Wenn sie sich an Regeln hielten, wär’s ja kein Punk

Okay, das ist eine Sensation: In dieser Woche rezensiere ich zum ersten Mal ein Magazin, in dem – unter vielem anderen – Magazine rezensiert werden. Wie meta ist das? Ich würde jetzt eigentlich gern die Magazinrezension als solche rezensieren, aber sie ist eher kurz. Es geht um Ausgabe 30 von „Kochen ohne Knochen“1. Sie beginnt mit einer großartigen Wendung:

Dem Trend, über Veganismus völlig entpolitisiert und sich nur um Nahrung drehend zu berichten, folgt auch die aktuelle KoK nicht.

Hat einer das „nicht“ am Ende des Satzes vorhergesehen? Okay, ich hatte es gespoilert, aber trotzdem großartig, oder nicht? Ich bin mir nicht sicher, ob es Absicht ist, denn die Autorin scheint grundsätzlich ein bisschen zu schreiben wie Yoda kurz nach dem Aufwachen.

Ein Interview mit Sebastian Copien, welcher zusammen mit anderen das „Plant Based Institute“ gründete, in welchem Wissen um vegane Küche durch Ausbildungen für Gastronom*innen weitergegeben werden soll, ist die Titelstory dieser Ausgabe.

Und das hat Folgen, besonders, wenn man sich für das Thema interessiert, aber regelmäßig vergisst, dass man es tut:

[…] was die KoK immer wieder bei mir schafft, ist mein politisches Interesse an dem Thema in meinen eigenen Interessenfokus zu rücken.

Womit ein paar Dinge schonmal feststehen, bevor ich überhaupt erzählt habe, was für in Magazin ich diese Woche besprechen möchte: Es wird politisch korrekt gegendert, politisch radikal gegessen und sehr subjektiv geschrieben, was alles interessant ist. Aber das Magazin „Trust – Punk/Hardcore/Underground“ hat noch ein paar Regeln mehr. Sie werden beim Kalender mit den Tourdaten formuliert:

Hier beim Trust gibt es nur eine Regel: was dem/der am Heft beteiligten Schreiber/in gefällt, ist ausschlaggebend und hat gute Chancen reinzukommen. Nur die Terminredaktion soll fast alles nehmen, was reinkommt. Nach einem Vierteljahrhundert hat die die Schnauze voll, somit wird in Zukunft nur noch radikal subjektiv ausgewählt, nur noch Bands/Konzerte wo die Terminredaktion auch selbst hingehen würde oder der Meinung ist, das muss ins Heft. TRUST is TASTE!

Man kann sich ein bisschen darin verheddern, wenn man sich fragt, ob das alles korrektes Deutsch ist, oder warum in zwei aufeinanderfolgenden Sätzen das Verb „reinkommen“ radikal die Bedeutung ändert. Der warum in diesem Heft auf so unterschiedliche Arten gegendert wird. Oder wer der Terminredaktion eigentlich sagt, was sie soll, und ob das hier ein Aufstand der Terminredaktion gegen den Rest der Redaktion ist, gegen die Leser oder irgendeine böse Macht, die in der Systempresse die Termine diktiert. Aber das ist alles ziemlich egal, denn es ist Punk, und was könnte mehr Punk sein als ein Punk-Magazin, das sich nicht an Regeln hält, während es Regeln erklärt? Authentischer geht nicht.

Was auf der anderen Seite bedeutet, dass die Gestaltung des Heftes das Lesen so schwer macht wie möglich. So etwas wie ein Korrektorat2 existiert offensichtlich nicht, und die vollkommene Missachtung von Regeln führt zu bizarren Sätzen, zum Beispiel der absolut nutzlosesten Frage und Antwort in einem Interview in der Geschichte des Printjournalismus.

Die interviewte Band heißt Hank Wood & The Hammerheads, und es beginnt mit der Frage:

„Klärt uns mal über eure Basics auf. Wie alt seid ihr? Wann habt ihr euch gegründet? Und in welchen Bands macht ihr ansonsten noch Krach?“

Die Antworten sind hintereinander gereiht, ohne dass die Antwortenden irgendwie gekennzeichnet werden, was hier noch kein Problem ist.

„Mein Name ist Forest, ich bin 25 […].“
„Ich bin Henry, 32, und ich singe […].“
„Mein Name ist Kevin, 32 […].“
„Ich bin Maxwell […].“
„Ich bin Logan Montana […].“

Dann kommt die nächste Frage.

„Mal ganz blöd gefragt. Wer ist Hank Wood?“

Und dann kommt die beste sinnlose Antwort aller Zeiten.

„Ich.“

Mehr nicht. Irgendjemand sagt „ich“, und wir erfahren nicht, wer. Wir erfahren auch den Rest des Interviews lang nie, wer gerade antwortet, aber bei allen anderen Fragen ist es ein bisschen Wurst, weil da über die Band geredet wird und über das Album und es wirklich egal ist, wer da was sagt. Abgesehen vielleicht von dem in „Trust“ ohnehin relativ großzügig verteilten Selbstlob in Fragen wie dieser:

„Laßt3 uns mal kurz über euer neues, selbstbetiteltes4 Album reden, das ich wieder absolut absolut großartig empfinde, mir kommt es etwas Garage-Rock’n’Roll-lastiger vor. More Garage-Punk – Less Hardcore, aber ansonsten scheint es eine logische Weiterentwicklung eurer bisherigen Werke zu sein. Wie würdet ihr euer neuestes Album selbst umschreiben?“

Dass die Antwort darauf tatsächlich abgedruckt ist, deutet auf einen entweder sehr von sich eingenommenen oder sehr selbstkritischen Fragesteller hin. Sie lautet:

„Das ist eine gute Beschreibung. Du hast es auf den Kopf getroffen.“

Wie gesagt, das könnte selbstkritisch gemeint sein, denn immerhin macht es deutlich, dass der Fragesteller sich auf die Frage hätte beschränken sollen: Wie würdet ihr euer neues Album beschreiben? Denn in der Regel redet man mit Künstlern, damit sie ihr Werk erklären, nicht um es ihnen zu erklären.

„Trust“ leidet ein bisschen darunter, dass die Schreiber sich und ihre Meinung sehr, sehr ernst nehmen. Da ist die Vorstellung eines Buches mit Texten eines (inzwischen verstorbenen) Musikkritikers, die damit beginnt, dass es zu wenig „wirkliche“5 Musikkritiker gibt, und ich habe ehrlich gesagt Probleme mit einem Heft voller Musikkritiker, die finden, es gäbe zu wenig „wirkliche“ Musikkritiker, weil es klingt, als fänden sie: zu wenige wie sie.

Das ist anstrengend. Und das ist, was bei mir am Ende vor allem von „Trust“ hängenbleibt: Es strengt mich an. Schon die ersten Worte des Heftes, das mit sechs eng bedruckten Textseiten mit „Kolumnen“ in kleiner, schlecht lesbarer Schrift beginnt, sind:

Warum bedeutet „Weiterentwicklung“ bei Bands (oder auch anderen Projekten) eigentlich fast immer, das die Band (oder das Projekt) scheiße wird und damit aber mehr Geld verdient wird? Oder anders, warum kann eine Band nicht mal sich so weiterentwickeln das sie bessere Musik macht als am Anfang und/oder ihr Scheiß-Label verlässt, das Management in die Tonne tritt, die Sponsoren knickt, auf ihren Musikvermarkter kackt und sich inhaltlich weiterentwickelt? Schon klar, weil hier in dieser Gesellschaft nur zählt was Geld bringt.

Es geht noch eine ganze Seite so weiter, und das zeigt ziemlich gut, was man kriegt, wenn man sich in 30 Jahren, die man ein Magazin macht, nicht weiterentwickelt. Auf mich wirkt das pubertär, was negativer klingt als ich es meine, das soll jeder halten, wie er will, aber mich strengt es an.

Um aber nicht negativ zu enden, möchte ich auf eine zauberhafte Aktion hinweisen, die „Trust“ bewirbt. Es gibt offenbar einen Menschen, der Gee Vaucher heißt und in einem Buchprojekt für jeden Toten des ersten Weltkriegs ein Strichmenschchen6 abbilden möchte. Es fehlen im Moment noch „ein paar Millionen“ zu den angepeilten 20. Wer also Lust hat, soll bitte möglichst viele7 etwa ein Zentimeter große Strichmenschchen in schwarz auf ein weißes Din-A-4-Blatt zeichnen, die Blätter einscannen mit mindestens 300 dpi und bis zum 30. September mailen an exitstencilpress@gmail.com.

Ein Heft, das so etwas unterstützt, kann nicht wirklich schlecht sein. Und 30 Jahre lang ein Heft machen ist schon für sich eine gigantische Leistung. Und ich bin einigermaßen sicher, dass das, was ich an „Trust“ furchtbar finde, genau die richtige Art von furchtbar ist für viele der Leser.

Trust
Trust Verlag
3 Euro

2 Kommentare

  1. Ha, lange drauf gewartet, aber eeeeendlich wieder was zu Meckern bei den Fußnoten: Fußnote 7 ist leer! Oder Aufmerksamkeitstest? Egal, erster! *freu*

  2. Der warum in diesem Heft auf so unterschiedliche Arten gegendert wird.

    Da fehlt wohl ein „O“?

    Aber wieder ein herrlicher Kiosk, genau so, wie er sein soll! Vielen Dank!

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