Nichts für Frauen mit Kleidergröße „Besen“

Auf eine Art ist das Besondere, wie wenig hier besonders ist. „The Curvy Magazine – Celebrate the Difference“ ist ein Modemagazin für Frauen, und wie viele dieser Art beschäftigt es sich mit den Themen, die Frauen nach Ansicht von Magazinverlagen1 umtreiben:

Kleider, ihre Körper, ihr Zuhause und ihr persönliches Glück, in „Curvy“ verteilt auf die Rubriken „Style“, „Body“, „Soul“ und „Home“, und dann gibt es noch ein bisschen Kultur, und alles auf hohem Magazin-Niveau. Es ist professionell und praktisch makellos gut gut gemacht, sogar so gut, dass es verwechselbar wäre, wenn es da nicht diesen Unterschied gäbe: Die Frauen in „Curvy“ sind dick.

Einschub: Dick ist ein Adjektiv, und an dieser Stelle verrate ich2 den wichtigsten Tipp für lebendiges Schreiben: alle3 Adjektive streichen. Das zwingt den Autoren automatisch zur lebendigeren Schilderung.

Ich versuche es also noch einmal.

„Curvy“ wäre verwechselbar, wenn es nicht den Unterschied gäbe: Die Frauen in dem Magazin haben andere Körper als die beiden normalerweise in Modemagazinen abgebildeten Models in den beiden dort gängigen Kleidergrößen „Magersüchtig“ oder „Besen“. Aber zumindest manche der Models sind tatsächlich nach den wahrscheinlich ziemlich allgemeinen Standards dick.

Die Aussage ist eine doppelte, nehme ich an: Zum einen ist es ein Service für all jene Frauen, die größere Größen tragen, denn eine Größe 50 ist nicht einfach eine nach einer Formal aufgeblasene Größe 36, wir sprechen da über zwei ganz unterschiedliche Körperformen, und deshalb auch über andere Schnitte, also ganz andere Mode. Und zweitens ist das natürlich eine Aussage: Schönheit kommt in vielen Formen und Größen.

Die Aussage ist quasi der halbe Weg zwischen „So geht schön – nämlich dünn“ und „Wahre Schönheit kommt von innen“: Es geht immer noch um Äußerlichkeiten, aber die Äußerlichkeiten werden weniger einseitig bewertet. Man nennt das offenbar „Body Positivity“, und wenn es nachhaltig funktionieren würde, bräuchte es keine Magazine dazu, in dem Punkt gleicht sie Diäten.

Das klingt erst einmal böse, wenn ich es so schreibe, deshalb sage ich es vielleicht einmal so: „Body Positivity“, also das Sich-gut-fühlen mit dem eigenen Körper, funktioniert wie alles Gutfühlen im Leben immer nur phasenweise, und Magazine sind Medien für die passiven Phasen. Man liest „Auto, Motor, Sport“ hoffentlich nicht am Steuer und die Orgasmus-Tipps in der „Cosmopolitan“ wahrscheinlich nicht während des Orgasmus.4

Ich nehme an, „Curvy“ wird ein bisschen mehr Aufmunterung sein als Bestätigung, eine Lektüre für den Moment, wenn „Body Positivity“ gerade schwerfällt. Und ich finde das gut. Aber es ist auch merkwürdig, weil es nur den Fokus ändert. Es sagt nicht „Du sollst deinen Körper ändern“, sondern „Du sollst deine Einstellung ändern“. Aber ändern sollst du dich immer.

In „Curvy“ findet sich zum Beispiel eine Kolumne über eines der populären „Plus-Size-Models“, Tess Holliday. Die Autorin freut sich einerseits über die Leistung, die es bedeutet, für die Anerkennung der Tatsache zu sorgen, dass auch dicke Frauen schön sind. Gleichzeitig beklagt sie, dass so stark Übergewichtige abgehalten werden könnten, mehr für ihre Gesundheit zu tun. Sie wünscht sich positive Vorbilder, die dazu inspirieren, mehr für sich selbst und die eigene Gesundheit zu tun, im Zweifel ab- oder explizit auch zuzunehmen.

Da scheint etwas durch, das fast schon weihnachtliche Qualität hat, und das ich gerne hier in den Raum werfen würde, weil ich glaube, dass es viel mit der Diskurskrise in allen Medien zu tun hat, den sozialen, unsozialen und asozialen gleichzeitig. Es ist eine rhetorische Frage: Kann es sein, dass eine relativ klare Trennung spürbar ist zwischen Medien, bei denen man spürt, dass sie sich für Menschen interessieren, und solchen, bei denen das nicht der Fall ist?

Die Frage beschäftigt mich, seitdem ich vor ein paar Wochen über das „SZ-Magazin“ geschrieben habe und eine ganze Reihe von Kommentatoren eine riesige Kluft festgestellt hat darin, wie die Redaktion dort mit Menschen umgeht und wie mit (Luxus-)Produkten. Die Frage, die sich auf viele Magazine ausweiten lässt, ist eigentlich: Wie kann man gleichzeitig so menschlich und sensibel sein wie es die großartigen Geschichten im „SZ-Magazin“ sind, und auf der anderen Seite absurd teures Zeug zeigen, das wirkt wie reine Werbung?

Mein persönlicher Eindruck ist: Die Frage lässt sich, wenn man es sich genau ansieht, immer weiter zusammendampfen auf einen Kern, in dem sich Medien und auch einzelne Geschichten auf zwei Seiten einer Grenze finden.

Auf der einen Seite wird verlangt, dass du dich änderst. Dass du teures Zeug kaufst, abnimmst oder was weiß ich noch unternimmst, damit dein Leben besser wird. Auf der anderen wird nur der Zustand der Welt beschrieben, mit dem immanenten Motiv, das uns alle dazu treibt, uns Geschichten zu erzählen und sie anzuhören: Die Suche nach unserem Platz in der Welt.

Es ist ein Problem, das jeder kennt, der versucht, Kinder zu erziehen, ohne verrückt zu werden: Wie sage ich gleichzeitig „Du kannst alles werden, was du willst“ und gleichzeitig „Du bist alles, was du jemals sein musst, du bist schon die ganze Welt“? Wie kann es sein, dass ich gleichzeitig sage „Das wichtigste ist, dass du ein guter Mensch bist und ein glückliches Leben lebst“ und „Wenn du dich nicht endlich anstrengst, dann kannst du das Abitur vergessen, und dann landest du wahrscheinlich auf der Straße, und ich muss dich bei der Heilsarmee abholen“? Das widerspricht sich doch.

Ich kann dieselbe Ausgabe von „Curvy“ dreimal lesen, und einmal zu dem Schluss kommen, ich könne schön sein, obwohl ich dick bin. Ich kann beim nächsten Mal aber auch denken: Die sind vielleicht dick, aber auch total schön, das ist ja fast noch fieser. Ich könnte auch zu dem Schluss kommen: Ich brauche diese Schuhe da, dann ist alles gut. Oder, ganz anders, ich folge der Kolumnistin und sage: Ich bin schon okay so, aber ich muss trotzdem zumindest dünner werden, weil nur okay nicht okay ist.

Lustigerweise ist das gut so, weil so das Leben ist. Ich glaube, es ist deswegen gut, weil man hier in und zwischen den Zeilen spürt, dass sich da Menschen für Menschen interessieren. Und das ist die universelle, fast schon weihnachtliche Botschaft, die hinter allem Geschichtenerzählen steht: Auch wenn es sich manchmal so anfühlt, bist du mit dem ganzen Scheiß nicht allein. Es geht uns allen so.

The Curvy Magazine
Ocean.Global GmbH&Co KG
5 Euro

25 Kommentare

  1. Es gibt keine Frauen mit der Kleidergröße „Besen“.
    Was auch immer „Besen“ bedeuten soll, es hört sich nach Bodyshaming an.

  2. Außerdem gibt es auch keine Kleidergröße “magersüchtig“. Finden sie es nicht problematisch, wenn dünne Frauen pauschal als krank bezeichnet werden?
    Dünne Frauen abzuwerten, wertet dicke Frauen nicht auf, sondern zeigt, dass es okay ist, Frauen wegen ihrer Körperform abzuwerten.
    So wie es möglich ist, Kinder wirklich bedingungslos zu lieben, wäre auch ein bedingungsloses Dicksein möglich aber wer soll dann noch die ganzen Ersatzbefriedigungen kaufen. Dicksein schützt jetzt nicht mehr vor Ansprüchen der kapitalistischen Gesellschaft, sich dem Selbstoptimierungswahn zu unterwerfen. Da immer mehr Menschen in den Industrieländern dick sind, reichte es nicht mehr, dicke Frauen nur als Konsumentinnen für Abnehmshakes anzusprechen. Dicksein ist jetzt okay aber dann sollte frau sich wenigstens bemühen auch schön zu sein und natürlich gesund. Genau wie dünne Frauen viel zu oft versichern müssen, dass sie nicht magersüchtig sind, sondern gesund.

  3. @2:
    Mit Schlankheitswahn kann man Geld verdienen, mit „love yourself“ ebenfalls. Procter&Gamble vermarktet gleichzeitig AXE und DOVE.
    Der mündige Kosument lässt sich bestenfalls nicht einreden, er habe ein Problem.

  4. @1,2 Ich finde, es gibt wenige Gründe die Ergebnisse der unseriösen Versuche der Fashionindustrie, endlich mal gesunde Models zu zeigen nicht humoristisch mit „Besen“ und „Magersüchtig“ zu umschreiben.
    Abgesehen davon bemüht sich unser Autor redlich, das Magazin und das Thema differenziert zu besprechen. Die relevante Frage müsste doch sein, ob das Magazinkonzept jetzt denn ein richtiger Schritt in die Richtung bedingungsloses Dicksein ist.

  5. @4 Wenn es ein bedienungsloses Dicksein geben soll, dann muss es auch ein bedienungsloses Dünnsein geben.

    Ich find das nicht humoristisch dünne Frauen oder deren Kleidergröße Besen oder magersüchtig zu nennen. Das ist genauso beleidigend, wie wenn man über dickere Menschen herzieht.

    Sie unterstellen gerade, dass die gewöhnlichen Models nicht gesund sind. Das stimmt so nicht. Es gibt unter ihnen bestimmt genauso viele kranke, wie unter den dickeren Models. Übergewicht ist genauso risikoreich für die Gesundheit wie starkes Untergewicht. Normalgewichtige Models können auch krank sein und Essstörungen haben.
    Außerdem machen Bilder von Models niemanden magersüchtig oder esssüchtig. Magersucht ist eine psychosomatische Krankheit, die wird nicht ausgelöst nur weil irgendwo dünne Menschen zu sehen sind.

  6. Ein Artikel, der versucht, sich kritisch mit der Darstellung von Frauenkörpern auseinanderzusetzen muss ohne derartige Herabwürdigungen auskommen. Auch wenn es nur die Auseinandersetzung mit der Auseinandersetzung ist. Lieber Autor, bitte mehr Pinkstinks lesen.

  7. Ich verstehe auch nicht, wie man einerseit einfühlsam über das Prinzip der „Suche nach unserem Platz in der Welt“ schreiben kann und dass man sich annehmen soll und den grundlegenden Widerspruch des Magazins (nimm dich an wie du bist, aber verändere dich trotzdem oder so) treffend herausarbeiten kann, aber dann selbst solche verletzenden Bezeichnungen wählen kann. Ich war in meiner Jugend zwar gesund und fit und garantiert niemals magersüchtig, aber dennoch nach der Meinung meiner (teilweise wildfremden) Mitmenschen untergewichtig. Anscheinend ist bei halbwegs zivilisierten Menschen angekommen, dass man Übergewichtige nicht beleidigt und herabsetzt, aber die exakt selben Menschen erlauben sich, dünnen Menschen Gemeinheiten wie „bei dir holt man sich ja blaue Flecken“, „gehst du jetzt kotzen?“, „Besen“, „hast du eine Schilddrüsenüberfunktion?“ oder dergleichen mehr ungefragt an den Kopf zu werfen. Das war jedesmal ein Schlag ins Gesicht und hat mein Selbstwertgefühl als junge Frau ziemlich beschädigt. Keine Frage, das Körperbild der Modebranche ist höchst problematisch, aber erstens gibt es auch Menschen, die ohne irgendeine krankhafte Ursache dünn sind und zweitens wäre es doch schön, wenn man für das fatale Körperbild in der Modebranche nicht ausgerechnet die betroffenen Frauen heruntermacht. /rant Ende

  8. @Frieda: Und für „bedingungsloses“ Dünnsein oder gar bedingungsloses Einfachsoseinwiemanist ist dann einfach ein anderes Mal Gelegenheit? Merkste selbst, oder?

  9. Ich springe Frieda und dem Autor bei, sehe es im Kontext ebenfalls nur als humorvollen Seitenhieb gegen die üblichen Modemagazine, die ein körperliches „Idealbild“ propagieren/inszenieren, für dessen Erreichung sich das real vorhandene Mittelmaß oft ins Ungesunde strecken muss bzw. müsste. Und @9: Ja, da ist ein anderes Mal Gelegenheit dazu. Finde ich.

  10. Wenn die Fotomodelle der Modemagazine mit Body-Positivity-Argumenten gegen Bodyshaming verteidigt werden, schließt sich endgültig der Kreis. Das ist schon fast Transzendenz. Habe das nur einmal besser gesehen, als ein Allzwecktuch-Öl im Baumarkt-Katalog damit beworfen wurde, damit laufe alles „wie geschmiert“.

    Nur als Hinweis: Models in Modemagazinen sind der Massstab für das (angeblich) positive, egal wie ich Ihre Kleidergrößen nenne.

  11. Ich finde es schade, dass Sie die Kritik von (ehemals) Betroffenen nicht ernst nehmen. Wie gesagt, das Körperbild der klassischen Magazine ist übel und definitiv kritikwürdig, weshalb das ja auch gesellschaftlich stark diskutiert wird, und zwar völlig zu Recht. Aber Frauen als Besen zu bezeichnen, in einem Artikel, in dem es um Bodypositivity geht, ist schon erstaunlich unempathisch. Und das von einem Autor, der mir eigentlich immer ganz anders aufgefallen ist. Aber so hat eben jeder seinen blinden Fleck. (Wie oft müssen sich eigentlich Männer in die Kategorie „Besen“ einordnen lassen?)

  12. Bei Männern sagt man, glaube ich, „Hungerhaken“.

    Aus völlig offensichtlichen Gründen sieht das Schönheits“ideal“ bei Männern anders aus als bei Frauen.

  13. Bei Männern sagt man, glaube ich, „Hungerhaken“.

    Aus völlig offensichtlichen Gründen sieht das Schönheits“ideal“ bei Männern anders aus als bei Frauen.

  14. Bei Männern sagt man, glaube ich, „Hungerhaken“.

    Aus völlig offensichtlichen Gründen sieht das Schönheits“ideal“ bei Männern anders aus als bei Frauen.

  15. Nicht nur von Betroffenen kommt Kritik, ich finde es auch nicht okay, obwohl ich dick bin. Sie meinen also, die schlanken Models vereinen schon alles “Positive“ in sich und dem müsste nicht noch mehr Positivität hinzugefügt werden, sondern es braucht eher mehr Ehrlichkeit? Das stimmt aber Bodyshaming ist nicht ehrlich sondern überheblich und dass Frauen geshamt werden, weil sie angelich zu hübsch sind, ist auch nichts Neues.
    Die Models im The Curvy Magazin sind immer noch sehr stereotyp, jung, groß und selbst die “Kurven“ müssen an den richtigen Stellen sein. Body Positivity heißt, alle Körper können so akzeptiert werden, wie sie sind. Das hieße für mich, ich könnte ungeschminkt und ohne BH zur Arbeit und mit unrasierten Beinen ins Schwimmbad gehen, so wie Männer das ganz selbstverständlich tun. Erst wenn ich diese Freiheit hätte, würde ich es uneingeschränkt genießen mit meinem Aussehen zu experimentieren, mich zu schminken und mir ausgefallene Kleidung zu kaufen.
    Die Autoren des Magazins sind auch nicht daran interessiert, sich selbst überflüssig zu machen. Das Magazin vermittelt genauso viel Positivität, dass es selbst und all die anderen Produkte, die frau zum sich wohlfühlen braucht, weiterhin gekauft werden. Wie gesagt, ich bin kein Fan von “kauf‘ dich glücklich“ sondern von grundlegenden Verbesserungen.

  16. @Sarah: Ich glaube, das ist hier das Missverständnis: Außer in der Modebranche wird Dünnsein nämlich keineswegs immer nur mit „positiv“ assoziiert. Die Reaktionen, die ich erlebt habe, waren Neid, dass ich, obwohl dürr, essen konnte, was ich wollte, direkt gefolgt von der Selbstbestätigung, dass Dünnsein ja total hässlich sei. Da sitzt man dann in einer gemütlichen Runde und direkt neben einem wird sich laut darüber unterhalten: „Männer mögen das ja eigentlich gar nicht, wenn du zu dürr bist“ (heftiges Nicken vom einzigen Mann in der Runde). Dürr und klapprig, Biafrakind, kein Wunder, dass du keinen Freund hast, bei dir holt man sich ja blaue Flecken. „Hungerhaken“, @mycroft, geht übrigens auch für Frauen. Ich fand das noch eins der weniger fiesen Atttribute, mit denen ich belegt wurde. Nett auch der Geschichtslehrer, der mir mitteilte „als Magermodel braucht man keine gute Geschichtsnote“, als ich mich über eine meiner Meinung nach unfaire Note beschwerte. Aber höhö, „Kleidergröße Besen“, voll lustig.

  17. Oder halt Spargeltarzan. Dünne Frauen werden zumindest in der Modeindustrie positiv bewertet, dünne Männer nirgends. Dafür müssen sich Männer nicht die Beine rasieren. So haben alle Vor- und Nachteile.

  18. Zur Konkurrenz unter Frauen und mit Bezug auf das Heft, hätte ich noch folgende Überlegungen anzubieten:
    Da gibt es dieses konstruierte Ideal (das Bild, das nachher im Magazin abgedruckt wird) und im Gegensatz dazu die realen Frauen, die dieses Ideal niemals erreichen können (nicht mal das Model, das für das Bild posiert hat, sieht in der Realität so aus). So lange dieses Ideal nicht direkt angegriffen werden kann, als es zum Beispiel noch keine sozialen Medien gab und nur wenige (Designer, Redaktionen von Modezeitschriften, Werbeagenturen; Models ausdrücklich nicht, denn das Ideal steht schon fest bevor das passende Model gebucht wird) in der Postion waren, an der Konstruktion dieses Ideals mitzuwirken, blieb Frauen nicht viel mehr, als sich selbst gefühlt in eine bessere Position zu bringen, auch durch Abwertung anderer. Als Konsumentin bin ich eine von Hunderttausenden, in den sozialen Medien ist es ein Kommentar von hunderten zum jeweiligen Thema, die Chance mitzuwirken und gehört zu werden ist jetzt also viel höher. Die Meinung von JournalistInnen wiegt allerdings noch ein bisschen schwerer. Um nochmal die Parallele zu den AbiturientInnen aufzugreifen, ich dachte erst, das Magazin ist wieder nur eine andere Art zu sagen “das Abitur ist wichtig“, wenn beispielsweise die Kolumnistin befürchtet, Leserinnen würden nicht mehr genug zum Abnehmen motiviert. Ich habe mich jetzt noch durch andere Quellen über das Magazin informiert und ich denke jetzt wirklich das Magazin sagt hauptsächlich “wir lieben dich auch wenn du das Abitur nicht schaffst“. Es wäre schade, wenn durch die Überschrift hier jetzt hauptsächlich hängen bleibt “gute SchülerInnen sind sowieso nur StreberInnen“.

  19. Auch bei Curvy geht’s darum, dass Frau begehrenswert sein soll und sich entsprechend herauszuputzen hat. Dass da jetzt auch Körpermaße vorkommen, die sonst gemieden wurden, ist im Prinzip nebensächlich. Eher steckt da Kalkül dahinter, wie man eine weitere Publikation an die Frau bringt. Curvy ist weniger Haltung, sondern es geht um eine neue definierte Zielgruppe.

  20. Was gesundheitliche Risiken aufgrund des Körpergewichts (genauer eigentlich: des Körperfettanteils) angeht, ist das untere Ende von Normalgewicht der gesündeste Bereich. „Magermodels“ findet man hauptsächlich bei der Minderheit auf dem Laufsteg für Designermoden. Typische Models im Quelle-Katalog (Gott hab ihn selig) oder gar Fitness-Models wie die „Victoria’s Secret Angels“ sind wesentlich näher am gesundheitlichen Idealgewicht als jedes einzelne der hier abgebildeten Models aus „Curvy“ – auch die, die MP sich nicht „dick“ zu nennen traut, weil sie vielleicht nur einfaches Übergewicht und noch keine Adipositas haben.

    Die kognitive Dissonanz geht offenbar auch an den „Curvy“-Machern nicht gänzlich vorbei, weil ihnen immerhin klar ist, dass Tess Holiday mit ihren fast 140 kg(!) kein gesundes Gewicht haben kann. Um so einen Extremfall vorbehaltlos bejubeln zu können, müsste man wohl noch einiges mehr an Body Positivity und Fat Acceptance geatmet haben.

  21. Dieses selbstlose und unvoreigenommene Interesse an der Gesundheit von Frauen ist schon sehr lobenswert.

  22. Ich bin geschockt. Auf dieser Webseite hätte ich keinen Artikel mit einer so unreflektierten Überschrift erwartet. „Besen“?! Sehr enttäuschend.

    Davon ab:
    Dick sein ist ungesund. Schon ein geringes Übergewicht ist ungesünder als ein geringes Untergewicht. Wenn wir über Übergewicht sprechen, sprechen wir über etwas, dessen Folgen die Haupttodesursachen in Deutschland sind.
    Angeblich haben Magazine einen großen Einfluß. Setzen wir dies mal als gegeben. Dann müsste doch jedes Magazin, dass Frauen(Vor-)bilder abdruckt sich strikt auf sportliche, schlanke Damen beschränken. Warum? Das ist nachweislich am gesündesten.
    Der Grund warum das nicht passiert: Das wäre langweilig und widerspricht dem Gewinninteresse.
    Zum Glück haben diese Magazine offensichtlich nicht den Einfluß, der ihnen zugeschrieben wird.

    Dennoch befremdet mich die gerade moderne Zelebrierung von „Dick-sein“ genauso wie Zigarettenwerbung. Sie führt zu einer Verwischung von Gesundheitsaspekten mit dem Interesse Vorurteile abzubauen.
    Daher nochmal deutlich: Seid doch alle, wie ihr sein möchtet! Als erwachsener Mensch darf man schließlich auch unkluge Entscheidungen treffen.
    Aber erzählt doch bitte keine Märchen: Übergewicht ist ungesund. Daran sterben unglaublich viele Menschen und diese stehen in Deutschland einer sehr kleinen Gruppe Verhungerter entgegen.

    Vor diesem Hintergrund sehe ich die Bodypositivy Bewegung extrem kritisch. Ich denke die gute Idee geht keinen guten Weg.

  23. „Seid doch alle, wie ihr sein möchtet!“
    „(Ich) sehe (…) die Bodypositivy Bewegung extrem kritisch“
    Hä? Body-Positivity ist doch „Sei wie du sein willst“, oder habe ich da was falsch verstanden?

    Erwachsene Menschen entscheiden selbst, ob sie trotzt besseren Wissens ein Gesundheitsrisiko eingehen wollen. Ich will mir z. B. das Rauchen nicht abgewöhnen, obwohl mir die Lunge wehtut.
    Ja, das dumm, aber wayne?
    Oder sagen die body-positivity Leute echt sowas wie „fett ist gesünder als normalgewichtig“. Ich denke nicht, das wäre ja eine nachweisbare Lüge.

  24. „Hä? Body-Positivity ist doch „Sei wie du sein willst“, oder habe ich da was falsch verstanden?“

    Weniger „sei wie du willst“ sondern mehr „du bist toll und perfekt so wie du bist – egal wie übergewichtig du bist“. Da ist der schmale Grat zwischen „mach dir nicht so nen Kopp ums Aussehen, passt schon“ und „niemand sollte sich jemals wegen irgendwas verändern“ bereits überschritten.

    Auffällig ist dabei auch, dass das meist nur für Übergewichtige gilt – body positivity für Untergewichtige ist die Ausnahme, siehe auch Ingas Beiträge, oder MPs eher salopper Umgang mit der Sprachkritik hier.

    „Oder sagen die body-positivity Leute echt sowas wie „fett ist gesünder als normalgewichtig“. Ich denke nicht, das wäre ja eine nachweisbare Lüge.“

    Oh you sweet summer child…
    Wenn du es dir antun willst, empfehle ich einen Ausflug in die Welt von „Fat Acceptance“ und „Health At Every Size (HAES)“.
    Body Positivity muss nicht zwingend in diese Extreme münden, schon klar. Aber die „reine und unschuldige“ Form von Body Positivity, die eigentlich nur wollte, dass niemand wegen des Aussehens gemobbt wird oder in Körperdismorphie verfällt, kommt mir persönlich kaum noch unter. Der Weg von bloßer feelgood-Einstellung hin zu Relativierung (oder im Extremfall kompletter Leugnung) gesundheitlicher Faktoren ist verführerisch kurz.

    „Dieses selbstlose und unvoreigenommene Interesse an der Gesundheit von Frauen ist schon sehr lobenswert.“

    Netter Versuch. Ich behalte mir dennoch vor, weiterhin auf die Scheinheiligkeit hinzuweisen, wenn einerseits „Magermodels“ beklagt werden, die angeblich scharenweise junge Mädchen zu Anorexie oder Bulimie verführen, andererseits dann aber übergewichtige bis adipöse Models beklatscht werden, die angeblich „echt“ und „gesund“ sein sollen, in Wahrheit aber ein ungesünderes Körperbild vertreten als die große Mehrheit der „üblichen“ Models.

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