Ein Magazin als BFF

Ich habe diese Woche eine Expertin befragt, welche Zeitschrift ich lesen soll. Die Expertin ist knapp elf Jahre alt, vielseitig interessiert, geschätzt etwa 98 Prozent ihrer wachen Zeit – abzüglich der Unterrichtszeit in der Schule – online (erlaubt wäre etwa 20 Prozent) und ganz grundsätzlich ein Knüller. Die Antwort war „Bravo Girl“, weil „ich liebe Bravo Girl!“

Ich habe ihr also die „Bravo Girl“ zum Lesen gegeben, sie hinterher gemeinsam mit ihr durchgeblättert und sie dazu befragt. Das Ergebnis war hochgradig ernüchternd. Sie war von jeder einzelnen Doppelseite begeistert, wusste aber in der Regel nicht, was draufstand. Außerdem behauptete sie bizarre Dinge („Auf fast jeder Seite ist Taylor Swift drauf!“ Das war ihr positiv aufgefallen. Aber es stimmt nicht, Taylor Swift kommt im ganzen Heft zweimal vor).

Kurz: Ich mache mir einigermaßen Sorge um die Konzentrationsfähigkeit von Tochter Nummer Zwei und gehe zweitens davon aus, dass Printmagazine sie einen Scheißdreck interessieren und sie nur ihrem bekloppten Vater einen Gefallen tun wollte. Und höflich zu mir sein.

Also musste ich sie selbst lesen. Was schon rein physisch nicht so leicht ist, wie es klingt. Manche Kleintexte sind megaklein. Das Impressum habe ich, ehrlich gesagt, gar nicht wirklich entziffern können, so klein ist es gedruckt. Und ich bin mir bei der hier regelmäßig ausgeführten Geste des Respekts, den vollständigen Namen der Publikation zu nennen, zum ersten Mal unsicher, ob das, von dem ich glaube, dass es die Unterzeile des Heftnamens ist, nicht einfach willkürlich verteilter Text auf dem Cover ist. Aber ich riskiere es: Meiner Meinung nach lautet der volle Titel „Bravo Girl! – So wie du bist“. Mit jeweils drei Herzchen vor und nach dem „So wie du bist“. In das ich persönlich – so, wie ich bin – immer noch ein Komma setzen würde. Ich werde diese alte Rechtschreibung wahrscheinlich nie ganz loswerden. Aber egal.

Diese Dinge gibt es in „Bravo Girl“: eine beigelegte „Trendy Doppel-Herzkette (Nummer Zwei empfand auch eine eingeklebte Hautcremeprobe als redaktionelles Extra und verstand mein Gelächter über „Doppelherz“ nicht). Ein Poster mit einem gemalten Traumfänger1 mit dem kalligrafierten Spruch „Follow your dreams“. Und ungefähr 193 mal die Abkürzung „BFF“2, zum Beispiel auf dem Cover („Süße Tipps für eure BFF-Night“), bei Dr. Sommer („Meine BFF muss auf eine andere Schule“), in der Foto-Lovestory (wo die BFF der verliebten Heldin, das muss man jetzt leider ausführlicher erzählen, der italienischen Urlaubsliebe jener Heldin einen Ausbildungsplatz in einem italienischen Restaurant besorgt.

Der Restaurantbesitzer sagt zu der Idee nämlich „Das klingte suuuper“ und der Neuauszubildende, der sofort umzieht („Für disch würde isch alles tun“), frohlockt am Ende „Meine Herz macht eine Salto!“ Ich habe dazu zwei Anmerkungen: Es muss heißen „dasse klingte suuuper“ und „Meine Erz macht eine Salto!“), in der Geschichte zur erwähnten BFF-Pyjamaparty, in der Geschichte „In vier Schritten zur Freundschaft fürs Leben“ und in der Schicksalsgeschichte „Ich habe meine BFF verloren“. Diese Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Und auch sonst keinen.

Das umreißt wahrscheinlich schon grob, was an „Bravo Girl“ alles immer noch „Bravo“ ist. Sie werden dem gerecht, und das ist ja ein großes Erbe. Der Rest ist ein bisschen wie eine Miniatur-Wunderland-Version einer Frauenzeitschrift: Genau wie in echt, nur für kleinere Wesen. Mit Schminktipps und den Mode-Trends und Deko-Bastel-Ideen, weil Ordnung echt glücklich macht und so.

Es hat mich ein bisschen erschüttert, wie oft Nummer Zwei das Wort „Trends“ gesagt hat bei ihrer ansonsten falschen Zusammenfassung des Heftes, aber es ist mir auch erst im Nachhinein aufgegangen, dass sie nicht einfach vergessen und danach falsch behauptet hat, was in „Bravo Girl“ steht, sie hat projiziert: Alles, was sie wissen will und sehen will, hatte sie vermeintlich in dieser Zeitschrift gefunden, und ich entschuldige mich bei der „Bravo Girl“-Redaktion, dass ich es mir nicht wirklich gemerkt habe, denn das wäre eine komplette Themensammlung für mindestens eine Ausgabe gewesen.

Aber was mich gefreut hat, ist die Tatsache, dass es das noch gibt: Die Vorstellung von einem Magazin als eine Instanz, als denjenigen Freund oder Ratgeber, dem man vertraut und zu dem man aufschaut. Ich glaube, dass die „Bravo“ (mit und ohne „Girl“ im Namen) durch ihre vorbildliche Pflichterfüllung beim Dr.-Sommer-Team3 diese Art Autorität tatsächlich immer noch hat. Ich weiß natürlich, dass auch die Kollegen dort kämpfen, und sie tun das unter einem Druck, den sich andere Redaktionen gar nicht vorstellen können, weil sich bei der „Bravo“ alle vier Jahre die komplette Leserschaft ausgetauscht hat gegen eine noch internetaffinere.

Ich habe davor großen Respekt. Und obwohl mich naturgemäß wirklich absolut gar nichts an „Bravo Girl“ interessiert, finde ich auch nicht wirklich etwas, das an diesem Respekt rütteln würde. Die eigenen Kinder ein Heft lesen zu lassen, fühlt sich ja manchmal schon ein bisschen an, wie sie in fremde Hände zu geben. Und hier würde ich das wieder tun. Ich hoffe für euch, Nummer Zwei fragt nochmal danach.

Bravo Girl!
Heinrich Bauer Verlag KG
2,20 Euro

4 Kommentare

  1. Aus einer langen Reihe fast ausschließlich guter Bahnhofskioske ein besonders unterhaltsamer! Herzlichen Dank!

    Vor „Ich habe dazu zwei Anmerkungen“ (beste Stelle der Kolumne!) fehlt allerdings eine öffnende Klammer.

  2. Ja, vielen Dank erneut! Bahnhofskiosk ist eine wöchentliche Institution für mich. Und wenn ich (selten) tatsächlich mal in einem stehe, muss ich bei so manchem Titel in mich hineingrinsen, weil ich mich an Versatzstücke hiesiger Rezensionen erinnere.

  3. Sehr unterhaltsam wieder! Vielen Dank!
    Und ja, ich teile diesen Respekt gegenüber der Redaktion auch – die es immer wieder schafft, ihre Zielgruppe trotz stetiger Veränderungen in deren Lebenswelt zu erreichen. Und auch, weil sie sich in der Redaktion vom Stil her treu bleiben.
    Allerdings finde ich – im Unterschied –
    gleichzeitig auch Dinge, die an diesem Respekt rütteln. Und würde meine Kinder nicht ganz so bereitwillig immer wieder in die Hände dieses Magazins geben wollen.
    Denn zwar machen sie in dem Magazin bspw. solide Aufklärungsarbeit mit Dr. Sommer, ansonsten sind sie (meines Eindrucks nach) aber vor allem damit beschäftigt, Teenies und Jugendliche:
    – auf Aussehen und Oberfläche zu fokussieren und sie daran zu gewöhnen, in diesen Maßstäben zu denken
    – auf konsumorientierte, ständig wechselnde Trends zu konzentrieren
    – unheimlich konsumorientiert und dahingehend unkritisch zu sein
    – und sie in stereotypen Geschlechterbildern denken zu lassen (Schminken, Klamotten, Basteln)

    Das seh ich nicht so unkritisch, sondern eher kritisch. Weil ich nicht möchte, dass meine Kinder solch eine Persönlichkeit und Schwerpunktsetzung als Lebensorientierung entwickeln. Und damit auch kaum wem ein Gefallen getan sein wird.
    Oder ist mein Eindruck von der inhaltlichen Ausrichtung da verzerrt? Ich schau in die Bravos ja auch nur ca. einmal pro Jahr rein.

  4. Nimmermued: Als Vater einer 15jährigen kann ich nur sagen, dass das Magazin seine Leserschaft dort abholt, wo sie steht. Abholen würde, wenn mein Kind denn Magazine läse. Ob sie die Schminktipps nun von einer YouTuberin oder von diesem Heft bekommen, ist egal. Sie wollen Schminktipps und werden welche bekommen. Kritische Reflektion über Rollenbilder ist bei den Mädels eher nicht so angesagt. Die Verantwortung, sie daran zu erinnern, was sie als Mensch wertvoll macht, nämlich nicht ihre Optik, sehe ich eher bei mir als Elternteil denn bei einer Zeitschrift oder irgendeinem Medium.

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