachlichkeit berichtet, und entsprechend sehen auch die Titelseiten des Bundesliga-Sonderheftes aus.

In früheren Jahrzehnten gab es mal einen gewissen Experimentiergeist bei der Covergestaltung. Davon ist in den 2010er-Jahren nichts mehr geblieben. Eine statische Ära.

Die statischen Jahre: 2010/11 bis 2017/18

Ein Neuanfang

Aber die Zeit des starren Systemfußballs ist vorbei. Am Mangel überraschender Elemente und anarchischer Einzelaktionen ist schon Deutschland bei der WM 2018 (ohne Leroy Sané!) gescheitert. Entsprechend zwingend war beim „kicker“ im vergangenen Jahr ein Neuanfang.

Natürlich ein behutsamer – Joachim Löw ist schließlich auch immer noch deutscher Nationaltrainer –, aber für „kicker“-Verhältnisse durchaus eine Revolution. Nicht nur, dass die Meisterschale vom linken an den rechten Rand rutschte. Es gab: Neue Schriftarten! Neue Gestaltungselemente (Sechsecke)! Neue Farben: Schwarz statt Blau und, die allergrößte Sensation, ein neues, dunkleres Rot! So viel hat man sich in Nürnberg lange nicht getraut.

Bestehen blieb allerdings die Spielphilosophie, die der „kicker“ seit mehr als zehn Jahren erfolgreich etabliert hat: Man muss die Räume eng besetzen. Freier Platz – was für eine Verschwendung! Das Ergebnis sieht dann so aus wie die Supermarktbeilage einer Regionalzeitung oder wie die Trikot- und Hosen-Werbung im österreichischen Profifußball.

Positionstreue

Gehen wir in die Feinanalyse des aktuellen Jahrgangs: Weil Positionstreue im modernen Fußball und auch beim „kicker“ über alles geht, sind gegenüber dem vergangenen Heft mehrere Elemente exakt gleich geblieben:

  • Die Kombination aus (doppeltem) kicker-Logo im roten Rechteck und dem Wort Sonderheft – das im Übrigen seit der Saison 1978/79 auf jedem Cover steht, davor hieß es „Sondernummer“.
  • Eine kleine Meisterschale auf grünem Hintergrund oben links – zum vierten Mal in Folge dabei. Davor war an dieser Stelle achtmal ein baugleiches Motiv mit einem Fußball zu sehen.
  • Der schwarze Balken in Pfeilform mit „DAS ORIGINAL seit 1963“. Diese Formulierung steht seit der Saison 2008/09 auf jeder Ausgabe.
  • Die untere schwarze Leiste mit dem Auto-Gewinnspiel – hier hat sich nur das Modell geändert. Das Gewinnspiel ist ebenfalls eine feste Größe im „kicker“-Cover-Kader und seit 21 Jahren auf verschiedenen Positionen ununterbrochen im Team.

Weitere Elemente wurden nur leicht nachjustiert:

  • Die Meisterschale ist etwas nach links gerutscht und wurde ein wenig rausgezoomt.
  • Der Schriftzug BUNDESLIGA – übrigens seit 1983/84 immer in Großbuchstaben und abgesehen von zwei weißen Ausnahmen auch immer in gelb – hat eine leicht geänderte Schriftart und einen etwas knalligeren Farbton, außerdem ist die Umrandung feiner.
  • Die Sechsecke mit „PLUS 2. & 3. Liga“ und dem Spieljahr 2019/2020 haben die Plätze getauscht. Das Saison-Hexagon ist deutlich größer – die 2018/19-Variante war die kleinste Saisonbezeichnung seit 1973/74.
  • Das Sechseck „+ GRATIS Das Heft für unterwegs“ (seit 2014/15 immer auf dem Cover, außer 2017/18) hat eine neue Form.
  • Im Sechseck „+15 € Gutschein beim Kauf eines Fantrikots 2019/20 im kicker Shop“ (im 5. Jahr in Folge dabei) steht nicht mehr „Bundesliga-“. Außerdem wurden das Spieljahr und die Trikots angepasst, an die Stelle des VfB Stuttgart rückt Borussia Mönchengladbach.

Die Andeutung von Funkenregen

Doch es gibt auch ein paar tiefgreifendere Änderungen. Und möglicherweise entfaltet sich die Spielphilosophie des (mutmaßlich neuen) Cover-Verantwortlichen erst jetzt, in seinem zweiten Jahr, so richtig. So war der Wechsel zum dunklen Rot mit leichtem Farbverlauf nur der erste Schritt. Das aktuelle Cover hat sogar eine Textur, ein Funkenregen deutet sich an.

Ähnlich bedeutend ist das Aus für das Miniaturbild der beliebten kicker-Stecktabelle, das 2018/19 noch am viele Jahre angestammten Platz rechts oben zu finden war, 2007/2008 fehlte es das letzte Mal ganz auf dem Cover. Der Hinweis auf Stecktabelle und Spielplanposter ist nun hoch in die Kopfleiste gerückt. Zum fünften Mal in Folge werden sie übrigens als „Kult“ gelabelt, zuvor war es „Extra“, „Plus“ oder auch „Exklusiv”.

Leerer Raum mit Funken! Früher hätt’s das nicht gegeben.

Durch den Wegfall des schwerfälligen Stecktabellen-Elements werden wiederum neue Räume frei, die vom Covergestalter mit einer Rochade im oberen Bereich besetzt werden. In der Folge kann der Bundesliga-Schriftzug nach oben rücken. Vom Seitengrund hatte er sich seit 2013/14 nicht mehr gelöst. Und darüber bleibt trotzdem eine rund fünf mal sechs Zentimeter große Freifläche, in der einfach gar nichts ist.

Dreißig Quadratzentimeter Leere! So aufgeräumt war das Sonderheft-Cover das letzte Mal Mitte der Nullerjahre. Ist der „kicker“ also auf dem Weg, sein starres Positionsspiel hinter sich zu lassen, hin zu mehr Kreativität und Freiheit? Oder ist es nur ein kurzer Transformationsprozess, wird hier bloß ein neues System etabliert, das dann wieder über Jahre hinweg ohne große Veränderungen beibehalten wird?

Wie würde der „kicker“ diese Frage beantworten? „Man darf gespannt sein.“

8 Kommentare

  1. P. S. Ich möchte mit der Herausfordung nicht Ihren Artikel schmälern. Er hat mich wirklich amüsiert.

    Ich komme nur zum Eindruck, dass sich das Kicker-Cover ähnlich wie Fußballspiele erfassen und entsprechend in Schreib-Maschinen-Sprache übertragen lässt.

  2. Eins hat sich zwischendurch ganz offensichtlich doch verändert: Es wird kein Audi mehr verlost.

    Scheinbar passt das Runde nicht mehr zum Eckigen…

  3. Durch das Versetzen des Stecktabellen-Hinweises in die Titelleiste ist das Titelblatt deutlich aufgeräumter. Zudem wird jetzt statt eines Fiestas ein Focus verlost! Wenn das nicht Fortschritte sind!

    Das Jahresheft war zu „Anstoss“-Zeiten jedenfalls immer ein Pflichtkauf, um dann in der aktuellen Saison starten zu können. Wobei ich mich auch noch an damalige Konkurrenz erinnern kann. Die gibts wohl nicht mehr?

  4. „Der Hinweis auf Stecktabelle und Spielplanposter ist nun hoch in die Kopfleiste gerückt.“

    Dadurch fehlt dort nun der Hinweis, dass das/die Spielplan-Poster (mit Bindestrich, bitte korrigieren!) nur für die 1. und 2. Liga vorhanden sind. Befremdlich.

  5. Ich finde es gut, dass das Kicker Sonderheft so ist wie es ist und so bleibt, wie es ist! Der Artikel ist zwar amüsant, aber ich hoffe doch, er wird nicht dazu führen, dass man bei kicker überlegt im kommenden Jahr mal was neues auszuprobieren. Bitte nicht!

    „Denn wer will nicht wissen, bei welchem Dorfverein der vierte Torwart des SC Paderborn im Jahr 2002 als Fünfjähriger seine Karriere begonnen hat?“

    Ehrlich gesagt, verstehe ich nicht, wieso dass hier so ironisch beschrieben wird. Ich habe es schon als kleiner Knirps geliebt Fußball-Statistiken und Zahlen bis ins kleinste Detail zu durchwühlen. Heutzutage gibt es neben dem Kicker und zahlreichen Online-Portalen auch den wunderbaren Fußball-Manager von Sega und da ist die Suche Talenten in den Jugendclubs von Mannschaften aus der 3. Liga in Moldawien essentieller Bestandteil des Spielspaßes!

    Außenstehende mögen sich vielleicht darüber amüsieren, aber es ist eine ernste Sache!

  6. Eben weil es eine ernste Sache ist, möchte ich mich in aller Deutlichkeit gegen den Kicker aussprechen!

    Statistiken haben im Fußball ganz zweifellos eine Berechtigung. Allerdings nicht in der Form, wie sie uns der Kicker präsentiert, so dass sie zur Folklore verkommen und die Aussagekraft verlieren oder nur zum Schein etwas belegen.

    Als allgegenwärtiges Negativbeispiel möchte ich die elenden Spielerbenotungen herausgreifen, die uns bald wieder erwarten: Die Funktion dieses Grundübels ist es einzig rein subjektiven Impressionen der Redakteure, den Anschein einer Objektivierung zu geben. Durch diese Willkür ist der angelegte Maßstab also der denkbar schlechteste. So kommt es, dass mir völlig unverständlich ist, wieso es Menschen gibt, die diesem vollkommen beliebigen Unfug Beachtung schenken oder sogar Relevanz beimessen.

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