Influencer für männliche Oberkörper­muskulatur

Max Giesinger: Meine Reise

Manche Magazine sind von so bodenloser Dummheit, dass sich in ihrer Nähe eigentlich der Raum krümmen müsste wie bei diesen schematischen Darstellungen der Relativitätsheorie im Universum. Wir würden den Bahnhofskiosk betreten und einer optischen Verzerrung in den Regalen gewahr werden. Eine trichterförmige Einstülpung, aus deren tiefstem Grund ein Gesicht erscheint. Ganz Mann, ganz Mensch, erdig und sinnlich zugleich.

Es ist das Gesicht von Max Giesinger, so steht’s auch auf dem Cover: „Max Giesinger“.

Okay, Max Giesinger.

Warum nicht? Schließlich ist alles relativ, und die Adrenalinspritze ins Herz eines komatösen Magazinwesens ist das „Ego-Magazin“. Vorgemacht hat das in den USA Oprah Winfrey mit „Oprah“, hierzulande zog Barbara Schöneberger mit „Barbara“ nach. Beliebtheit ist in unseren Tagen ein beinahe noch wertvollerer Rohstoff als Coltan. Und ab einem gewissen Beliebheitsaufkommen lässt sich das industriell ausbeuten und kapitalisieren.

Den Fußballspieler Jérôme Boateng gibt es auch als „Boa“, die Ulknudel Joko Winterscheidt als „JWD“, den Fernseharzt Eckhardt von Hirschhausen als „Hirschhausens Gesund Leben“, den Schneider Guido Maria Kretschmer als „Guido“, die Berufsblondine Daniela Katzenberger als „Katzenberger“ und die Fitness-Bloggerin Sophia Thiel als „Sophia Thiel“. Fast alles von Gruner + Jahr, bis auf Katzenberger und Thiel, die im Bauer-Verlag erscheinen.

Rings um Leute, die längst Marken sind, lassen sich mühelos Themen anlagern wie zu jenen seligen Zeiten, als beispielsweise der „Stern“ (G+J) noch eine Marke für sich gewesen ist („Henri Nannen“). Welchen Sportauspuff würde der Jérôme kaufen, welchen Abenteuerurlaub der Joko buchen? Welche Smoothies empfiehlt die Barbara, welchen Rhabarber der Eckhart?

Die Frage ist jetzt nicht mehr: Was passt ins Heft? Sondern: Was passt zu Guido oder Sophie? Antwort: alles, was früher in die Wundertüte „Stern“ gepasst hat. Als Influencer hat man’s heute endgültig geschafft, wenn ein Verlag anruft und fragt, ob man nicht „Editor-At-Large“ in einer Publikation über das eigene Image werden möchte.

Warum also nicht Max Giesinger? Wäre das nicht eine schöne Gelegenheit, „Max“ auferstehen zu lassen? Wo lässt er mal so richtig die Seele baumeln, wo die Sau raus, welche Saiten zieht er auf seine Gitarre, womit pflegt er seine Haut, was zockt er auf der Playstation? Sowas alles.

Stattdessen aber ist „Max Giesinger“ so dumm, dass alle – wirklich: alle – anderen Publikationen im Bahnhofskiosk merklich davon abrücken würden, wenn sie könnten. Das hat genau zwei Gründe, von denen einer dümmer als der andere ist. Erstens das Heft selbst. Und zweitens, der dümmere Grund, die Tatsache, dass es dieses Heft überhaupt gibt.

"Und draußen ist es Sommer ..."

Mit seinen satten Farben auf hochwertigem Papier sieht „Max Giesinger“ auf den ersten Blick aus wie ein Magazin. Mit seinen 99 Seiten fühlt es sich an wie ein Magazin. Mit 10 Euro kostet auch so viel wie ein richtiges Magazin. Es ist aber kein Magazin.

Gäbe es so etwas wie ein Bestimmungsbuch für publizistische Erscheinungsformen, würde man „Max Giesinger“ am ehesten noch eine Verwandtschaft mit Druckerzeugnissen attestieren, die auf Konzerten am Merchandising-Stand feilgeboten werden. Da gibt es dann neben den T-Shirts und den Mützen und ein wenig Vinyl manchmal so etwas wie einen Sonderdruck über den Künstler. Gefüllt mit bunten Bildern und Trivia.

"Wir waren hier. Und wir bleiben hier."

So ist „Max Giesinger“. Im Editorial erzählt „euer Max“ sein Leben als die übliche Heldengeschichte (from zero to hero), die im vorliegenden Heft ihren Höhepunkt findet. Dass es „dieses Magazin hier gibt“, schreibt er, „ist immer noch völlig verrückt für mich“. Und nicht nur für ihn.

Idyllisch oder exotisch, meistenteils idyllisch exotisch

Zunächst folgt eine 28-seitige Strecke mit einem unerschütterlich sinnlichen und nachdenklichen, oft aber auch sinnlich nachdenkenden Max Giesinger vor dem idyllischen oder exotischen, meistenteils idyllisch exotischen Hintergrund der Kanaren. Es ist Modefotografie ohne Mode, dafür mit Auszügen seiner „Hey, denk da mal drüber nach!“-Texte. Überschrieben ist die Strecke mit „Die Reise“, was leider nicht einmal unmotiviert ist – so heißt das aktuelle Album des Künstlers.

Die Reise

Was sehen wir? Wir sehen Giesinger mit Händen in der Tasche vor einer sinnlosen Mauer: „Egal wo wir auch landen, es hat alles einen Sinn“. Giesinger in der Badewanne: „Bist du bereit, mit mir ins kalte Wasser einzutauchen?“ Giesinger im Nirgendwo: „Wir müssen nirgendwo ankommen!“ Und so weiter. Hin und wieder sind Fotos mit Bildtexten in klassischster „Bravo“-Manier versehen: „Wer will ich eigentlich in Zukunft sein – und mit wem?“

Auf diese sinnliche, aber auch ernste Einstimmung folgt ein längeres Porträt in drei Akten. Wo kommt er her? Jugendzimmer, Küche des Elternhauses, ein verschneiter Wanderweg im Badischen. Wie kommt er an? Toll, nicht so toll, bleibt sich aber treu. Und: Wo will er hin, der rastlos Reisende? Ach, er will ein „Zuhause dann endlich doch einmal“ finden. Aber mit wem?

Popstars unter Ästen

Die folgende Mammutstrecke („Die Band“) zeigt Max Giesinger mit seinen Freunden und Mitstreitern auf Tour, also beim Chillen und Grillen und Tischtennisspielen und Baden im Bodensee. Es ist, als blättere man durch das gedruckte Instagram-Profil eines Influencers für männliche Oberkörpermuskulatur. Also für alle, die keinen begehrlichen Blick auf den sinnlichen Junggesellen als Pin-Up der Bodenständigkeit werfen wollen, ein trauriges Nichts.

Gastrokritiker Max Giesinger: „Boah, ist das lecker!“

Vor dem abschließenden „Action Shooting“ vom Konzert gibt es mit dem „Imbiss-Check“ noch eine Art Service-Teil mit den angeblichen Lieblingsrestaurants unseres Helden im Hamburger Schanzenviertel, vom Asiaten umme Ecke bis zu Tim Mälzer. Abgedruckt sind neben gastrokritischen Einlassungen wie „Boah, ist das lecker!“ oder „Das ist mit Abstand der beste Burger der Welt, ohne Scheiß!“ die Adressen und Telefonnummern der Gaststätten.

Der Auswärtsesser - Wo Max satt wird

Begleitet hat Giesinger auf diesem kulinarischen Spaziergang in kumpelhaftestem Aufzeichnungsmodus ein Journalist, der seit 20 Jahren die Musikseite der „Brigitte“ verantwortet. Womit wir beim zweiten Grund für die Dummheit von „Max Giesinger“ wären, die nicht mit einer eventuellen Einfalt von Max Giesinger zu verwechseln ist, über den wir nur erfahren, dass er sehr sinnlich, nachdenklich, bodenständig, sexy und suchend ist. Einfach eine ehrlich Haut.

Es ist vielmehr der Umstand, dass wir es hier mit einer verkappten Werbebroschüre für Max Giesinger und einem Deluxe-Booklet seines aktuellen Albums zu tun haben. Nun ist gegen PR-Kooperationen nichts einzuwenden, die Fans wird’s freuen. Sie erwarten nichts anderes als kriecherisches Wohlwollen. Hier bekommen sie es.

Giesinger - auf Reisen mit Team

Bedenklicher ist, dass die Bertelsmann-Tochter Gruner+Jahr mit ihrer geballten publizistischen Expertise an der Apotheose eines Künstlers arbeitet, der bei der Bertelsmann-Tochter BMG unter Vertrag ist. Es feuert sozusagen der mächtige Konzern aus allen Rohren, um sowohl an Max Giesinger als auch an „Max Giesinger“ zu verdienen – und verkauft das läppische Fanzine frech unter der Flagge eines ernsthaften und angeblich von der Sache halt leider auch restlos überzeugten beziehungsweise voll geflashten Journalismus.

Yogatauglicher Rekord im Bücksegment?

Gruner+Jahr selbst hingegen hält seinen „Einstieg ins Fansegment“ keineswegs für einen yogatauglichen neuen Rekord im Bücksegment. Nein, vielmehr würde der Laden „einmal mehr seinem Ruf als kreativster und innovativster Verlag in Deutschland gerecht“. Weitere „Fanmagazine“ sollen offenbar folgen.

Zu den verfügbaren Rohren zählen übrigens auch „Stern“ und „Brigitte“, wo zeitnah ebenfalls in nachdenklichen und sinnlichen Porträts von Max Giesinger für „Max Giesinger“ geworben wurde. Wofür Max Giesinger sich bedankte, indem er für seine Freunde von der Qualitätspresse („Das Foyer platzt aus allen Nähten“, wie G+J twitterte) vor einem Pappaufsteller von „Max Giesinger“ seine bodenständigen Songs sang. Die Zahl der Hände, die hier einander waschen, ist gar nicht mehr genau zu beziffern.

Wer will Gruner+Jahr eigentlich in Zukunft sein – und mit wem? Der Verlag arbeitet bereits an der Magazinwerdung des Erfolgsförsters Peter Wohlleben. Es soll „Wohlleben“ heißen, vielleicht auch „Wohl Leben“, womöglich „PW’s interessantes Magazin“. Oder: „Die Integrität der Blattmacher“.

Max Giesinger
Gruner+Jahr
10 Euro

10 Kommentare

  1. Sie werfen tatsächlich das journalistisch anspruchsvolle und hochintellektuelle Magazin JWD in einen Topf mit GUIDO und BOA und MGD? Wenn das mal keinen Ärger mit einem ehemaligen Kolumnisten dieser Rubrik gibt.

  2. Das eigene „Ego-Magazin“ ist auch nur ein weiterer Schritt zur letzten Ausfahrt Dschungelcamp. Wer das nötig hat frisst auch Känguruhoden, Hauptsache man bleibt im Gespräch. Ich habe nur eine Frage: Max Wer?

  3. @3 Schnellinger:
    Giesinger,

    das ist einer von diesen Sängern, denen irgendwelche Songwriterteams im Auftrag von den Marketingabteilungen ihrer Plattenfirmen irgendwelche zielgruppengerechten, nachdenklichen, sensiblen und sehr persönlichen Songs zusammenpfuschen, die dann zu möglichst nichtssagendem Musikhintergrund eingesungen werden und mit denen dann Sender wie WDR2, NDR2 oder Antenne Mecklenburg-Vorpommern ihr Programm vollmüllen und z.B. Autofahrer zum Anhören eigener Musikvorräte oder des Deutschlandfunks zwingen.

    Ist anscheinend ein echtes Erfolgsmodell, das.

    Immer wieder ein guter Tipp: radioeins vom rbb, da wird diese Art von Musik konsequent ignoriert, was sehr entspannend ist.

  4. Erst dachte ich, so schlimm kann es doch nicht sein. Aber bei der Unterzeile „Wo Max satt wird“ dachte ich doch eher an Baby-Tagebücher für Eltern als an Magazine für Leser.

    Guter Beitrag!

  5. Ich bin übrigens der Meinung, dass „dumm“ kein Schimpfwort sein sollte. Bitte mal unter „Ableismus“ nachschlagen.

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