Russischer Oligarch

Mit dem Strache-Video ist in deutschsprachigen Medien ein Wort groß herausgekommen, das eigentlich nur die Randbedingungen des ganzen Skandals beschreibt: Oli­garch.

In der ersten Titelgeschichte der „Süddeutschen Zeitung“ (€) dazu fiel das Wort „Oligarchennichte“ acht Mal, zwei Mal wurde die fiktive Aljona Makarowa auch selbst als „vermeintliche Oligarchin“ bezeichnet; der real existierende Igor Makarow wurde ebenfalls zwei Mal „Oligarch“ genannt. Immerhin: Im Untertitel war die Rede von einer „Multimillionärin“, und zwei Mal wurde sie in der SZ-Geschichte auch „Investorin“ genannt. Der „Spiegel“ nannte sie in seiner Titelgeschichte fast immer „Frau“ oder „Russin“ – aber auch hier fiel zwei Mal das Wort „Oligarch“.

Rund um die Ibiza-Affaire wurden von SZ und „Spiegel“ auch andere einflussreiche und reiche Menschen genannt, die allerdings aus Österreich kommen. In der SZ hießen sie „Unternehmer“ (Hans Peter Haselsteiner), „Kaufhaus-Erbin“ (Heidi Horten) und „Milliardär“ mit Immobiliendeals (René Benko). Wörter, die vielleicht nicht auf Anhieb Sympathien erwecken, aber auch nicht sofort mit einer stillen Herrschaft und Korruption in Verbindung gebracht werden.

Der „Spiegel“ zeigte zumindest gegenüber René Benko seine Abneigung und bezeichnete ihn als „Immobilienkrösus“ und „Milliardär und Immobilienmogul“. Die anderen kamen dafür umso besser weg: Heinrich Pecina, „der Investor“ und „große Player“ mit „aristokratischem“ Auftreten, der „Unternehmer“ Dietrich Mateschitz und die „milliardenschwere Kaufhaus-Erbin Heidi Horten“: All das klingt nach Wirtschaftswachstum, nach Menschen, die das Geld ins Land bringen und die Konjunktur ankurbeln. Die Lorbeeren der „Spiegel“-Geschichte trug aber immer noch Hans Peter Haselsteiner als der „Tiroler Industrielle und Philanthrop“ – als hätte der aus reiner Menschenliebe viele Millionen an Amtsträger gezahlt.

Keiner der Genannten kommt wirklich gut weg. Sie alle sind entweder mutmaßliche Großspender*innen der FPÖ oder in Korruption verwickelt. Aber selbst als Immobilienmogul oder -krösus der unsympathischsten Sorte wird man als westlicher Milliardär eines nicht genannt: Oligarch.

Die alten Griechen und die neuen Russen

Das negativ behaftete Wort aus dem Altgriechischen bezeichnete in der antiken Staatstheorie die Herrschaft von einigen wenigen, die meistens ihre eigenen Vorteile durchsetzen. Seit den neunziger Jahren bekam der Begriff eine neue Verwendung: Nach Zusammenbruch der Sowietunion bereicherten sich wenige Russen auf oftmals korrupte Art und Weise und bildeten eine politisch einflussreiche Elite – die russischen Oligarchen.

In der russischen Sprache wird das Wort offenbar viel genutzt. Aber auch auf englisch wird es verwendet, und zu dem Begriffspaar „Russian Oligarch“ gibt es sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Unterschieden wird zwischen den Oligarchen der Jelzin-Ära und denen der Putin-Ära, als handele es sich bei einer neureichen Elite um ein einzig in Russland auftretendes Phänomen. Es gibt Dokumentarfilme: „Oligarchie: Russland, die Milliarden und die Frauen“ und Artikel: „Wie russischen Oligarchen ihre Milliarden vererben“.

Der Begriff wird also zuerst als Bezeichnung einer historischen Begebenheit legitimiert, als Beschreibung eines zeitlich und örtlich genau eingegrenzten Phänomens. Schon das ist fraglich. Da war Russland nun endlich nicht mehr kommunistisch und brachte dieselben Auswüchse des Kapitalismus hervor wie der Westen, und schon musste ein Wort her, um es schlechter erscheinen zu lassen als das westliche Original. Das Herkunftsland scheint bei der Definition von größerer Bedeutung als die Tatsache. Außerdem wird das Wort aber weit über die neunziger Jahre hinaus und bis heute verwendet.

Abstammung schlägt Tätigkeit

Die meisten Zeitungen und Sender haben den Begriff „Oligarch“ im Rahmen ihrer Berichterstattung über die Ibiza-Affäre übernommen – entweder bewusst oder nur als Nacherzählung der SZ- und „Spiegel“-Geschichte, die das Wording sozusagen vorgegeben hatten.

Positiv fiel zumindest anfangs die „Tagesschau“ auf, die in ihren Fernsehberichten (im Gegensatz zu ihren Online-Beiträgen) überwiegend von einer „vemeintlich reichen Russin“ sprach, oder von einer „russischen Geschäftsfrau“. So viel unternehmerische Unabhängigkeit konnten die meisten deutschsprachigen Medien einer Frau offenbar nicht unterstellen. Es dominierte das Wort „Oligarchen-Nichte“: Aljona Makarowa wurde also mehr durch ihre Abstammung charakterisiert als durch ihre Tätigkeit – obwohl sie in dem Gespräch mit Strache als Investorin ja tatsächlich Aufträge bekommen wollte.

Erwartbar schlugen „Focus“ und Bild.de in noch holzschnittartigere Richtungen aus und titelten mit fragwürdigen Bindestrichkonstruktionen: „Russen-Oligarch jagt falsche Nichte“, oder mit Dachzeilen wie „Russen-Oligarch Makarow spricht von Lockvogel“. Dazu passte auch ein „vermeintlicher Oligarchen-Onkel“ der „Augsburger Allgemeinen“.

Sogar die Bundeszentrale für politische Bildung teaserte ihr Russland-Dossier aus dem Jahr 2018 an mit den Worten: „Das ‚System Putin‘ ist eine Mischung aus Autokratie und Oligarchie.“

Dass Russlands Herrschaftsstrukturen großenteils undemokratisch sind – wer will das bestreiten. Vielleicht ist „Oligarchie“ tatsächlich ein treffender Begriff. Wenn er aber nicht nur russlandfeindliche Ressentiments bedienen, sondern Tatsachen benennen soll, braucht es eine klarere Definition.

Und wenn „Oligarchen“ mächtige Reiche mit Einfluss auf Poltik sind, dann müsste konsequenterweise auch Nestlé-Chef Marc-Aurel Boersch „Oligarch“ heißen, wenn er Verbraucherministerin Julia Klöckner für ein informelles Werbe-Video gewinnen kann; Menschen wie Dirk Niebel, die zuerst Ministerposten besetzen und dann in der Waffenindustrie reich werden, oder die Lobbyist*innen von Unternehmen wie Monsanto, die Studien in Auftrag geben und Gesundheitsministerien beeinflussen. Oder, um bei Österreich und der Ibiza-Geschichte zu bleiben: Haselsteiner, der „Philanthrop“, der mehrfach verdächtigt wurde, sich seine Aufträge ganz ähnlich wie die falsche Aljona Makarowa mit Schmiergeldern hereinzuholen.

15 Kommentare

  1. Hallo, ich finde es zwar schön, wenn man bei uns die Machenschaften der Superreichen ebenso argwöhnisch beäugt wie jene der Oligarchen, allerdings kann ich nicht wirklich nachvollziehen, wie man Russland und den Begriff Oligarch nicht in einen Kontext setzen kann?

    Ich möchte dazu die taz zitieren:

    „Im Jahr 1996 meldeten sich Russlands Superreiche erstmals als einflussreiche Kaste lautstark zu Wort. Das war die Geburtsstunde der sogenannten Oligarchen, deren frühe Geschäfte noch in die Endphase des Kommunismus zurückreichten. Im Sommer 1996 sicherten sie mit ihrem Geld die Wiederwahl von Präsident Boris Jelzin, der für Öffnung und Demokratie in Russland stand. Doch die Chance der Kommunisten, die Macht zurückzugewinnen, schien damals greifbar nahe.

    Die Oligarchen entsprachen nicht dem Ideal eines erfolgreichen Unternehmers, der es durch Ideen und Risiko zu Vermögen gebracht hat. Oligarchen waren Krisengewinnler, die die Agonie des sowjetischen Wirtschaftssystems zu ihren Gunsten zu nutzen wussten.
    […]
    Der Einfluss der Oligarchen auf die Politik wuchs bis zum Ende der neunziger Jahre immens. Besonders die Rolle des Tycoons Boris Beresowski erregte in der Öffentlichkeit Widerwillen.

    Der Miteigentümer der Fluggesellschaft Aeroflot und Mehrheitsaktionär beim Staatsfernsehen stieg im Kreml zur grauen Eminenz auf und galt nicht nur als Vertrauter der Jelzin-Familie. Zur Jahrtausendwende fädelte er die Jelzin-Nachfolge ein.

    Die Wahl fiel auf Wladimir Putin, der bald nach seinem Amtsantritt Beresowski unter Androhung eines Strafverfahrens ins Exil nach London vertrieb. Die Öffentlichkeit unterstützte den neuen Kremlchef, der versprach, mit eiserner Faust gegen die Auswüchse der Oligarchie vorzugehen.
    […]
    Doch die Oligarchen von Kremls Gnaden sind unter der Ägide Putins noch reicher geworden und neue kamen hinzu: Putins ehemaliger Judo-Trainer Arkadij Rotenberg oder sein alter Freund Gennadi Timtschenko. Beide gehören inzwischen zu den hundert reichsten Russen. Für das System Putin stellen sie keine Gefahr dar.“

    https://taz.de/!5129733/

    Demzufolge sind russische Oligarchen Krisengewinnler, die den Niedergang von Wirtschaftssystemen zu ihren Gunsten zu nutzen wissen. Dazu unterscheiden sie sich theoretisch von westlichen Unternehmern dahingehend, dass für sie nicht nur die Wirtschaftlichkeit ein Risiko darstellt, sondern dass Sie den richtigen Politiker unterstützen, unterstützt haben und unterstützen werden. Denn anders als bei uns, kostet es einem Oligarchen im Normalfall sein Kapital, seinen Einfluss oder beides, wenn er nicht auf russischer Staatslinie agiert.

    Warum Nestlé-Chef Marc-Aurel Boersch ein Oligarch sein soll, erschließt sich mir nicht. Auch wenn Nestlé bis 2017 1,7 Mrd in Russland allein zur Produktion von Kindernahrung investiert hat und nun wohl noch einmal 1,5 Mrd zur Produktion von Kaffee in die Hand nimmt, so denke ich nicht, dass das passiert ist, weil Marc-Aurel Boersch von Putin abhängig und morgen arbeitslos ist, wenn er diese Investitionen nicht tätigt. Wohl eher die Aktionäre von Nestlé können den Chef entmachten, weshalb die Bezeichnung Oligarch für mich mehr Verwirrung stiftet, als dass sie die Verhältnisse beleuchtet. Ich würde nur der Behauptung folgen, dass fehlende Transparenz der Korruption Tür und Tor öffnet. Bei uns schreiben Lobbyisten Gesetze und die Panama-Papers und CumEx-Files belegen organisierten Steuerbetrug, in Russland sieht’s nicht anders aus:

    „Über ein ausgeklügeltes Geldwäschesystem sind innerhalb weniger Jahre Milliardensummen aus Russland an den Westen geflossen, knapp 190 Millionen Euro auch auf deutsche Konten. Politiker, Geschäftsleute und Kriminelle brachten ihr Geld aus undurchsichtigen Quellen außer Landes, die Empfänger waren unter anderem eine Wohltätigkeitsfirma des britischen Prinzen Charles, das Firmenkonto eines Jugendfreunds des russischen Präsidenten Waldimir Putin und ein Unternehmen mit Sitz in Bayern. Das geht aus Bankunterlagen hervor, die dem Recherchenetzwerk Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP) und der litauischen Nachrichtenseite 15min.lt zugespielt wurden.
    […]
    Ein zweistelliger Millionenbetrag landete auf einem Schweizer Firmenkonto des Cellisten Sergej Roldugin, eines der besten Freunde von Präsident Putin. Roldugin hatte schon bei den Enthüllungen der Panama Papers eine tragende Rolle gespielt, als die Süddeutsche Zeitung und ihre Partner aufdeckten, dass Roldugin im Zentrum eines Netzes von Briefkastenfirmen stand, das Hunderte Millionen Dollar verwaltete.“

    https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-03/datenleak-geldwaesche-russland-westen

    Ich bin der Meinung, dass weder der Begriff Unternehmer noch der Begriff Oligarch negativ verstanden werden müssen. Das lässt sich am einfachsten an den zwei schillernden Persönlichkeiten Elon Musk und Pawel Durow zeigen. Musk, seiner Zeit voraus, wird wegen Tweets der Firmenvorsitz entzogen (man stelle sich vor, Trump würde das passieren).

    Durow sollte Telegram abschalten, auf Anweisung Putins, hat sich geweigert und im Exil ein Katz und Maus Spiel gegen Putin gewonnen, sodass bloß Putin und einige seine Firmen beschädigt wurden.

    Bei solchen Unternehmern und solchen Oligarchen sehe ich nicht, warum die korrupten unter ihnen als Maßstab gelten sollten. Gerade Oligarchen, die von Putins Gnade abhängig sind, sollten sich ein Beispiel an Durow nehmen. Natürlich ist es ein Spiel mit dem Feuer, Putin die Stirn zu bieten, aber wenn sie es nicht tun, dann müssen sie weiter kuschen, oder er kommt sie holen. Wer kommt im Westen noch mal vorbei und packt den Milliardär in den Kofferraum, wenn er die falschen Entscheidungen getroffen hat?

  2. „So viel unternehmerische Unabhängigkeit konnten die meisten deutschsprachigen Medien einer Frau offenbar nicht unterstellen.“

    Dazu passend eine kleine Geschichte:

    Nach einem Bericht der globalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft „Grant Thornton“ von 2016 gibt es nirgendwo einen so hohen Anteil Frauenanteil bei den Führungskräften in Unternehmen wie in Russland:
    Er beträgt 45%.
    Damit liegt Russland ziemlich klar an der Spitze (der Zweitplatzierte, Litauen, erreicht 39%).
    Zum Vergleich: Die USA liegen bei 20%, Deutschland bei 15%.
    (Quelle: https://www.businesswire.com/news/home/20160308006361/en/Grant-Thornton-U.S.-world%E2%80%99s-women-business-leadership )

    Wie gehen nun die Medien mit dieser Nachricht um, die nicht ins übliche Narrativ passt? Ulrich Teusch ironisiert das in seinem Buch „Die Lückenpresse“ wie folgt:

    Man kann sich die Fassungslosigkeit in den deutschen Medien unschwer ausmalen (falls sie die Meldung denn überhaupt zur Kenntnis genommen haben). Schon wieder eines dieser verteufelten Dilemmata, mit denen sich die Russland-Berichterstattung nun schon seit Jahren herumschlagen muss. Denn, fragt sich der Nachrichtenredakteur: Kann man so eine Nachricht einfach unkommentiert weitergeben? Würde das nicht Irritationen beim Publikum auslösen? Und muss man die Meldung, wenn man sie schon weiterverbreitet, nicht unbedingt mit einem Spin versehen?
    Ja, schon – aber wie? Einfach zu behaupten, dass der hohe Chefinnenanteil vermutlich die Ursache der aktuellen russischen Wirtschaftskrise sei, wäre nicht ratsam. […]
    Bleibt eigentlich nur die kommunistische Vergangenheit des Landes. Man könnte zum Beispiel sagen, dass Russland den Egalitarismus von ehedem immer noch nicht überwunden hat, der steigende Frauenanteil sogar darauf hindeute, dass man sich auf dem Weg zurück in rote Zeiten befindet. Zugegeben, auch diese Argumentation wäre nicht ganz ohne Risiko. […]
    Vielleicht müsste man es einfach etwas hemdsärmeliger versuchen. Etwa so: Jaaa, die Statistik mag zwar stimmen – aber sie kann nicht davon ablenken, dass Putin ein verdammter Macho ist und zudem im September letzten Jahres ausgerechnet auf der frisch annektierten Krim und ausgerechnet mit seinem alten Busenfreund Silvio Berlusconi eine zweihundert Jahre alte Weinflasche geköpft hat. Ist das die Lösung? Nein, auch hier bleiben Zweifel. […]
    Man sieht, Journalisten haben es nicht leicht in diesen kalten Zeiten. Da hilft eigentlich nur echte Lebenserfahrung weiter. Als in der »Feuerzangenbowle« der ob eines dreisten Schülerstreichs in schierer Verzweiflung befindliche Direktor in die Kollegiumsrunde fragte, was man denn jetzt nur tun solle, antwortete der alte Lehrer Bömmel nonchalant: »Nix! Wir machen einfach nix!« Stimmt. Wer nix macht, macht auch nix falsch. Also machen wir einfach nix. Wir ignorieren die Sache mit den Führungsfrauen – und hoffen auf bessere Nachrichten.

  3. Hinweis. Im Text steht:

    „Unterschieden wird zwischen den Oligarchen der Jeltzin-Ära und denen der Putin-Ära, …“

    Ich meine, die gängige deutsche Schreibweise ist „Jelzin“, nicht „Jeltzin“. Oder geht beides?

  4. Hallo,

    war Ihnen meine Ansicht nicht gefällig oder weshalb durfte sie nicht freigeschalten werden?

    Ich habe nur darauf aufmerksam machen wollen, dass die Gründe, warum wir unsere Unternehmer nicht Oligarchen nennen, auf der Hand liegen sollten. Ich möchte deshalb darum bitten, den heute Nachmittag von mir verfassten Beitrag freizuschalten, oder mir den Grund zu nennen, weshalb dies nicht möglich ist.

    Dankeschön

  5. Hallo Herr Niggemeier,
    Entschuldigen Sie die Unterstellung und danke für die Erläuterung. Habe mich total gewundert, warum andere Kommentare es erst vor meinem geschafft haben, aber nun bin ich schlauer. Schönen Start in die Woche!

  6. @P Skizzle:
    Der Knackpunkt, warum „Oligarch“ negativ zu verstehen ist, wird doch im Text geliefert: „…die Herrschaft von einigen wenigen, die meistens ihre eigenen Vorteile durchsetzen.“

  7. @ P Skizzle:

    Während Präsident Jelzin als extrem schwach galt und man vielleicht sagen kann, dass die wahren Herrscher in seiner Zeit einige Supereiche waren, scheint sich dies unter Putin ein Stück weit geändert zu haben. Damit möchte ich nicht abstreiten, dass Superreiche auch heute noch einen großen Einfluss haben, aber es scheint doch auch ein stärkeres und eigenständiges politische Machtzentrum zu geben, welches die Oligarchen bis zu einem gewissen Grade zu kontrollieren und einzubinden versucht und weniger ihr „Spielball“ ist.

    Auch könnte man sich fragen, ob die Zeiten in Russland, in denen so viele Leute ohne besonderes Risiko enorme Vermögenswerte an sich bringen konnten, heutzutage nicht zu einem Gutteil vorbei sind (auch wenn einige Leute noch politisch protegiert werden mögen und es daher einfacher haben mögen). Zudem dürften Superreiche in vielen (halb)diktatorischen Ländern eine sehr große Macht haben, nicht nur in Russland.

    Zudem leitet sich auch der „russische“ vom klassischen Oligarchie-Begriff ab, mit dem eine Herrschaft der Reichen bezeichnet wurde. Ohne nun irgendwie die Verhältnisse in Russland mit denen in westlichen Ländern gleichzusetzen (es gibt viele wichtige Unterschiede) könnte man sich fragen, inwieweit unsere eigenen politischen Systeme heutzutage im bezeichneten Sinne „oligarchische“ Merkmale aufweisen.
    So kam eine großangelegte Studie in den USA um Ergebnis, dass Reiche die Politik viel mehr beeinflussen als die Mittelschicht. In der Washington Post schreiben die Autoren:

    Our central finding was this: Economic elites and interest groups can shape U.S. government policy — but Americans who are less well off have essentially no influence over what their government does. This was in line with a good deal of previous research […]
    An ideal democracy, if such a thing can be imagined, would not offer a perfect match between public opinion and government policy, as if people sitting at home were voting directly from their TV remotes or mobile phones. But the gross inequality that our research reveals is strongly undemocratic and incompatible with notions of political equality that most Americans hold dear.

    Many Americans voting for outsider candidates believe that government pretty much ignores people like them. We think they’re right.

    https://www.washingtonpost.com/news/monkey-cage/wp/2016/05/23/critics-challenge-our-portrait-of-americas-political-inequality-heres-5-ways-they-are-wrong/

    In Deutschland scheint sich die Situation nicht radikal anders darzustellen. Unter Berufung auf eine von der Bundesregierung in Auftrag gegebene aufwendige Studie argumentiert Paul Schreyer:

    Diesem Auftrag folgend hatte das Osnabrücker Forscherteam um Professor Armin Schäfer, Vizechef der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft, die „Responsivität“ der deutschen Politik überprüft, also inwieweit die Regierung tatsächlich durch Beschlüsse und Gesetze dem Willen der Bevölkerung folgt. [… ]

    Die Ergebnisse sind eindeutig. So heißt es in der Untersuchung:

    „Je höher das Einkommen, desto stärker stimmen politische Entscheidungen mit der Meinung der Befragten überein. (…) Was Bürger mit geringem Einkommen in besonders großer Zahl wollen, hatte in den Jahren von 1998 bis 2013 eine besonders niedrige Wahrscheinlichkeit, umgesetzt zu werden.“

    Mehr noch: Eine politische Regelung wurde nicht nur umso eher von der Regierung umgesetzt, je mehr Reiche sie unterstützten. Das hatte man ja fast schon erwartet. Nein, ein Vorschlag wurde von der Regierung auch umso eher abgelehnt, je mehr Arme dafür waren! Die Forscher sprechen hier von einem „negativen Zusammenhang“. Sie schreiben wörtlich, dass „die Wahrscheinlichkeit auf Umsetzung sogar sinkt, wenn mehr Menschen aus der untersten Einkommensgruppe eine bestimmte politische Entscheidung befürworten.“ Das bedeutet, dass die Regierung die Armen nicht einfach nur ignoriert, sondern praktisch aktiv gegen sie arbeitet.

    Bei der Berücksichtigung der Ansichten der Mittelschicht sieht es laut der Studie ähnlich aus. Deren Forderungen werden von der Regierung annähernd im gleichen Maße ignoriert wie die der Armen. Das heißt konkret: Es ist für die Politik praktisch egal, wie viele Menschen aus der Mittelschicht eine bestimmte Veränderung wünschen. Es existiert jedenfalls so gut wie kein messbarer Zusammenhang zwischen der Zustimmungsrate für eine Forderung in der Mittelschicht und deren Umsetzung. Ein solcher Zusammenhang ist allein für die Wünsche der Einkommensstärksten nachweisbar, dort jedoch sehr deutlich. […]

    Der aufwendig erstellte Armuts- und Reichtumsbericht schien der Regierung peinlich zu sein. Erst ganz am Ende der Legislaturperiode, im Juni 2017, kurz vor Sommerpause und Bundestagswahl wurden die Erkenntnisse des Berichts erstmals im Ausschuss für Arbeit und Soziales debattiert. Die geschilderten brisanten Fakten kamen aber auch bei dieser Gelegenheit kaum vor.

    Quelle: Paul Schreyer. „‚Westliche Demokratie‘ ist hohl: Reichtum regiert.“ Erschienen auf Telepolis, online abrufbar.

    Wenn diese Kritik berechtigt ist, hätte wir zwar vielleicht weit weniger OligarchEN als Russland. Ob die Zustände hier aber tatsächlich auch weit weniger oligarchISCH wären als in Russland, wäre eine spannende Frage.

    Interessant ist auch, dass ein Thema wie die Beziehung von Einkommen und Reaktion der Politik von den Medien zwar mal sporadisch angesprochen wird (die Autoren der deutschen Studie schrieben einen Artikel in der ZEIT), aber dass solche Themen trotz ihrer kaum zu überschätzenden politischen Relevanz insgesamt eher ein mediales Schattendasein fristen. Eine naheliegende Erklärung wären die Indexing- und verwandte Theses, nach denen die Medien im Allgemeinen gerade bei wichtigen Themen nur berichten und diskutieren, was auch innerhalb der Machteliten diskutiert wird, und alles andere zumeist größtenteils marginalisieren oder ignorieren.

  8. Man stelle sich nur vor, George Soros würde irgendwo in den westeuropäischen Medien als „Oligarch“ bezeichnet werden, der sich auch noch in ausländische Wahlkämpfe einmischt. Das gäbe sofort wütende Protete von seiner Open Society Foundation – und außerdem wäre es total unfair, weil Soros ja einer von denen ist, die sich nur für die gute Seite in Wahlkämpfe einmischen, was natürlich etwas ganz anderes ist als wenn russische Oligarchen das gleiche täten.

    PS: Meine persönliche Lieblings-Oligarchin ist Friede Springer.

  9. Einspruch Lea Fauth: Wären das Artikel über eine echte Geschäftsfrau mit wirklichen Milliarden auf dem Konto, wäre Oligarchin vielleicht wirklich die falsche Bezeichnung.
    Wir reden hier aber von der vermeintlichen Oligarchen Nichte, die Teil einer großen Inszenierung war und da passt so eine ominöse Oligarchen Nichte, die wahrscheinlich die Vorstellungswelt von Gudemus und Strache beflügelt hat sehr wohl.
    Es gin den ‚Machern doch um die perfekte Illusion und über diese Illusion wurde berichtet,

  10. Der Begriff „Oligarch“ ist nicht auf Russland begrenzt, sondern eher auf die ehem. Sowjetunion. Der Ibiza-Lockvogel gab sich als Nichte eines aus Lettland stammenden „Oligarchen“ aus (wenn wohl auch russ. Herkunft). Häufig wird der Begriff für Ukrainer verwendet, so soll hinter dem heutigen Präsidenten der Ukraine ja auch ein Oligarch stecken.
    Wirtschaftsbosse haben freilich auch im Westen einen (zu) großen politischen Einfluss, trotz vermeintl. Demokratie. Aber die Verhältnisse sind in Russland oder der Ukraine eher etwas robuster und geradliniger, so dass der Begriff Oligarchie (zumindest als Deutungsansatz) durchaus Sinn hat.

  11. @Lars

    Das kommt auf die politische Ausrichtung an. Post-sowjetische Oligarchen, die der Westen aus politischen Gründen mag, werden gerne als „Magnaten“ oder einfach nur „Millionäre“ beziehungsweise „Milliardäre“ bezeichnet.

    Achten Sie mal darauf, wenn Sie Berichterstattung über „Ölmagnat“ Chodorkowski oder „Schokoladenkönig“ Poroschenko verfolgen.

  12. @Alle

    Auch wenn ich immer erst eine Woche später dazu komme, Antworten zu lesen, möchte ich doch dieses Mal noch etwas hinzufügen:

    Danke für die weiteren Antworten und besonders ein Dankeschön für die Denkanstöße vom Nutzer LLL, nach welchen die Frage, warum wir nur Russen Oligarchen nennen, auch für mich mehr Bedeutung bekommen hat.
    Ist Bill Gates ein Oligarch? Mark Zuckerberg? Donald Trump? Vermutlich wäre es leicht, alle Reichen als Oligarchen zu bezeichen, die wie @8 ausführt „meistens ihre eigenen Vorteile durchsetzen“. Da fehlt mir aber noch die Abhängigkeit vom jeweiligen Staat oder Wirtschaftssystem. Insofern müsste ich jetzt alle Superreichen, die sich nicht aktiv gegen die Vermögensungleichheit stemmen, als Durchsetzer der eigenen Vorteile und damit als Oligarchen betrachten. Das ist mir aber noch zu undifferenziert und belastet das Unternehmertum moralisch.

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