Three „Bild“-Boards Outside Chemnitz, Sachsen

Als ich vergangene Woche am Bahnsteig vor zwei zertrümmerten Werbefenstern mit rotierenden Plakaten stand, musste ich an die Broken-Window-Theorie denken. Die behauptet, dass es einen Zusammenhang zwischen der Vernachlässigung von urbanen Räumen und einer Zunahme von verbrecherischen Handlungen gibt. Wenn demnach in einem Stadtviertel eine Scheibe zu Bruch geht und diese nicht repariert wird, dann würde sich dort nach und nach das gesamte Umfeld verschlechtern. Sukzessive würden andere Scheiben kaputt gehen, Kriminelle wie beispielsweise Drogenhändler angelockt werden – bis die braven Bürger aufgrund der steigenden Zahl der Delikte und wegen des sichtbaren Verfalls das Weite suchen. Der anfängliche Bruch in einer Scheibe würde somit einen Dominoeffekt auslösen; er wäre der erste Indikator eines zivilisatorischen Bruchs, der am Ende einen unkittbaren Scherbenhaufen hinterlässt.

Das Glas des einen Kastens war offenbar eingeschlagen worden. Auf dem anderen waren augenscheinlich mit schwarzem Sprühlack zwei Großbuchstaben hingesprayt worden. Erst beim zweiten Blick bemerkte ich: Ich war auf einen gestalterischen Werbetrick der „Bild“-Zeitung reingefallen.

Die Illusion von Vandalismus gehört zum Konzept ihrer aktuellen Werbe-Kampagne. Als ich das Wort „Bild“ las, war meine erste Interpretation, dass diese Ästhetik der Gewalt dem Plakat selbst galt; dass also angedeutet werden sollte, dass Vandalen mit Gewalt gegen die Nachrichten der „Bild“-Zeitung vorgehen. Erst dann las ich die eigentliche Botschaft der Anzeigen. Im ersten Fall, mit der scheinbar eingeschlagenen Scheibe, stand da mit großen Buchstaben „Alles SICHER“, im zweiten „Deutschland ist SICHER“, wobei das Schein-Graffiti daraus ein UN-SICHER machte.

Die Gestaltung dieser Werbung ist ein Coup, man kann es nicht anders sagen, ein verstörender und manipulativer Coup.

Die Text-Bild-Schere macht aus dem Kampagnentitel ein sarkastisches, hämisches „Alles SICHER“, eines, das versichernde Aussagen von Politikern, Medien oder gar Statistiken durch eben diese selbstinszenierte Gewalt verballhornt. Es macht den Betrachter sowohl zum Komplizen in der Antihaltung als auch zum Opfer der visuellen Suggestion.

Ein magisches Klima der Brutalität

Wo die „Bild“ normalerweise keine komplexe Psychologie bemüht und ihre Bilder gerne kindlich, rhetorisch verdoppelt, haben wir hier eine maliziöse, verächtlich machende Metaebene. Die erstmal affirmativ anmutende Botschaft ist, wie Vilém Flusser es mal in einem aufschlussreichen Gespräch mit Harun Farocki über die „Bild“ bezeichnete, in „ein magisches Klima der Brutalität gebadet“.

Obwohl durch den Code der Schrift so getan wird, als solle bedächtig über Kriminalität berichtet werden, wird dies durch die Brutalität des Bildes ins genaue Gegenteil verkehrt.

Die „Bild“-Zeitung redet hier optisch selbst die kriminelle Stimmung herbei und in den öffentlichen und physischen Raum hinein, über die sie dann angeblich aufklären will. Sie schlagen Fenster der Zivilisation ein, um daraufhin die immer gefährlicher werdende Stimmung zu bedauern.

Um so aberwitziger wirkt es bei einem Medium, welches die grafische Aufbereitung derart virtuos beherrscht, wenn dessen Chefredakteur Julian Reichelt Twitter zur Rate ziehen muss (oder eher will), um sich in Punkto Bildmanipulation beraten zu lassen. „Zwei auffällige Pixel“ (ich wünsche mir eine Punkband mit diesem Namen) sorgten offenbar für genügend Unsicherheit in der „Bild“-Redaktion, als dass die geballte Kompetenz der größten Bildredaktion Deutschlands angeblich nicht reichte, um zu eruieren, ob der gegen Nazis kämpfende und gegen Nazis singende Feine-Sahne-Fischfilet-Sänger Jan „Monchi“ Gorkow auf einem Instastory-Screenshot den Hitlergruß machte oder nicht – etwas, das durch Stalken der Instastory (haben sie doch sonst nicht so viele Schwierigkeiten mit) rasch hätte gelöst werden können.

Kann ich Reichelt beim Betrachten des grob irreführenden Bildes von Hitlergruß-Monchi so viel Naivität unterstellen, wie ich beim Betrachten der kaputten „Bild“-Boards an den Tag legte oder muss ich davon ausgehen, dass er auch hier im Kleinen gemacht hat, was die „Bild“ mit ihrer (Un-)Sicherheitskampagne im Großen betreibt: eine Scheibe mit einer vermeintlich naiven Fragen einwerfen und damit eine alternative, ganze eigene Version der Realität aus ökonomischen und politischen Zwecken heraufbeschwören?

Beschwörungstheoretiker

Der Kreis der Beschwörungstheorien rund um Chemnitztrails schloss vergangene Woche mit Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen, der nicht nur die Glaubwürdigkeit des Hase-du-bleibst-hier-Videos in Frage stellte, sondern beschloss, damit ebenso verantwortungslos wie kalkuliert direkt zur „Bild“ zu gehen. Dort unterstellte er konspirativ raunend, dass das Video eventuell vom Totschlag ablenken solle (hä?), benutzte hierbei schon das Wort „Mord“ und erreichte, vielleicht sogar intendiert, genau das: Seine Behauptung, das Video könnte ein Ablenkungsmanöver sein, lenkte für einen Tag von Rechtsextremen und Hetzjagden in Chemnitz ab, da alle nun damit beschäftigt waren, die Echtheit eines Videos zu belegen, dessen Glaubwürdigkeit vorher keiner in Frage gestellt hatte.

Die vielleicht zweitschönste Pointe war, dass es Reichelt hierbei übrigens nun sehr wichtig war, zu betonen, dass Maaßen in „Bild“ nie das Wort „Fälschung“ benutzt hätte, wie die „Tagesschau“ titelte, sondern lediglich „gezielte Falschinformation“.

Bitte also keine gezielte Falschinformation über die angebliche Fälschung, die eigentlich nur eine gezielte Falschinformation war, liebe „Tagesschau“!

Nach der schönsten Pointe fragen Sie? Nachdem die „Tagesschau“, etliche Zeugen, halb Twitter, das Opfer selbst, Lars Wienand, meine Katze und sogar n-tv („Video doch kein Fake“) die vergangenen zwei Tage damit verbracht haben, die Echtheit des Videos zu belegen, erfahren wir aus der „Bild am Sonntag“, dass laut Maaßen niemand, wirklich niemand die Authentizität des Videos belegen könne. „Die sächsische Polizei, die Bundespolizei und der Verfassungsschutz hätten laut Maaßen ebenfalls keine Hinweise auf Hetzjagden. Niemand könne demnach die Authentizität des Videos bestätigen.“ Niemand.

Ist auch schwer. Vielleicht sollte Julian Reichelt mal auf Twitter fragen. Wer kann helfen?

Reichelt und Maaßen agieren hier als Scheiben einwerfende Beschwörungstheoretiker, die Verunsicherung heraufbeschwören, um sie dann heroisch skandalisieren zu können, genau wie es die „Bild“-Werbekampagne macht. Sie dominieren die Konversation mit einer deliranten, gefährlichen, weil antidemokratischen Wirklichkeitsbeschreibung, in welcher Rechtsextreme und rechte Chaoten nicht als Täter und Verursacher der Unsicherheit behandelt werden, sondern böse andere Kräfte – die Regierung!, die Medienvertreter!, die Opfer! (die ja dann also so etwas wie Crisis Actors sein müssten) – welche das braune Sicherheitsproblem in ein schlechtes Licht rücken wollen.

Sie platzieren die fiktive Erzählung einer vereinfachten und verfälschten Realität, die exemplarisch angeblich belegen soll: Chaos wird tendenziell eher von Nicht-Rechten verursacht.

Und unabhängig davon, dass wir uns schon längst nicht mehr über das eigentliche Problem empören, über das wir uns empören sollten – Menschen. Werden. Aufgrund. Ihres. Aussehens. Von. Anderen. Menschen. Auf. Offener. Straße. Verfolgt – haben wir nun eine Situation, in welcher der Präsident des Verfassungsschutzes der Regierung und den Medien unterstellt, mit Hilfe eines viralen Videos gezielt die Bevölkerung hinter Licht führen zu wollen.

Wir wohnen einem Moment bei, in dem ein Presseorgan und der Verfassungsschutz demagogische Methoden anwenden. Ihr publizistischer Vandalismus gibt den politischen Aussagen eine plastische und bedrohliche Dimension, die ins Realpolitische hinein zündelt und die Zivilgesellschaft willentlich destabilisiert. Alle Scheiben sind hiermit inzwischen eingeschlagen und die Steinewerfer geben dem Haus die Schuld für die steigende Kriminalität im Viertel.

18 Kommentare

  1. Ich war auf einen gestalterischen Werbetrick der „Bild“-Zeitung reingefallen.

    Ihr habe die Anführungszeichen falsch gesetzt, die gehören in dem Fall um Zeitung.

  2. Diese Kolumne stört mich nicht.
    Ich zahle weiterhin monatlich 3,99 € an Steady.
    Wie viel davon bekommt Samira El Quassil ?

  3. Das finde ich interesant, wie unterschiedlich Wahrnehmung sein kann. Ich wäre auf diesen Layout-Trick der Werbeleute vermutlich auch hereingefallen, aber ich hätte das nicht mit Unsicherheit in Zusammenhang gebracht.

    Ich hätte es für Vandalismus gehalten, der die „Bild“ treffen sollte, tatsächlich aber den Eigentümer der Werbesäulen getroffen hat. Ich finde Vandalismus traurig, und in vielen Fällen werden durch Vandalismus Dinge tatsächlich beschädigt oder sogar zerstört, aber ich fühle mich wegen Vandalismus nicht weniger sicher.

    Basiert die Broken-Windows-Theorie nicht auf erfundenen Daten von Diederik Stapel? Dieser Professor hatte doch vorgegeben, einen Streik der Müllabfuhr ausgenutzt zu haben, um festzustellen, daß Menschen in einer vermüllten Umgebung sich eher diskriminierend verhalten als in einer sauberen Umgebung. Später hatte sich dann herausgestellt, daß nicht nur diese Untersuchung, sondern auch zahlreiche andere Feldexperimente, mit denen er Aufmerksamkeit in Fachzeitschriften erlangte, von ihm völlig frei erfunden worden waren.

    Ich hätte allerdings die Großbuchstaben „UN“ auf dem rechten Plaket nicht aus Vorsilbe für das Wort „sicher“ gesehen, dazu verdecken sie den Anfangsbuchstaben „s“ viel zu sehr. Bei den Großbuchstaben „UN“ assiziiere ich: „Vereinte Nationen. Die Welt muß zusammenhalten. Jeder Mensch hat die gleichen Menschenrechte“.

    Aufgrund dieser Gedanken würde ich den Werbespruch dann so ergänzen: „Deutschland ist sicher, Syrien ist es nicht. Deshalb müssen wir Flüchtlinge aufnehmen, ihre Kriegstraumata behandeln, ihnen eine verlässliche Zukunftsperspektive bieten“. Das alles lese ich in den (vermeintlich) aufgesprühten Großbuchstaben „UN“.

    Aber vermutlich hat der potentielle Kunde, den die Werbeleute mit diesen Graphiken ansprechen wollen, ganz andere Gedankengänge.

  4. Ach, Heinz. None of your business.
    Old an busted: beleidigte Abokündigungsankündigung
    New and hot: beiläufig droppen dass man ein Abo hat, was man kündigen könnte.

  5. Ach, Schnellinger.
    Jeder, der ein Abo hat, kann es auch wieder kündigen.
    Ich beabsichtige nicht, mein Abo wegen Frau El Quassil zu kündigen.
    Ich würde aber ihretwegen nicht zum Abonnenten.
    Jedenfalls nicht nach dieser ersten Kolumne.

  6. Erstmal ein herzliches Willkommen, Frau El Ouassil! Schöner Beitrag, kann ich so unterschreiben.

    Auch wenn ich mich als fachfremdes Dummerchen outen sollte: „Zeitungswissenschaftlerin“ ist nicht ernst gemeint, oder?

  7. Wen es interessiert – zur Broken-Windows-Theorie:

    In einer Gasse in der Nähe einer Groninger Einkaufsstraße hatten die Forscher geparkte Fahrräder mit Werbeflyern versehen und beobachtet, wie viele der Zettel auf dem Boden landeten. Mal waren die umliegenden Hauswände sauber, mal mit einfachen Graffiti beschmiert. Waren die Wände sauber, warf nur jeder dritte Radfahrer den Zettel auf die Straße. Waren Graffiti vorhanden, waren es mit 69 Prozent schon mehr als doppelt so viele. In einem zweiten Experiment konnten Keizer und Kollegen nachweisen, dass Graffiti und Müll in der Umgebung Passanten eher dazu verleiten, zu stehlen. Vom Diebstahl eines kleineren Geldbetrags, in diesem Fall eines Briefumschlags mit Geld, zu Kapitalverbrechen wie Mord ist es sicher ein weiter Weg. Dennoch gilt die im Fachmagazin Science veröffentlichte Studie bis heute als bester empirischer Beleg für die Broken-Windows-Theorie.

    Fazit eines weiteren Feldveruchs:

    „Ob die Gegend verwahrlost ist oder nicht: Die Zahl derer, die den 100-Euro-Brief stehlen, verändert sich nicht.“ Die Beobachtungen der Wissenschaftler legen also nahe, dass zerbrochene Fensterscheiben oder das Herumliegen von Müll zwar weitere, kleinere Regelverstöße provozieren können, aber nicht zwangsläufig zu kriminellen Handlungen wie Diebstahl, Raub oder Mord führen. Eine Abwärtsspirale, wie in der Broken-Windows-Theorie prognostiziert, lasse sich daher wissenschaftlich nicht belegen, so der Forscher der Universität Mannheim. Das Verhalten der Passanten habe sich vor allem in den Vierteln zum Schlechteren verändert, an denen man es per se nicht erwartet hätte. „Vor allem Bürger, die in sozial gehobenen Stadtvierteln leben, verändern bei äußeren Reizen wie Vermüllung oder anderen Anzeichen eines Verfalls, ihr Verhalten.

    Entnommen dieser Seite.

    Ob die Studien, die der Ursprungstheorie zugrunde liegen, gefälscht wurden, habe ich aber auf die Schnelle auch nicht herausgefunden.

  8. @ 7 Schnellinger
    In Ihrer Würdigung zu Nummer 5 haben Sie leider versäumt, dass Wortspiel mit dem Namen der Autorin zu loben, wobei Herr Heinz Schnabel das dann natürlich in der Antwort nochmals bemühen muss.
    Also:
    Wir haben das mitbekommen, so wegen Qasseln und so. Wassen Brüller.
    Verballhornungen des Namens sind natürlich immer ein vielversprechender Weg zum Erfolg, wenn es darum geht, das Niveau zu senken.
    Ich persönlich hätte statt des Schenkelklopfers gewünscht dass Herr Schnabel denselben einfach mal hält.

  9. Auch die Autorin kann sich eines Wortspiels rühmen:
    Es muss ein Rock durch Deutschland gehen.
    Laut Wikipedia war das 2009, nicht 2013, als sie zur Kanzlerkandidatin der Partei DIE PARTEI gekürt wurde.
    Die Wikipedia bietet auch eine andere, jedoch falsche Schreibweise: Samira El Quassil.
    Es scheinen also auch andere ihren Namen zu entstellen.
    Leider weiß ich nicht, was man aus JUB 68 machen könnte.
    Nun hält Herr Schnabel seinen Schnabel.

  10. @10

    Zeitungswissenschaft(ler) gibt es wirklich.

    @5

    Meine Erfahrung aus der Dienstleistungsbranche (unabhängig davon, ob das Anliegen berechtigt ist oder nicht) :

    Wer kündigen will kündigt.

    Wer zum Anwalt gehen will geht zum Anwalt.

    Die anderen drohen ohne etwas zu machen.

    P.S.: Frau El Ouassil bekommt den gesamten Beitrag von Ihnen. Danke. :)

  11. Der Verweis auf die „Broken-Window-Theorie“ ist ja bloß ein Aufhänger und soll als Metapher dienen. Denn die BLÖD stellt im aktuellen Geschehen höchstselbst die kaputte Scheibe in ein gesundes Viertel. Um dann über den unausweichlichen (lt. BLÖD-Meinung) Niedergang zu schreiben. Das schöne ist aber, dass diese Plakate nächsten Monat wieder weg sind.
    Die BLÖD aber leider nicht.

  12. „Bild lügt“ haben diese langatmige Seitenhiebsammlung mit Hang zur Metaebenenherbeileitung schon vor Jahrzehnten in zwei kurze Worte zusammengefasst, wenn auch ganz ohne Möchtegernkalauer. Ganz große Kanone – oder ist das schon Satire?

  13. Danke für diese tolle Kolumne, Frau El Ouassil.
    Ich freue mich schon auf weitere von Ihnen.

    @Broken window theory: meines Wissens ist die schon wesentlich älter, wurde in den 80ern in den USA publiziert und aggressiv im New York der 90er Jahre ‚angewendet‘ im Sinne einer Noll-Toleranz-Politik.

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