„Wie sollen wir uns diese Leute vom Leib halten, wenn wir sie nicht verstehen?“

Der Scharfmacher

Ein Portrait des AfD-Bundestagsabgeordneten Markus Frohnmaier im „SZ-Magazin“ hat in dieser Woche heftige, anhaltende Empörung ausgelöst. Die Wut entzündete sich zunächst an einem Tweet des Autors Raphael Thelen, aus dem viele eine unangemessene Nähe zu dem rechten Politiker ablasen. Kritisiert wurde aber auch der Artikel selbst und das Genre an sich: Darf man so über AfD-Abgeordnete berichten? Soll man überhaupt versuchen, sie journalistisch zu begleiten und zu verstehen?


Raphael Thelen wirkt mitgenommen, als wir uns am Donnerstagnachmittag in einem Café in der Friedrichstraße in Berlin treffen. Seit Tagen wird er im Netz unter Beteiligung von Twitter-Größen wie Jan Böhmermann und Sophie Passmann beschimpft und verspottet. Ihm wird vorgeworfen, mit Nazis zu kuscheln und sie groß und normal zu machen – aus Naivitität, aus geschäftlichem Kalkül oder um sich gleich schon mal als Schriftleiter eines zukünftigen Nazi-Regimes zu bewerben.

An den Kuschel-Vorwürfen ist Thelen nicht unschuldig. Dies ist der Tweet, mit dem das Elend begann:

Übermedien: Was hat dich1 dazu gebracht, diesen Tweet zu schreiben?

Raphael Thelen: Das hat viel mit der Entstehungsgeschichte des Artikels zu tun und mit meiner sonstigen Arbeit. Der betreuende Redakteur beim „SZ-Magazin“ meinte: „Jeder weiß, dass du ein linker Journalist bist. Du musst diesen Text super-trocken schreiben. Du hast so viel Material, du musst den Frohnmaier nur hinstellen, der entlarvt sich selber.“ Dann habe ich gedacht, wenn mich alle als linken Journalisten wahrnehmen, dann schreibe ich halt einen Tweet, in dem klar drinsteht: Guckt mal, Leute, selbst ich, Raphael, linker Journalist, kann einen nüchternen Text schreiben und fair sein.

Nicht nur das: Du hast auch Rum mit ihm getrunken.

Das war anders, als es interpretiert wurde. Frohnmaier hatte ein Doppelinterview für die Öffentlich-Rechtlichen geführt mit einem syrischen Rapper. Dabei behakten sich die beiden – klar, hier der syrische Rapper, da der Nazi von der AfD.

Das war die Versuchsanordnung des Senders?

Genau. Aber sobald die Kameras aus sind, ändert sich die Stimmung. Der syrischer Rapper sagt: Ich bin so froh, dass wir nicht über Gender sprechen mussten, da hätte ich dir ja zustimmen müssen. Ich finde es total ekelhaft, wenn zwei Männer miteinander etwas machen. Und dass die in der Schule jetzt auch lernen: Horst und Hans sollen miteinander! Auf einmal verstehen die beiden sich bestens. Frohnmaier lädt ihn dann ein, ihm den Bundestag zu zeigen. Der Nachmittag endet damit, dass die beiden bei Frohnmaier im Büro sitzen und Rum trinken. Und ich sitze dabei, und natürlich trinke ich auch Rum, denn ich will das ja verstehen. Die beiden sollen möglichst ungestört ihr Ding machen, und ich sitze daneben und mache meine Notizen.

Im Tweet las es sich, als ob ihr anderthalb Jahre lang schön miteinander Rum trinkt und lacht.

Ja, das war eine unglückliche Verkürzung.

Also, dein Tweet war schlecht?

Ja, und ich verstehe jeden, der sich davon verletzt fühlt. Und auf jemanden, der rassistisch angegriffen wurde, wirkt das natürlich nochmal schlimmer. Ich entschuldige mich bei allen, die dadurch noch mehr Angst haben in diesem Land, weil sie meinen, dass sich noch mehr Journalisten mit der AfD verbrüdern. Aber das bin ich nicht und das tue ich nicht.

Hast du dir vorher keine Gedanken gemacht, wie der Tweet wirkt?

Schon, aber ich dachte, das lesen meine Journalistenkollegen. Die wissen, wo ich stehe. Die ersten zwei Tage haben das auch nur meine Kollegen gelesen, aber dann zog das plötzlich Kreise.

Eine Frau twitterte, ob sie dich mit den Nazis connecten solle, die sie verprügelt hätten, die würden sicher auch gerne ihre „herzerweichende Story“ erzählen. Du hast geantwortet, dass sie doch den Kontakt herstellen solle. Sollte das Ironie sein?

Ich habe patzig geantwortet, weil ich mich ungerecht behandelt gefühlt habe, aber ich meinte das auch ernst. Ich würde mich auch mit Nazis treffen. Ich finde es wichtig, Nazis zu verstehen. Nicht im Sinne von: Verständnis zu zeigen. Sondern zu verstehen: Wie agieren die? Wie sollen wir uns in einer Demokratie diese Leute vom Leib halten, wenn wir sie sie nicht verstehen?

Raphael Thelen und Markus Frohnmaier sind ähnlich alt, beide Arbeiterkinder, beide Hip-Hop-Hörer. In den Interviews rutschte manchmal ein "Du" heraus. Doch nach einem Jahr sprach Frohnmaier unseren Autor auf dessen Twitter-Account an. Thelen hatte sich da für die Aufnahme von Flüchtlingen ausgesprochen - und die Stimmung zwischen den beiden war erst einmal unterkühlt
Ausriss: SZ-Magazin

Nicht nur dein Tweet hat eine merkwürdige Nähe zu Frohnmaier suggeriert, auch der Autoren-Kasten unter dem Artikel (siehe Ausriss). Der ging auch in eine Richtung: Sie hätten so gute Freunde sein können! Verstehst du das Unbehagen darüber?

Ja. Aber nur weil wir gewisse Gemeinsamkeiten haben, heißt das ja nicht, dass ich irgendetwas an seiner Politik gutheiße. Es gab Momente, wo ich ihn nicht ausstehen konnte, wo ich ihn gehasst habe. Im Sommer, als das mit der Seenotrettung hochkochte, als massenhaft Menschen im Mittelmeer ertranken, weil Leute wie er die Stimmung hier zum Kippen brachten, da hatte ich richtig Probleme, mich mit ihm zu treffen.

Dieser Kasten vermittelte den komischen Gedanken, dass es darum ging, dass gute Stimmung herrscht zwischen euch.

Wir sind bis zum Ende beim „Sie“ geblieben – ich weiß von vielen Journalisten, dass die das nicht machen. Er erzählte so Anekdoten wie die, dass ihm Journalisten eine Krim-Tomate schenken, weil sie das witzig finden, weil er ja immer auf die Krim fährt. Andere Journalisten duzen ihn vom ersten Augenblick an. Ich habe ihn immer gesiezt. Aber wenn du drei Stunden zusammen im Auto sitzt, rutscht dir irgendwann mal unter fast Gleichaltrigen ein „du“ raus – das hat sich aber jedes Mal schlecht angefühlt. Ich kenne auch nicht den Namen seiner Frau oder seines Kindes – diese menschelnden Themen waren für mich immer tabu.

Wie kam es überhaupt zu dem Artikel?

Ich war nach der Bundestagswahl auf der AfD-Wahlparty und habe da für ein amerikanisches Filmteam übersetzt. Da habe ich ihn, als er vor mir stand, einfach gefragt: Herr Frohnmaier, darf ich Sie das erste Jahr im Bundestag begleiten? Und er hat Ja gesagt und das „SZ-Magazin“ auch. Die Idee war zu fragen: Wie verändert der Bundestag ihn und er den Bundestag? Das Dramatische war: Der Bundestag hat ihn nicht verändert. Er blieb, wie er sich im Wahlkampf gegeben hat, und hat immer weiter provoziert. Wir hatten das Projekt erst auf ein halbes Jahr angelegt, dann auf ein Jahr verlängert, aber es ist einfach nichts mehr passiert. Er kann eine Sache: Er kann provozieren. Er kann nichts anderes.

Eine Entwicklung begann erst in dem Augenblick, als der Verfassungsschutz auf den Plan trat. Dann knickte er ein. Und da lehne ich auch diese Fundamentalkritik am „Geschichten-Erzählen“ seit Relotius ab, denn wir sind ja keine Märchenerzähler. Wenn etwas a ist und b wird, dann ist etwas dazwischen passiert und wenn das relevant ist, dann schreibe ich das auf.

Und ich finde, wenn ein prominenter Politiker der größten Oppositionspartei des Bundestags sich verändert, dann kann man sich fragen, warum er sich verändert. Deswegen haben wir Frohnmaier so lange begleitet, weil wir nicht einfach nach einem Jahr sagen wollten: Gut, jetzt schreib ich mal auf, was das so für ein Typ ist. Wir haben gewartet, bis eine Entwicklung da war.

Wie viel Zeit hast du mit ihm verbracht?

Es waren knapp 20 Treffen. Dazu gehörte, einfach im Café zu sitzen und zu fragen: Was gibts Neues in Fraktion und Politik? Aber auch mal einen halben Tag zusammen unterwegs zu sein und drei Termine zu absolvieren. Ich habe 280.000 Zeichen Transkripte, 20 Stunden Bänder Material.


Der Artikel war schon vor dem Shitstorm ein Alptraum. Rund vier Monate habe er daran geschrieben, sagt Thelen, mit immer neuen Redigier-Schleifen mit dem „SZ-Magazin“. Monate, in denen er nichts anderes machte. Er habe seine Ersparnisse aufgebraucht für diese Geschichte.

Thelen ist freier Journalist, Jahrgang 1985. Er arbeitet für die Reportergemeinschaft Zeitenspiegel und hat unter anderem für „Stern“, „Spiegel“, „Zeit“, „Welt“ und „NZZ Folio“ geschrieben. Er betont, dass er für sich selbst spricht und nicht als Mitarbeiter des „SZ-Magazins“.


Jetzt klebt auf deinem Text das Label „Homestory“. Wie findest du das?

Angesichts des Tweets kann ich das nachvollziehen. Aber ich finde, die Geschichte gibt das kaum her. Punkt eins: Ich war nicht bei ihm zuhause. Und es steckt fast nichts in dem Artikel, das ihn einfach vermenschelt. Alles hat die Funktion, seine Politik zu erklären. Selbst der autobiografische Part dient dazu, sein Dauer-Provozieren zu erklären und seinen Drift nach rechts – du kannst Menschen ja immer nur weiter provozieren, wenn du immer krasser wirst in deinen Aussagen, also immer rechter. Ich glaube, der gesamte Text stützt die politischen Thesen. Ich hoffe also, es ist keine Homestory. Ob das 100 Prozent so ist, das muss der Leser entscheiden. Ich werde den Text auch selber in drei Monaten nochmal lesen und das für mich überprüfen.

Der Kollege René Martens hat dich in der MDR-Medienkolumne „Altpapier“ als „sensiblen People-Journalist“ verspottet, der der „Sorgen und Nöte seines Protagonisten im Blick“ habe. Er wirft dir „atmosphärisches Klimbim“ und „Unmittelbarkeits-Fetischismus“ vor. Er stößt sich zum Beispiel an der Beschreibung, wie Frohnmaier Gnocchi mit Salat isst.

Die Gnocchi mit Salat haben die Funktion zu zeigen: Okay, er hat diesen moment of truth, er hat diesen winzigen Augenblick, wo er geläutert ist, der hält zwei Wochen an. Er muss einen Herzinfarkt kriegen, fast sterben, um mal irgendwie einen Augenblick innezuhalten und zwei Wochen später provoziert er schon wieder. Und ich glaube, auf die Gnocchi mit Salat zu verweisen, ist eindrücklicher als zu schreiben: „Er war geläutert und jetzt provoziert er wieder.“

Ein anderer Vorwurf ist, dass das inzwischen ein ganzes furchtbares Journalismus-Genre ist: Journalisten treffen böse Rechte. Entweder bei Kubitschek in Schnellroda. Oder wie im „Spiegel“, der einen Waldspaziergang mit Höcke gemacht hat.

Das Problem mit einem Besuch auf dem „Rittergut“ oder an einem Waldspaziergang ist ja, dass das das Framing der Rechten ist. Ich bewundere vieler der Kollegen, die diese Texte geschrieben haben, aber ich wüsste nicht, dass ich irgendwo Frohnmaiers Framing gefolgt bin. Er wollte mir immer das Framing aufdrücken, dass er über Steuern schreibt und Rentensysteme und Entwicklungspolitik. Wir haben Stunden damit verbracht, darüber zu reden. Ich habe mir das alles angehört, aber das war alles nicht überzeugend.

Wie sehr waren dir beim Schreiben die Fallen bewusst, in die du bei so einem Stück tappen kannst?

Ich verstehe den Vorwurf, dass Leute sagen: Warum berichtet ihr nicht mal mehr über Linke? Es gab ja auch das Phänomen Trump. Eine Milliarde kostenlose Wahlwerbung für Trump, weil er ein Freak ist. Das gab es sicherlich auch mit der AfD. Ich bin aber nicht verantwortlich für die gesamte Berichterstattung der ganzen Welt, und wenn ich mir meine eigene Berichterstattung angucke, dann glaube ich, ist die sehr ausgewogen. Da gibt es viel über rechts, da gibt es auch ganz viel über Seenotretter, Linkspolitiker, über Antifaschisten.


Im Sommer 2016 reiste Thelen für „Zeit Online“ durch Mecklenburg-Vormpommern. In Anklam begleitete er den Zeitungsreporter Carsten Schönebeck bei einem Treffen mit dem Bündnis „Anklam für alle!“. Seine Beschreibung nimmt – teilweise wörtlich – die aktuelle Auseinandersetzung um seinen Text vorweg:

Doch unversehens wird aus dem Gespräch ein Grundsatzstreit: Das Bündnis wirft Schönebeck vor, zu viel über die AfD zu berichten und ihr damit zu helfen. Es ist eine Frage, die auch bundesweit Politiker, Journalisten, Talkmaster und ihre Zuschauer umtreibt: Es geht darum, wie Journalisten, wie die Öffentlichkeit mit der AfD umgehen sollte. Soll man über sie berichten wie über jede andere Partei? Oder sie eher behandeln wie eine rechtsextreme Partei – und ihr Wirken darum lieber ignorieren, als dass man ihr eine Bühne bietet?

Reporter Schönebeck findet: „Behandelt die AfD wie jede andere Partei.“ Deshalb hat er auch ein Porträt über den AfD-Spitzenkandidaten Matthias Manthei geschrieben. Hat ihn daheim in Wackerow besucht, über sein akkurat eingerichtetes Wohnzimmer berichtet, nach Haustieren, Hobbies und Traumurlaub gefragt.

„Wenn ich einen Politiker in seinem privaten Umfeld besuche, bin ich der Person verpflichtet und muss eine gewisse Fairness walten lassen“, sagt Schönebeck. Zugleich hakte er bei Sachthemen nach: erneuerbare Energien, Wirtschaftsförderung, Kitas. Findet er einen Widerspruch, bohrt er nach. So will er die AfD stellen: über ihre Themen. Und sie nicht einfach verteufeln.

Die Formulierung benutzt er auch in Bezug auf Frohnmaier, als er erzählt, dass er sich zeitweise gefragt hätte, ob es ihm gelingen könne, ihn zu „stellen“.

Ist das die Aufgabe von Journalisten: Solche Leute zu „stellen“? Zu entlarven? Oder gehst du als Reporter erstmal mit einem leeren Blatt Papier in so ein Projekt?

Ich habe eine ganz klare Haltung zur AfD, und ich glaube, die Aufgabe von Journalisten ist, die Demokratie zu beschützen. Ich glaube, große Teile der AfD sind demokratiefeindlich, deswegen finde ich schon, dass unsere Aufgaben als Journalisten gegenüber der AfD sehr klar definiert sind. Aber natürlich gehe ich mit einem leeren Blatt Papier da rein: Ich weiß ja nicht, was passieren wird.

Viele haben dir vorgeworfen, die Aussagen von Frohnmaier nicht eingeordnet zu haben.

Darüber habe ich viel nachgedacht in den letzten Tagen. In der ersten Version des Textes habe ich noch vieles kommentiert, was er sagt und tut, es war sehr moralisierend. Das war aber kein guter Text, da waren die Redaktion und ich uns einig. Wenn der Leser das Gefühl bekommt, bevormundet zu werden, oder dass sich der Autor dem Protagonisten gegenüber unfair verhält oder sich über ihn lustig macht, dann ergreift der Leser für den Protagonisten Partei. Und es ist nicht so, dass die Zitate jetzt nicht eingeordnet sind: Jedes Zitat ist mit über 30.000 Zeichen eingeordnet. Dieser ganze Text ist ja eine Einordnung. Ich gebe keines seiner Zitate in dem Sinne ohne Kontext wieder. Deswegen finde ich den Vorwurf zu einfach.

Welche Erkenntnis können wir überhaupt durch eine solche Begleitung gewinnen?

Ich finde, es hilft, sich anzugucken, warum jemand so handelt, um dann die Ursachen bekämpfen zu können. Vor allem habe ich auch versucht zu erklären, wie er im Zusammenspiel mit den Medien funktioniert. Da gibt es diese Provokationslogik, aus der er gar nicht mehr rauskommen will, weil er nicht mehr stattfindet, wenn er aufhört zu provozieren oder wenn er keinen Krawall macht. Dann findet er plötzlich nicht mehr statt. Das ist auch eine Kritik an uns selbst.

Und diese Sache mit dem Verfassungsschutz finde ich hochspannend: Diese Partei war intern ziemlich befriedet, und auf einmal kommt dieser Druck von außen und es brechen massive Lagerkämpfe aus, die Energien binden, die sonst auf die anstehenden Wahlkämpfe verwendet werden könnten. Das zu wissen, wenn ein Verfassungsschutz mal seine Aufgabe macht, dass solche Parteien auf einmal Probleme bekommen, das finde ich einen wichtigen Erkenntnisgewinn.

Ironischerweise hast du selbst einen Tweet von Julian Reichelt geteilt, man dürfte diese Leute nicht zu „Anne Will“ einladen.

Ja, das finde ich auch. Ich glaube zum Beispiel, dass Talkshows kein Format sind, in dem man die stellen kann. Höcke durfte da ungestört sein Deutschlandfähnchen ausbreiten. Es gibt Formate, in denen das gelingen kann, aber Talkshows sind keins davon.

Schon der Ansatz, einen AfD-Mann fair zu behandeln, wurde von manchen in Frage gestellt.

Auch darüber habe ich mir viele Gedanken gemacht. Wir können nicht anfangen zu sagen, AfDler sind qualitativ etwas anderes als andere Menschen, die haben ihr Recht auf einen demokratischen menschlichen Umgang verloren und deswegen fangen wir jetzt an, die unfair zu behandeln. Ich denke, das ist ein gefährlicher Weg. Das ist der Beginn der Entmenschlichung. Ich möchte Menschen gegenüber nicht unfair sein, deswegen war ich halt fair. Vielleicht gräbt sich die Demokratie damit ihr eigenes Grab, aber ich glaube, so weit sind wir noch nicht.


Die negativen Reaktionen auf Thelen und seinen Text – gelesen oder ungelesen – waren zahlreich und oft maßlos.

Mehrfach wurde er als Steigbügelhalter für Faschisten dargestellt, als jemand, der seinen Teil zur bevorstehenden Machtergreifung der Nationalsozialisten leistet. Eine Redaktion wies bedeutungsschwanger auf ihre eigenen, Rum-losen Recherchen zu Frohnmaier hin, auch die aktuellen Enthüllungen über Russlands angebliche Pläne mit Frohnmaier wurden höhnisch als Kontrast zum Portrait im „SZ-Magazin“ präsentiert. „Titanic“-Chefredakteur Moritz Hürtgen veröffentlicht einen gehässigen Text über einen Reporter, der die AfD groß schreibt. Er nennt ihn Rafaelo Teebeudl, Titel: „Der Rechtsschreiber“.

Warst du in irgendeiner Weise auf die heftigen Reaktionen vorbereitet?

Nein. Das war auch ein Mundtot-Machen. Es ging nicht um eine Diskussion, um den Austausch von Argumenten. Ein Kollege rief an und er sagte, er fühle sich unglaublich eingeschüchtert. Er weiß nicht, ob er sich nochmal trauen würde, einen AfDler zu treffen. Ich weiß nicht, ob das irgendwem hilft, wenn wir Demokraten uns gegenseitig einschüchtern. Vieles, was da stattgefunden hat, war verbale Gewalt.

Da haben auch Leute mitgemacht, die ich schon in privatem Kontext auf Parties getroffen habe, wo eigentlich alles vernünftige Leute waren. Die hätten wissen können, dass der Raphael kein Nazi ist und hätten schnell nochmal googeln können, was ich sonst so schreibe. Dass das nicht stattgefunden hat, gerade von Leuten, die ich für vernunftbegabt halte und die selber so einen Humanismus und ihre Mitmenschlichkeit so vor sich hertragen, das fand ich heftig. Gleichzeitig gab es viele Kollegen, die anriefen, um zu sagen, ich soll mich nicht verrückt machen, der Text sei gut und einige verteidigen mich ja auch öffentlich.

Es wird gerade so viel über „Haltung“ im Journalismus diskutiert. Was ist deine Haltung oder deine Motivation, Journalist zu sein?

Meine Haltung hat sich sehr geschärft durch die AfD. Ich finde, Journalismus hat eine Aufgabe: Das ist sehr genuin, sich für die Schwachen einsetzen, Mächtige kritisieren, die Demokratie verteidigen.

Und du meinst auch, dass dein Porträt über Frohnmaier ein Beitrag dazu ist, aufzuklären?

Ja, ich denke schon. Ich bin verunsichert. Aber ich glaube schon, dass es geholfen hat, Mechanismen aufzuzeigen.

 

Raphael Thelens Artikel „Der Scharfmacher“ ist für 0,79 Euro über Blendle oder für 1,99 Euro (Tagespass) auf sueddeutsche.de zu lesen.

67 Kommentare

  1. Sun Tsu sagt, man müsse sich selbst kennen und seinen Feind. Jetzt lernte Herr Thelen auch noch seine Verbündeten kennen. Freunde sind was anderes. Gruppendenken at its best.

  2. Und wenn ich einen Terroristen besser verstehen wollte als Journalist, dann fahre ich 1,5 Jahre mit dem durch die Weltgeschichte, besuche ihn bei der Übergabe von Sprengstoffen, Lache mit ihm wenn er einen Witz macht und bleibe aber stets beim „Sie“, damit ich nachdem überall seine Opfer tot auf den Straßen liegen sagen kann, aber ich hielt immer eine Distanz. – Nein Herr Thielen, das ist nicht Journalismus, das ist praktizierte Diskursverschiebung die sich hinter dem Begriff Journalismus verschanzt. Tatsächlich aber eine kapitale Möglichkeit ist, seinen Namen in allen Zeitungen zu lesen und Karriere zu machen auf dem Rücken der Opfer die diese Täter verursachen. Die einen tot auf der Straße, die anderen tot im Mittelmeer.

  3. Könnte man sich nicht als Journalist einen FDGO-Disclaimer auf die Stirn tätowieren? Als Freibrief dafür, einzelne Sätze in Artikeln zu schreiben, die isoliert, einfach so für sich, nicht alle Pflicht-Haltungsbekenntnisse abdecken?
    Darf dann vielleicht auch gelegentlich da genauer hingesehen werden, wo es komisch riecht? Und darüber berichtet werden?

    Könnte es vielleicht sein, dass dieses genauere Hinsehen eben das ist, was die Haltungsreinheitswächter hassen und dass sie deshalb so unglückliche Formulierungen aufspiessen und gebrauchen?

    Braune Scheisshaufen wird man nicht dadurch los, dass man sich davor stellt und möglichst laut „Igitt“ und „Ekelhaft“ skandiert.

    Wofür man sich heutzutage so alles rechtfertigen muss…vieles davon galt früher als das, was wirklich guten Journalismus von schlampig repetivem Geschreibsel unterscheidet. Heute macht man sich damit verdächtig, bei den derzeit tonangebenden Haltungs-Katecheten.

  4. @ Herr Kar:
    Hat Herr Thelen sich an irgendwelchen illegalen Tätigkeiten beteiligt? Oder wird gegen Frohnmaier ermittelt?
    Mal abgesehen davon, dass Journalisten mWn mit auch Verbrechern reden dürfen, ohne deshalb als Zeugen aussagen zu müssen, was genau ist Ihr Vorwurf?
    Glauben Sie, das irgendwer spontan AfD wählt, weil er diese Reportage liest?

  5. Wirklich wahrer guter Journalismus ist, wenn die Medien 100% Sprachrohr der politischen Machthaber sind.
    Und ich freu mich, dass Herr Kar das genauso sieht.

  6. Ich hatte in der letzten Zeit echt wenige Momente, in denen ich so richtig stolz war, mein übermedien-Abo gekündigt zu haben, weil hier sehr viel Gutes stand.
    Aber jetzt ist es wieder so weit.
    Danke!

  7. Danke für das Interview. Es ist unglaublich wehleidig und Herr Thelen schwimmt im Selbstmitleid.
    In meinen Augen tut er reflektiert, lenkt aber nur im Bezug auf den Tweet ein (der ja wirklich so doof war dass ihm nichts anderes übrig blieb)

    Es ist doch so: wir wussten vorher wie Frohnmaier und der Artikel hat keine bahnbrechenden neuen Erkenntnisse welche den Eindruck von ihm tatsächlich verändern.

  8. Eine Beschäftigung mit der AfD um die AfD zu verstehen und um sie zu entlarven: das ist sicherlich eine Mammutaufgabe. Leider kann ich den SZ Artikel hinter der Paywal nicht lesen, aber ja, der Tweet etc. – das war schon daneben. Und diverse Aussagen dazu sind schlichtweg naiv. „Meine Journalistenkollegen verstehen das schon richtig“. Ja, nee. So funktioniert das nicht. Die ganze Welt liest heutzutage Tweets, lieber Raphael. Was hast Du denn erwartet? Wie gesagt: Naiv.

    Andererseits muss ich schon sagen: Die Reaktion der Leute die ich selber als „mein“ Lager ansehe ist auch schon ganz schön krass. Und übertrieben. Ja… man braucht heut Reichweite, und jeder messerscharfe, böse, bohrende Tweet in dem man mit der Nazikeule dreindrischt… ja, der zieht. Bums, das tut weh, das gibt Klicks, und das freut die Zielgruppe. Aber seriously, vielleicht beruhigen wir uns mal, und schrauben die Empörung etwas runter. Hier hat ein Journalist versucht die AfD auf zu arbeiten… und er hat sich dabei vielleicht ein bisschen dumm angestellt. Bei einer echt schwierigen Aufgabe. Aber alleine das er den Versuch gemacht hat, und das über so einen langen Zeitraum durchgezogen hat… sollte man das nich mal anerkennen? Das ist viel schwieriger und brauch viel mehr Einsatz als… naja, zum Beispiel, als einen Tweet zu schreiben.

    Wenn ihr heut abend dann in euren Betten liegt, das Handy aus ist und ihr euch entspannen könnt, weil ihr für ein paar Stunden für niemanden Empörungstheater spielen müsst… dann seid doch mal ein bisschen gnädig, und demütig, und anerkennt dass Menschen Fehler machen – selbst wenn sie sich bemühen.

  9. @Martin: „Leider kann ich den SZ Artikel hinter der Paywall nicht lesen …“ Sorry, wenn ich als Betreiber einer kleinen Firma, die von einer Paywall lebt, darauf anspringe: Warum nicht?

  10. Wer mit Leuten spricht ,die der Demokratie den Todesstoss versetzen wollen indem sie die Demokratie benutzen und aushebeln,
    und mit solchen Leuten verständnisvoll kuschelt,
    kann bestimmte Grundsätze nicht verstehen,grundsätzlich nicht!
    „Der Weg zu Hölle ist mit Guten Absichten gepflastert“..
    und „Gut gemeint ist nicht automatisch gut gemacht!“
    Da war doch der Typ, der nett mit Schäferhunden war,…
    Der mit den Autobahnen,…
    Der aber sehr selektiv mit den Menschen in seinem Reich umging!!
    Aber ein gutes hatte Hitler,er hat den Führer getötet!!!

  11. Ich wundere mich, wie sich ein freier Journalist so einem Langzeit-Projekt widmen kann.
    Sind „freie“ nicht darauf angewiesen, flexibel zu sein, schnell und kurzfristig Aufträge anzunehmen die nicht übermäßig viel Zeit in Anspruch nehmen. Es wurde ja angedeutet, wieviel Geld ihn die Sache gekostet hat und das er während der Beobachtung nichts anderes machen konnte.
    Oben viel der Ausdruck „Naiv“. Ich glaube, der beschreibt die Herangehensweise von Herrn Thelen ganz gut.

  12. Zwei Gedanken dazu:
    1. Ich bekomme bei solchen Diskussion immer schnell das Gefühl man da doch so ein bisschen an dem Leser an sich herumpsychologisiert. Was könnte das im Leser bewirken? Wird er nicht – von ihm unbemerkt womöglich – plötzlich den AFD-Mann toll finden? Wird er es plötzlich normal finden, dass über einen politischen Heiopei berichtet wird und wird er daraufhin Heiopeis wählen? Es wird ein wenig so getan, als bestünde die Masse der Leser nur aus steuerbareren, willen- und gedankelosen Tennisbällen im Wasser.

    2. Wenn Herr Thelen schon so schnell festgestellt hat, dass von diesem Mann, dessen hervorstechendste und für den Leser interessante ja einzig Eigenschaft ja sein sollte, dass er Politik mitgestalten will, nur Provokationen kommen und ein sinnvoller, konstruktiver Beitrag zu irgendeiner politischen Diskussion nicht zu erwarten ist, warum dann dran bleiben? Spätestens nach dieser Erkenntnis hätte man doch auch sehen können, dass eine weitere Beschäftigung mit ihm über diese geklärte Frage hinausgehend, keinen Erkenntnisgewinn mehr bringt.

  13. Ich bin so erleichtert, das der syrische Rapper und der Nazi von der „AfD“ sobald die Kamera aus ist ihre menschliche Seite zeigen können und sich in gemeinsamer Homophobie versöhnen. Anrührend.

  14. In Analogie zu den Kritiken an Herrn Thelens Werk müsste man meines Erachtens ernsthaft darüber nachdenken z.B. den Nationalsozialismus aus den Geschichtsbüchern zu entfernen. ‚Dürfen wir tatsächlich so offen über das Geschehene sprechen und bereits Kinder damit aufklären?‘

    Ich sehe Herrn Thelens Vorgehensweise (abgesehen Twitter) hier ganz klar aufklärerisch und dem Zeitgeschehen angemessen dokumentiert. Entscheidend sollte nicht sein ob man darf, sondern was wir aus Erkenntnissen im Sinne der Gesellschaft gewinnen können. Satire funktioniert auch so. Daher wird es sicher auch immer Kritiker geben. Doch auch das ist gut, denn das schärft unsere Sinne und regt zur Selbstreflexion an.

  15. Ja, das ist schon wirklich schrecklich, dass ein Journalist versucht, über einen AfD-Abgeordneten so zu recherchieren und zu berichten, wie man das auch bei anderen Politikern tut. (Im Fall der AfD – aber natürlich auch nur dort – ist das nämlich „Kuscheln“.)

    Mit so einem Verhalten hilft ein Journalist aktiv bei der Zerstörung der Demokratie! Schämen soll er sich! Und dann auch noch einen leicht missverständlichen Tweet absetzen, anstatt seinen ganzen Ekel reinzulegen!

    Da ist es auch keine Entschuldigung, dass der Journalist angeblich links ist! Für so ein böses Verhalten kann es weder eine Entschuldigung noch einen angemessenen Kontext geben!
    Ein seriöser Journalist sollte sich darauf beschränken uns immer wieder voll Abscheu klar zu machen, wie böse die AfD und ihre Leute doch sind. Das muss genügen!

    Wer in diesem Kommentar Sarkasmus findet, kann ihn behalten.

  16. Der Text ist keine Hofberichterstattung für AfD-Wähler, er ist keine Wahlwerbung und wenn das „kuscheln“ ist, habe ich immer falsch gekuschelt. (Ich weiß jetzt nicht, ob Böhmermann so mit seiner Frau, so vorhanden, umgeht.)
    Ob ich wissen will, was Frohnmaier zu Mittag ist, sei mal dahingestellt, aber man lernt als Außenstehender doch schon was über das Innenleben dieser Partei.
    Die Kritik ist so unfair.

  17. Bei den Reaktionen hatte ich oft Probleme zu erkennen, wo die offene denokratische Gesellschaft ist und wo der Totalitarismus.
    Herrje, der Thelen hat völlig normale Recherche betrieben. Nichts, für das er sich entschuldigen muss. Und ja, manchmal dient es auch der Wahrheitsfindung, Rum zu trinken, sich meinethalben auch gemeinsam zu besaufen. In vino veritas. Diese mosalinsaure Ekelhaftigkeit ist kaum zu ertragen. Übrigens die windelweiche Entschuldigungsorgie des Thelen allerdings auch nicht: Junge, sei ein Mann, steh dazu, was du sagst und tust. Und zeig den Idioten den Mittelfinger.

  18. Ich kann die Intention verstehen. Aber ich frage mich, ob es wirklich notwendig ist, die radikalen Scharfmacher zu verstehen. Es ist wichtig, die zu verstehen, die AfD aus Protest wählen. Es ist wichtig, diesen Protest zu verstehen. Wir sollten die Gründe für diesen Protest sehr ernst nehmen. Aber die Scharfmacher? Ein Herr Frohnmaier, der verantwortlich ist für den Tod von Tausenden, ist nicht mehr erreichbar. Da helfen keine Argumente mehr. Kein gutes Zureden, keine Fakten, gar Nichts. Welchem Zweck sollte es dienen, so Jemanden zu verstehen? Klar, man soll seinen Feind kennen. Aber verstehen? Da ist Nichts zu verstehen. Da ist nur abzulehnen.
    Nein, ich denke nicht, dass Herr Thelen hier eine Anbiederung versucht hat. Eine Annäherung ja. Eine Annäherung, um zu verstehen. Ich frage mich aber ernsthaft, ob ein solches Verständnis zielführend ist. Oder auch nur nützlich. Es ist nützlich, deren Argumente und Positionen zu kennen. Und es ist wichtig, dazu eigene Argumente und Positionen zu definieren. Gerade auch als Kontrast. Ein Verstehen dieser rechtsextremen Positionen ist überflüssig. Ich respektiere jedoch den Versuch.

  19. Erstaunlich, wie viele Leute offenbar meinen, es gäbe keine Nazis, wenn man nicht über sie berichte.

  20. #18
    „Bei den Reaktionen hatte ich oft Probleme zu erkennen, wo die offene denokratische Gesellschaft ist und wo der Totalitarismus“
    Diese Ungewissheit ist fundamental für unsere Zeit, eigentlich für jede Zeit. Sollten wir wieder aushalten lernen!
    #6
    „wenige Momente, in denen ich so richtig stolz war“
    Toll, dass Sie wieder mal mit sich zufrieden sein dürfen. Ist zwar kein Gedanke, aber ein wichtiges Gefühl.

  21. Interessant, dass er – um sich selbst zu rechtfertigen in Sachen gemeinsam Rum trinken – die Aufmerksamkeit plötzlich auf einen Dritten und von sich weg lenkt:

    „Aber sobald die Kameras aus sind, ändert sich die Stimmung. Der syrischer Rapper sagt: Ich bin so froh, dass wir nicht über Gender sprechen mussten, da hätte ich dir ja zustimmen müssen. Ich finde es total ekelhaft, wenn zwei Männer miteinander etwas machen.“

    Mal abgesehen von „Wer sich rechtfertigt, klagt sich an“ – ob diese Aussagen wirklich für die Öffentlichkeit gedacht waren? Ist das nicht der nächste journalistische Fauxpas, hier die Vertraulichkeit der Situation zu brechen, da das Thema seiner Arbeit ja nicht Homophobie unter Rappern/Syrern ist?

  22. @Tommix: Die Vertraulichkeit der Situation? Der begleitet – als Journalist – einen Politiker und sitzt daneben und macht sich Notizen.

    Und: Wer sich rechtfertigt, klagt sich an? Really?

  23. Ich zitiere Siegfried: „Ein Herr Frohnmaier, der verantwortlich ist für den Tod von Tausenden, ist nicht mehr erreichbar.“ Mag sein, dass er nicht erreichbar ist. Aber inwiefern ist Markus Frohnmaier für den Tod von Tausenden verantwortlich? Was ist damit konkret gemeint?

  24. @Siegfried:
    „Welchem Zweck sollte es dienen, so Jemanden zu verstehen?“ Menschen haben Angst vor Dingen, die sie nicht verstehen. Warum? Weil man mit Dingen, die man nicht versteht, nicht umgehen kann. Wenn man keine Ahnung hat, warum ein Vulkan manchmal ausbricht, ist das ein Problem. Wenn man verstanden hat, warum ein Vulkan ausbricht, kann man Möglichkeiten entwickeln, Vulkanausbrüche vorherzusagen und sich so vor ihnen zu schützen. Niemand würde das als „Kuscheln“ mit dem Vulkan denunzieren, oder?
    Und das gilt nicht nur für Vulkane.
    Je besser man Mathe, Maschinen oder Menschen versteht, desto besser kann man mit Ihnen umgehen, und umso weniger Probleme hat man mit ihnen. Umso leichter sind sie zu besiegen.
    Wenn im konkreten Fall es offenbar so ist, dass die Provokateure den Ball flach halten, wenn der Verfassungsschutz zukuckt, aber keinen Plan B haben, um vor allem die jüngeren Mitglieder bei der Fahne zu halten, naja, sieht wie ein Schwachpunkt aus für mich. Wenn Sie es nicht für notwendig halten, über AfD-Schwachpunkte zu lesen, bitte. Ihre Entscheidung.

  25. @25: Die AfD mit einer Naturgewalt vergleichen? Naja.
    Das Problem ist ja eher der Umgang mit den AfD-Menschen – Ausgrenzen und Opfermythos verstärken oder inkludieren und salonfähig machen?
    Dieses Narrativ („entweder, oder“) ist m. E. bereits ein Resultat der AfD-Kommunikation der letzten Jahre. Es muss so aussehen, als gäbe es keinen Kompromiss oder dass dieser nicht möglich sei.
    Wie bei allen Radikalen halt.

  26. @#26:
    Die AfD mit etwas vergleichen, was man verstehen muss.
    Diverse Kritiken setzen „verstehen“ mit „Sympathie aufbringen für“ gleich, was erstens sowieso nicht notwendigerweise dasselbe ist, und was in der engeren Bedeutung zwotens höchstens sehr oberflächlich vorkam. (Ich habe mir dazu nicht nur den Tweet durchgelesen, sondern auch den Artikel selbst, merkt man das vllt.?)

    Um diesen Unterschied offensichtlich zu machen, nehme ich Beispiele für „verstehen“, wo offensichtlich nicht die Sympathie-Bedeutung gemeint sein kann. Ich hätte auch schreiben können, dass Pasteur ja auch nicht mit Bakterien gekuschelt hat. (Effektiv tut das jeder Mensch, aber nicht so, wie Böhmermann das meint.)

    Also ja, es gibt Möglichkeiten, mit der AfD umzugehen, ohne mit ihr zu kuscheln und ohne sie einfach totzuschweigen. Wer hätt’s gedacht.

  27. „Sorry, wenn ich als Betreiber einer kleinen Firma, die von einer Paywall lebt, darauf anspringe: Warum nicht?“

    Klassiker aus dem progressiven Ich-AG-Lager. Bist du etwa arm!?!! Hast du etwa einen Scheissjob!?! Keine dauerhaft sicher kalkulierbaren Einnahmen!?! Läuft dein Leiharbeiterjob aus? Will dich der Kuriersubunternehmer loswerden, weil du auf den Mindestlohn bestanden hast!?! Fürchtest du, bald 2/3 deines Einkommens für die Miete zahlen zu müssen, weil du dich gegen die Fake-Eigenbedarfsklage nicht wehren kannst!?! Ist dein Freelancer-Tagessatz halbiert worden, weil die global player-konzerne ihre Aufträge per Auwärtsauktion vergeben!?!

    Was bist du denn für ein Schmarotzer, dass du nicht permanent Paywall-Abos für mindestens 10 Medien gleichzeitig laufen hast und trotzdem bei Politikthemen mitreden willst?

    JETZT SAG DOCH MAL DU BODENSATZ!!!!

    Glückwunsch. Wie das vermeintlich „linke“ -neoprogressive- Lifestylekampflager Ausgrenzung von Teilhabe als Grundprinzip inszeniert…

    „Jeder ist sich selbst der nächste und beklagt bei der sozialen Frage höchstens, dass sein Kurierfahrer/Zeitungsausträger zu geizig ist, um woanders als bei KIK, Teddy und Aldi einzukaufen“

    …demonstriert im Kontrast zu den Lifestylegerechtigkeitskämpfen erst richtig die Schieflage, die viele davon Betroffene oder sich Sorgende in die Arme der Rechten treiben. Bestimmt die Hälfte der AfD-Stimmen kommt von Leuten, die denken, sowas seien Linke. Dabei sind es nur Lifestyleprogressive Sozialdarwinisten.

    Und solange die sich einen Scheißdreck kehren, solange werden sie auch fassungslos den Hass auf die LRG-versifften für völlig unverständlich halten,

    Das ist nicht mal persönlich gemeint. Es ist exemplarisch fürs Milieu. Und nur ein Symptom für die eigentliche Krankheit.

    Ich bitte um Verzeihung für diesen Rant mitten in Ihrer Domäne. Aber die permanent überschnappenden kindlichen „Antinazi“ Erregungs- und Ausgrenzungsrituale sind meiner Ansicht nach meist nur selbstgefällige (zudem kontraproduktive) Ersatzhandlungen von Leuten, die ansonsten die Brutalisierung der Gesellschaft nonchalant übergehen, weil man ja sonst in den Ruch kommen könnte, selbst so ein Bodensatz zu sein.

    Da passt dann so ein Monetär-snobistisch formulierter Hohnpost wie 27 bestens dazu.

    Offenlegung: Ich wäre echt froh, wenn ich allen deutschen Tageszeitungen, Magazinen und Qualitäts-Blogs regelmäßig monatlich großzügige Zuwendungen spendieren könnte. Und noch ein paar ausländischen zudem. Da kämen wohl ein paar 100 Euro zusammen.
    Ob ich die auch in einem halben Jahr schmerzfrei zahle, weiß ich nicht. So ein asozialer Bodensatz bin ich eben.

    Nicht gut genug für SZ und ÜM vermutlich.

    PS: Ich gönne Ihnen jeden Abonnenten und verstehe das eklatante Finanzierungsproblem der Medien. Ich erwarte nichts umsonst.

    Aber, dass für Mitglieder der vermeintlich Linken dieser Sound der jungen Liberalen und INSM-Broschüren so selbstverständlich geworden ist, ist ein Hauptgrund für meine pessimistische Prognose für die Gesellschaften des alten Westens. Was besseres kann der AFD nicht passieren.

  28. @Symboltroll: Soviel Furor für eine Frage, die nur sachlich gemeint war. Woran scheitert es? Ist der Preis zu hoch? Die Technik zu mühselig? Das Prinzip an sich zweifelhaft? Wie kommt es zum Gefühl, „ich kann das nicht lesen“, wenn man es doch – sogar ohne Abo o.ä. – inzwischen relativ einfach lesen kann? Das hatte mich interessiert – tatsächlich auch, weil ich davon lebe, solche Entscheidungen zu verstehen.

  29. Wenn ich das richtig verstanden hatte, ging es Martin um den SZ-Artikel von Thelen, der hinter einer anderen PayWall steckt, nicht um den hiesigen.
    Ist vllt. Teil des Problemes, dass „jeder“ den „Rum-Tweet“ „gratis“ lesen kann, den SZ-Artikel aber nicht. Aber andererseits traue ich es Böhmermann zu, sich die SZ-Paywall leisten zu können, und Sophie Passmann hat mal ein ganzes Buch über Gespräche mit Wham geschrieben, ohne dass das als „Kuscheln“ oder „einfühlsam“ diffamiert wurde. So ähnlich wie die Captain-Marvel-Kritiken, die es gab, bevor der Film raus kam.

  30. Mir ist das auch aufgefallen. Diese Konstellation wie hier, dass sowohl der Ursprungstext als auch das Interview jeweils hinter verschiedenen Paywalls stecken, ist in in vielerlei Hinsicht hinderlich. Das ist als würde man jede Netflix-Serie einzeln abonnieren müssen.

    Inzwischen fällt mir das immer häufiger auf. Man fühlt sich dadurch tatsächlich auf eine Weise ausgegrenzt, die man früher nicht kannte. Und selbst wenn man die Paywall überwinden würde, dann würde es sich komisch anfühlen zu dem dem kleinen Kreis der Eingeweihten zu gehören, während der überwiegende Teil draußen bleiben muss.

  31. @Tommix: Raphael hatte das „SZ Magazin“, nachdem die Diskussion eskalierte, gebeten, die Paywall rauszunehmen, aber die wollten nicht.

    Er hatte auch uns gebeten, das Interview ohne Paywall zu bringen. Wie haben dann als Kompromiss immerhin die Schranke relativ weit hinten in den Text gesetzt. (Und nach einer Woche ist der Text, wie immer, ganz frei.)

    Ja, das erschwert alles die Debatte. Aber ich weiß keine Alternative.

  32. Ich habe nur ein Zuschauer-Abo für 3,66 Euro im Monat. Damit kann ich alles lesen. Das ist preiswert.
    Wenn ich jährlich 43,92 € zahle, spare ich laut Steady 8 %.
    Beim sogenannten Unterstützer-Abo für 6,49 € im Monat kann ich durch jährliche Zahlung sogar 19 % sparen, beim Intendaten-Abo für 19,99 € im Monat 20 %. Das ist doch schön.
    Wenn ich richtig informiert bin, hat ein Jahr 12 Monate. Nehme ich den Monatsbeitrag mal 12, erhalte ich exakt die Summe für den Jahresbeitrag.
    Wo bleibt die Ersparnis von 8, 19 oder 20 %?

  33. Ich bin vllt. nicht repräsentativ, aber vor Jahren habe ich mir mal einen Stern gekauft, wegen genau eines Artikels, von dem ich vorher wusste, dass er mir nicht gefallen würde, um bei einer Diskussion und mitzumachen und einen Leserbrief zu schreiben. Die Debatte war es mir damals wert.

    Jetzt habe ich für exakt einen Artikel der SZ Geld ausgegeben.
    Ist schon eine Verbesserung.

  34. @Yong Meier: Ich bin nicht sicher, ob ich die Frage verstehe. Jahresabos sind günstiger, weil wir Leute natürlich ermuntern wollen, uns längerfristig zu unterstützen. Und weil wir dabei Transaktionskosten (für Paypal u.ä.) sparen.

  35. @38: Ich verstehe, warum Jahresabos auf das Jahr gerechnet billiger sind als Monatsabos. Also 3,66 € für das Zuschauer-Abo mal 12 sind 43,92 €. So viel kostet aber laut Angebot von Steady auch das Jahresabo. Ersparnis 0 % und nicht 8 %. Beim Unterstützer-Abo und beim Intendanten-Abo entsprechend.

  36. @40: Aha. Ich habe doch tatsächlich den Schalter für monatlich oder jährlich übersehen. Ich könnte also 0,33 € mal 12 = 3,96 € sparen, wenn ich jährlich bezahle.
    Egal ob monatlich oder jährlich, wenn man sich für Medien interessiert, kommt man an Übermedien nicht vorbei.
    Trotzdem hätte ich folgende Vorschläge:
    1. Man sollte oben im Artikel erkennen, wie viele Kommentare vorhanden sind, eventuell auch von wann (und wem) der letzte ist. So sieht man leichter, ob es neue Kommentare gibt.
    2. Baumstruktur oder weiterhin lineare Struktur der Kommentare?
    3. Nach einer bestimmten Zeit (ein bis zwei Tage bis zu einer Woche) Schließung der Kommentarfunktion?
    3. Kommentieren nur für Leute erlauben, die den ganzen Artikel gelesen haben.
    4. Keine Warteschleife für zahlende Abonnenten.

  37. Um als Unterschichtler, der den Unmut vom Symboltroll nachvollziehen kann, mal öffentlich zu verdeutlichen, warum es bei mir an einem Abo scheitert:

    Mit einem sehr knappen Budget kann ich nicht über Monate planen. Ungeplante Zwischenfälle verschiedenster Art können dazu führen, dass ich mir kleine Dinge plötzlich nicht mehr leisten kann oder im schlimmsten Fall das Konto so leer geräumt wurde, dass Einzugsermächtigungen selbst über kleine Beträge nicht mehr ausgeführt werden können. Das führt zu Rückbuchungsgebühren und wenn man nicht schnell genug reagieren kann, mitunter auch zu Mahnungen, samt weiteren Kosten.
    SO und selten über verantwortungsloses Konsumverhalten entstehen bei ärmeren Menschen oft Schulden, die sich dann durch Pfändungen und Inkassobüros drastisch summieren.

    Ich persönlich gehe entstrechend (so weit möglich) nur noch „Prepaid-Verträge“ ein, die enden, sobald das Guthaben aufgebraucht oder der bezahlte Zeitraum abgelaufen ist. Alles was sich selbst verlängert, versuche ich aus der Erfahrung heraus zu vermeiden, dass daraus weitere finanzielle Probleme erwachsen könnten.
    Wenn ich mich recht erinnere, war das auch der Grund, warum ich mein Probe-Abo bei Übermedien nicht verlängert habe und auch mit anderen Medien nur sehr selten sich selbst verlängernde Abos abschließe.

    Davon mal abgesehen: Bei allem Verständnis für das Geschäftsmodell Paywall, finde ich es mitunter ziemlich grotesk, dass insbesondere Artikel, die für arme Menschen (auch mit Blick auf die Neue Rechte) interessant sein könnten, nicht selten hinter einer Paywall sind. Mal abgesehen davon, teilweise von wichtigen Informationen abgeschnitten zu sein, fühlt sich das bisweilen auch so an, als würden Privilegierte immer mal wieder über Leute wie mich diskutieren, nicht jedoch mit mir.

    Ist allerdings meine subjektive Meinung/Wahrnehmung. Andere mögen dies anders sehen.

  38. Ach, wird das schön, wenn es (wieder einmal) nur eine einzig korrekte Sicht auf die Welt geben darf.

  39. Gab es nicht auch parallel mal die Möglichkeit, Artikel einzeln freizuschalten, zB für 2€? Ob nun auf eigenes Risiko, das pro Monat öfter zu machen, oder sogar mit automatischer Überleitung ins Abo. Für ärmere Leute wäre das vielleicht was?

  40. Ich bin bei ihm, Raphael Thelen, und bei allen, die eine Lanze dafür brechen, dass häufig nur Verstehen (ohne einverstanden zu sein) zur nötigen Strategieentwicklung für die Überwindung von Problemen führen kann.

  41. @SCHREIBKRAFT

    Ich bin nicht sicher ob ich sie richtig verstehe, aber meinen Sie ernsthaft, einige Leute sollen halt kostenlos arbeiten weil sonst einige anderen Menschen sich das jeweilige Produkt nicht leisten können?

    Ich kann verstehen, dass es frustrierend ist sich etwas nicht leisten zu können/wollen. Aber die Lösung kann ja nicht sein, dass andere Menschen ihre Leistung kostenfrei bringen müssen.

  42. @Ichbinich – #46

    Sie haben mich nicht richtig verstanden.

    1) Ich kann nachvollziehen, dass Symboltroll durch bestimmte Phrasen getriggert wurde und habe Verständnis geäußert.

    2) Schien hier ein gewisses Interesse des Betreibers zu bestehen, mehr über mögliche Hindernisse der Paywall zu erfahren. Da auch Symboltroll die finanzielle Hürde erwähnte, wollte ich mögliche Probleme hier mal ausführen.

    3) Dies tat ich auch, weil meiner Wahrnehmung nach sowohl in Kommentaren (wie dem von Symboltroll zitierten) als auch in Medien oft die Kostenlosmentalität als Erklärung für die Medienkrise bemüht wird, selten hingegen, dass es rund 20% in dieser Gesellschaft gibt, die sich auch Beträge unter 10 Euro nicht mal eben so aus dem Ärmel schütteln können. Genau das tun Sie übrigens auch mit mit. Sie vermuten Frust über die finanzielle Hürde oder Unverständnis für den Wert journalistischer Arbeit. Und glauben Sie mir, das nervt ganz gewaltig, denn meine Intention war dann doch ein Stück komplexer und nicht darauf aus, für Gratisjournalismus zu werben, sondern eher selten beachtete Facetten zu diesem Thema aufzuzeigen.

    4) Weiterhin denke ich auch, dass untere soziale Schichten durch die Ausweitung von Paywalls von Nachrichten und Informationen abgeschnitten werden. Mal jenseits von der ursprünglichen naiven Internethoffnung der Demokratisierung des Wissens, sehe ich da viele Probleme, die die Demokratie langfristig alles andere als stärken werden. Denn ich denke, einer der Gründe, dass Populisten derzeit erolgreich sind, ist der Umstand, dass die Themen, die Interessen und auch die Sprachweise bestimmter Schichten (überwiegend Verlierer des Neoliberalismus) in den Medien und der öffentlichen Diskussion kaum noch stattfinden. Hierzu sei nochmals der ZEIT-Artikel, den ich weiter oben verlinkt hatte. Die Folge ist (auch), dass Leute zunehmend alternative Informationsquellen nutzen. Eine konsequent undurchlässige Paywall könnte dies weiter vorantreiben, denn es gibt sie zumindest schon bei Online-Ausgaben von Regionalzeitungen und es werden mehr werden.

    Wie erwähnt, habe ich dennoch auch für die Paywalls Verständnis, denn natürlich kann und will niemand ohne Lohn arbeiten. Aber aus meiner Sicht hat die Krise des Journalismus nicht nur etwas mit dem Internet zu tun, sondern auch mit Neoliberalisierung, Monopolisierung und ungleicher Verteilung. Aber womöglich liege ich ja falsch. In den Medien und diversen Filterblasen wird dieser Zusammenhang jedenfalls selten bis gar nicht thematisiert. Dafür gibt es zum wiederholten Male die Phrase, dass es guten Journalismus nicht zum Nulltarif geben kann.
    DAS kann auch schon mal frustrieren oder triggern – insbesondere bei tendenziell linksliberalen Medien/Filterblasen, wo man als ärmerer Leser halt auch die Thematisierung der sozialen Komponente erhofft, aber dann doch nur wieder neoliberale Phrasen um die Ohren gehauen bekommt.

    Wie gesagt, kann ich Symboltrolls Rant emotional gut nachvollziehen, weshalb ich mich mittlerweile auch lieber aus solchen Diskussionen heraushalte und mich an dieser Stelle auch wieder verabschieden möchte. Ich denke, ein getriggerter Rant pro Artikel genügt. ;-)

  43. Wer den Text gelesen hat, kann keinen Zweifel haben, wo der Autor steht. Und was er mit dem Stück erreichen will. Aber wer liest heute schon die Texte, die er kritisiert? Manchmal nervt mich das alles sehr.

  44. Weil manche Leute daran zu zweifeln scheinen, dass die Reportage von Herrn Thelen im Kampf gegen die AfD taktisch nützlich ist, sei noch so viel angemerkt: Es ist das gute Recht (wenn nicht sogar die Aufgabe) der Medien, über relevante und interessante Dinge zu berichten. Die AfD und ihre Politiker sind nun einmal einigermaßen relevant – auch wenn man das aus gutem Grund bedauerlich finden kann. Es wäre daher völlig legitim, über diese Partei und auch über die in ihr aktiven Personen zu berichten – selbst wenn es nicht dabei helfen sollte, besser mit dieser Partei umzugehen.

  45. @LLL: Völlig richtig. Dass der Hinweis überhaupt nötig ist, zeigt allerdings sehr deutlich, wie sich die Maßstäbe verschoben haben. Die „taktischen Nützlichkeit“ eines Artikels in einem „Kampf“ – welchem auch immer – ist doch kein Kriterium für guten Journalismus. Ganz im Gegenteil. Das war durchaus mal Konsens. Ist gar nicht so lange her.

    @29, Schreibkraft: Sehr kluger Artikel aus dem „Merkur“. Danke für den Hinweis.

  46. Vielleicht muss man es nicht so ernst nehmen. AfD wird gewählt. Gefüllte 10-20% werden diese Partei weiter wählen. Gefüllte 10-20% gehören zu anderer Seite und werden AfD immer kritisieren, egal was passiert.

    Dann machen wir mal einen provokanten Artikel über andere Seite, die von beiden Seiten so oder so gelesen, kritisiert und verbreitet wird. Marketing und Hype – mehr ist nicht drin.

    Frohnmaier ist bis jetzt so gut wie unbekannt für die Leser. Ich wundere mich überhaupt, warum er gewählt wurde. Die Geschichte mit Ochsenreiter und der Finanzierung der Terroranschlägen in der Ukraine ist erst vor kurzem bekannt geworden. Davor war er für nichts bekannt – zufällig gewählt, nur für Krimreisen und strikt pro-russische Einstellung aufgefallen. Sonst ist sogar Ochsenreiter unter Rechten viel bekannter.

    Aber dank SZ wissen jetzt sowohl Rechten als auch die Linken, dass Frohnmaier überhaupt existiert. Hype funktioniet und alle empören sich. SZ freut sich sehr.

  47. Ich bin hier eher zufällig in diese für mich überwiegend absurd anmutende Kommentar-Diskussion gestolpert, die für mich von deutscher Intoleranz nur so strotzt. Seit den 30er Jahren und der DDR hat sich für mich kulturell in der Denke leider erkennbar wenig geändert.

    Bin Zweisprachler und würde mich zum bürgerlich-konservativen Lager rechnen, aber ich schaue viel über den Tellerrand, von den Neoliberalismus-kritischen Nachdenkseiten bis zu den schweizerischen und englischsprachigen Nachrichten, die sich oft auf einem völlig anderen Niveau bewegen als die deutschen.

    Umso erschreckender ist für mich die Selbstverständlichkeit, mit der hier jedes Detail auf die Waagschale gelegt wird, um nur ja dem linken Journalisten irgendeine moralische Verfehlung nachzuweisen, auf Grund derer man ihn aus der Herde ausgrenzen kann. Ehrlich, so was kann auch nur in einem Land passieren, in dem ein selbstgerecht-arrogantes Buch wie ‚Mit Rechten reden‘ begeisterte Rezensionen erhält und ‚Der Untertan‘ immer noch am besten die seelische Verfasstheit seiner Einwohner beschreibt.

    Ihr Deutschen lernt einfach nichts dazu, oder?

  48. Ich finde größere Teile der Diskussion ja auch absurd, bin aber nicht sicher, ob sie fruchtbarer wird, wenn man sie mit Vorwürfen füttert, die mit „Ihr Deutschen …“ beginnen.

  49. Unter anderem da ich selber an dem Shitstorm gegen Raphael Thelen mitgewirkt habe und die Dynamik, die sich entwickelt hat, doch sehr bedenklich finde, habe ich viel darüber nachgedacht, warum das so passiert ist. Ich selber habe, bereits während ich den ein oder anderen unfreundlichen Tweet schrieb, gedacht, „Mensch, der hat doch damals aber auch diese lange Reportagereise in den Osten gemacht und ist jedenfalls überhaupt keiner, der nur AfDler portraitiert“. Aber in der aufgeheizten Atmosphäre schien das dann irgendwie nebensächlich. Thelen war nur noch der Blödmann, der auf sehr unangemessene Weise seine Rumtrinkerei verteidigte.
    Ich glaube, dass sich die umfassende Kritik, auch an dem zugrundeliegenden Artikel, nicht entwickelt hätte, wenn der Ankündigungstweet anders formuliert gewesen wäre. Der Shitstorm beruht also gewissermaßen auf einem Zufall.
    Zwar finde ich nach wie vor, dass Thelen sich für jemanden, der mit Schreiben sein Geld verdient, erstaunlich ungeschickt verhalten hat. Zum Beispiel finde ich es ärgerlich und merkwürdig, sich so darauf zu versteifen, dass „Fairness“ in der Darstellung so wichtig sei. Allein sprachlich. Was soll das sein? Ich würde denken, fair ist es, wenn objektiv berichtet wird, wenn sich der Berichtende dabei seiner Subjektivität bewusst ist, etc. Das sollte doch aber eine Selbstverständlichkeit sein. Dass Leute sauer auf solche Formulierungen reagieren, weil sie da etwas hineininterpretieren, das gar nicht gemeint ist, kann ich nachvollziehen.
    In die aufgeregte Diskussion um das Rumtrinken mischte sich dann die Kritik am Genre „Nazi-Versteh-Reportage“ als solcher. Viele Leute, die den öffentlichen Umgang mit der AfD sowieso als problematisch ansehen, nutzten die Möglichkeit, ihrem generellen Unmut darüber Luft zu machen. Und spätestens da wurde es sehr undifferenziert.
    Ich glaube, dass die wenigsten Kritiker*innen Thelen für einen Rechten halten. Der Vorwurf geht primär in die Richtung „Normalisierung“ und Appeasement. Die große Wut, die mit ihm einhergeht, kommt nicht daher, dass jemand denkt, Thelen sei ein Nazi, sondern daher, dass eben auch unreflektiertes öffentliches Reden mit Nazis durch Nicht-Nazis für politisch sehr gefährlich gehalten wird. Die AfD nutzt die Mittel der Demokratie, um die Demokratie abzuschaffen. Wir können sie in der demokratischen Praxis daher nicht so behandeln, wie die anderen Teilnehmenden im demokratischen Prozess. Wer mit Rechten redet, sollte daher sehr gut begründen, warum sie oder er das tut. Denn es birgt eben immer die Gefahr von Normalisierung und Verharmlosung und es gibt sehr viele andere Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit Rechtspopulisums als das individuelle Langzeitportrait. Ich finde es im Grundsatz überhaupt nicht schlimm, wenn Journalistinnen mit Götz Kubischek ums Lagerfeuer sitzen und darüber berichten oder auch Homestories über Frauke Petry sehr interessant. Aber die Berichtenden sollten sich schon fragen lassen, welchen politischen Sinn solche Geschichten haben.
    Für mich hat Thelen keine befriedigende Antwort auf diese Frage geleistet. Er sagt, wir müssen die Rechten verstehen, um zu wissen, wie wir mit ihnen umgehen sollten. Das stimmt. Aber die Frage, was wir diesbezüglich aus seinem Text lernen können, beantwortet er, für meinen Geschmack, nicht hinreichend. Dass viele Rechtspopulist*innen das Mittel der Provokation nutzen und, dass Teile der Medienlandschaft eine unrühmliche Rolle dabei spielen, ist doch, bei aller Liebe, nicht neu.
    Im Ergebnis denke ich, dass Thelen, zwar auch aufgrund eigener ungeschickter Kommunikation, einen Haufen unverdienter undifferenzierter Wut abbekommen hat, der eher Akteur*innen wie Maischberger, Lanz, Plasberg oder auch Steinbeis, Leo, Zorn gilt. Dass ich dabei mitgewirkt habe, tut mir leid. Eine vertiefte Auseinandersetzung zum öffentlichen Umgang mit Rechtspopulist*innen halte ich weiterhin für notwendig.

  50. @ Maike:

    „Ich glaube, dass sich die umfassende Kritik, auch an dem zugrundeliegenden Artikel, nicht entwickelt hätte, wenn der Ankündigungstweet anders formuliert gewesen wäre. Der Shitstorm beruht also gewissermaßen auf einem Zufall.“

    Aber ist das nicht ziemlich bedenklich? Ein Tweet, der nicht mal wirklich schlimm ist, wenn vielleicht auch etwas unglücklich, genügt schon zu einem Shitstorm. Der Kontext, Inhalt und die Person des Schreibenden spielen dann kaum noch eine Rolle.

    Irgendwann haben wir ein Klima, wo jedes unbedachte Wort einem um die Ohren gehauen werden kann; wird das einer offenen Gesellschaft und einer lebendigen Debatte gut tun?

    „Wir können sie in der demokratischen Praxis daher nicht so behandeln, wie die anderen Teilnehmenden im demokratischen Prozess.“

    Sie fragen sich, wieso Thelen die Notwendigkeit einer fairen Berichterstattung betont. Genau solche Sätze sind es vielleicht, die ihn dazu gebracht haben? Denn natürlich mögen Medien kritischer über die AfD berichten, wo es mehr zu kritisieren gibt; was aber, wenn sie sich offenbar nicht einmal auf dieselbe Art der Recherche einlassen dürfen, ohne Prügel zu beziehen?

    „Wer mit Rechten redet, sollte daher sehr gut begründen, warum sie oder er das tut.“

    Diese Forderung mutet geradezu totalitär an. Nicht nur, wer Rechte lobt, ihnen eine unkritische Bühne bietet usw., muss also sehr gute Gründe haben – sondern schon derjenige, der auch nur überhaupt irgendwie mit ihnen REDET?

    Und kommt es da nicht auch darauf an, WER da redet? Ist es nicht das gute Recht (wenn nicht die Aufgabe) gerade der Medien, auch mit Rechte zu reden? Reden Medien nicht auch mit Diktatoren, Kriegsverbrechern, Terroristen, sofern diese relevante politische Akteure sind?

    Es ist doch ein riesiger Unterschied, ob ein Journalist mit einem Rechten „redet“, oder ob das der EKD-Ratsvorseitzende oder ein angesehener Schriftsteller, der als moralische Autorität gilt, dies tut. Und selbst in letzteren Fällen käme es auf die genaueren Umstände an.

    „Denn es birgt eben immer die Gefahr von Normalisierung und Verharmlosung und es gibt sehr viele andere Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit Rechtspopulisums als das individuelle Langzeitportrait. Ich finde es im Grundsatz überhaupt nicht schlimm, wenn Journalistinnen mit Götz Kubischek ums Lagerfeuer sitzen und darüber berichten oder auch Homestories über Frauke Petry sehr interessant. Aber die Berichtenden sollten sich schon fragen lassen, welchen politischen Sinn solche Geschichten haben.“

    Das klingt für mich immer so, als sei es die primäre Aufgabe der Medien, sich am Kampf gegen die AfD zu beteiligen. Zumindest nach meiner Auffassung ist es aber primär die Aufgabe der Medien, über politisch relevante Strömungen und auch über die zu ihnen gehörenden Personen zu berichten. Natürlich sollte dies in einer sachlichen Weise geschehen, welche rechtsextreme Kräfte nicht verharmlost. Und man darf es als Journalist ruhig aufgreifen, wenn Rechte sich selbst demaskieren.
    Aber es ist doch nicht Aufgabe der Medien, bereits ihr Recherche-Verhalten unter politische und taktische statt journalistische Erwägungen zu stellen (jedenfalls nicht, wenn wir von einer nationalsozialistischen Machtergreifung wohl noch noch ein gutes Stück entfernt sind).

    Und wie genau soll ein Journalist, der einen AfD-Politiker auch als den Menschen, der er ist, porträtieren will, das denn machen, ohne einen gewissen Kontakt mit ihm zu pflegen? Oder kann er eine „persönliche“ Berichterstattung über einen AfD-Politiker nur dann „rechtfertigen“, wenn er der AfD damit schaden kann?

    Wenn wir eines ganz sicher nicht haben wollen, dann Nanny-Journalismus, oder? Im Übrigen würde ein solcher der AfD doch wohl eher nutzen, wenn er ihr nicht schon genug genutzt hat.

    Siehe ansonsten auch # 51.

  51. @LLL

    Eins würde mich interessieren: Finden Sie Raphael Thelen denn auch totalitär, wenn er selber sagt, dass wir mit Rechten nicht reden sollten. Zum Beispiel, dass sie nicht in Talkshows eingeladen werden sollten?

  52. Es geht darum, dass man die AfD in Talkshow-Formaten nicht „stellen“ kann. Ob das wirklich nicht geht, oder ob das empirisch einfach nicht vorkommt, sei mal dahingestellt; jedenfalls ist das mehr die Kritik am Format als daran, dass die da eingeladen werden.
    Die Kritik an einem bestimmten Format unter vielen ist schon deshalb nicht totalitär, weil totalitär sich immer auf _alles_ bezieht.
    Thelen selbst versucht ja, die AfD zu „stellen“, wobei er ein ganz anderes Format benutzt. (Die ganze Affäre beweist, wenn überhaupt etwas, nur, dass Twitter als Format unglückliche Verkürzungen sehr befördert (#isnichwar). Ohne Thelen jetzt aus der Verantwortung zu nehmen, aber Twitter ist für manche Sachen einfach nicht die richtige Plattform.)

  53. Worauf ich hinaus wollte, ist, dass auch Thelen selber, nicht nur ich, findet, dass es Kontexte gibt, in denen es nicht sinnvoll ist, mit Rechten zu reden. Da LLL das mir gegenüber als „Totalitär“ bezeichnet hat, wüsste ich gerne, ob er das Thelens Haltung gegenüber auch tut. LLL schreibt ja auch, im Journalismus dürften keine „taktischen“ Erwägungen gemacht werden (ich würde es statt „taktisch“ eher „politisch“ nennen). Wenn es darum geht, dass AfDler nicht einzuladen, also aus dem journalistischen Format ausgeschlossen werden, und zwar, weil sie nicht „gestellt“ werden können, dann wäre das mE auch eine taktische Erwägung. Aber, da würde mich eben LLLs Meinung mal interessieren.

  54. „Nicht sinnvoll“ ist nicht dasselbe wie „darf man nicht“. Thelen wirft Anne Will und Co nicht vor, mit der AfD zu kuscheln, um Reichstalkmeisterin zu werden. Zwischen den beiden Positionen klafft eine Lücke, die kaum zu überbrücken ist.

  55. @mycroft
    falls du dich auf mich beziehst: ich finde, dass du die diskussion nicht voranbringst. ich habe an keiner stelle gesagt, dass irgendwer was nicht darf. ich wollte von LLL, der konkret auf mich geantwortet hatte, etwas konkretes wissen. vielleicht antwortet er mir ja noch, wenn nicht, macht es auch nichts.

  56. Die ganze Diskussion geht darum, ob man mit Rechten reden darf. Bzw. darum, ob man mit Rechten reden darf, ohne sich solche Vorwürfe anzuhören wie die oben.
    Thelens Aussage, dass man Rechte nicht zu Anne Will einladen _sollte_, ist nicht dasselbe wie zu sagen, dass man das nicht _darf_. Und selbst wenn Sie das nur als Haarspalterei betrachtet, ist Thelen ja offenbar nicht der Ansicht, dass „wir“ generell nicht mit Rechten reden sollten, sondern eben in anderen Formaten. Und dass man das Moralisierende weglassen sollte. Ok, das ist vllt. schon Taktik, aber mir zumindest ist es so lieber.

    Aber ja, ich bringe die Diskussion nicht weiter.

  57. @mycroft
    in dem dialog, der sich zwischen mir und LLL entspann, ging es überhaupt nicht um die frage, ob sich thelen die vorwürfe anhören muss, die ihm gemacht wurden. denn das behaupten weder LLL noch ich.

  58. @ Maike:

    „Eins würde mich interessieren: Finden Sie Raphael Thelen denn auch totalitär, wenn er selber sagt, dass wir mit Rechten nicht reden sollten. Zum Beispiel, dass sie nicht in Talkshows eingeladen werden sollten?“

    Die Forderung, sie nicht in Talkshows einzuladen, empfinde ich nicht als totalitär (egal ob sie aus dem Munde von Thelen kommt/käme oder nicht). Was auch nicht heißt, dass ich diese Forderung in ihrer Allgemeinheit für richtig hielte.
    Wie Mycroft schon sagte, klang Thelens Äußerung allerdings auch moderat und implizierte jedenfalls für mein Empfinden auch keine harte Schelte oder gar moralische Verdammung derjenigen, die Rechte eben doch in Talkshows einladen.

    Die ganz allgemein gehaltene Forderung hingegen, dass „man“ (auch als Journalist) überhaupt nicht mit Rechten reden solle, es sei denn man habe sehr gute Gründe, finde ich hingegen sehr bedenklich.
    Man kann sich über den Ausdruck „totalitär“ streiten (ich hatte es ja auch etwas milder formuliert), aber ich sehe hier zumindest eine sehr fragwürdige Haltung. Es scheint mir vor allem in der Formulierung, dass jemand, der mit Rechten „reden“ wolle, „sehr gute Gründe“ vorweisen solle, eine erhebliche Strenge und Bestimmtheit zu liegen (für mein Empfinden war die Formulierung, die Thelen gebraucht hatte, wie gesagt milder, wobei er sich ja auch nur auf Talkshows bezog).

    Ich hatte auch nicht generell gesagt, dass Journalisten sich nicht auch von politisch-taktischen Erwägungen beeinflussen lassen dürften. (Auch wenn ich der Auffassung bin, dass sie mit solchen Erwägungen vorsichtig umgehen sollten. Denn ansonsten droht die Gefahr, dass der Journalismus sich einer „Propaganda für die gute Sache“ annähert.) Ich hatte geschrieben:

    „Aber es ist doch nicht Aufgabe der Medien, bereits ihr Recherche-Verhalten unter politische und taktische statt journalistische Erwägungen zu stellen (jedenfalls nicht, wenn wir von einer nationalsozialistischen Machtergreifung wohl noch noch ein gutes Stück entfernt sind).“

    Es geht mir also darum, dass ich es als bedenklich empfinde, wenn Journalisten ausführliche Gespräche (auch in alltäglichen Kontexten) nur dann mit bestimmten Personen führen, wenn sie meinen, ihnen damit schaden zu können. Im Sinne von: „Guten Tag Her X., wir können die Reportage über Sie jetzt doch nicht schreiben und müssen die Interviews jetzt leider absagen. Die Redaktion bezweifelt, ob wir Ihnen mit so einer Reportage auch wirklich schaden würden!“

    Wer in diesem Sinne argumentiert, macht die Medien zu einer politischen Partei anstatt zu einer Kraft, die wertorientiert und kritisch Politik begleitet.

    Zwischen Recherche (die auch ausführlichere Interviews in einem persönlichen Kontext umfassen kann) und Talkshows sehe ich nämlich schon einen erheblichen Unterschied. Recherchen dienen dazu, dass Journalisten sachliche, faire, ggf. auch kritische Berichte zu einem Thema publizieren können (zumindest ist das das Ideal). Eine Talkshow hingegen dient eher der Selbstrepräsentation, vor allem wenn eine substantielle kritische Diskussion zu kurz kommt.
    Während Medienschaffende immer die Möglichkeit haben sollten, über relevante Ereignisse und Personen zu berichten und die dafür angemessene Recherche-Arbeit zu leisten, kann man sich fragen, ob man einem jedem eine relativ unkritische Bühne zur Selbstdarstellung bieten muss.

    All das Dargelegte gilt natürlich auch nicht ohne jede Einschränkung. Falls Adolf Hitler von den Toten auferstehen und kurz vor dem Wahlsieg stehen sollte, würde auch ich kau etwas dagegen sagen, wenn schon die Entscheidung, ob man ihn interviewt und wie man zu ihm recherchiert, von der Überlegung abhinge, wie man seinen Sieg verhindern könnte…

  59. @LLL
    Danke für die ausführliche Antwort. Nach deren Lektüre würde ich sagen, dass wir nicht soooo weit auseinanderliegen.
    Vielleicht noch mal zur Einordnung. Dass ich überhaupt den Terminus „Mit Rechten reden“ gebrauche, bezieht sich auf das Buch von Steinbeis/Leo/Zorn, welches genauso heißt und welches ich politisch sehr daneben finde (andere Diskussion). Um es daher noch mal klarzustellen: Natürlich gilt als Ausgangsprinzip, dass jeder mit jedem reden sollte. Auch mit „Rechten“ (was auch immer wir darunter genau verstehen). Und so gilt natürlich auch, dass alle Journalisten natürlich nach eigener Entscheidung völlig frei auch über „Rechte“ berichten sollten, ohne, dass das ersteinmal in Frage gestellt werden sollte.
    Ich finde auch, nachdem ich nochmal, auch wegen Ihrer Antwort auf mein Posting, darüber nachgedacht habe, dass konkret das Projekt von Raphael Thelen „Begleitung des neugewählten Abgeordneten Frohnmaier“, journalistisch interessant und sinnvoll ist.
    Dennoch würde ich bei meiner Behauptung bleiben, dass im journalistischen Umgang mit Rechtspopulist*innen Vorsicht geboten ist. Für mich gibt es keinen „politisch neutralen“ Journalismus. Jede öffentliche Äußerung hat auch immer eine politische Wirkung. Ein Beispiel: Natürlich ist das Thema „Geflüchtete“ politisch relevant und alle Journalistinnen dürfen und sollen sich damit auseinandersetzen. Trotzdem kritisiere ich, wenn das Thema eine Übermacht gewinnt und dadurch ein Eindruck höherer politischer Relevanz erzeugt wird, als es wirklich hat. Dass Sie Anstoß an meinen Formulierungen genommen haben, liegt vielleicht auch darin begründet, dass ich finde, dass seitens der Medien im Umgang mit Rechtspopulist*innen viele Fehler begangen wurden. Mir geht es dabei überhaupt nicht darum, dass ich von Journalisten erwarte, dass sie Rechten schaden. Ich glaube auch nicht, dass ich das geschrieben habe. Ich würde eher sagen, dass Journalistinnen häufig daran scheitern, das, was Rechte sagen, angemessen einzuordnen. Beispielsweise, wenn sie sich in Fragen, die den Klimawandel betreffen außerhalb des wissenschaftlichen Diskurses positionieren, oder, wenn sie sich wie viele AfD-Politikerinnen und -Politiker offen verfassungsfeindlich geäußert haben.

  60. @ Maike:

    So wie Sie das formulieren, würde ich auch denken, dass wir da eigentlich im Wesentlichen übereinstimmen.
    Wir brauchen sicherlich einen kompetent-kritischen journalistischen Umgang mit „Rechten“.
    Ich würde vermuten, dass das Verhalten der Medien die AfD oder einen Trump auch begünstigt hat (wobei es für Trumps Erfolg viele Gründe gibt): Zu viel Aufmerksamkeit, heftige Empörung bei einem Mangel an überzeugender kritischer Analyse. So jedenfalls mein Eindruck.

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