Erste Frage: Äh, was?

Manchmal ist der erste Eindruck falsch. Der erste Vorspann der ersten Geschichte in „Zur Quelle – Das gesellschaftskritische Popmagazin“ ist kein Vorspann, sondern ein Autorenkasten, und das hat mich gleich zu Anfang mal aufs Glatteis geführt.

In der Rubrik „Sprechstunde“ (das ist der Seitentitel) steht unter der Dachzeile1 „In der Sprechstunde“2 und der Headline „Doktor Stefan Höltgen“ zunächst groß das Zitat „Konstruktion der eigenen Wirklichkeit“ und dann ein Kasten mit viel Inhalt:

„Dr. Stefan Höltgen ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Medientheorien an der Humboldt Universität zu Berlin. Sein selbstständiges Lehr- und Forschungsgebiet sind zeitbasierte Medien und zeitkritische Medienprozesse. Nach seinem Studium der Germanistik, Soziologie, Philosophie und Medienwissenschaften in Jena widmete er sich der Filmkritik, unter anderem im akademischen Filmmagazin F.LM.“

Ich habe danach spontan drei Fragen.

Erstens: Äh, was?

Zweitens: Wer sollte jetzt noch das folgende Interview lesen und warum?

Und drittens, aber das bin nur ich: Wie ist das wohl, in Jena zu studieren?

Klassischerweise hätte da ein Grund gestanden, der mich neugierig gemacht hätte auf das, was er zu sagen hat. Sein CV schafft das eher nicht. Aber ich hätte einen Fehler gemacht, wenn ich von dieser Geschichte auf den Rest des Heftes geschlossen hätte.

Gesellschaftskritische Popmagazine sind keine rasend erfolgreiche Kategorie am Zeitschriftenmarkt, der größte Titel war wahrscheinlich die bald eingestellte „Spex“, insofern ist „Zur Quelle“3 ein Heft, das vor allem mit Herzblut gemacht wird. Auf 148 Seiten4 findet sich nur eine5 Anzeige, nämlich auf der Rückseite6. Ich glaube, mit dem Heft werden wahrscheinlich viele Leute reich, aber ganz sicher nicht an Geld.

Das Thema der Ausgabe ist „Glauben“ und die Geschichten bewegen sich zwischen Altnazis unter der deutschen Minderheit Namibias über das Trinken von Cobra-Blut auf Hippiereise bis zu einem wunderbar albernen Test, mit dem ich mein Schamanisches Krafttier ermitteln kann. Die erste Frage dort ist: „Wühle in deinem Bauchnabel, dann rieche an deinem Finger. Wie riecht er?“ Antwortmöglichkeiten: „gut“ und „schlecht“.

Es gibt außerdem eine Geschichte über Joseph Konys „Lord Resistance Army“ in Uganda, die im Ton einigermaßen fehlschlägt, weil sie den zigtausendfachen Anstifter zu Mord und Vergewaltigung in der Headline als „Bully von Ostafrika“ banalisiert, was sich nicht so cool liest, wie es sich im Kopf des Autoren wahrscheinlich angehört hat; und es gibt „feministische“ Utopien über ein Leben nach dem Ende der „neo-liberalen Wirtschaftsordnung“, in der eine demokratisch legitimierte Weltregierung die Lebensumstände aller verbessert.

Jetzt habe ich hier noch nicht einmal einen Bruchteil des charmanten Irrsinns aufgezählt, der da stattfindet. Die fünf Euro, die das Heft kostet, ist es in jedem Fall mehrfach wert. Was übrigens für sehr, sehr viele Hefte da draußen gilt, und das ist ein Thema, über das ich sprechen möchte. Zum einen, weil es wirklich verdammt schwer ist, sich am Kiosk durchzusetzen mit meist nicht mehr als dem sichtbaren linken Drittel des Covers in der Regalablage7. Und das ist nur der halbe Frust, denn der betrifft ja eh alle.

Was richtig frustrierend ist, ist die Tatsache, dass man einerseits Hefte immer wieder neu erfinden muss,8 andererseits aber redaktionelle Veränderungen immer nur Lesern präsentiert werden, die das Heft auch kaufen, es in seiner alten Form also mochten, während vielleicht verloren gegangene Leser die Verbesserungen, die ihretwegen eingeführt wurden, niemals bemerken, weil sie das Heft ja nicht mehr lesen. Es lohnt sich, ehemals gerngehabte Hefte immer mal kontrollweise zu kaufen. Ganz oft haben sie echt etwas gelernt.

„Zur Quelle“ hat diese Probleme mit einiger Sicherheit nicht, weil es relativ wenig Zufallskäufer haben wird. Auf dem Titel sind Plattenbauten mit einem Elefanten auf einem Haus zu sehen, was sich, ähm, „erschließt“, wenn man den Text „#Titeltier dieser Ausgabe“ liest, in dem der Elefant als Vegetarier gepriesen wird. Mit „erschließen“ meine ich in diesem Fall natürlich nicht erschließen, sondern die Tatsache, dass da offenbar auf jeder Ausgabe ein Titeltier ist. Was der Hashtag soll, weiß ich nicht.

Aber es macht mir gute Laune. Weil es gut gelaunt ist. Ein bisschen merkwürdig und kompliziert, ein bisschen albern und manchmal schlau und manchmal auch nur sehr von sich überzeugt, manchmal sehr gut geschrieben und ein paar mal auch eher nicht so, aber insgesamt mit der festen Absicht, tolle, wilde Dinge auf Papier zu veranstalten, ohne sich von zu vielen Einschränkungen lähmen zu lassen.

Denn in zu vielen Heften gibt es zu viele Rubriken, die einfach in jeder Ausgabe abgefüllt werden, bis man als Leser das Gefühl hat, man kennt das alles schon. Und wenn das dann geändert wird, kriegt man es nicht mehr mit, weil man das Heft ja nicht mehr liest. Hier passiert das nicht. Oder eben nur das eine Mal, bei der „Sprechstunde“, die mindestens umgebaut gehört. Für den besseren ersten Eindruck. Und den zweiten. Ich werde das kontrollieren.

Zur Quelle
ZurQuelle e.V.
5 Euro

4 Kommentare

  1. Jena ist schön. War für das Zeiss-Planetarium dort und nach zwei Tagen Aufenthalt denke ich: Wäre cool gewesen, in Jena zu studieren.

  2. Das Cover in der Art von Flat Design weckt seltsame Impulse. Ich bin ständig versucht, den Button mit „Glauben“ zu klicken.

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