Bückware Philosophie

Am Bahnhofskiosk meines Vertrauens wird auf Augenhöhe, wie üblich und überall, allerhand Tand feilgeboten. Weshalb ich nach längerem Umherirren zuletzt auf den Knien herumrutschen muss, um irgendwo im Halbdunkel endlich das „Philosophie Magazin“ zu finden. Die erniedrigende Turnübung spiegelt sich im Titelthema: „Was weiß mein Körper?“. Mein Körper weiß, weil er’s soeben gelernt hat: Philosophie ist Bückware.

Wobei der Körper der Frau auf dem Titel, die in weißem Ganzkörperanzug am Stahlträger einer Brücke hängt, vermutlich nichts von den Gründen für seine groteske Verrenkung weiß. Modernes Tanztheater? Gutes, allzu gutes Ecstasy?

Tatsächlich ist es die Künstlerin Anja Humijan. Mit Yoga im öffentlichen Raum „befragt“ oder transzendiert sie architektonische Gegebenheiten großer Städte.

Das ist keine so abseitige Betrachtung, wie es scheinen möchte. Ein Magazin über Philosophie steht beim Illustrieren seines Gegenstands vor anderen Herausforderungen als, sagen wir, „Der Feinschmecker“, „Mare“ oder „Auto, Motor und Sport“. Das Denken hat keinen Schauwert. Bei der Bebilderung des Unbebilderbaren kommt man ums Sinnbildliche nicht herum, was wiederum in Wahllosigkeit mündet – die aber möglichst sinnlich sein sollte.

Nackte Körper: verdreht, auf Geröll und beim Klettern

Die Titelgeschichte über die Wechselwirkung von Körper und Geist teilt sich also vermittels sehr unterschiedlicher Bilder mit. Yoga in der Stadt. Sonne auf nackter Haut. Eine Apnoe-Taucherin. Nackte Füße mit brennender Zigarette zwischen den Zehen. Zwei Fallschirmspringer. Nackter Körper auf isländischem Geröll. Japanerinnen mit Mundschutz. Nackter Körper beim Klettern im Baum. Nackte Körper beim verdrehten Sitzen auf einem Stuhl. Es wechselt im Dossier also Nacktheit mit ein wenig Adrenalin, Versuche einer sapiosexuellen Aufwertung des Inhalts sind nicht von der Hand zu weisen.

Schlimm genug sind die sprechenden Menschen in TV-Dokumenationen, die „talking heads“; schwieriger noch sind „thinking heads“, auch wenn einige davon bekannt sind: der griesgrämig-zauselige Schopenhauer, der schnauzbärtig-irre Nietzsche, der maliziöse René Descartes oder die steinernen Griechen. Darüber hinaus schauen uns schlau entgegen: Alexander Kluge, Simone de Beauvoir, Kant, Bernhard Schlink und der ubiquitäre Robert Habeck.

Themen wie in „Psychologie Heute“ – wozu also Philosophie?

Wer dieses Heft aufschlägt, tut dies nicht, um die Wartezeit beim Frisör zu überbrücken – er oder sie will wirklich lesen und sich auf Vertiefung einlassen. Wo ist sie hin, die „german angst“? Gibt es das Schicksal? Wie sähe eine Alternative zum globalisierten Kapitalismus aus? Quo vadis, Populismus? Themen also, die ebenso gut in Magazinen wie „Cicero“ oder „Psychologie Heute“ beleuchtet werden könnten. Wozu also Philosophie?

Schließlich richtet sich das Magazin nicht an die Fachfrau, die’s in der Regel ohnehin besser weiß und keines der derzeit virulenten Themen der akademischen Philosophie hier behandelt finden wird. Auch dürfte sie der gelehrt-gehobene, aber keineswegs abgehobene Plauderton vermutlich unterfordern.

Eher spricht es Laien an, die ihren Hegel und ihren Kant zuhause stehen, aber nie ganz gelesen (geschweige: verstanden) haben – und dennoch hoffen, aus mancher Blüte im jahrtausendealten Garten menschlicher Irrtümer und systemischer Weisheiten etwas Nektar für die Gegenwart saugen zu können. So gesehen ist das „Philosophie Magazin“ ein gut sortierter Blumenladen.

Anders gesehen präsentiert sich das Magazin damit auch als Werkzeugkasten für die Motorschäden – oder eben: großen Fragen – unserer Zeit. Das kann ermüdend sein. In seinem Beitrag über das Volk und seine Mündigkeit lässt Dieter Thomä eine ganze Fußballmannschaft (nebst Ersatzleuten) auflaufen: Platon, Hegel, Carlyle, Balzac, Brecht, Hobbes, Kant, Machiavelli, Heinrich Mann, Kafka, Gehlen und de Tocqueville. Am Ende hat man das Gefühl, einer Predigt gelauscht zu haben. Der Motor stottert noch immer.

Was in der Natur der Sache liegt, der Philosophie, die noch niemals in ihrer nun wirklich langen Geschichte ein Problem gelöst oder auch nur verlässliche Orientierung geboten hätte. Ihr eigentlicher Reiz liegt eher im Gegenteil, einer fortwährenden Verunsicherung. Gewissheiten gehören ausnahmslos ausgehebelt, es gibt keinen festen Boden unter unseren Füßen.

Hier riecht es über weite Strecken nach „Landlust“ für den Kopf, besonders sichtbar in den kleinteiligen Ratgeberspalten. Die SRF-Moderatorin und Philosophin Barbara Bleisch beantwortet als Briefkastentante moralische Dilemmata der Leserschaft, Kulturveteran Gert Scobel (3Sat) bespricht sein Lieblingsbuch. „Soll ich auf meinen Körper hören?“ Epikur meint: Ja. Plato meint: Nö! Es gibt sogar „nutzloses Partywissen“ im Stil von „Neon“. Und ein Quiz: Welcher Philosoph war ganz vernarrt in alle seine Pudel, hm?

So lässt sich Philosophie bis zu einem gewissen Grad popularisieren – um den Preis ihrer Trivialisierung. Anders ist es vermutlich nicht zu haben.

In diesem Heft, das davon durchaus weiß, werden aber die großen Gewissheiten nicht torpediert, sondern aus akademischer Halbdistanz und schön dialektisch beäugt. Was daran liegt, dass hier – bis auf wenige Zitate, bits and pieces – meistenteils nicht philosophiert, sondern über philosophische Standpunkte referiert wird. Immerhin liegt jedem Heft, wie dem „Musikexpress“ die „CD im ME“, ein kleines Heftchen mit Originaltexten bei. Diesmal ist es Simone de Beauvoir, mit Auszügen aus „Das andere Geschlecht“.

Ganz nebenbei: Simone de Beauvoir als Kronzeugin

Womit wir bei Svenja Flaßpöhler wären, die das Heft seit 2018 als Chefredakteurin leitet. Sie nimmt ihren Werkzeugkasten mit in aktuelle Debatten, als Leiterin des Festivals „phil.cologne“ („Sterbehilfe!“) oder bei ihren Einwürfen zur #MeToo-Debatte. Und sie lässt Simone de Beauvoir noch einmal ganz nebenbei als Kronzeugin ihrer Auffassung auftreten, Frauen müssten sich als autonome Subjekte begreifen – und nicht als Opfer.

Damit steht sie quer zum publizistischen Zeitgeist – querer jedenfalls als ihr „Philosophie Magazin“, das sie, anders als Alice Schwarzer ihre „Emma“, auch nicht zum Artilleriegeschütz der eigenen Ansichten nutzen möchte. Trotzdem seltsam, dass Flaßpöhler auf gesellschaftliche Debatten einen größeren Einfluss hat als das Heft, das sie verantwortet. Wünschenswert aus Sicht der Leserschaft wäre, es sei umgekehrt. Dann müsste man sich im Bahnhofskiosk nicht immer nach der Philosophie bücken.

6 Kommentare

  1. Das Foto mit den verdrehten nackten Körpern muss doch irgendwie rassistisch sein, aber ich komme momentan nicht drauf, warum!
    Na ja, es fällt mir schon noch ein!

  2. Welcher Philosoph war ganz vernarrt in alle seine Pudel, hm?

    Ich weiß es, ich weiß es! Davon ab ist die Frau Flaßpöhler ja durchaus eine sehr kluge – das Magazin aber ist genauso, wie Herr Frank es beschreibt. Also kann ich mit einem beruhigenden Harmoniegefühl ins Bett gehen. Omm!

  3. Das auf dem Titelbild ist eine Stütze, kein Träger. Ich werde solange nicht auswandern, wie es Leute gibt, die das verwechseln.

  4. Herr Frank wird das nicht selten zu hören bekommen, aber: Großartiger Stil! Immer eine Lektüre mit Mehrwert, egal, über welches Thema er schreibt.

  5. Merkwürdig, seit 25 Jahren verfolge ich das Ziel, die Welt besser zu verstehen, und habe diverse Quellen dafür genutzt, wie zB Bücher über Tiere, Geschichte, Parapsychologie, Psychiatrie, sowie natürlich das eigene Erleben. Nur philosophische Bücher klammere ich aus. Keine klassischen Philosophen. Warum nur? Versehentlich habe ich mal ein Buch von Precht gekauft, aber das war Kindergarten.

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