In bester Verfassung

Diese Kolumne hier qualifiziert sich im weiteren Sinne als Blattkritik, wenn auch nicht umfassend. Möglicherweise muss man das erklären: Viele Redaktionen laden mehr oder weniger regelmäßig Menschen aus allen möglichen Bereichen des Lebens ein, ihre Zeitschrift oder Zeitung zu kritisieren. Und in der allergrößten Zahl der Fälle ist das ein katastrophal sinnloses Unterfangen. Ein ganzes Heft ordentlich zu lesen und sich ein paar Gedanken dazu zu machen, wie man es empfindet und warum, kostet einen Arbeitstag. Irgendwo hinzufahren und es zu referieren, im schlimmsten Fall noch einen.

Blattkritiker werden aber nicht bezahlt; im Gegenteil, wenn man ehrlich und ernsthaft kritisiert, führt das in der Regel dazu, dass man bei dem kritisierten Titel in naher Zukunft keine Aufträge bekommt. Und in den seltensten Fällen bleibt dabei etwas zurück, das der Redaktion wirklich hilft, ein besseres Heft zu machen. In vielen Fällen will die Redaktion das wahrscheinlich auch gar nicht. Sie sitzt in einer unangenehmen Konferenz und verteidigt ihre Texte gegen einen Fremden.

Ich erzähle das, weil mir eine besonders bescheuerte Blattkritik in den Sinn gekommen ist, bei der ein ehemaliger Chefredakteur eines ziemlich wichtigen Heftes in einer Blattkritik bei dem Magazin, bei dem ich arbeitete, einen Satz sagte – in einem Ton, der darauf schließen ließ, dass er ihn nicht nur ernst meinte, sondern unbedingt wollte, dass wir ihn uns merken –, den ich mir tatsächlich gemerkt habe, weil ich die Geschichte so gerne erzähle. Der Satz lautete: „Ein Heft braucht gute Texte und gute Bilder und ein gutes Layout.“ Das hat Wucht, oder? Seitdem juckt es mich jedesmal, wenn ich eine Eisdiele betrete, laut zu deklamieren: „Eis muss gut schmecken und kalt sein!“ Aber ich halte mich zurück, weil das die Frage nicht klärt: Becher oder Waffel?

Eine Zensur findet nicht statt

Mein Freund Oliver Wurm, über den ich schon einmal geschrieben habe, weil er voller Inbrunst unter völliger Missachtung seiner Altersvorsorge wunderschöne Fußballmagazine verlegt, hat einen der schönsten Texte der deutschen Geschichte mit schönen Bildern gut layoutet und legt ihn morgen1 an die Kioske: „GG – Das Grundgesetz als Magazin“. Oli hat die sich mir nicht zu 100 Prozent erschließende Vorstellung, ein Magazin wäre einfacher zu lesen als ein Buch.2 Um das ganze noch ein bisschen windiger zu machen, kam ihm die Idee, nachdem er dem Hinweis von Ranga Yogeshwar in einer Diskussion gefolgt ist, man müsse sich die Verfassung immer mal wieder angucken. Er tat es, und findet jetzt auch, alle müssten das tun. Und er macht es ihnen einfach.

Ich meine das übrigens ernst: Das Grundgesetz ist einer der schönsten Texte, die es gibt. „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit“ klingt im ersten Moment wie eine Binsenweisheit aus einem von diesen Seminaren, bei denen man sein Energie-Tier findet oder so etwas. Genau wie „Die Freiheit der Person ist unverletzlich“. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“.

Die Würde des Menschen ist unantastbar

Jaha, denkt man dann, schön wäre es, aber dann steht da auch, die Grundrechte „binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.“ Und plötzlich merkt man, ja, so ist es. Das hier ist gleichzeitig die Vision für das perfekte Land, und es ist das geltende Recht des Landes, in dem wir leben. Und wir wissen, dass das Leben nicht in jedem Moment perfekt ist, aber es ist erhebend, dass die schönste Vision, die wir für unser Land haben können, schon gilt als das höchste unserer Gesetze. Ranga Yogeshwar hat schonmal recht: Es lohnt sich, das immer wieder mal zu lesen.

Und Oli hat auch recht: Es ist schön, das typografisch schön lesbar aufbereitet zu sehen.3 Das sind schonmal zwei von den drei Punkten, guter Text und gutes Layout.

Bei den Bildern wird es schwieriger.

Denn Bilder rund um das Grundgesetz sind erstmal alt, 70 Jahre nämlich, so alt ist unsere Verfassung. Wir sehen Adenauer bei der Unterzeichnung und die vier Frauen unter den „Vätern des Grundgesetzes“, was eine schöne Idee ist. Aber wie das mit historischen Fotos so ist, sie wirken auch schnell oll. Der Bezug zur Gegenwart fehlt.

Deshalb kommt ein Trick, der in seiner Oli-Wurm-Haftigkeit großartig ist, wenn auch nicht ganz leicht zu erklären: Er spürt in diesem Text, dieser Verfassung, diesem bindenden höchsten Recht, eine Klammer für das Land und seine Bewohner und eigentlich die ganze Menschheit, und offensichtlich findet er diese Qualität genauso in einem eigentlich nur parallel stattfindenden Ereignis, nämlich den Fotos, die Alexander Gerst, der erste deutsche Kommandant der Internationalen Raumstation gerade 400 Kilometer über unseren Köpfen von der Welt macht und auf seinen Social-Media-Feeds verbreitet.

Die Bundesregierung

Und Gerst hat ihm erlaubt, diese Bilder für das Heft zu benutzen. Da sind gleich ein paar Meta-Ebenen dazwischen, und ich glaube, vernünftige Menschen können unterschiedlicher Meinung sein, wie gut das funktioniert, aber wenn ich das Konzept hier richtig „durchhole“4, dann steht beides für eine liebevolle Begeisterung über diese großartige, dämliche, zerbrechliche, sich das Leben selbst pausenlos schwermachende und dabei bezaubernde Menschheit hier unten, mit all ihren Problemen, Möglichkeiten und gelegentlichen heldenhaften Meisterwerken.

Die Grundrechte

Und diese Ebenen braucht es. Denn anders als behauptet, reichen gute Zutaten nicht, um ein gutes Heft oder ein gutes Eis zu machen. Es braucht das Herz, die Haltung, die Hingabe. Mit einem Magazin, das kein Feuer in sich hat, kann man ansonsten wirklich nur einen Ofen anzünden. Und dieses Magazin hier brennt.

Grundgesetz: Die Würde des Menschen ist unantastbar

GG – Das Grundgesetz als Magazin
Wurm & Volleritsch GbR
10 Euro

19 Kommentare

  1. Fehlt da nicht irgendwo die Offenlegung, selbst zur Menschheit zu gehören und vom Heftinhalt somit unmittelbar zu profitieren? ;-)

    Wenn ich das Ding nicht schon als praktisches Miniheft schon hätte, wäre ich aber tatsächlich versucht, mir das zu kaufen.

  2. Auch, als Normal- oder Miniaturausgabe, gratis (!) zu beziehen: über den Webshop der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb).

  3. Ich klemme mir das Grundgesetz samt Hessischer Landesverfassung immer ins Fenster zum Lüften (in der Ausgabe für Wehrdienstleistende Anfang 90).

  4. Können wir das Heft nicht mal an alle schicken?
    So, wie die Bild zu anderen „Feiertagen“?
    Das würde mir gefallen.

  5. Wir haben im Rahmen des Sozialkundeunterrichts damals eine Ausgabe bekommen, die ich nicht mehr finde. Hiermit könnte ich die ja ersetzen. Ansonsten hab ich auf Arbeit nur all die monströsen Kommentare.

    GG, kann ich da nur sagen.

  6. Sieht ja hübsch aus und graphisch nett gestaltet „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, aber wie sieht’s mit der Realität aus ?
    Schon 1980 veröffentlichte Ulrike Meinhof „Die Würde des Menschen ist antastbar“, und 2013 gab’s im Spiegel einen Essay mit dem Titel „Die Würde ist antastbar“. Das Hartz IV-System mit seinen Sanktionen ist ein Dauerübergriff auf die Würde der betroffenen Menschen.
    Der einzige GG-Artikel, der tatsächlich kompromißlos durchgesetzt wird ist Artikel 14 (1): „Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet…“

  7. @muriel: am besten nie irgendwas unterstützen, dann muss man sich im zweifelsfall nicht rechtfertigen und ist dadurch immer etwas besser als die anderen. Und man spart sogar noch ein paar kröten. Dreifach-win!

  8. @Muriel, „manchmal sehr froh, Übermedien nicht zu unterstützen“
    ?
    Sooo schlimm finde ich das Grundgesetz gar nicht, schon gar nicht in der vorgestellten Form.

    Oder woher kommt in diesem Zusammenhang die sehr große Freude, Ü. nicht zu unterstützen?

  9. Ist natürlich immer 1 Frage der Relationen, wie schlimm man das Grundgesetz findet. Verglichen mit anderen Verfassungen finde ich es auch nicht so schlimm. Verglichen mit 1 vernünftigen schon ziemlich.
    Aber es so zu feiern, finde ich jedenfalls nicht nur durch den Text nicht gerechtfertigt, sondern auch im Hinblick auf Patriotismus wie auch generell 1 angemessene Haltung zu Staaten ziemlich problematisch und außerdem (Das braucht natürlich noch weniger jemandem zu interessieren als der Rest.) auch persönlich schrecklich unsympathisch.
    Und so bin ich dann sehr erleichtert, dass ich dieses grässliche Werk hier nicht mitverantworte.
    Ergibt das Sinn für dich?

  10. Danke für die Antwort, Muriel.
    Jetzt ist die Neugier erst recht geweckt. Was stört Dich denn am meisten am GG?

    Und klar, wenn ich Deine Prämisse akzeptiere, dann ist Deine Argumentation schlüssig.

    Mir ginge es mit den 10 Geboten nicht anders – schon wegen des Absenders.

  11. Ich fürchte, ich bin nicht so gut in Rankings, aber es gibt viele Dinge, die mich am Grundgesetz stören, von dem dusseligen Gottesbezug in der Präambel über das leere Geschwafel, mit dem es gleich in Art. 1 weitermacht, über seine historisch sagen wir mal verständliche aber nicht so richtig legitimierende Entstehung, über das Grundprinzip, dass darin den Individuen enumerativ Freiheiten zugestanden werden, als wäre das ein angemessenes Verständnis von der Rolle eines Staates, bis hin zu der peinlichen Quatschposition des Bundespräsidenten, und wenn ich mir die Zeit nähme, ein Buch zu schreiben, könnte ich jetzt noch jeden einzelnen Artikel durchgehen.
    Da ist viel.
    Das ist einerseits natürlich völlig normal.
    In Texten, die ich geschrieben habe, wahrscheinlich sogar in diesem hier, steht auch viel Mist.
    Aber wenn Leute meine Texte so masturbatorisch über den grünen Klee loben würden, wie das zB hier mit dem Grundgesetz geschieht, würde mich das wahrscheinlich sogar auch stören, oder sollte es zumindest. Und das wird noch schlimmer, wenn man sich nicht nur auf irgendeinen Text einen runterholt, sondern auf die Verfassung eines Staates, in dem gerade eine Nazipartei zu einer der stärksten politischen Kräfte wird.
    Das war jetzt stellenweise ein bisschen polemisch, aber nach nochmaliger Lektüre scheint mir immer noch, dass es meine Position ganz gut wiedergibt. Ich erkläre aber gerne weiter, falls es noch nicht klar macht, worum es mir geht.

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