Furchtbar perfekt

Was wissen eigentlich Leser? Also, wie viel darf ein Autor oder eine Autorin in einem Magazin voraussetzen? Welche Anspielungen dürfen sie machen in der Annahme, verstanden zu werden?

Es ist die Frage, deren Antwort regelmäßig zu fragwürdigen Adjektiven führt, weil die klassische Lehrmeinung ist, jeder journalistische Text sollte ohne Vorwissen verständlich sein, was offensichtlich nicht umsetzbar ist. Sie führt zu Beschreibungen wie: „der umstrittene Milliardär George Soros“ – was niemandem hilft, der ansonsten nichts über George Soros weiß.

Ich persönlich nenne es: Die Frage nach den Schmidts. Weil man sich das Dilemma gut daran erklären kann, wenn man sich fragt, welchen Schmidt man seinen Lesern wohl erklären muss, weil sie ihn oder sie nicht, nicht mehr oder noch nicht kennen: Helmut? Harald? Eric? Kimmy?

Bei „Flugmodell und Technik FMT – Die führende Fachzeitschrift“ haben sie das Problem nicht. Sie erklären ganz einfach gar nichts. Wer nicht schon ein bisschen fortgeschritten ist im Flugzeumodellbau, der versteht praktisch kein Wort in diesem Heft. Das wäre dann ich.

Alles, was ich an diesem Heft beurteilen kann – die handwerkliche Qualität von Texten, Fotos und Layout – spielen eine eher merkwürdige, gegen jede Intuition wirkende Rolle. Es ist alles furchtbar. Trotzdem glaube ich, die „FMT“ ist so etwas wie eine perfekte Zeitschrift.

Die Ausgabe, die ich am Wochenende in meinem Bahnhofskiosk gekauft habe, ist vom Juni, und ich habe erst beim Lesen festgestellt, dass „FMT“ monatlich erscheint. Meine Ausgabe ist also fünf Ausgaben alt.1 Trotzdem bin ich froh, ausgerechnet diese Ausgabe erwischt zu haben, denn es ist Nummer 750, eine Jubiläumsausgabe. Und ja, 750! Das Heft gibt es offenbar seit 67 Jahren. Ich bin mehr als nur ein bisschen beeindruckt, vor allem, weil sie bei „FMT“ offenbar Monat für Monat 140 Seiten füllen, davon sicher 100 mit redaktionellen Inhalten. Und mit Füllen meine ich: randvoll.

Es ist faszinierend: Modellflugzeuge sehen im Wesentlichen aus wie fast genaue Kopien von, eben, Flugzeugen, und wie viele davon kann man angucken, bevor einem langweilig ist? Wenn man gleichzeitig in Betracht zieht, dass Flugzeuge in der Luft einfach nur mehr oder weniger blauen Himmel als Hintergrund haben, und die Besonderheit dieser Flugzeuge hier, ihre Größe2, wahnsinnig schwer zu fotografieren ist, weil man nur sehr schwer ein Größenverhältnis abbilden kann.

Die Fotografen versuchen schon, immer wieder den „Piloten“ mit seiner Fernbedienung mit ins Bild zu kriegen, aber man kann sich vorstellen, wie kompliziert das ist, wenn man am Flugzeug noch was erkennen will. Kurz: Es ist kein Bild im Heft, bei dem man ohne den Kontext des Heftes sagen würde „Wow, tolles Bild!“ Brachial gesagt: Es ist kein einziges gutes Foto im ganzen Heft.

Es ist auch kein Text im Heft, den man feiern müsste. Und das vollgestopfte Layout ist auf den ersten Blick furchtbar. Aber ich sage es noch einmal: Im Ergebnis habe ich nie ein perfekteres Heft gesehen. Weil es nichts, wirklich gar nichts gibt, das nicht von einer absoluten Hingabe zum Heftthema überquillt.

Die Seiten sind bis an den Rand vollgestopft mit Texten und Infos und Bildern von den winzigsten, für Außenstehende absurd unspektakulären Details. Schon das zauberhaft verbindliche Editorial des Chefredakteurs zum Jubiläum hat so lange Textzeilen, dass es nicht ganz einfach ist, jeweils vom Ende der einen zum Anfang der nächsten zu springen und verlässlich die richtige zu treffen. In einem weniger hingebungsvollen Magazin wäre das ein Fehler, man müsste die Seite einfach in schmaleren Spalten setzen und bitte auch weniger voll, aber wie soll man so etwas machen, wenn es so viel zu sagen gibt?

So wirkt jede Seite des Heftes. Es gibt so viel zu erzählen! Es sind Dinge, die sicher nur eine winzige Minderheit der Menschheit interessieren, aber die eben so sehr, dass es schmerzhaft wäre, sich kürzer zu fassen. Es gibt Bildunterschriften wie „Die Flächenstecker werden schwimmend gelagert und benötigen eine Öffnung im Rumpf.“ – und ich würde sagen, damit ist das begleitende Foto auf die spannendstmögliche Art beschrieben, obwohl ich im Leben nicht sagen könnte, ob das Foto daneben das richtige ist. Es ist grandios. Wer diese Bildunterschrift versteht, weiß garantiert, dass das sein Heft ist – eine Qualität, die andere mühsam mit Humor herstellen müssen.

Und das ist alles noch nicht einmal, was ich am bemerkenswertesten finde. Ja, alles in diesem Heft Geschriebene ist für eine Zielgruppe, für die man die Frage nach den Szene-„Schmidts“ nicht stellen muss.3 Ich liebe es.

Aber noch wichtiger und schöner ist, was nicht drinsteht. Einem auch nur minimal weniger in die Sache verwobenen Publikum würde man vielleicht irgendwo noch einmal ins Gedächtnis rufen, was denn eigentlich die Faszination des Baus und des Fliegens von maßstabgerecht verkleinerten, ferngesteuerten Flugzeugen ist.4 Hier, in der Jubiläumsausgabe, macht es der Chefredakteur nicht einmal im Editorial. Er muss das nicht.

Jeder Leser kennt sie, diese Faszination, und zwar wahrscheinlich besser, als sie irgendjemand beschreiben könnte. Das ganze Ding vibriert von der Lust an diesem Hobby, das kann selbst ich herauslesen, der sonst kein Wort von dem versteht, was hier steht. Und dann liegt auch noch ein ausfaltbarer Bauplan bei, also etwas, das ganz offensiv die Stärke des Mediums Print ausspielt.

Ich verbeuge mich und gratuliere, anlässlich des Erscheinens der 755. Ausgabe, nachträglich zum Jubiläum. Ich werde mit einiger Wahrscheinlichkeit in diesem Leben kein Flugzeug mehr bauen oder fernsteuern, aber ich beneide die, die es tun, weil sie dieses fantastisch fanatische Magazin haben.

FMT
Verlag für Technik und Handwerk neue Medien GmbH
6,40 Euro

2 Kommentare

  1. „fantastisch fanatisch“, eine Wortkombination die man nicht so oft zu Gesicht bekommt…

    Was die Größe angeht liegt das Unverständnis wohl in dem Unterschied zwischen klassischem (Stand-) und Funktionsmodellbau.
    Nicht das es keinen Spaß macht ein Flugmodell zu bauen, aber im Grunde möchte man es am Ende halt doch fliegen sehen. Da bietet mehr Größe mehr Möglichkeiten, aber auch andere Herausforderungen, als Kleinmodelle. Und am Ende geht es auch darum ein Modell zu bauen das nicht nur Detailgetreu aussieht, sondern auch so fliegt (und vielleicht sogar klingt). Und da spielt Größe (mehr davon) eine entscheidende Rolle.

    Um einen groben Vergleich zu Modelleisenbahnern* zu ziehen: Da sind die Modelle zwar klein und detailiert. Aber auch mit Rauchgenerator und Soundmodul läuft die Dampflok am Ende doch nur mit Strom. Soll das gute Stück mit Kohle fahren braucht es eine gewisse Mindestgröße.

    *) Genau genommen hab ich einfach 2 Unterarten einer Spezies in einen Topf geworfen. Der gemeine Modelleisenbahner ist doch eine geringfügig andere Kategorie als der dampfbegeisterte Gartenbahner.

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