Schmerzfreie Tätowutbürger

Politik erklärt Tattoos den Krieg

Zu guter Letzt platzt dem Autor dann noch richtig der Kragen, und das muss dann noch gesagt sein:

„Zu guter Letzt – Schon jetzt hat die Politik, sowohl in Berlin, als auch in den verschiedenen Bundesländern ein riesiges Problem: Sie ist schlichtweg nicht mehr glaubwürdig. In so vielen Fällen ist es so unfassbar offensichtlich, dass es bei Entscheidungen nicht mehr um die Interessen der Menschen geht, sondern um die der Politiker und Lobbyisten. […] Kleiner Tipp am Rande für die Politik: Nicht fordern – Machen! Einzig ein ehrlicher Dialog und der offene Austausch mit dem Bürger und den Betroffenen könnte ein wenig das verspielte Vertrauen zurückbringen.“

Ist das so ein Moment, wo man als Mann des Geflügelten Wortes sagen würde: „Gut gebrüllt, Löwe?“ Also auf jeden Fall ja schonmal „gebrüllt“. Das mit dem „gut“ würde ich gerne noch einen Moment zurückhalten, und das mit dem „Löwen“ ist unklar, weil der Auto des Textes nicht zu erkennen ist. Ich nehme an, es ist der Chefredakteur Martin Barnas, der gleichzeitig auch einziger Redakteur und Grafiker von „Tattoo Spirit – Lifestyle- und Bodyart-Magazin“ ist, wenn auch im Impressum nicht als Verantwortlicher im Sinne des Presserechts gekennzeichnet, was nebenbei bedeutet, das Impressum entspricht nicht den Anforderungen des nordrhein-westfälischen Landespressegesetzes. Fucking hell, das wird gleich alles noch kompliziert hier, deshalb bin ich schonmal froh, dass sie bei „Tattoo Spirit“ so austeilen, denn wer austeilt kann auch einstecken, und das wird nicht nur kompliziert hier gleich, sondern auch düster. Aber fangen wir ganz vorne an.

Das erste, was mir am Kiosk auf dem Titel auffiel, waren die Überschrift „Unsere dümmsten Interview-Fragen“ und die Unterzeile „Schmerzfreie Tätowierer kämpfen mit bekloppten Redaktions-Fragen“. Ich fand das lustig: Für mich klang das, als hätte eine Redaktion ihr Best-Of an schiefgelaufenen Interviews zusammengestellt. So etwas mag ich, weil es uneitel ist. Aber ich hatte das falsch verstanden: Das mit den dummen Fragen ist offenbar eine Rubrik, die unter dem Seitentitel „Spirit / Quatsch“ läuft. Es sollen lustige Fragen sein, die einem Tätowierer gestellt werden, beispielsweise: „Wenn du ein Lebensmittel wärest: Welches wäre es?“ Das ist dann schon wieder nicht mehr uneitel, sondern wie diese wahnsinnig langweiligen Menschen, die über sich selbst sagen „ich bin halt einfach ein bisschen verrückt“. Es gibt auch eine Seite mit „12 Dingen, die dir dein Tätowierer niemals erzählen würde“. Zum Beispiel, dass in der Tätowier-Tinte Autolack ist. Sowas würde kein Tätowierer sagen, weil es nämlich nicht stimmt. Genau nicht mein Humor.

Aber die ganz große Headline auf dem Titel von „Tattoo Spirit“ war eine, die ich von Anfang an richtig verstanden habe. „Politik erklärt Tattoos den Krieg“, steht da, und ich dachte, das klänge ein bisschen übertrieben. Und auf eine merkwürdige Art habe ich das gemocht, weil Übertreibung eine Freude sein kann. Muss sie aber leider nicht. Erinnert mich dran, dass ich darauf zurückkommen wollte.

Denn vielleicht einmal kurz zum Grundlegenden: Ich habe mir in diesem Leben bisher keine Gedanken um Tattoo-Magazine gemacht. Ich wusste, dass es welche gibt, und dass sie mehr oder weniger weit in die Schmuddelecke im Bahnhofskiosk einsortiert sind, weil man Tattoos schließlich nur auf nackter Haut sieht. Aber wenn wir anfangen sollten, uns Gedanken zu machen, was würden wir tun? Wie würden wir die Fragen beantworten: Was genau machen wir, und für wen machen wir es?1

Tätowieren ist eine Kunst, das ist mal das eine. Es ist also irgendwie klar, dass man in einem Tattoo-Magazin Künstler und Werke zeigt, dass man Richtungen und Inspirationen in der Kunst erklärt, und im Falle dieser speziellen Kunst sicher auch immer wieder die Technik. Bei der Frage „für wen“ muss man sich wahrscheinlich nicht einmal entscheiden zwischen Tätowierern und Tätowierten, eigentlich sollten in dem Fall beide Seiten ähnliche Interessen haben, oder? Mehr über Tattoos lernen? Inspiriert werden?

Bei „Tattoo Spirit“ nennen sie ihre Zielgruppe erstens schlicht „Tattoo-Fans“, und zweitens haben sie ein zusätzliches Themengebiet gefunden, auf das ich nicht direkt gekommen wäre, und das sich relativ präzise beschreiben lässt mit „Irgendwas mit Tätowierungen“. Unter den Geschichten im Heft ist zum Beispiel eine über die Mitglieder der Gang MS-13, genauer: über das Mitglied Pedro Algarcia in Ecuador. Der eher kurze Text beginnt mit der Beschreibung, dass Algarcia im Sommer wie im Winter langärmlige Pullover anziehen muss, um seine Gang-Tätowierungen zu verstecken, schließlich müsse er andauernd in Vierteln einkaufen gehen, die von verfeindeten Gangs kontrolliert werden, und allein in Ecuadors Hauptstadt Quito gebe es „alljährlich mehrere tausend Tote und Schwerstverwundete durch die anhaltenden Bandenkriege“. Danach folgt das Herzstück des Textes, eine praktisch wörtlich von Wikipedia kopierte Erklärung, was die MS-13 ist, um dann zu enden mit der Erklärung, was das alles in „Tattoo Spirit“ zu suchen hat:

„Die Tattoos der MS-13 sind nach Außen ein Ausdruck treuer Gefolgschaft, Zusammengehörigkeit und ein Ausdruck des Respekts. Aus tiefstem Innern drücken ihre Tattoos aber pure Verzweiflung, die Hoffnung auf ein besseres Leben und den Wunsch nach einem freiem Leben aus.“

Ich fang mal vorne an: MS-13 ist, anders als „Tattoo Spirit“ es schreibt, keine „ecuadorianische Gang“, insofern verwundert das Beispiel von Pedro Algarcia am Anfang, bei dem der Hinweis fehlt, sein Name wäre geändert. Falls er nicht geändert ist, versteckt er sich ganz gut: Algarcia ist kein häufiger Nachname, so weit ich das herausfinden kann, ist er sogar rasend selten, und ein Pedro Algarcia ist jenseits von „Tattoo Spirit“ in den Medien zumindest nicht so zitiert worden, dass ich ihn finden kann.

Neben seinem seltenen Namen hat er aber auch seltene Probleme: Er muss sommers wie winters lange Pullover tragen, um nicht eines von tausenden Opfern von Gang-Gewalt zu werden in einer Stadt, die für zwei Dinge berühmt ist – Quito ist erstens die Stadt des „ewigen Frühlings“, in der die Temperatur das ganze Jahr über gleich ist, und zweitens hat kein Land seine Mordraten jemals so erfolgreich in so kurzer Zeit minimiert wie Ecuador in der jüngsten Vergangenheit, unter anderem durch die Arbeit mit jenen Gangs, die es in dem Land tatsächlich gibt, vor allem den „Latin Kings“, und das natürlich auch in Quito. Es gibt die „mehrere tausend Tote und Schwerstverwundete durch […] Bandenkriege“ dort schlicht nicht, und mich beschleicht das Gefühl, hier hat ein Autor Ecuador mit El Salvador verwechselt und sowieso nie mit Pedro Algarcia gesprochen, lässt es aber so aussehen, als hätte er. Wir kommen gleich noch auf verspielte Glaubwürdigkeit zu sprechen, aber hier fragt man sich angesichts der Ferne des Themas zu „Lifestyle und Bodyart“ dann doch mal kurz: What? Und alles wegen dem Poesie-Album-Kitsch zu den inneren Nöten der tätowierten Gang-Killer? Ich bin irritiert.

Es gibt noch ein paar in ihrem Gehalt variierende Geschichten in „Tattoo Spirit“, zum Beispiel zu der gern tätowierten mythologischen Figur „Drache“2, zu japanischer Grafik3 und zu Thai-Boxen4, alles flankiert von Bildern, die genau so aussehen wie das Zeug, das Tätowierer von ihren Arbeiten in ihre Schaufenster hängen. Künstler sind praktisch nie zu sehen. Und dann gibt es da ja noch den Knüller, auf den ich – danke fürs Erinnern – zurückkommen wollte, nämlich den erklärten „Krieg der Politik“ gegen Tattoos. Was wirklich übertrieben klingt, aber gleich zu Beginn erklärt „Tattoo Spirit“, dass es das nicht ist:

„Zugegeben, die Überschrift ist schon harter Tobak, doch nur so, und nicht anders, kann man die kommenden gesetzlichen Regelungen und die augenscheinlich unüberlegten Vorstöße einzelner Politiker verstehen. Wenn Politiker die Rechte von Tattoofans einschränken wollen und sogar der Branche mit zweifelhafter Begründung einen Teil der Arbeitsgrundlage entziehen, dann ist das sicherlich für viele Betroffene schon eine Art der Kriegserklärung.“

Das ist natürlich in sich nicht ganz logisch argumentiert: Wenn etwas „für viele Betroffene eine Art der Kriegserklärung ist“, dann kann ich das schon noch anders verstehen als „nur so, und nicht anders“. Aber geschenkt. Es geht inhaltlich übrigens zum einen um eine Bundestagsabgeordnete der CDU, die vorgeschlagen hat, man solle bei Tätowierungen eine Beratung mit zeitlichem Abstand zum eigentlichen Stechtermin einführen, damit sich vor allem junge Leute nicht spontan tätowieren lassen und es möglicherweise schnell bereuen, und zweitens um den Beschluss der Bundesregierung, dass die Entfernung von Tattoos mit einem Laser in Zukunft nur noch von Ärzten mit entsprechender Zusatzausbildung durchgeführt werden darf, im Gegensatz zu bisher jedem mit entsprechender Zusatzausbildung. Tattoo-Studios geht dadurch potenziell Geschäft mit der Tattoo-Entfernung verloren, und für den Kunden könnte es möglicherweise am Ende teurer werden.

Ersterer Vorstoß ist übrigens abgelehnt, letzteres aber offenbar Gesetz. Und bei „Tattoo Spirit“ ist man darüber sehr unzufrieden.

„Natürlich wäre es sinnvoller gewesen, wenn man auf eine umfangreichere Ausbildung der Tätowierer gesetzt hätte, die bereits jetzt erfolgreich und verantwortungsbewusst mit Lasern arbeiten. Aber viele, mit denen wir über dieses Thema gesprochen haben, gehen davon aus, dass wieder einmal etwas mehr für den eigenen Geldbeutel durchgesetzt wurde anstatt für den Verbraucher. Wahrscheinlich war hier die einflussreiche Lobby der Medizinbranche doch die eine oder andere Nummer zu groß.“

Und dann kommt das ganze Trara mit „zu guter Letzt“ und der Mahnung an die unglaubwürdige Politik.

Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung, ob „Tattoo Spirit“ an der Stelle recht hat. Aber ich weiß sehr genau, dass das, was da steht, keinen Ansprüchen an Journalismus genügt. „Viele, mit denen wir darüber gesprochen haben, gehen davon aus“? Und deshalb ist es so? Und das reicht in einem Medium als Begründung? Das erinnert fatal an die Argumentationstechnik von Donald Trump, dem auch praktischerweise immer „many people“ genau das sagen, was er gerade hören will. Und ich würde an dieser Stelle einmal die Kollegen daran erinnern wollen, dass es nicht nur „die Politik“ ist, deren Glaubwürdigkeit immer wieder infrage gestellt ist, sondern auch „die Medien“, und natürlich erwartet niemand von einem „Lifestyle- und Bodyart-Magazin“ – das nicht einmal in der Lage ist, einen verantwortlichen Redakteur im Impressum zu benennen –, dass es großen Journalismus macht. Aber es hat euch, ganz ernsthaft, keiner zu eurer Meinung zur Politik im Allgemeinen gefragt, und wenn ihr anfangt, über Glaubwürdigkeit zu reden, dann erfindet doch nicht in derselben Ausgabe Schwachsinn über Jugendgangs. Seid doch selbst erstmal glaubwürdig.

Kleiner Tipp am Rande für „Tattoo Spirit“: Nicht fordern – machen!

Politik erklärt Tattoos den Krieg

Tattoo Spirit
Kruhm-Verlag5
5,95 Euro

6 Kommentare

  1. Eine Kolumne mit „Zu guter Letzt“ zu beginnen, ist online durchaus gewagt, was mir bereits am Textbeginn große Freude bereitet.

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