Können wir mal darüber reden, wer bei euch Shows moderiert, ProSieben?

Hallo ProSieben,

herzlichen Glückwunsch zur mutigen Entscheidung, eure frisch eingekaufte Show „Queen of Drags“ mit Heidi Klum als Hauptjurorin zu besetzen! Ernsthaft, ich dachte ja aufgrund einiger Personalentscheidungen bei euch im Sender, dass ihr lieber weniger qualifizierten Männern Moderationsjobs gebt, obwohl ihr nachweislich qualifiziertere Frauen am Start hättet – aber endlich behandelt ihr Männer und Frauen gleichermaßen ökonomisch und besetzt ein Format mit einer unqualifizierteren Frau! Toll!

Es ist wirklich progressiv, die auf den ersten und auch zweiten Blick vollkommen fehlbesetzte Heidi Klum zum Host einer Show über Dragqueens zu machen. Jahr für Jahr einen Haufen ambitionierter junger Frauen in High Heels durch Showrooms und Demütigungen gescheucht zu haben, ist genau das sinnvolle Maß an Unter-Qualifiziertheit, die es erfordert, um eine Sendung mit und über Queer-Culture eben nicht adäquat präsentieren zu können. Deshalb Chapeau! vor eurem personellen Wagemut.

Vor allem, wenn man weiß, dass in der Jury neben Bill Kaulitz (warum auch immer er da ist) auch Künstler Tom Neuwirth alias Conchita Wurst sitzen wird. Warum sollte man die eloquente Gewinnerin des Eurovision Song Contest, die bärtige Diva, die quasi über Nacht zu einer weltweiten Repräsentationsfigur für Queerculture und Dragqueenkunst wurde, auch zum Gesicht einer Show über eine Kultur der LGBTQ-Community machen, wenn man eine Adler-Moden-Designerin mit tradiertem Frauenbild haben kann?

Eben, weil ihr nun endlich Gleichberechtigung herstellen wolltet, gleiches Recht auf Ungeeignetheit für alle – endlich begreife ich es!

Das ist schon ein Catwalk von einem Fortschritt, denn bei „The Masked Singer“, um nur ein konkretes Beispiel eurer alten Zeiten zu nennen, haben wir exemplarisch noch den Fall von Weniger-geeigneten-Mann-anstelle-einer-besser-geeigneten-Frau-Engagieren.

Eure neue Donnerstagabend-Show wird von Matthias Opdenhövel präsentiert. Und Opdenhövel ist selbstverständlich vollkommen in Ordnung, ihr mögt euch, wir mögen ihn, alle mögen ihn, er liefert ab. Aber dieses Primetime-Format, in dem Prominente in Wahnsinns-Kostümen inkognito Songs covern und der Spaß darin liegt, zusammen mit einer Jury zu erraten, wer sich hinter den Masken und oftmals unverhofften Gesangskünsten verbirgt, ist ja offensichtlich eine Sendung, in der es um Tanz, Performance, Musik und karnevalesken Glamour geht. Und ich musste wirklich keine zwei Sekunden recherchieren, um einen geeigneteren Host als Opdenhövel zu finden, denn zufällig habt ihr da in eurer Sendergruppe eine Moderatorin, die sich überdurchschnittlich gut auskennt mit Tanz, Performance, Musik und karnevalesken Glamour: Jeannine Michaelsen.

Sie wäre nur eine der vielen weiblichen Beispiele, die die Sendung hätten moderieren können, damit Frauen bei euch nicht immer nur Mode und Boulevard bedienen müssen.

Screenshot: ProSieben, Foto [M]: Superbass CC-BY-SA

Und damit sich keiner beschwert oder denkt, das sei eine persönliche Präferenz, „was will die El Quasil denn, der Matthias macht das doch tippitoppi, das doch schon wieder Rassismus gegen Männer hier“, will ich ihre Qualifikation beispielhaft sachlich runterbrechen. Stellt euch das einfach als sozial-empirisches Experiment vor, wo man Leute aufgrund ihrer Vita einstellt, ohne zu wissen, welches Geschlecht sie haben. (Crazy.)

Masked-Singer-Qualifikation des Bewerbers Michaelsen:

  • moderiert Samstagabend-Shows bei euch erfolgreich und geht sowohl mit zwei highperformativen Spätpubertierenden als auch mit dem Publikum souverän um
  • präsentiert bei euch „My Hit your Song“ und bei Vox die Künstlerstory nach „Sing my Song“, ist also schätzungsweise musikjournalistisch firm.
  • hat in „Die Beste Show der Welt“ mit Klaas buchstäblich ein ganzes Musical performt, mit Live-Singen bei gleichzeitigem Tanzen und Kostümwechsel auf der Bühne

Eine ProSieben-Moderatorin, wie dafür in einem magischen 3D-Drucker der Professionalität eigens hergestellt, um diese, eure Sendung über kostümierte, singende, und damit manchmal außerhalb ihrer Comfortzone agierenden Prominente zu moderieren. Und wen nehmt ihr?

Einen Sportjournalisten.

Den ihr euch auch noch extra von der ARD ausleihen müsst.

Es geht mir ja nicht mal zwanghaft um eine Fifty-Fifty-Quote, ihr habt ja auch wirklich viele Frauen unter euren Sendergesichtern: nun, Heidi Klum, Lena Gercke, Annemarie Carpendale, Viviane Geppert, Rebecca Mir und eben Jeannine Michaelsen. Aber wenn die Erstgenannten halt immer nur Gossip, Backstage-Talk und Mode präsentieren dürfen und die eine Moderatorin, die ihr zu unserem Glück auch eine Samstagabend-Show präsentieren lasst, nicht mal berücksichtigt wurde – dann könnte man ja fast denken, dass weibliche Moderatorinnen bei euch eher eine ornamentale Zweitklassen-Funktion erfüllen.

Es mutet für mich auch mindestens kurios an, dass Steven Gätjen von euch mit der Moderation von „Joko und Klaas gegen ProSieben“ betraut wurde. Gätjen ist selbstverständlich vollkommen in Ordnung, ihr mögt euch, wir mögen ihn, alle mögen ihn, er liefert ab. Aber auch hier hattet ihr eine weibliche Moderatorin, die die viel naheliegendere und qualifiziertere Wahl gewesen wäre, nämlich die Stamm-Moderatorin von „Joko gegen Klaas“, zufällig auch: Jeanine Michaelsen.

Und wenn nehmt ihr?

Einen Redcarpet-Kino-Experten.

Den ihr euch auch noch extra von der ZDF ausleihen müsst.

In der Ästhetik der Sendung scheint es für alle Beteiligten vollkommen normaler Standard zu sein, dass da drei Dudes den ganzen Abend vornehmlich bestreiten, und es ist ja auch sehr unterhaltsam alles. Aber man versuche sich die Situation nur mal kurz andersherum vorzustellen: eine 45-Jährige Moderatorin, die die zwei hyperaktive Kontrahentinnen durch eine Kompetitionsshow führt, in der es nicht um Fotochallenges und traurige Speedhochzeiten geht – da würden alle in Panik geraten und befürchten, es wären viel zu viele Frauen auf der Bühne.

Aber jetzt habt ihr ja anhand von Heidi Klum doch tatsächlich bewiesen, dass es euch bei der Besetzung gar nicht um eingefahrene Geschlechterzuordnungen bei Moderationsgenres geht, sondern generell einfach um möglichst mangelnde Geeignetheit.

You really love to entertain us. Freu mich schon voll auf Bill bei „Newstime“.

Herzlich, Samira

PS: Ich habe seit 300 Jahren nicht mehr auf eure Homepage geschaut, aber wo sind denn all eure Galileo-Moderatorinnen hin?

9 Kommentare

  1. Könnte es auch sein, dass Michaelsen selbst abgesagt hat? Oder ist sicher, dass sie nicht gefragt wurde?
    Ist sie einfach zu teuer für Pro7, um sie häufiger einzusetzen? (Das glaube ich selbst nicht, weil die anderen beiden bestimmt sehr viel verlangen.)
    Ich könnte mir sonst noch vorstellen, dass sie mehr polarisiert als Gätjen und Opdenhövel, weswegen man sie nur für spezielleres Zielpublikum einsetzt, wie das von Joko und Klaas.
    Danke für den Artikel. Eine wirklich rätselhafte Moderatorenwahl!

  2. Also, Michaelsen moderiert bereits Samstags-Abend-Shows. Ganz ohne Gossip und Backstage-Talk. Aber trotzdem dürfen Frauen bei ProSieben immer nur Gossip, Backstage-Talk und Mode. Im Gegensatz zu Männern, die die ansonsten tadellos hochqualitativen ProSieben-Eigenproduktionen zu wichtigen Themen moderieren.

    Jedenfalls moderiert Michaelsen jetzt nicht auch diese neue Show. Obwohl sie es könnte! Hätte sie gewollt, wurde sie gefragt? Wer weiß. Völlig klar, da haben sich bei ProSieben die Verantwortlichen verschworen, um Frauen(tm) an ihrer wohlverdienten Teilhabe zu hindern!!1

  3. @1:

    Wieso meinen Sie denn Opdenblödel und Gätjen polarisieren nicht genug? Das sind zwei ganz spezielle Prototypen von Taugenichtsen und einer ist auch noch langweiliger als der andere. Überhaupt sind diese Pro7 Unterhaltungsshows kompletter Fußpilz. Da weiß man wirklich, was „geliefert“ wird.

    Ich glaube auch nicht recht, dass Jeannine Michaelsen teurer sei als die zwei Herren mit ihren Rentenverträgen beim ÖR.

    @ Wonko:

    Sie haben bestimmt recht. Ist sie denn damit nun qualifizierter für die Show?

  4. Wie immer guter Artikel von Frau El Ouassil, nur in einem Punkt bin ich anderer Meinung: bei der Besetzung von Joko und Klaas vs. Pro7 sollte man Steven Gätjen nicht einfach als „Redcarpet-Kino-Experten“ abstempeln sondern einen fairen Vergleich der Qualifikationen anstellen. Und dann scheint mir Steven Gätjen mit seiner jahrelangen Erfahrung aus Schlag den Raab/Schlag den Star-Zeiten und sonstigen Pro7-Events als Spielleiter die optimale Besetzung zu sein. Nur weil Michaelsen das DudW moderiert, muss sie ja nicht gleich automatisch mit allen anderen Joko und Klaas Formaten in Verbindung gebracht werden. Hier Gätjen den Vorzug gegeben zu haben finde ich objektiv nachvollziehbar.

  5. Irgendwie hat man es doch immer gewusst. Bei ProSieben haben sie auch in den verweintlich seriösen Sendungen nur „Moderatoren-Darsteller“.

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unseren Datenschutzhinweisen gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.