Schöner Flanieren mit Geistes­wissenschaftlern

Eins der wahrscheinlich wichtigsten Kriterien bei der Frage, ob man ein Magazin mag oder es sogar zu „seinem“ Magazin macht, also dem, das man regelmäßig liest, ist die zunächst subjektive Einschätzung, es wäre „gut geschrieben“. Heute ist eine gute Gelegenheit, zumindest grob zu beleuchten was das eigentlich ist.

Der Anlass ist das Magazin „Avenue – Wissenskultur“, ein offenbar dreimal im Jahr erscheinendes Magazin eines „Vereins zur Beförderung der Geistes- und Sozialwissenschaften im öffentlichen Raum“. Wer bei dem Namen Angst davor bekommt, wie die Texte in „Avenue“ geschrieben sind, liegt damit leider nicht total falsch. Andererseits geht es um Geistes- und Sozialwissenschaften, und es wäre wahrscheinlich unmenschlich zu verlangen, sie sollten nicht so klingen.

Es gibt verschiedene Kategorien des professionellen Schreibens jenseits der belletristischen Literatur, und sie alle folgen in ihrer Form ihrer Funktion. Journalistisches Schreiben soll im Kern das Beschriebene für den Leser erlebbar machen, also assoziativ, lebendig und konkret sein. Es gibt Arten des Schreibens, für die das Gegenteil gilt. Gesetze zum Beispiel sollen gerade nicht konkret sein, weil eine potenziell unendlich große Zahl von Fällen unter ihnen subsumierbar sein muss. „Wer einen Menschen tötet … wird mit Gefängnis bestraft“ ist nicht sonderlich lebendig, aber sehr sinnvoll formuliert. Es beschreibt alle Fälle von Totschlag. Als Journalist beschreibt man hoffentlich den einen, konkreten Fall, der gleichzeitig möglichst viel über die Welt erzählt.

„Avenue“ beschreibt seine Fälle – die aktuelle Ausgabe hat als Thema „Junge Männer“ – aus der Sicht des Wissenschaftlers, mit dem Abstand des unbeteiligten, sachlichen Beobachters. Das ist, ganz nebenbei, der vielleicht beste Beleg für die unter anderem von mir vertretene Auffassung, dass es so etwas wie objektiven Journalismus nicht gibt, weil Journalisten erstens Nähe zu den Subjekten ihrer Berichterstattung brauchen und zweitens schon durch die Auswahl ihrer Themen und Blickwinkel Standpunkte einnehmen, abgesehen davon, dass sie sich im Widerspruch zu dem entweder phänomenal missverstandenen oder schlicht falschen Satz von Hajo Friedrichs, Journalisten machten „sich nicht mit einer Sache gemein, auch nicht mit einer guten“ schon mit der Sache der Pressefreiheit, der Demokratie, der Aufklärung und einigen anderen Dingen gemein gemacht haben.

Ganz grob gesagt löst gutes journalistisches Schreiben im Kopf des Lesers einen sehr konkreten, lebendigen, fesselnden Film aus. So wie ein guter Roman. Tatsächlich unterscheiden journalistisches und belletristisches Schreiben im Prinzip vor allem das Rohmaterial (Fakten), der Ethos (alle relevanten Fakten müssen fair präsentiert sein) und die Länge, in diesem Fall eher Kürze der Stücke.1 Und jetzt kommen wir zu „Avenue“.

Der Bildungsroman der ersten Stunde entwirft eine Männlichkeit, die durch Prüfungen und Bewährungen zur Vollendung gelangt – wenigstens theoretisch. Da diese heroische Männlichkeit schon bald nicht mehr zum prosaischen Leben in der Moderne passt, weicht sie Maskulinitäten, die sich gelegentlich im modernen Leben ohne Zielvorgabe verirren. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lässt der Roman dann jede Konzeption von Männlichkeit kollabieren.

Das ist der völlig willkürlich herausgesuchte Anfang einer Geschichte des Heftes, unter der Überschrift „Die Männlichkeit des Bildungsromans“, was minimal unfair ist, weil die meisten Themen sich eher Hands-on mit jungen Männern und ihren Problemen befassen.2 Wir können uns wahrscheinlich darauf einigen, dass niemals eine lebendige Schilderung vorliegt, wenn etwas „zur Vollendung gelangt“, genauso wenig wie wenn etwas „zur Durchführung kommt“.

Was nicht heißt, dass die Geschichte nicht spannend ist, wenn man sich für Kulturgeschichte interessiert. Beim ersten Eindruck passen der Ton des Textes und die Aufmachung als Geschichte in einem Magazin, das schon in seinem Namen „Avenue“ etwas flaneurhaft Populäres ausstrahlt, aber dann greift ein Mechanismus, den ich ehrlicherweise erst verstanden habe, nachdem ich im Impressum die Bedienungsanleitung gelesen hatte: Neben dem Text sind – teilweise mit direktem Verweis auf Textstellen – Kommentare abgedruckt, die in eine Diskussion ausarten.

Das funktioniert folgendermaßen: Die Texte in „Avenue“ werden zunächst online veröffentlicht, und erst später, gemeinsam mit den spannendsten Kommentaren, in das Heft gedruckt. In diesem Zusammenhang ist das genial. Wenn man voraussetzt, dass Leser eines Heftes, das versucht, auf elegante Art die Geistes- und Sozialwissenschaften im öffentlichen Raum populärer zu machen, zumindest ein bisschen Interesse an Geistes- und Sozialwissenschaften haben, dann wahrscheinlich auch an den entsprechenden Diskussionen.3

Insgesamt ist das ein extrem sinnvoller Dreiklang: Erst der Text, dann die im Netz noch ausufernde, potenziell unendliche Diskussion und dann die kuratierte, komprimierte Form als angenehm gestaltetes Magazin. Es heißt, Design wäre der erste Ausdruck menschlicher Intention, und hier spürt man die Gedanken und die Lust, die in das Produkt geflossen sind.

Das gilt im übrigen auch, wenn nicht vor allem, für die Themenbreite und Vielfalt. Es gibt fünf Bereiche: Da wird jungmännliche Sexualität beleuchtet, die Pubertät mit ihren Initiationsriten, die Frage der Aggression, die Entwicklung junger Männer in Bezug auf ihre Herkunft und der männliche Heldendrang, der sich in der Lust am Kampf ausdrückt. Alles jeweils an einer Vielzahl von Geschichten, die in ihrer Länge gut gemischt sind, also im Rhythmus von lang und und kurz, und auch in dem, was sie bei „Avenue“ die „Anforderung“ nennen: Über jeder Geschichte ist auf einer Fünf-Punkte-Skala angegeben, wie anspruchsvoll das jetzt wird, was da kommt, und wie lange man für das Lesen braucht. Mich nervt das, weil ich nicht vor dem Lesen wissen möchte, dass es jetzt anstrengend wird, aber das ist eine Privatmeinung, ich kann mir gut vorstellen, dass für andere Leser das Gegenteil gilt, und es ist ein Gimmick, das schon wieder auf Sorgfalt schließen lässt. Es fühlt sich an wie mit Liebe gekocht.

Man darf in diesem Fall nicht erwarten, dass es ein handwerklich perfektes Heft ist. Es sind aus rein magazinmacherischer Sicht Fehler drin, auch eher grobe. Da ist zum Beispiel die kleine Zeile unter der Headline, die von dem Grafiker eindeutig als Autorenzeile gemeint ist, aber nur manchmal so benutzt wird. Die Texter benutzen sie auch manchmal wie eine Dachzeile, und dann steht da „Interview mit XXX“ und der Autor nirgends. In einem Fall ist der Vorspann wörtlich auch der erste Absatz. Und ich habe auch mit Suchen nicht zweifelsfrei feststellen können, wer die schöne, wilde Fotostrecke über junge Männer produziert hat, die sich durchs gesamte Heft zieht.

Aber das ist alles lässlich im Vergleich zu dem, was die Macher hier hinlegen. Der größte Fehler, wenn man ihn so nennen mag, ist aus meiner Sicht der Name, der viel Lifestyle ausstrahlt und null Sozial- und Geisteswissenschaften, aber ich habe an dieser Stelle schon mehrfach erwähnt, wie egal meiner Meinung nach Namen sind. Das passt schon alles. Insgesamt ist „Avenue“ ein Heft, das ganz offensichtlich versucht, es seinen Lesern so einfach zu machen wie möglich, aber auch keinen Deut einfacher. Und das kann man ein bisschen anstrengend finden, aber es wäre so, als fände man Sport anstrengend: Es wäre der falsche Maßstab, denn genau darum geht es ja.

Avenue

Avenue
Verein zur Beförderung der Geistes- und Sozialwissenschaften im öffentlichen Raum
9,80 Euro

Ein Kommentar

  1. Liest sich sehr interessant und die Idee mit den ausgewählten Kommentaren klingt genial. Da ist die Motivation des Kommentierenden doch gleich zehnmal so stark, wirklich substantiell was beizutragen, wenn man statt ein paar Daumen im Nirwana des Internets doch tatsächlich in so ein Heft gehoben wird. Bin begeistert!

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