Die Debatte verrohen, um ihre Verrohung zu bekämpfen

Nachdem er Hitlergrüße als „unappetitlich“ bezeichnet hatte, beendete AfD-Chef Alexander Gauland seine Rede in der Generaldebatte am Mittwoch mit den Worten: „Hass ist keine Straftat und hat meistens einen Grund.“

Da irgendwo war der Moment, in dem Martin Schulz der Kragen geplatzt sein muss. Er reagierte mit einer konfrontativen Brandrede im Namen der Demokratie. Sie fühlte sich wie eine Entladung an, ein Herausplatzen der Wut, die sich offenbar in Monaten der demokratischen Demütigungen und der gezielten Provokationen durch die AfD angestaut hatte. Schulz wirkte ehrlich entschlossen und betroffen. Man könnte sagen, er war wieder einmal so, wie man es ihm als SPD-Kanzlerkandidat durchgehend gewünscht hätte.

„Es ist Zeit, dass sich die Demokratie gegen diese Art der rhetorischen Aufrüstung, die am Ende zu einer Enthemmung führt, deren Resultat Gewalttaten auf der Straße ist, wehrt“, sagte er. Und auf dem Höhepunkt der Emphase wünschte er den bekanntesten deutschen Hundekrawatteträger auf den „Misthaufen der deutschen Geschichte“, in Doppelanlehnung an Gaulands berühmten „Vogelschiss“-Kommentar und Alice Weidels „Müllhaufen der Geschichte“.

Später, in derselben Debatte, definierte dann SPD-Politiker Johannes Kahrs die AfD-Parlamentarier durch die Bank als unappetitliche, vom Hass hässlich gemachte Rechtsradikale.

Seine Worte verfehlten nicht ihre Wirkung. Die AfD-Fraktion verließ geschlossen den Plenarsaal, beleidigt und kindstrotzig vor dem Rednerpult aufstampfend. Wild wurde mit einem wütenden „Anzeige-ist-raus“-Impetus gestikuliert. „Hass, du bleibst hier!“, wollte man hinterherrufen.

Ein Teil von mir, der voyeuristische, der auf Krawall und Radau gebürstete, freute sich über diesen melodramatischen Tic-Tac-Toe-Pressekonferenz-Abgang. Und empfand man nicht auch anschließend bei der Rede von Katrin-Göring Eckardt Sympathie, als sie die Hitlergruß-Zeiger als „Arschlöcher“ taufte? Auch die Kampfrede von Cem Özdemir vor einigen Monaten, die ein viraler Erfolg wurde, hatte in ihrer Herbheit etwas befreiend Draufgängerisches, für die gute Sache Einstehendes, was man sich im Hohen Haus in Anbetracht der Radikalen lange wünschte.

Aber dann übernahm wieder mein zivilbürgerliches Über-Ich und monierte den irgendwie unangenehm derben Stil dieser Zurechtweisungen. Sollten die Demokraten nicht schlauer, besser, anständiger sein? Darf man Menschen auf Kotberge wünschen oder ihnen mit banalem Lookism den Spiegel der Hässlichkeit vorhalten? Sollte man sich nicht eher an Michelle Obama ein Vorbild nehmen? „When they go low, we go high“? Und spielen diese wütenden Widerworte den Rechten letztlich nicht in die Karten? Macht das Bashing die AfD noch größer?

Darf man sich auf das Niveau des Gegners herablassen, um seine Niveaulosigkeit zu kritisieren, oder opfert man dadurch seine rhetorische Integrität? Wie viel Stil und Klasse muss man gegen Rechtsextreme aufrecht erhalten?

Stilübungen

Ulf Poschardt, Stilexperte (das meine ich unironisch), und Renate Künast, Widerstandexpertin (dito), waren sich in dieser Sache überraschenderweise einig:

„Welt“-Chefredakteur Poschardt twitterte:

Grünen-Abgeordnete Künast schrieb:

Eine Frage gilt es vorab zu klären: Zielt man nicht am Thema vorbei, wenn man im Kampf gegen Rechts solch eine Stilkritik übt?

Fragen des Umgangs, des Stils oder der Rhetorik gehören schon immer zur politischen Praxis. Sie sind wesentlich, sie sind Lackmustests unserer demokratischen Zivilisiertheit. Die Formen und Formalia, die unsere Debatten gestalten, schaffen ein Bild von der möglichen Realität außerhalb des Parlaments, von dem, was durch das Hohe Haus repräsentiert werden will und soll.

Deswegen müssen wir auch darüber diskutieren, ob man vulgäre politische Positionen mit semantischer Vulgarität beantworten sollte. Den Moment des Ignorierens haben wir in der Auseinandersetzung mit der AfD schon längst passiert. Aber weiterhin gelingt es uns nicht, nicht mehr über das mittlerweile schon sehr morsch gewordene Stöckchen zu springen. In Anbetracht der sprachlichen Entgleisungen und des medialen Hooliganismus der AfD ist es nicht nur nicht mehr möglich, sondern wäre es obszön, indifferent zu bleiben. Wir kommen also medial und parlamentarisch nicht daran vorbei, verbal und publizistisch auf sie zu reagieren.

Nun haben wir es jedoch mit einer Partei zu tun, die nicht normal ist, nicht normal agiert und nicht normal reagiert. Die AfD ist eine Gruppe von vielseitig Entgleisten. Ihre Kompetenz im Bereich Trolling und Dirty Debate Tactics ist die Grundlage ihrer Parteiprogrammatik. Sascha Lobo nannte die AfD treffenderweise „Windradpartei“, die stärker wird, je größer der Gegenwind ist.

Parlamentarier müssen nun zwar laut, bestimmt und klar den Aussagen der AfD entgegentreten, dürfen dabei jedoch anscheinend nicht zu laut, zu wütend, zu provozierend und zu beleidigend werden. Ist das Kontra medienwirksam heftig genug, haben wir zwar einen kurzen Moment öffentlicher Demontage der AfD, die sie dann aber routiniert in ihren Opferdiskurs einweben kann.

In ihrer Studie „Die Arbeit der AfD in den Landtagen“ schrieben Wolfgang Schroeder und Bernhard Weßels 2017 als Fazit ihrer dreijährigen empirischen Beobachtung, dass sowohl Ausgrenzen als auch Ignorieren sich in der Auseinandersetzung mit der AfD als unwirksam erwiesen hätten. Wer sich also der AfD argumentativ stellen will,

muss den BürgerInnen nicht nur gute politische Angebote unterbreiten, sondern darüber hinaus über ausgezeichnete rhetorische Fähigkeiten verfügen, darin geschult sein, den eigenen Standpunkt auch dann wirkungsvoll zu vertreten, wenn mit Provokationen oder Tabubrüchen zu rechnen ist. Wer als politische Kraft der AfD diszipliniert die Opferrolle in Parlament und Öffentlichkeit verwehren will, der wiederum muss Voraussetzungen schaffen, dass die Abgeordneten in den Fraktionen geschlossen und diszipliniert agieren. […] Eine besondere Herausforderung ist in der digitalen Arena zu sehen. Denn hier bleibt die Formel „Abgrenzen, ohne auszugrenzen“ weitgehend wirkungslos. Einer Emotionalisierung mit sachlicher Argumentation zu begegnen scheint kaum erfolgsversprechend.

Das demokratische Dilemma lässt sich mit dem „Paradoxon der Toleranz“ begreifen, wie es der Philosophen Karl Popper in „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ beschrieb:

„Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die uneingeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.

Mein Mitleid im harten Umgang mit der AfD hält sich angesichts aufgrund ihrer destruktiven, antidemokratischen Programmatik in Grenzen. Aber es gibt zwei gute Argumente, warum man sich nicht auf ihr rhetorisches Niveau begeben sollte:

1.

Wenn man für eine liberale Gesellschaft und freiheitliche Werte sowie für die Gleichheit der Menschen eintritt, dann schwächt man seine eigene Position, wenn man in Lookism– und ad hominem-Argumentationen verfällt, man also statt der Gedanken des Gegners diesen selbst und beispielsweise wie Johannes Kahrs dessen Aussehen angreift.

Natürlich fühlt es sich ungerecht an: Die AfD spielt mit unfairen Tricks, agiert mit heftiger Diktion, die nur deshalb funktioniert und auffällt, weil eben der Rest der Welt sich nicht wie der Betrunkene in der Kneipe benimmt. In der Aufmerksamkeitsökonomie der Mediendemokratie sind die AfDler diejenigen, die rhetorisch dopen, um einen schnellen Kick zu erzeugen, während der moderate Politiker den demokratischen Muskel langsam trainieren muss. Weil Demokratie und Fairness anstrengend sind, nehmen sie den einfachen Weg, weil ihnen Demokratie und Fairness egal sind.

2.

Man normalisiert den unsachlichen Diskurs. Momentan, wenn die Entgleisungen von der AfD produziert werden, werden sie noch als krawallig wahrgenommen, und als die Äußerungen, die von der Norm abweichen. Für unentschlossene, unsichere, parteilose Wähler ist sie dadurch bestenfalls noch zu deviant und zu extrem.

Reproduziert man jedoch die Unsachlichkeit, validiert und normalisiert man das abweichende Kommunikationsverhalten und verschiebt so die Maßstäbe politischer Debattenkultur, die „Grenzen des Sagbaren“, und lässt sich so auf ihre Grenzziehungen des Gegners ein.

Gehen wir nicht auf sie ein, dann lassen wir eine Verwahrlosung des Diskurses zu. Gehen wir jedoch mit ihren Mitteln auf sie ein, dann führt dies zu eine Verrohung der demokratischer Debattenkultur.

Fenster zum parlamentarischen Hof

Soweit die Argumente. Andererseits könnte es sein, dass eine Rohheit in der Debatte notwendig ist, gerade um eine eine Verrohung der Demokratie zur verhindern. Dass Grenzen überschritten werden müssen, um die alten Grenzen wieder herzustellen.

Wenn Parlamentarier sich „deftig“, wie Heiko Maas es formuliert, gegen extreme Positionen äußern, ist dies der (und jetzt können Sie sich ein Wort aussuchen, das Ihnen am besten zusagt) leidenschaftliche / verzweifelte / ohnmächtige / strategische Versuch, die Grenzen des Sagbaren mit unverblümter Sprache in ein Extrem der Gegenseite zurückzuziehen, damit es sich bestenfalls wieder in der Mitte einpendelt. Man bedient sich der Fäkalsprache und der Vulgarismen der Gegner, um ihn in die Schranken zu weisen. Man verschiebt mit diesem gezielten und taktischen Sprechen das sogenannte „Overton-Fenster“.

Das kommunikationspolitische Modell des „Overton-Fensters“ geht davon aus, dass es gemeinhin einen Rahmen, eben ein Fenster des Sagbaren und Akzeptablen in der Gesellschaft gibt. Mit dem, was sich im Fenster befindet, kann man Politik machen. Das, was sich außerhalb des Fensters befindet, gilt als unpopuläre, lächerliche, radikale Position. Je weiter weg wir uns vom Rahmen des Fensters entfernen, desto mehr kommen wir ins Brachland des Radikalen, des Unsag- und Undenkbaren.

Mit dem Bestreben, das „Fenster politischer Möglichkeiten“ zu bewegen und dadurch auch unpopuläre Ideen konsensfähig zu machen, entwickelte der libertäre Denkfabrikant Joseph Overton das Konzept in den 1990er Jahren im Mackinac Center for Public Policy in Michigan gewissermaßen am Reizbrett.

Eine Verschiebung der Grenzen des Sagbaren, so Overton, erreiche man nicht durch ein graduelles Ausweiten bereits etablierter Ideen und Positionen, sondern nur dadurch, dass man den Diskurs um wirklich provokante Ideen erweitert. Nur durch solche würde die Öffentlichkeit gezwungen werden, sich mit dem Undenkbaren auseinanderzusetzen, so extrem oder absurd ein Standpunkt auch sein mag. Wenn man die Menschen dazu nötigt, das Undenkbare zu denken, erscheint ihnen das bisher Radikale (oder auch das Lächerliche) im Vergleich dazu geradezu normal und harmlos.

Man zieht also das Fenster durch Handlungen und Rhetorik vom Moderaten gewaltsam ins Extreme, damit es sich in der scheinbaren Mitte, beim Radikalen einpendelt, das folglich politisch salonfähig wird. Wenn dies geschieht, wurde das Fenster demnach erfolgreich nach rechts (oder auch nach links) verrückt.

So lässt sich der Versuch interpretieren, das Wort „völkisch“ wieder salonfähig machen zu wollen, oder der Frauke Petrys Gedanke vom Schießbefehl an deutschen Grenzen, oder aber der Aufruf zur Jagd der AfD auf Politiker nach der letzten Bundestagswahl, oder auf Pressevertreter nach Chemnitz.

Die strategische Theorie des Overton-Fensters wurde durch die Politik Donald Trumps revitalisiert und perfektioniert. Sie wirkt auch angesichts der Kommunikationsarbeit der AfD erschreckend plausibel. Im Juni dieses Jahres antwortete Gauland in einem Interview mit der FAZ-„Woche“ auf die Frage, wieso es bei der AfD viel häufiger Entgleisungen gibt als bei anderen Parteien:

„Das liegt daran, dass wir in der Tat versuchen, die Grenzen des Sagbaren auszuweiten. […] Da findet eine Ausweitung der sagbaren Zone statt und das ist auch beabsichtigt.“

Für eine weitere Auseinandersetzung mit dieser bewussten Vokabular-Guerilla empfehle ich den Dokumentarfilm „Get me Roger Stone“ über den wahrscheinlich effizientesten wie hetzerischen Spin-Doctor der amerikanischen Geschichte. „He loves the game, he has fun with it and he’s very good with it“, wie Trump im Trailer zum Film verkündet.

Der Trick am Verschieben des Overton-Fensters besteht darin, dass man eine lächerliche oder extreme Positionen gar nicht akzeptieren oder für gut befinden muss; es reicht, dass man sich bis zu einem Grad an sie gewöhnt, dass der innere Aufruhr gegen sie in Phlegma umschlägt und mit Lakonie betäubt wird, so dass letztlich die Kraft oder der notwendige Widerwillen fehlen, um noch dagegen zu protestieren.

Es gibt vier Vektoren, die eine Verschiebung des Overton-Fensters unterstützen: Informationen, Desinformationen, moralische Appelle und emotionale aufgeladene Medienereignisse und Reden. Die Natur des Modells bedingt, dass sich das Fenster umso mehr verschieben lässt, je radikaler die (Des-)Informationen, je lauter die Appelle und je emotionaler die Ansprachen werden.

Wenn wir also auf der einen Seite im Parlament Politiker sitzen haben, die es sagbar machen, dass das Dritte Reich gesamthistorisch gesehen gar nicht so wichtig war wie bisher angenommen wurde, dass es sich angeblich nur um einen „Vogelschiß in über 1.000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ handelt, dann brauchen wir eine heftige Widerrede auf der anderen Seite, die betont, dass das rechtsextreme Kackscheiße ist, damit wir uns zurück in das Fenster der fairen demokratischen Debattenkultur bewegen und dort wieder einpendeln können.

Karl Popper kam übrigens in seinem erwähnten Werk zu dem Schluss, dass wir berechtigt seien, eine Toleranz gegenüber der Intoleranz zurückzuweisen: „Im Namen der Toleranz sollten wir uns das Recht vorbehalten, die Intoleranz nicht zu tolerieren.“

Um zu verhindern, dass die Toleranzschwelle gegenüber rechtem Gedankengut abnimmt, braucht es die kathartische Wirkung der klaren Konfrontation. Damit das Fenster zurückgezogen und die Grenzen des Sagbaren wieder dort gezogen werden, wo Zivilgesellschaft aufhört und Faschismus anfängt, braucht es den performativen Akt des Politikers, der scheinbar aus der Form fällt.

Da das Verschieben des Fensters des Sagbaren durch emotionale Ansprachen und durch mediale Ereignisse begünstigt wird, sind die Bilder entrüsteter, affektgeladener und impulsiver Politiker, welche die Ehre der Demokratie mit verbal geballten Fäusten verteidigen, vielleicht das Signal, das eine Mediendemokratie für ihr rhetorisches Gleichgewicht benötigt.

14 Kommentare

  1. Nun ja, ich persönlich denke ja, dass es keine einfachen Lösungen gibt, mit denen sich ein richtiger oder falscher Umgang mit der Neuen Rechten definieren lässt.
    Die W-Fragen (wer, wann wie wo?) spielen meiner Meinung nach eine wichtige Rolle.
    Ich persönlich finde, dass es Schlimmeres gibt, als ein Politiker, der leidenschaftlich gegen die führenden Köpfe einer rechten Partei argumentiert oder für sonst etwas, für das er eintritt. Das hat für mich auch wenig mit Sensationsgier, dafür aber doch recht viel mit Glaubwürdigkeit zu tun.
    Das gilt für mich auch für Foren, wo man Wortführer der Rechten meiner Erfahrung nach oft mit ihren rhetorischen Waffen schlagen kann, was ja keinesfalls ausschließt, dass man dennoch gute Argumente mit einbringen kann.

    Problematisch wird es aus meiner Sicht eher dort, wo man sich die Schwächeren rausgreift, also z.B. als Politiker in Schulz-Art pauschal alle AfD-Wähler in dieser Form angreifen würden.
    Das gilt auch für Medien, die sich diesbezüglich nicht immer mit Ruhm bekleckern und z.B. hier bei den einfach Gestrickten lustige Bilder einfangen, aber den klugen Wortführer, der sich scheinbar für diese „kleinen“ Leute einsetzt, kommentarlos und unwidersprochen Reden lassen:
    https://uebermedien.de/9558/wie-wollen-sie-die-meinungsfreiheit-retten/
    Oder wenn in ironisierenden Videos Langzeitarbeitslose reingeschnitten werden, die im Vollsuff Altkanzler Schröder wegen der Agenda 2010 als „Fot**“ bezeichnen.

    Und wenn ich schon mal bei Journalisten und Übermedien bin, darf man auch wieder die oft diskutierte Frage stellen, ob es gut ist, wenn diese Begriffe wie „biodeutsche Kartoffel“ oder „WHAM“ transportieren, die allenfalls sprachlich ein höheres Niveau haben, als „Fot**“, nicht jedoch inhaltlich.

    Von dieser Form der Doppelmoral profitiert die Neue Rechte, die (auch) damit Menschen in die Opposition gegen Politik und vor allem Medien bringen.

    Vor wenigen Wochen schrieb Theatermacher Juri Sternburg in der taz eine Kolumne über den Wachdienst der Bahn, der Obdachlose und Minderheiten schikaniert, bevor er schreibt. die Wachleuten würden versoffen aussehen und dass sie vermutlich selbst kurz zuvor noch Hartz IV bezogen hätten.

    Im größten Fachmagazin für PC-Spiele wurde jüngst ein Rennspiel nicht zuletzt wegen sexistischer Darstellungen von Frauen verrissen, Titel des Artikels: „Prollkarre abgesoffen“.

    Das Problem ist, dass gern über Rechts- und auch Linkspopulismus diskutiert und berichtet wird, nicht jedoch vom Populismus der Mitte, der wegen seiner sprachlich besseren Form und dem Anspruch moralischer Deutungshoheit nicht nur von Journalisten selbst so gut wie nie thematisiert, sondern von ihnen auch oftmals selbst produziert wird.

  2. Feiner Artikel!
    Aber ich wünsche mir auch noch ein wenig Spassguerilla a la Fritz Teufel in der Debatte mit dem 15% Volk.

  3. Man sollte Stilfragen nicht höher bewerten als die sachliche Richtigkeit der Aussagen. Deswegen darf ein Schulz auch ordentlich poltern, wenn es berechtigt ist.
    „Nachdem er Hitlergrüße als ‚unappetitlich‘ bezeichnet hatte“
    Aber die Fakten sollten dabei unbedingt stimmen, bei Schulz und bei Ihnen!
    Tatsächlich hat auch Gauland bereits von ‚unappetitlich und strafbar‘ gesprochen. Das kann auf dem Phönix-Mitschnitt ab Minute 7:10 jeder selbst nachhören.
    https://www.youtube.com/watch?v=G2MPHRjcoj8
    Dieser sachliche Fehler bei Schulz war schwerwiegender als jede Frage des Stils, denn er stellt die Basis seiner großen Empörung in Frage. Gauland hat schließlich in diesem Punkt gar nichts anderes gesagt als Schulz selbst!

  4. Dieser Beitrag ist sarkastisch:
    Ausserdem führen sich AfDler eh wie die bockigen kleinen Kinder auf…
    Fuss aufstampfen,kleinlautden Raum verlassen(flitzen gehen!)
    Kleine Kinder werden zwar durch die Analogie diskriminiert, aber andererseits hat Hr Schulz mit denen von der AfD so gesprochen das er sie ernst nimmt!
    Im Zweifelsfall darf den AfDlern nicht vorgeworfen werden das sie braune Haltung verinnerlicht hätten-denn die hätten „bis zur letzen Patrone gekämpft.“
    Warum muss ich jetzt an Platzpatronen in Karnevalknarren denken,hmmm

  5. Bemerkenswert wie hier zum „deftigen“ Umgang mit der AFD das Pro und Contra pointiert dargelegt wird mit dem Verweis auf diverse Quellen der jeweiligen Argumente. Sichtbar wird dann die eigene Bewertung als solche abgegrenzt und mit nachvollziehbarer Begründung untermauert.
    Das finde ich sehr gut gemacht, dass steht auch Übermedien gut zu Gesicht.
    Nach meiner eigenen Ansicht ist es falsch und wenig zielführend sich auf dasselbe Niveau zu begeben, dass Populisten pflegen. Zum einen hat das etwas von „Auge um Auge…“, derartiger alttestamentarischer Kram ist eigentlich überholt. Zum anderen motiviert es Protestwähler, gerade bei der AFD sollen diese nach den Umfragen zur letzten Bundestagswahl sehr zahlreich gewesen sein. Wenn dann Politiker deutlich machen, wie sehr sie das Agieren bzw. die Anwesenheit der AFD im Parlament überhaupt verärgert, sieht der Protestierende sein Ziel bereits als erfüllt hat, das erhoffte „Abwatschen“ funktioniert.
    Darüber hinaus raten Kommunkiationswissenschatler aller Art immer dazu, jede Diskussion auf eine Sachebene zu bringen, hier herrscht bei denen Einigkeit, lediglich über geeignete Methoden wird gestritten.
    Auf der anderen Seite ist es eine sehr berechtigte Überlegung, ob Politiker „mit geballten Fäusten“, mit Emotionen und Leidenschaft für die demokratischen Werte eintreten sollten, weil diese Zeit das an sich gebrauchen kann. Insofern regt die Bewertung der Autorin wirklich zum Nachdenken an, ebenfalls ein gelungener Effekt des Artikels.

  6. Als der Artikel anfing, dachte ich, dass das wieder so eine deprimierende Wie-man’s-macht-ist-falsch-Geschichte wird, wenn man der AfD Gegenrede liefert, unterstützt man sie, wenn nicht, stimmt man ihr durch Schweigen zu. Catch-22.
    Ist es zum Glück doch nicht geworden.

    Persönlich denke ich aber, dass man auf die Ausführungen von Herrn Gauland bspw. auf der Sachebene antworten kann, weil sie sachlich falsch sind:
    Hass ist zwar kein Verbrechen, er hat aber auch keine Gründe, sondern Ursachen.

    Und mMn gibt es auch nichts „Unsagbares“, sondern bloß _Unsägliches_, davon allerdings ganz schon viel.

  7. Ein bedenkenswerter Artikel. Aber was, wenn das Modell der verschiebbaren Fenster durch Provokation und effektvoller Gegenrede sich nicht auf das erhoffte Maß quasi zurückschiebt, sondern wie ein Wirbelsturm immer weitere Kreise der Zerstörung der Grenzen des Sagbaren zieht? Das Modell muss sich zunächst an der Wirkung in der Realität beweisen, mal sehen und hören…

  8. Die leute beschäftigen sich zu viel mit der trollfabrik afd und zu wenig mit den leuten, die sie wählen. Da sind stilfragen weder in der einen noch der anderen richtung relevant.

  9. @10 Andreas
    Beschäftigt man sich mit der AFD, beschäftigt man sich automatisch mit den Leuten, die sie wählen.
    Die Frage, ob Parlamentarier mit Leidenschaft und klarer Kante und sichtbar emotional reagieren, stellt sich in den Diskussionen auf Straßen, in Kneipen, mit dem Kollegen usw. doch auch.

    Außerdem:
    Nachdem ich den Artikel ein zweites Mal gelesen habe, sehe ich, dass er eine einfache Frage nicht beantwortet:
    Kann man denn nicht mit Leidenschaft und Emotion argumentieren, ohne dabei das Niveau zu senken?

  10. Hallo Jub 68, ich denke, die Menschen wählen AFD aus bestimmten Gründen: weil sie ein falsches Bild von Ausländern haben, weil sie in Informations-Parallelwelten leben, weil sie Angst vor der Zukunft und allem möglichen haben etc pp. Das hat doch alles nur sekundär mit der AFD zu tun (die vll als Katalysator fungiert). Dementsprechend können die Lösungen auch nicht über die Auseinandersetzung mit der AFD erfolgen. Dazu müsste an den oben genannten Ursachen gearbeitet werden.
    Der Austausch von Schulz/Gauland war ja keine Diskussion im eigentlichen Sinn. Wenn man Diskussionen zum Gegenstand macht, wird ja offensichtlich, dass ein solcher Ton schädlich ist.

  11. @12 Andreas
    Die AFD ist nicht nur ein Katalysator, der ja per Definition lediglich etwas beschleunigt, was ohne ihn später eintreten würde. Die Aussagen der AFD spiegeln Sorgen, Ängste, Vorurteile usw. wieder, die in einem nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung vorhanden sind. Die Mittel der AFD sind Populismus, Desinformation und Polemik, das hat schon immer funktioniert (nicht, das andere Parteien mit moderaterer Agenda das nicht ebenfalls benutzten, wenn es zweckdienlich scheint.)
    Damit muss man sich schon, auch bezogen auf deren Wähler auseinandersetzen. Im Hinblick auf Ihre Aussage ist das natürlich nur ein Teil der Arbeit.
    Die auf der Hand liegenden Kinderkrankheiten müssen geheilt werden, also: bezahlbarer Wohnraum in Nähe von Arbeitsplätzen, Chancengleichheit und Verbesserung der Qualität im Bereich der Bildung, soziale Gerechtigkeit, Durchsetzung einer Attitüde, die Behörden zum Dienstleister macht, statt zum verwaltendem Moloch, eine Verbesserung der Sozialversicherung, die schon damit losgehen kann, dass längst bestehende Gesetze eingehalten werden, das Thema Altersarmut und Altersvorsorge usw.
    Hier passierte in den letzten Jahren zu wenig, die Symptome verschärften sich seit 2015 erheblich, die Ursachen wurden aber schon seit langem nicht oder nur halbherzig bekämpft. Solange daran nicht ernsthaft gearbeitet wird, werden Populisten immer größeren Zulauf haben.
    Aber deswegen kann man ja nicht zulassen, dass eben diese Populisten die Ursachen für die o.g. Kinderkrankheiten verdrehen.
    Und dann sehen Sie ja vielleicht auch das Paradoxon, das einem dieser Tage in den Medien und sonstwo begegnet:
    Die Leute finden, dass zuviel über Migration und die damit zusammenhängenden Probleme geredet wird und zu wenig über Sachthemen, die ihnen wichtiger sind.
    Wird über diese wichtigen Sachthemen geredet, sieht man dann aber kaum Interesse oder anhaltende Diskussionen. Wird aber über das Thema geredet, über das eigentlich zuviel geredet wird, dann wird die Diskussion emotional, lang, teilweise verbissen und endet niemals mit einem zufriedenstellendem Ergebnis.
    Wenn Sie jetzt, was leider etwas utopisch ist, die eigentlichen Probleme lösen und Verbesserung schaffen, können Sie in der Zeit nicht AFD, CSU und Co. unwidersprochen argumentieren lassen.

  12. Hallo Jub 68, ich denke, wir liegen nicht sehr weit auseinander. Es müssen natürlich beide Seiten beachtet werden. Mir liegt der Fokus momentan nur zu stark auf der Beschäftigung mit der AFD. Sie machen einen guten Hinweis, dass Sachthemen dann niemanden mehr interessieren. Das ist natürlich ein Problem der Medien und auch der Politik, die große Teil der Bevölkerung nicht mehr erreicht. Vielleicht ist das überhaupt das Hauptproblem, denn objektiv geht es „uns“ in Deutschland ja so gut wie kaum je Menschen in der Menschheitsgeschichte. Die Koalition kann nur schlecht ein Gegennarrativ aufbauen, wenn der prominenteste Minister permanent mit voller Breitseite den eigenen Kurs torpediert (einer der vielen Probleme).
    Also um es nochmal für mich zusammenfassen: Sie haben recht, AFD/CSU sollten nicht unwidersprochen bleiben. Mir steht das persönlich aber im Vergleich zu einer Gegennarrative / lösungsorientierten Politik gegenwärtig viel zu stark im Vordergrund.

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