Die warme, ruhige Unaufgeregtheit von Genuss

Der Traum, ein eigenes Magazin zu machen, scheint ungleich verteilt: Während nach wie vor überall auf der Welt Independent-Magazine entstehen, die mit minimalsten Mitteln oft großartige Kreativität beweisen, hat nach mehreren eher armseligen Versuchen selbst Donald Trump darauf verzichtet, ein eigenes Magazin herauszugeben.1 Wenn ich Milliardär wäre, würde ich wahrscheinlich etwas machen wie Jeff Bezos, der die „Washington Post“ gekauft hat, aber die Schweiz ist zum Beispiel voller Milliardäre und nur im Dunstkreis des Rechtspopulisten Christoph Blocher gedeihen Medien. Ein William Randolph Hearst oder Condé Montrose Nast zu sein, scheint seinen Appeal weitgehend verloren zu haben. Aber eben nicht ganz.

„Effilee – Das kulinarische Kulturmagazin“ handelt vom Kochen, Essen und Trinken und allem, was irgendwie damit zusammenhängt. Die Gründer Karen und Vijay Sapre erfüllen sich damit einen Traum, denn sie müssen nicht für Geld arbeiten, Vijay hat ein Vermögen mit einer Internetplattform gemacht, und ich wäre ein bisschen erstaunt, wenn „Effilee“ in der großen Gesamtrechnung der Jahre wirklich Geld verdient hätte. Wenn ich raten sollte, würde ich sagen, es trägt sich, aber die Investitionen des Anfangs sind wahrscheinlich noch nicht wieder drin. Und natürlich merkt man dem Heft an, dass es mit Liebe gemacht ist, das merkt man ja immer.

Wer sich fürs Kochen interessiert und für die vielleicht konstituierende menschliche Kulturtechnik – das Teilen von Essen –, der sollte „Effilee“ zumindest einmal lesen, wahrscheinlich liest er es danach öfter. Es verströmt die warme, ruhige Unaufgeregtheit von Genuss, der nichts vorspielen muss. Während so genannter Lifestyle überall um uns herum ständig aufgeladen wird mit im Wortsinne fantastischen Emotionen und Versprechen von einem besseren Leben und einem schöneren Ich, beschränkt sich „Effilee“ auf jenen winzigen Kern von Genuss, der einfach isst, was er mag, weil es lecker ist, und tut, was er mag, weil er er ist. Das tut gut. Und dass es nicht mehr unaufgeregte Medien gibt, sondern das im Gegenteil Aufregung in Form von Sensationen ein Teil der „Gesetze der Medien“2 ist, zeigt ein bisschen das immanente Problem von Journalismus, sogar den Kern des Problems: Journalismus hat kein eigenes Geschäftsmodell.

Es gibt offensichtlich viele Geschäftsmodelle rund um Journalismus, die offensichtlichsten sind der Zugang zur Information und die Vermarktung von Werbefläche rund um die Information, aber da Journalisten, die den Namen verdienen, ihre Informationen nicht selber herstellen, ist nie völlig geklärt, was eigentlich das Produkt ist, das sie verkaufen. Journalisten erstellen Werke, Verlage und Sender bündeln Werke zu Produktpaketen, aber in ihrem Kern steht immer der Umgang mit Informationen, die irgendwo aufgelesen wurden, unendlich oft teilbar sind und damit niemandem gehören können.3

Ein Medium sein zu wollen, bedeutet den wie auch immer gearteten Drang zu spüren, etwas mitzuteilen, in dem Vertrauen darauf, dass es einen „Markt“ gibt von Menschen, die zuhören wollen. Das Konstrukt „Verlag“ ist der Versuch, diese ausufernde, ätherische Gemengelage in irgendeine Form zu bringen, und bei allem anderen Schönen in „Effilee“ – den Texten, den Bildern, dem zwischen all den Geschichten spürbaren Wunsch, am liebsten für zehntausende Leser gleichzeitig zu kochen, sich mit ihnen an einen Tisch zu setzen und die Kulturtechnik des Teiles von Nahrung anzuwenden –, ist mein Lieblingsdetail die Tatsache, dass der „Verlag“ hinter dem Heft die „Vijay Sapre Vermögensverwaltung GmbH“ ist, weil die Sapres dieses Heft ganz offensichtlich deshalb machen, weil sie vermögen.4 Wenn jeder von uns einfach täte, was er vermag, wäre die Welt noch einen Ticken geiler. Und, ehrlich gesagt: Ein Magazin gründen könnten wahrscheinlich viele von uns, dafür muss man nicht mobile.de erfunden haben.

In der real existierenden Medienwelt kämpfen wir anderen aber stattdessen um Aufmerksamkeit, weil eben Aufmerksamkeit am ehesten als Produkt zu vermarkten ist. Wir tun nicht, was wir vermögen, sondern was wir glauben, machen zu müssen, und es ist nicht generell etwas dagegen zu sagen, nur dass Aufmerksamkeit eben funktioniert wie Zucker beim Essen: Auf die kurze Ausschüttung von Glückshormonen folgt eine lange, tiefe Müdigkeit. Und wie beim Genuss, wo wir in Wahrheit alle wissen, was wir wirklich mögen, was uns guttut und wofür wir uns die Zeit nehmen sollten, ist die einzige nachhaltige Lösung in Bezug auf das Geschäftsmodell des Journalismus wahrscheinlich, sich zu fragen, was man wirklich mag – und sich die Zeit zu nehmen, es zu genießen. Es ist eine Kulturtechnik. Man muss sie üben. Sonst verliert man sie.

Effilee
Vijay Sapre Vermögensverwaltung GmbH
9,80 Euro

2 Kommentare

  1. Ich betrachte Journalisten mehr als Dienstleister als als Produzenten. Es wird zwar auch ein Produkt verkauft (das Magazin mit Informationen), aber bezahlt wird eigentlich die Dienstleistung (Informationen an die Leserschaft übermitteln), insofern finde ich es interessant, dass das so ganz anders gesehen werden kann.

  2. Das ist auch richtig – mit Betonung auf „auch“. Vielleicht hilft es, sich die Bandbreite der „kommunikativen Möglichkeiten“ mit zwei Extrempolen vorzustellen. Der eine ist prototypisch der „rasende Reporter“: Hier geht’s um Schnelligkeit und Zuverlässigkeit der Nachricht, also die historische Aufgabe der „Zeitung“ (vom Kurierdienst der Thurn und Taxis bis zur Washington POST). Hier wird nicht produziert, sondern eben reportiert.

    Der andere ist, ebenfalls prototypisch der „Analyst“: Hier geht’s um Hintergrundwissen und Einordnung von Information. (Und das betrifft nicht nur Marktanalysen in der Börsenzeitung, sondern eben auch Politik, Gesellschaft oder… Essen). Hier wird durchaus „produziert“, nämlich Text, Meinung, Kommentar, Analyse, Einschätzung. Manche glauben, das brauche man nicht, Journalisten müssten neutral sein, „ich kann mir meine eigene Meinung bilden“. Aber dazu brauche ich als Leser eben verdammt viel Wissen über ein Thema, das über die reinen Fakten hinausgeht.

    Die faktische Nachricht über einen Aufstand in einem fernen Land nützt mir mehr, wenn ich jemanden vor Ort habe, der mir erklärt, warum der Rebellenchef den Außenminister seines Landes umbringen will (nur mal als Beispiel) – vielleicht lässt sich dann das Problem friedlich lösen. Oder, zurück zum Thema: Die Produktion eines Heftes über „Genuß“ mag einem dekadent vorkommen. Aber es löst zumindest keinen Krieg aus.

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unseren Datenschutzhinweisen gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.