Ein Ententest für ARD und ZDF

von links nach rechts: Mathias Döpfner (BDZV), Reiner Haseloff (Sachsen-Anhalt), Malu Dreyer (Rheinland-Pfalz), Ulrich Wilhelm (ARD), Thomas Bellut (ZDF), Stefan Raue (Deutschlandradio)Screenshot: Phoenix

Die Pressekonferenz hatte etwas Esoterisches. Vertreter der öffentlich-rechtlichen Sender, der Bundesländer und der Zeitungsverleger saßen gestern gemeinsam auf dem Podium, waren glücklich und froh und konnten gar nicht glauben, dass sie hier gemeinsam saßen und glücklich und froh waren. Nach so vielen Jahren des erbitterten Streits!

Sie hatten etwas gefunden, durch das sich der ewige Streit über den sogenannten Telemedien-Auftrag für ARD und ZDF plötzlich in Harmonie auflösen ließ. Es war: ein Geist.

Vor allem Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer und Präsident des Deutschen Zeitungsverlegerverbandes BDZV, beschwor ihn mehrfach: den „Geist der Verhandlungen“, den er gelegentlich auch „Spirit“ nannte. „Der Geist ist: Konzentriere dich auf deine wirkliche Stärke; wuchere mit deinen eigenen Pfunden.“ Ein Geist also, der aus irgendeinem beliebigen Lebenshilfe-Büchlein stammen könnte (natürlich nur aus denen, in denen es nicht stattdessen heißt: „Gehe über deine Grenzen und wage dich an neue Ufer!“).

Dieser Geist ermöglicht es nun, dass die Verlage endlich die öffentlich-rechtlichen Sender nicht mehr übel als nordkoreanischen Staatsfunk beschimpfen und verklagen müssen, weil die sie angeblich mit ihren textlastigen Online-Angeboten umbringen. Er ermöglicht es, die Textmenge der öffentlich-rechtlichen Online-Angebote zu begrenzen, ohne dass man Wörter oder Zeilen zählen muss, wie es die Verlage bisher taten, oder vorgeben, wieviel Prozent Text so eine Seite höchstens umfassen darf.

Prozente oder Wörter festzulegen, das sei „alles unjournalistisch“, räumte Döpfner ein. Aber früher hätten die Verlage keine andere Möglichkeit gehabt, um sich durchzusetzen. Jetzt aber. „Wir sind bereit, auf Quantifizierung zu verzichten, wenn wir Verbindlichkeit bekommen.“

Heißt übersetzt ungefähr: Wenn ARD und ZDF wirklich, wirklich keine Online-Angebote mehr verbreiten, die wirken wie die Online-Angebote der Verlage – „presseähnlich“ nennen sie das –, dann verzichten die Verleger auf Vorgaben, was das konkret überhaupt bedeutet. Auf dem Podium nannten das alle einen Kompromiss, einen historischen gar.

Sie ersetzen das Definieren und Zählen durch einen Ententest. Der klassische Ententest geht so:

Wenn etwas aussieht wie eine Ente, schwimmt wie eine Ente und quakt wie eine Ente, dann ist es wahrscheinlich eine Ente.

Übertragen: Wenn eine Internetseite aussieht wie die Internetseite einer Zeitung, sich anfühlt wie die Internetseite einer Zeitung und funktioniert wie die Internetseite einer Zeitung, ist sie wahrscheinlich presseähnlich.

Die Online-Angebote der öffentlich-rechtlichen Radio- und Fernsehsender müssen sich in Zukunft eindeutig anfühlen wie die Online-Angebote von Radio- oder Fernsehsendern. Döpfner sagte: „Entscheidend ist, dass das Angebot auf den ersten Blick unterscheidbar ist.“ Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer sagte: „Es ist eher unschwer zu erkennen, ob ein Angebot aus einer Richtung kommt oder aus einer anderen.“ Deutschlandradio-Intendant Stefan Raue sagte: „Texte müssen, wo immer möglich, verbunden werden mit Bewegtbild und Audio. Der Nutzer im Netz muss wissen, aus welcher Richtung das Angebot kommt, und muss sich dann entscheiden, welchen Weg er geht.“

Irre, aber weniger irre

Ist das nicht irre? Gut, es ist natürlich deutlich weniger irre als es die früheren Versuche waren, Grenzen zu definieren anhand bestimmter Wortmengen oder gar Prozentangaben im Verhältnis von Text zu Video.

Aber die ganze Idee, dass im Zeitalter von Multimedia und Konvergenz der Online-Auftritt eines Fernsehsenders drastisch anders aussehen muss als der einer Zeitung, ist ein Anachronismus. Für jüngere Generationen ist vermutlich heute schon nicht klar, was ein „Fernsehsender“ im engeren Sinne ist. Sie verbinden die Videos, die sie sehen, und die Texte, die sie lesen, im Zweifel nicht mit einem klobigen Gerät im Wohnzimmer einerseits oder einem Druckerzeugnis aus Papier andereseits. Dass die Verleger sich mit dem überaus analogen Begriff der „Presse“ behelfen müssen, um eine gewisse Textlastigkeit zu beschreiben, ist bezeichnend.

Die öffentlich-rechtlichen Anstalten sollen ihren Schwerpunkt im Netz in Zukunft eindeutig auf Bewegtbild und Ton legen. Sie werden aber auch Texte veröffentlichen dürfen, Manuskripte und Transkripte, Artikel, die sich aus dem Material speisen, das für die Sendungen benötigt wurde. Und sie werden Texte benutzen dürfen, damit ihre Videos überhaupt gefunden werden. Aber sie sollen sich auf Anhieb von den Verlagsangeboten unterscheiden.

Wie presseähnlich ist „Welt“?

Das ist auch deshalb ein Anachronismus, weil die Online-Angebote der Zeitungen längst viel mehr sind als elektronische Versionen von Druckwerken. Und bei kaum einem deutschen Verlag ist das deutlicher als bei dem, den Döpfner leitet. „Bild“ schlägt sich gerade mit den Landesmedienanstalten herum, weil die aufgrund der diversen fernsehähnlichen Formate eine Rundfunklizenz verlangen. Und Welt.de ist der multimediale Auftritt einer Nachrichtenmarke, zu der mehrere Papierzeitungen ebenso gehören wie ein Fernsehsender. Bezeichnend ist, dass die „Welt“ sich seit kurzem nicht mehr „die Welt“ nennt („die“ wie „die Zeitung“), sondern nur noch „Welt“, ohne Artikel, wie der Fernsehsender (vormals WeltN24).

Sollen die Nachrichtenangebote von ARD und ZDF im Netz auch klar unterscheidbar bleiben von solchen multimedialen Verlagsangeboten? Wie? Und warum? Niemand kann privaten Medien-Angeboten im Netz untersagen, immer mehr auch wie ein Fernsehsender aufzutreten und zu wirken. Sie selbst sind immer weniger „presseähnlich“.

Wilhelm sprach bei der Pressekonferenz vom „Gebot der gegenseitigen Rücksichtnahme“, aber die behauptete Gegenseitigkeit ist natürlich Unsinn: Die Verlage müssen selbstverständlich in keiner Weise auf ARD und ZDF Rücksicht nehmen und können so fernsehähnlich werden wie sie wollen. Trotzdem sollen die Online-Angebote von ARD und ZDF in Zukunft nicht mehr verwechselbar sein mit ihnen.

Hauptsache nicht nutzungsäquivalent

Döpfner benutzte mehrfach das Wort von der „Nutzungsäquivalenz“, die es nicht mehr geben dürfe. Die Angebote von ARD und ZDF müssten „einen anderen Zweck“ haben als die der Verlage. „Wir konnten keine Abonnements durchsetzen, weil es das Nutzungsäquivalent gab, das kostenlos war.“ Man konnte, anders gesagt, auf tagesschau.de gehen, um sich – auch in schriftlicher Form – über das Weltgeschehen zu informieren, anstatt auf welt.de. Die Einigung geht also davon aus, dass Leute sich im Internet bewusst entscheiden, ob sie sich von einem Fernsehsender multimedial informieren lassen oder von einer Zeitung.

Interessanterweise wollte ARD-Chef Ulrich Wilhelm die Frage nicht beantworten, ob etwa die „Tagesschau“-App in ihrer heutigen Form den neuen Regeln entspricht. Das müsste dann gegebenenfalls die neue Schlichtungsstelle klären, die für Zweifels- und Streitfälle installiert werden soll, paritätisch besetzt mit Vertretern von Verlagen und Öffentlich-Rechtlichen, plus einem Unparteiischen als Zünglein an der Waage. Die Entscheidungen dieser Schiedsstelle sind dann übrigens nicht bindend, sondern nur Empfehlungen an die ARD-Intendanten.

Es ist trotzdem bemerkenswert, dass auf diesem Weg die Frage, was öffentlich-rechtliche Sender im Netz tun dürfen, dauerhaft abhängig ist von dem, was Verlage ihnen zugestehen wollen. Als repräsentierten sie hier das öffentliche Interesse und nicht kommerzielle Interessen (die natürlich, keine Frage, ihre Grundlage in der grundgesetzlich garantierten Pressefreiheit haben).

Privatsender ignoriert

Interessant ist auch, wer an dem Kompromiss nicht beteiligt ist: die privaten Rundfunkanbieter. Dafür, dass ARD und ZDF weniger auf Text setzen, sollen sie größere Freiheiten im Netz bekommen, etwa bei den Mediatheken. Das kann den Verlagen ziemlich egal sein – den Privatsendern aber nicht.

Müsste man nicht konsequenterweise auch eine Schlichtungsstelle einrichten, mit der RTL oder ProSieben gegen Online-Video-Angebote von ARD und ZDF Einwände erheben können? Vielleicht haben sie, anders als Döpfner, nicht laut genug krakeelt und, anders als die Verlage, ihre eigenen Medien nicht genug in diesem Lobby-Kampf eingesetzt. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass sie einfach, was die Information der Bürger angeht, inzwischen erkennbar fast keine schützenswerte Relevanz mehr haben.

Es ist ein merkwürdiger Kompromiss, der längst überholte mediale Kategorien und Gattungen zu zementieren versucht. Er soll vor allem dadurch funktionieren, dass alle Beteiligten daran glauben, dass er funktioniert.

8 Kommentare

  1. Wie sieht es mit dem guten alten Teletext aus. Fühlt der sich wenigstens noch wie Fernsehen an? Auch der unter ard-text.de?

  2. Nuja, die Gleichstellung der kommerziellen Interessen mit dem öffentlichen Interesse durch Wirtschaftsvertreter und Politikern ist doch längst durch, vgl. Arbeitsplatzerhaltung als Drohkulisse, um so ziemlich alles an Arbeitnehmerrechten abzuschaffen.

  3. „Ententest“ istjetzt sehr missverständlich, wenn es um Journalismus geht.

    „Wenn etwas aussieht wie eine Ente, schwimmt wie eine Ente und quakt wie eine Ente, ist es wahrscheinlich eine Falschmeldung.“

  4. Ich verstehe nicht, warum überhaupt verhandelt wurde und es einen Kompromiss geben musste. Tagesschau-App rechtswidrig, okay, ändern, das wars. Das Druckmittel der Verlage ist mir unklar. Eigentlich könnte es nur ein zeitungs-inhaltliches sein, etwa: wenn es uns nicht mehr gibt, dann fliegt cdu und spd der ganze Laden auseinander. Die sod dürfte auch über die ddvg von dem vertrag profitieren, sitzt an beiden seiten des tisches.

  5. Mir geht das so unendlich auf den Keks! Eine öffentliche-freie Presse sollte sich in allen Kalibern unabhängig äußern können! Darum sollte es gehen, ansonsten können wir das gleich alles verkaufen, an wen auch immer … Und die Verleger und die Privaten sollen nicht so tun, als ob die Journalisten, Autoren etc. sie finanziell unter Druck setzen würden. Vor allem die Besseren unter denen arbeiten für ein Apfel oder ein Ei … manchmal gibt es auch eine Ente … Freier Journalismus sollte grundsätzlich frei sein! Man kann ja fragen, wo man veröffentlichen will?! Warum kümmern sich eigentlich die Funktionäre und Medien-Lobbyisten darum?

    Guter Wettbewerb heißt „gute Geschichten“ zu veröffentlichen! Und da sollten die Autoren auch Einfluss nehmen können! Erst dann werden wir sehen, was da so abläuft! Absolut zweitrangig sollte sein, ob trimedial, dual, gedruckt, im Internet, Radio, Fernsehen oder was weiß ich … die „Botschaft“ ist entscheidend.

    Aber wie es so aussieht, wird das alles wohl nur noch „verwaltet“. Bin echt gespannt, was dabei herauskommt??

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