Lokaler Journalismus für eine gespaltene Stadt

Normalerweise interessiert sich die „Tagesschau“ nicht für den Ausgang von Oberbürgermeister-Wahlen in Mittelstädten. Vor einer Woche war das anders. Am Sonntagabend um kurz nach acht informierte Jan Hofer Millionen von Zuschauern über den Sieg des CDU-Kandidaten in Görlitz. Das war der vorläufige Höhepunkt eines Medieninteresses, wie es die sächsische Stadt noch nicht erlebt hatte – und das schon Wochen vor der Wahl begann.

„Tagesschau“ vom 16. Juni 2019 Screenshot: tagesschau.de

Sebastian Wippel war der erste AfD-Kandidat mit einer realistischen Chance, direkt zum Oberbürgermeister gewählt zu werden. Und zahlreiche Journalisten wollten wissen: Warum? Erste Reportagen erschienen im April. Am Wahltag vor anderthalb Wochen waren dann alle da: RTL, ntv, MDR, Süddeutsche Zeitung, Zeit Online, taz, Frankfurter Allgemeine Zeitung,, Die Welt. Auf Twitter trendete für einen Abend #görlitz.

So läuft das im Journalismus oft bei herausragenden Ereignissen, die abseits der Metropolen passieren. Zeitungen schicken Reporter, die fragen, was da los ist. Alle berichten, manchmal auch das Gleiche. Und selbst wenn die Antworten wenig zufriedenstellend ausfallen, ebbt die Aufmerksamkeit nach wenigen Tagen oder Wochen wieder ab.

Im Fall Görlitz sorgte die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer noch am Wahlabend für Ärger, weil sie ihre Partei wegen des Erfolgs als „die bürgerliche Kraft gegen die AfD“ feierte – Tenor: Sache erledigt.

Aber in Görlitz ist nichts erledigt. Die Themen, über die gestritten wurde, sind weiter ungelöst. Die Stadt bleibt gespalten. Nur die Reporter sind weg.

Sebastian Beutler, Leiter der Görlitzer Lokalredaktion der „Sächsischen Zeitung“ Foto: Nikolai Schmidt

Sebastian Beutler von der „Sächsischen Zeitung“ (SZ) ist noch da. Der 48-Jährige ist in Görlitz geboren, hat in Leipzig Journalismus studiert und dann bei der SZ angefangen. Heute leitet er die lokale Redaktion mit sieben Reportern, fünf Mitarbeitern am Desk und einem Netz aus freien Fotografen. „Natürlich sind Lokalzeitungen Orte, an denen sich demokratische Diskussionen abbilden. Wenn das wegfällt, hätten wir eine andere Gesellschaft“, sagt er.

Görlitz ist eine Stadt voller Kontraste. Viele Gründerzeithäuser im Zentrum sind aufwändig saniert worden. In anderen Vierteln verfallen Straßenzüge, weil sie seit Jahren unbewohnt sind. Die Zeiten mit 100.000 Einwohnern und einer bunten Zeitungslandschaft sind lange vorüber. Einen Teil dieser Vielfalt verboten die Nationalsozialisten. In der DDR reichte der SED eine lokale Zeitung pro Bezirk aus.

Davon hat sich die Medienlandschaft auch nach 1989 nicht erholt, zumal heute nur noch etwas mehr als halb so viele Menschen in der Stadt leben. In der Fußgängerzone betreibt der MDR ein Radio-Studio. Auch Radio Lausitz, Anzeigenblätter und das Online-Magazin „3Mag“ behalten die Region im Drei-Länder-Eck mit Polen und Tschechien im Blick. Jeden Tag und mit dem Anspruch, Politik und Wirtschaft auf die Finger zu schauen, berichtet jedoch nur die SZ. Sie gehört zur DDV Mediengruppe, an der Gruner + Jahr und die SPD-Gesellschaft ddvg beteiligt sind.

City Center in Görlitz Foto: Übermedien

Beutlers Büro liegt im „City Center“, einem Einkaufszentrum aus den frühen 2000ern mit günstigen Läden wie Norma und Kik. Im zweiten Stock befinden sich ein Bowling-Center und ein Spiel-Casino. Die Redaktion der „Sächsischen Zeitung“ liegt im dritten. Die Auslegeware undefinierbarer Farbe und die schlichten Büro-Zellen sind so uninspiriert, dass selbst „Stromberg“-Ausstatter diese Räumlichkeiten als zu klischeehaft abgelehnt hätten. Der einzige Schmuck in Beutlers Büro sind Berge an Papier und Aktenordner.

Der Verlag habe früh in alternative Einnahmequellen wie Lesereisen oder Postversand investiert, sagt Beutler. „Uns geht es daher noch verhältnismäßig gut.“ Dennoch müssen seine Mitarbeiter jeden Tag ein bis zwei Artikel schreiben. Für tiefe Recherchen oder gar Investigatives bleibt da kaum Zeit. Dabei ist genau das ist nötig, wenn eine Zeitung lokale Akteure kritisch beobachten und hinterfragen will.

Der Görlitzer Lokalteil der „Sächsischen Zeitung“ Foto: Übermedien

Die Journalisten der SZ machen keinen schlechten Job: selten Vereinsberichte, Texte über Scheckübergaben oder stumpf abgeschriebene Pressemitteilungen. Dafür setzt die Redaktion eigene Schwerpunkte: Braucht es einen Zaun um den frisch ausgerollten Rasen am Wilhelmplatz, damit dort niemand mehr Fußball spielt? Gibt es auf den Schulhöfen der Stadt ein Drogenproblem? Und hat Bürgermeister-Kandidat Sebastian Wippel tatsächlich Verwaltungswissenschaften studiert, wie er behauptet?

„Ich bin der Auffassung, dass die Zeitung kein Inhalte-Problem hat, sondern ein Bezahlproblem“, sagt Beutler. Jeden Tag verkauft die SZ in Görlitz 10.700 Exemplare, davon 450 E-Paper. Zwanzig Jahre zuvor war die Auflage noch doppelt so hoch. Die Einführung des Mindestlohns für die Zusteller, steigende Papierpreise und die LKW-Maut drücken die Erlöse.

Zwar erreicht die Zeitung heute via Facebook mehr als 15.000 Menschen. Von denen lesen viele jedoch nur Foto, Überschrift und Teaser. Seit vergangenen Herbst gibt es online eine Bezahlschranke. Zehn Euro kostet der Digitalzugang pro Monat. „Wir stellen ganz bewusst auch recherchierte Geschichten hinter die Paywall“, so Beutler. Ihm ist wichtig, im Netz nicht nur mit Klicks einbringenden Polizeimeldungen, sondern mit allen inhaltliche Facetten präsent zu sein und zu zeigen: gute Inhalte kosten Geld. Die intensive Politik-Berichterstattung im Vorfeld der Wahl habe „ein gerüttelt Maß an Neukunden“ eingebracht. Doch für eine Umkehr des Abwärts-Trends reicht es nicht.

Görlitzer Medienlandschaft
Görlitzer Medienlandschaft Foto: Übermedien

Das könnte auch daran liegen, dass sich die Attraktivität des Angebots bislang in Grenzen hält. Online-Journalismus sind in Görlitz Artikel, die für die Printausgabe geschrieben und online gestellt wurden. Zudem fragen manche Leser sich: Warum für journalistische Texte bezahlen, wenn anderswo Informationen kostenlos erscheinen? „Ich glaube, viele kennen den Unterschied zwischen Presse und PR nicht“, sagt Beutler.

Tatsächlich kritisieren viele Görlitzer die Zeitung nicht für langweilige Themen, schlechte Schreibe oder unsaubere Recherche. In persönlichen Gesprächen stößt man immer wieder auf fehlendes Verständnis dafür, dass andere Seiten im Blatt zu Wort kommen. Ein elementares Element des Journalismus wird als Einsatz für eine andere Position als die eigene und damit als unangenehme Parteinahme durch die Zeitung wahrgenommen.

Manchen sind selbst kritische Nachfragen schon zu viel. Zwei Wochen vor der Wahl hatte die SZ die beiden verbliebenen Bürgermeister-Kandidaten von AfD und CDU zur Podiumsdiskussion ins Theater geladen. Moderator Beutler konfrontierte den Kandidaten Wippel mit den Recherche-Ergebnissen zu seinem Studienabschluss. Schon das brachte die Anhänger des AfD-Politikers so in Rage, dass die Situation kurzzeitig zu eskalieren drohte.

Widersprüche zu ertragen und andere Meinungen zu akzeptieren scheint schwieriger zu werden, wenn man seine Informationen hauptsächlich über soziale Medien bezieht. Lässt das auch die SZ-Redakteure manchmal an ihrer Arbeit zweifeln? „Die Anfeindungen kommen von links und rechts“, sagt der Lokalchef. „So falsch können wir also nicht liegen.“ Die Kritik auszuhalten, sieht er als Teil seines Jobs.

Tatsächlich kommen in der SZ regelmäßig Politiker aller großen Parteien, von Linke bis AfD, zu Wort. Gleichzeitig trägt die Zeitung aber durch einen Entschluss von 2016 auch selbst zur aufgeheizten Stimmung in der Stadt bei. Seitdem nennt sie bei Straftaten die Nationalität von Verdächtigen – entgegen der Empfehlung im Pressekodex. „Gewisse Delikte werden häufig von Menschen bestimmter Nationalitäten begangen. Die Leute vor Ort wissen das. Also schreiben wir das auch“, sagt Beutler. Andernfalls würde nur das Misstrauen verstärkt, dass bewusst etwas verschwiegen würde.

Polizeimeldungen erhalten in der Zeitung recht viel Raum. Selbst Kleinkriminalität wie Kellereinbrüche oder Alkohol am Steuer sind Meldungen wert. Beispiele aus den vergangenen vier Wochen:

„Pole gibt Überfälle vor Gericht zu.“

„Am frühen Morgen des 19. Mai, einem Sonntag, vereitelten die Bundespolizei und Kräfte des Zittauer Polizeireviers den Diebstahl eines Radladers (…). Nach kurzer Verfolgung konnte die Bundespolizei den Mann jedoch stellen. Dabei handelte es sich um einen 34-Jährigen Polen.“

„In den frühen Morgenstunden des Mittwochs haben eine 24-Jährige und ihr 19 Jahre alter Komplize an der Rothenburger Straße in Görlitz versucht, in Gebäude zu gelangen. Eine Anwohnerin beobachtete das polnische Duo.“

„Die Beamten stellten sowohl das Fahrrad als auch das Narkotikum sicher und eröffneten ein Ermittlungsverfahren gegen den polnischen Staatsbürger.“

„Polizisten weisen Ukrainer Schwarzarbeit nach.“

Wer das regelmäßig liest, schließt am Abend die Wohnungstür zweimal ab. Und er bekommt ein besonderes Bild von den Nachbarn jenseits der Grenze.

Die Angst vor Kriminalität im Grenzgebiet war ein zentrales Thema im Görlitzer Wahlkampf. Die AfD punktete mit dem Versprechen, für mehr Polizei und Überwachungskameras zu sorgen. Dabei belegt die Statistik, dass die Zahl der Straftaten seit Jahren zurückgeht.


Der Wahlkampfstand der AfD auf dem Marienplatz in Görlitz Foto: Übermedien

Bürgermeister-Kandidat Sebastian Wippel steht vor sich selbst und verteilt Flyer. Die Partei hat sein freundlich lächelndes Gesicht vor das Görlitzer Rathaus und den Stadtberg Landskrone gephotoshopped und übergroß auf sein Wahlkampfmobil gedruckt. Es ist der Donnerstag vor der Wahl, früher Nachmittag, die AfD steht schon seit dem Morgen mit zwei Ständen in der Innenstadt. Die Partei demonstriert: Wir sind direkt ansprechbar.

„Unsere Mitglieder und Sympathisanten erreichen wir hauptsächlich über Facebook“, sagt Tino Chrupalla, Vorsitzender des AfD-Kreisverbandes und Direktkandidat der Region im Bundestag. Die AfD Görlitz zählt 3.500 Facebook-Fans, Kandidat Wippel über 8.000. Denen kann er ein Foto seiner Diplom-Urkunde zeigen, auf der als Abschluss „Verwaltungswirt“ steht. Das von der SZ recherchierte Detail, dass sein Studium zwar polizeiliches, aber kein Verwaltungs-Fachwissen vermittelte, erwähnt er dabei nicht.

Auch analog ist die Partei mit eigenen Medien vertreten. Viermal im Jahr produziert sie eine Zeitung und verbreitet sie im Landkreis. „Wir verteilen viel über die Briefkästen. Gerade bei den älteren Menschen kommt das gut an. Das merken wir auch an den Wahlergebnissen“, sagt Chrupalla.

Von der SZ hält er wenig. Es sei für die Partei schwierig, sagt er, dort „differenziert und seriös“ dargestellt zu werden. Die Berichterstattung über Wippels Studienabschluss bezeichnet er als Schmutzkampagne, wegen der man sich beim Presserat beschweren werde. „Mit dieser Zeitung will ich nicht zusammenarbeiten“, so Chrupalla. „Wir brauchen sie aber auch nicht. Das hat die Wahl gezeigt.“

Jana Lübeck
Jana Lübeck war Bürgermeister-Kandidatin für Die Linke in Görlitz Foto: Dennis Lohann

Auf einer schattigen Bank nur ein paar Meter vom AfD-Wahlkampf-Stand entfernt sitzt Jana Lübeck und isst Falafel. Die studierte Kulturmanagerin leitet ein Mehrgenerationenhaus und betreibt nebenher die Görlizer Galerie Neun. In der Kulturszene der Stadt ist die Mitdreißigerin bestens vernetzt. „Irgendwann wollte ich nicht mehr nur mitreden, sondern auch selbst mitentscheiden“, sagt sie. Im vergangenen Jahr trat sie daher der Partei Die Linke bei, deren Bürgermeister-Kandidatin sie wurde. In einem ersten Wahlgang Ende Mai kam sie auf 5,5 Prozent der Stimmen. In der zweiten Runde im Juni trat sie nicht mehr an.

Lübeck ist interessiert – an Kultur, an Politik und an Görlitz, wo sie geboren wurde. Ihre Informationen beziehen sie und ihre Freunde jedoch selten aus der Lokalzeitung. Themen und Veranstaltungshinweise verbreiten sich über Facebook, E-Mails und Flyer. Im Vorfeld der Wahl streamten engagierte Bürger die Sitzungen des Stadtrats live ins alternative Café Kugel. Lokalpolitik wurde so zum Public-Viewing-Event, mit angeschlossener Debatte. Lübeck sagt: „Wir kennen uns alle. So erfährt man schon, was wichtig ist.“

Das führt aber auch dazu, dass alles, was außerhalb des eigenen Umfelds passiert, es schwerer hat durchzudringen.


Görlitzer Rathaus Foto: Übermedien

Die dicken Mauern des Görlitzer Rathauses halten die vormittägliche Hitze draußen vor der Tür. Im Renaissance-Bau mit knarzenden Holzdielen und Gewölbedecke am Untermarkt könnten sich gut Ritter zur Tafelrunde treffen. Der monumentaler Schreibtisch von Wulf Stibenz im imposanten Vorzimmer des Bürgermeisters wirkt fast so groß wie das komplette Büro des SZ-Chefs. „Wenn die Verwaltung die Menschen nicht mehr erreicht, haben wir ein Problem“, sagt er.

Bis 2016 waren Beutler und Stibenz Kollegen. Der gelernte Journalist, Jahrgang 1975, leitete die Redaktion der Nachbarregion. „Aber irgendwann wusste ich schon, welche Antworten ich auf meine Fragen bekommen würde, bevor ich den Telefonhörer abgenommen hatte.“ Er hatte Lust auf Neues und wurde Medienreferent und Pressesprecher beim parteilosen Oberbürgermeister Siegfried Deinege, dessen Amtszeit nun endet.

Noch bis Mitte Juli leitet Stibenz ein fünfköpfiges Team, das Neuigkeiten aus dem Rathaus unter die Görlitzer bringt. Die Regeln dafür sind streng. „Eigenwerbung ist verboten“, erklärt er. „Aber wir müssen über die Arbeit im Rathaus, etwa die Beschlüsse des Stadtrats, informieren.“

Dazu kann er Pressemitteilungen schreiben, zu Terminen einladen und hoffen, das Medien berichten. Selbst als der scheidende Bürgermeister im Vorfeld ein Statement zur Wahl abgab, was sehr unüblich ist, kamen nur drei lokale Reporter.

Wulfs Stibenz, Medienreferent des Görlitzer Oberbürgermeisters
Wulfs Stibenz, Medienreferent des Görlitzer Oberbürgermeisters Foto: Übermedien

Als direkter Draht steht ihm zudem das monatlich mit einer Auflage von 10.000 Stück erscheinende Amtsblatt zur Verfügung. Das verströmt allerdings den Charme eines staubigen Aktendeckels. Als Journalist würde Stibenz den Texten gerne mehr Leben einhauchen, doch der Bundesgerichtshof hat den Publikationen im vergangenen Jahr jegliche Presseähnlichkeit verboten. Er gab damit der „Südwest Presse“ und ihrer Klage gegen das Amtsblatt von Crailsheim Recht, dessen Versuche, attraktiver zu werden, sie als unlautere Konkurrenz empfand.

Eigene Profile in sozialen Medien sind für die Verwaltung ebenfalls tabu. Zwar ist die Stadt dort vertreten, verantwortlich für die Accounts und deren Inhalte ist jedoch die Europastadt GörlitzZgorzelec GmbH. Die hundertprozentige Tochtergesellschaft der Stadt kümmert sich um das Standortmarketing. Auf der Facebook-Seite landen damit harmlose Erfahrungsberichte von Reisebloggern; der Instagram-Auftritt richtet sich mit idyllischen Stadtansichten vorwiegend an Touristen. Politik oder streitbare Themen aus der Region tauchen nicht auf.

Bleibt noch: der direkte Kontakt. Wenn irgendwo eine größere Baustelle ansteht, laufen Scouts durchs Viertel, verteilen Flyer und informieren Anwohner, Ladenbesitzer und Gastronomen persönlich. In Bürgerräten können die Menschen zudem direkt über Themen vor ihrer Haustür debattieren. Das sind wichtige Multiplikatoren. Sie tragen die Debatten an Küchentische, in Bäckerei-Schlangen und den Abholbereich der Kitas. „Das hat analogen Charme, ist aber eins der wenigen Instrumente, die wachsen und Perspektive haben“, sagt Stibenz.


Görlitz bei Nacht
Görlitz, wenn die Nacht anbricht Foto: Übermedien

Eine Partei wie die AfD ist nicht mehr auf die Medien angewiesen.

Städte erreichen ihre Bürger nur noch schwer.

Und mit ihren Lesern verlieren Lokalredaktionen auch die finanzielle Grundlage für ihre Arbeit.

Görlitz ist mit dieser Entwicklung nicht alleine. Dort zeigt sich aber beispielhaft, was mit einer Gesellschaft passiert, in der kritischer Lokaljournalismus an Bedeutung verliert: Entweder sind die Menschen in der Stadt für die Überwachung aller zentralen Plätze und der Grenze zu Polen durch Kameras – oder sie sind komplett dagegen. Entweder möchten sie die Innenstadt autofrei haben – oder sie wünschen sich mehr Parkplätze dort. Entweder sie wollen den stark beanspruchten Rasen auf dem Wilhelmplatz mit einem Zaun abriegeln – oder ihn zum Fußballspielen und Grillen freigeben. Wer das jeweils andere will, ist nicht einfach anderer Meinung, sondern liegt falsch und wird darüber harsch belehrt. Görlitz ist gespalten. Das merkt man dort im Alltag, jeden Tag.

Damit eine Demokratie funktioniert, muss die Gesellschaft relevante Themen debattieren können. Viele bekommen aber nur noch einseitig gefiltert mit, was in ihrer Stadt wichtig ist. Die Akteure kommunizieren nur aus ihrer eigenen Perspektive, ohne dass diese Informationen zusammengeführt, eingeordnet, hinterfragt werden. Dadurch wird es schwieriger, Widersprüche auszuhalten und Kompromisse zu suchen.

Offenlegung: Ich habe als Teilnehmerin des Projektes „Stadt auf Probe“ des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung seit Ende Mai vier Wochen in Görlitz verbracht. Das Programm erforscht das Potential von Mittelstädten mit schwindender Einwohnerzahl für die Kreativwirtschaft, hat keinen journalistischen Hintergrund und war daher auch nicht mit einem Recherche- oder Berichterstattungs-Auftrag verbunden.

18 Kommentare

  1. Als ich im Text zum ersten mal SZ gelesen habe, dachte ich, es ist die Süddeutsche Zeitung gemeint.
    Typischer Denkfehler eines notorischen Besserwessis!

  2. Danke für diesen Bericht. Schon traurig, wie sich die Gewichte verschoben haben: Vor fünfzehn Jahren war es Anlass für Medienkritik, wenn eine Stadt nur eine Zeitung hatte – „Gegen die Macht der Monopolblätter“, hieß das damals (nicht ohne Grund). Heute ist man froh, wenn überhaupt noch ein „Monopolblatt“ mit journalistischem Anspruch bei der Stange bleibt, damit nicht alle Information dem Hörensagen, den Nonsens-Blättchen und der Parteien-Propaganda überlassen ist.

    Kleine Besserwisserei zur Linken-Kandidatin Jana Lübeck:

    In einem ersten Wahlgang Ende Mai kam sie auf 5,5 Prozent der Stimmen. In der zweiten Runde im Juni trat sie nicht mehr an.

    „Trat nicht mehr an“ klingt, als hätte Sie aus Frust über das magere Ergebnis freiwillig zurückgezogen. Tatsächlich war sie schlicht nicht mehr im Rennen: Der zweite Wahlgang bei OB-Wahlen ist eine Stichwahl zwischen den beiden Bestplatzierten des ersten Wahlgangs (Wippel und Ursu, in diesem Fall).

  3. @Kritischer Kritiker
    Danke für den Hinweis zu Jana Lübeck. Tatsächlich ist sieht das Wahlrecht in diesem Fall jedoch keine Stichwahl vor. Alle Kandidaten konnten erneut antreten, wenn sie denn wollten. Lübeck sowie die von einem Bürgerbündnis unterstützte Grünen-Politikerin Franziska Schubert haben freiwillig auf den zweiten Wahlgang verzichtet.

  4. @ Juliane Wiedemeier:

    Oh, Mist. Peinlich. Das kommt davon, wenn man sich in Sachsen nicht auskennt. Habe in Niedersachsen oft über solche Wahlen berichtet, und dort ist der zweite Wahlgang immer eine Stichwahl. Hier sah es wegen der zwei Kandidaten von außen genauso aus, daher mein Irrtum. Sorry.

    @ Frank Reichelt:

    Die genauen Umstände der Debatte waren an mir vorbeigegangen. Die Kritik an AKK stimmt aber bei einer Stichwahl genauso: Auch dann hätten viele Anhänger von SPD, Grünen und Linken Herrn Ursu gewählt, um den AfD-Mann zu verhindern – ohne deshalb gleich als „bürgerliche Kraft“ Teil der CDU sein zu wollen.

  5. Wippel war wohl nicht der erste AFD Kandidat mit einer realistischen Chance Oberbürgermeister zu werden. In Gera, Thüringen zog der AFD Kandidat an der Amtsinhaberin vorbei und belegte einen zweiten Platz mit knappen Abstand hinter dem Erstplatzierten. Bis zur Stichwahl, die er dann überraschend hoch verlor, hatte er eine realistische Chance Onerbürgermeister zu werden.

  6. Die Abkürzung „SZ“ habe ich tatsächlich auch mit der Süddeutschen Zeitung verbunden. Beim Lesen des skizzierten Lebenslaufs von Sebastian Beutler war für mich völlig selbstverständlich, daß er nach seinem Studium erst mal bei der Süddeutschen Zeitung angefangen hat und später von Bayern wieder nach Sachsen zurückgekehrt ist.

    Es ist doch eine Krux mit diesen Abkürzungen. Es hat doch jeder eine andere Assoziation zu bestimmten Buchstaben.

    Gerade bei dem Kürzel „SZ“ fällt mir das auch im Alltagsleben (das ist dieses Offline-Ding) auf. Wenn ich auf einem Bondage-Workshop oder einem SM-Stammtisch bin, dann sprechen die Leute da von „Die Ess-Zett“, wenn sie das Soziale Netzwerk „Sklavenzentrale“ meinen. Manchmal widerspreche ich und sage „‚SZ‘ ist die Süddeutsche Zeitung“.

    Mir ist nicht so recht klar, ob das ein verschämter Ausdruck ist (im Sinne von: „Das Unaussprechliche, was wir aber alle kennen“) oder eine elitäre Sprechweise für Insider. Beides tut aber doch überhaupt nicht not, wenn man ohnehin unter sich ist. Aber auch generell muß man sich doch nicht verstecken, oder sich andererseits elitäres Insider-Sprech zulegen.

    Wenn ich damals als Student an der Uni gefragt wurde „Bekommst Du eigentlich BaföG?“, dann habe ich wahrheitsgemäß geantwortet „Nein, ich bekomme kein Bundesausbindungsförderungsgesetz“. Und auch heute noch denke ich: Hört doch endlich auf mit diesen Abkürzungen! Abkürzungen erzeugen bloß Missverständnisse. Und dann verleiten sie auf Dauer auch noch dazu, sie völlig falsch (sinnentstellend) zu benutzen.

  7. Der die Sächsische Zeitung publizierende Verlag, die DDV Mediengruppe, gehört zu 60 Prozent Gruner + Jahr, zu 40 Prozent einem Medienbeteiligungsunternehmen der SPD, der ddvg.

    Bald interessiert sich in Görlitz niemand mehr für die SPD-Parteizeitung. Nur die SPD selbst wird in der Region noch schneller eingehen. Kein Verlust.

  8. @Alle
    Ich habe einen Hinweis eingebaut, dass die SZ in diesem Fall nicht aus München stammt, und hoffe, nun wird das klarer.

  9. Die SZ steht in einem wenn auch kleinen Teil des Landes auch für die Saarbrücker Zeitung. Bei Ess Zett denke ich auch weniger an eine Sklavenzentrale, sonder an diese kleinen leckeren Schokoplättchen, die so schön zwischen Brötchenhälften passen. Was die SPD angeht, ist deren Zukunft auch für mich als einstmals treuen Wähler uninteressant geworden, seitdem klar ist, dass nicht Qualität, sondern Geschlecht und Herkunft bei der Doppelspitze als Kriterien herangezogen werden.

  10. In Salzgitter liest man auch die SZ. Das steht für Salzgitter-Zeitung, einen lokalen Ableger der Braunschweiger Zeitung. Und die gehört zur Funke Mediengruppe. Wer da die politische Richtung bestimmt, ist unklar. Eine politische Partei hat jedenfalls keinen Einfluss.
    Die SPD sollte sich schleunigst von ihren Beteiligungen an unabhängig sein wollenden Zeitungen trennen, also auch an der Sächsischen Zeitung

  11. Als Bürger der Region muß man der SZ…. nein, nicht der Süddeutschen, sondern der Sächsischen Zeitung… wirklich ein Lob aussprechen: sie lässt alle Seiten zu Wort kommen, und stellt Meinungen gegenüber. Das ist ein Zug der den großen überregionalen Zeitungen längst verloren gegangen ist, und ein Grund warum ich mein Abo behalte.
    Eine Anmerkung zur Kriminalität: sie mag zurückgegangen sein, aber das sagt nicht viel wenn der Landkreis etwa bei den Autodiebstählen auf Rang 6 von 402 liegt (2016). In der Provinz wird Kriminalität anders wahrgenommen als in der anonymen Großstadt, und dann erwartet der Leser auch davon zu erfahren.
    Genauso wie der Leser zumindest im Osten erwartet ALLE Informationen zu erhalten. Wohin es führen kann wenn Zeitungen sich anmaßen zu bewerten ob eine Information gut oder schlecht für den Leser ist wissen ehem. DDR-Bürger noch.

  12. Ich wohne nicht in Görlitz, aber im Vertriebsbereich der SZ.
    Zur DDR-Zeit hatte man die SZ und dann lief das eben weiter.
    Bei mir bis vor drei Jahren. Dann war Schluss, es war einfach nicht mehr zum Aushalten.

    Alle Printmedien verlieren an Auflage. Die SZ liegt gefühlt mitten in der Mitte, ein spezielles SZ-Versagen kann man also nicht unterstellen.

    Vor zehn Jahren wurde in Deutschland die Alternativlosigkeit eingeführt. Interessanterweise haben die Journalisten die Gefahr nicht erkannt. Im Gegenteil, die haben sich gefreut. Was früher ein Bug (unkritisches Übernehmen der Pressemitteilungen) war ab nun ein Feature (unkritisches Übernehmen der Pressemitteilungen), die Politik von Partei und Regierung ist ja alternativlos. Man kann nichts mehr falsch machen.

    Was die nicht erkannt haben war, dass die dann nicht nur nichts falsch, sondern effektiv gar nichts mehr machen.
    Dafür zahlt keiner. Auch viele von denen nicht, die am Wahltag der Alternativlosigkeit ihre Stimme geben.

    Wenn es nur Görlitz wäre, könnte man eine Korrelation zwischen Auflage und Wahlergebnis herstellen. Doch außerhalb von Görlitz sieht es auch nicht anders aus.
    Wer in der Zeitung auf den Punkt genau nur das findet, was Ottonormalbürger schon im Autoradio auf dem Weg zur und von der Arbeit gehört hat, der lässt das irgendwann mit der Zeitung; unabhängig von seinen politischen Präferenzen.

    Ja, das Amtsblatt verströmt den Charme eines staubigen Aktendeckels. Das soll auch so sein.
    Wenn Stibenz damit ein Problem hat, wäre es zunächst erst mal seine Sache. Die Sache ist nur, dass sich in der ganzen Journalistenszene immer mehr die Überzeugung verfestigt, dass (wenn schon keiner mehr freiwillig für den Schrott bezahlt) die Steuerzahler zwangsweise für den angebl. Qualitätsjournalismus zur Kasse gebeten werden sollen. Die Öffis zeigen wie es geht, das soll auch für die Printmedien gelten.
    Armselig.

    „Städte erreichen ihre Bürger nur noch schwer.“
    Man könnte fragen, woran das liegt. Dabei könnte man zuerst fragen, ob die Stadtoberen die Menschen überhaupt erreichen wollen.
    Machen wir uns nichts vor, unsere Schickeria hat sich in der Festung verbarrikadiert, die Tore verrammelt, die Leitern hochgezogen.
    Es stimmt, die erreichen die Bürger kaum noch – weil die die Bürger als Störfaktor ansehen, der lahmgelegt gehört.

    Und ja, die „Berichterstattung“ über Wippels Studienabschluss ist eine Schmutzkampagne.
    Nicht dass die Recherche und Berichte unzulässig wären, das nein. Es ist die Einseitigkeit, die einen anwidert.

    „Damit eine Demokratie funktioniert, muss die Gesellschaft relevante Themen debattieren können.“
    Interessante Auffassung.
    Immerhin haben uns Politik und Medien jahrelang eingehämmert, dass das voll Nazi ist – im Zeitalter der Alternativlosigkeit.
    Hat sich der Wind gedreht, oder ist das nur so eine Floskel, die selbst die Autorin nicht ernst nimmt?
    Wir werden sehen.

  13. Lieber Sache,
    herzlichen Dank für diesen brillanten Kommentar inkl. Hinweises auf Zeitpunkt und Grund, warum Vieles in Medien und Gesellschaft inzwischen nur noch hochgekocht und/oder selbstherrlich .. festgestellt wird, keinesfalls aber je in frage gestellt oder gar, Göttin bewahre, offen debattiert wird – ist der eigene Standpunkt doch ebenso alternativlos.

    Dass dabei Meinungshoheit von gut 88% der Medien gleichgeschaltet ist 1, miteinander (gab es je 2 Meinungen zu Trump/Hillary oder Assad/Iran/Erdogan etc.?) und gleichermaßen 2. mit immer weitreichenderen Herrschaftsansprüchen der global agierenden Gewaltenteilungsaufheber*innen, gibt nur denen – für kurz – zu denken, die zwischen den jeweiligen Empörungen und einhergehenden Forderungen mal drauf aufmerksam gemacht werden.

  14. „Ich glaube, viele kennen den Unterschied zwischen Presse und PR nicht“, sagt Beutler.

    „„Gewisse Delikte werden häufig von Menschen bestimmter Nationalitäten begangen. Die Leute vor Ort wissen das. Also schreiben wir das auch“, sagt Beutler. “

    „Zwei Wochen vor der Wahl hatte die SZ die beiden verbliebenen Bürgermeister-Kandidaten von AfD und CDU zur Podiumsdiskussion ins Theater geladen. Moderator Beutler konfrontierte den Kandidaten Wippel mit den Recherche-Ergebnissen zu seinem Studienabschluss.“

    „Auf einer schattigen Bank nur ein paar Meter vom AfD-Wahlkampf-Stand entfernt sitzt Jana Lübeck und isst Falafel. Die studierte Kulturmanagerin…“

    Ihr merkt das hier bei Übermedien wirklich nicht, oder?
    Frau Wiedemeier schreibt das so rein und merkt es nicht. Sieht das Problem nicht.
    Dabei zählt sie genau die Ursachen auf, die zum Niedergang der Branche geführt haben.

    Erinnert mich an einen alten Witz aus meiner Schulzeit:
    Sitzt ein Elternpaar im Büro vom Schuldirektor, weil es wegen des Verhaltens ihres Sohnes dort hin zitiert wurde. Speziell wegen dessen ständig verwendeten Kraftausdrücken.
    Sagt der Vater: „Ich weiß auch nicht, woher dieses kleine Arschloch das hat!“

    Wenn ich mich jetzt auf dieser (und allen anderen Mainstreamseiten) so umsehe, kann ich den Vater verstehen.
    Der weiß das wirklich nicht.

  15. „Ihr merkt das hier bei Übermedien wirklich nicht, oder?
    Frau Wiedemeier schreibt das so rein und merkt es nicht. Sieht das Problem nicht.“

    Ich verstehe es auch nicht. Sie bringen folgendes Zitat aus dem Text: „Gewisse Delikte werden häufig von Menschen bestimmter Nationalitäten begangen. Die Leute vor Ort wissen das. Also schreiben wir das auch“, sagt Beutler.“

    Inhaltlich sagt das für mich aus, dass hier der Lokalteil eines ein „Mainstreammediums“ sich gegen die „Mainstreamempfehlung“ des Pressekodex ausspricht und die Nationalität von Kleinkriminellen doch erwähnt. Das ist in meinen Augen quasi Antimainstream. Inwieweit spricht das dafür, das die Übermedien oder Frau Wiedemeier ein bestimmtes Problem nicht sehen? Das interessiert mich ernsthaft, denn ich kann Ihnen nicht folgen.

    Der Witz ist gut.

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