Über Pop schreiben im Influencer-Zeitalter

Durch einen Zufall wird in der aktuellen Ausgabe von „Spex – Magazin für Popkultur“ das Konzept des Heftes im Editorial erklärt. Oder sagen wir besser: das Selbstverständnis der Redaktion:

„Spex“ lebt von der Qualität und dem Niveau, für das die Zeitschrift steht, für einen extrem hohen inhaltlichen sowie gestalterischen Anspruch, der in der deutschen Musikpresse einzigartig ist. Die Redaktion sieht es als ihre oberste Priorität, dieses Niveau zu halten, denn davon lebt der Titel.

Das war offenbar zunächst für ein internes „Thesenpapier“ der Redaktion bestimmt. Es wirkt ein kleines bisschen arg selbstbewusst, es hinzuschreiben, aber diese Ausgabe ist die letzte des Chefredakteurs Arno Raffeiner, und er gibt es der Redaktion als ein Abschiedskompliment mit. Deshalb wirkt es im Heft nicht so unangenehm wie hier, wo ich es außerhalb des Kontextes zitiere. Und dass sich eine Redaktion intern diese Maßstäbe selbst anlegt, ist zu begrüßen. Begleitet wird das Editorial von einer etwas mehr als passbildgroßen Abbildung eines psychedelischen Musters, das die Bildunterschrift ausweist als „Mysterium in Knete“.

Überhaupt ist die Gestaltung des Magazins so zurückhaltend und schlicht, dass ich nie darauf gekommen wäre, dass der extrem hohe gestalterische Anspruch in der Selbstwahrnehmung gleichberechtigt neben dem inhaltlichen stünde. Optisch wirkt eigentlich alles an „Spex“ darauf ausgerichtet, die vielen langen Texte in den Vordergrund zu spielen. Auf kaum einer Doppelseite ist mehr als ein Bild. „Spex“ strahlt eine Ernsthaftigkeit aus, die sehr eindeutig erwachsen ist und letztlich sogar eher alt als jung, was bis in die Details ausziseliert wird.

Im Heft ist eine Geschichte – oder genauer: der Text eines Vortrages – des Schriftstellers und Kulturtheoretikers Klaus Theweleit zu dem Themenkomplex Sexuelle Befreiung, Pop und der Linie von 1968 zum Heute1. Ich gestehe, dass ich Theweleit vor allem kenne, weil er eines der besten Bücher aller Zeiten über Fußball geschrieben hat2, und vielleicht mache ich mich lächerlich, aber ich glaube, er ist prominent, aber nicht hyperprominent.

Die Redaktion stand also vor einer Reihe von Entscheidungen: Wollen wir einen Text über Sex und 68 im Heft? Das ist ja jetzt kein Thema, über das bisher wenig geschrieben wurde. Hier war die Antwort: Ja, wollen wir (und der Text hier ist klug und interessant, das mal völlig außen vor). Zweitens: Er ist sogar auf dem Cover angekündigt, in einer Reihe von Musikernamen, nach unter anderen Die Nerven, Kylie Minogue und DJ Koze, einfach als „Klaus Theweleit“. Sonst nichts.

Spätestens hier wird dann ein Gedankengang vollständig, der so wohl nur in der Redaktion von „Spex“ gedacht wird, und ich habe Freude in der Größenordnung „Wildes-auf-und-ab-springen-und-dabei-mit-den-Händen-wedeln“, wenn ich es mir vorstelle: Ja, wir wollen eine Geschichte über Sex und 68 im Heft! Ja, wir wollen sie aufs Cover schreiben! Nein, wir schreiben nicht „Sexuelle Befreiung“ in irgendeiner Umschreibung auf den Titel unseres Magazins für Popkultur, sondern den Namen des 76-jährigen Autoren der Geschichte!3

Das ist ganz, ganz groß. Wenn es wirklich eine unendliche Menge an parallelen Universen mit unendlichen Varianten unserer Welt gibt, dann kann ich trotzdem eine Sache garantieren: In keinem dieser Universen hätte ich diese Entscheidung so getroffen. Weil ich nicht einmal auf die Idee gekommen wäre. Nie. Aber es ist natürlich in Wahrheit ganz, ganz groß. Auf eine verquere Art ist das der beste Kommentar zur Popkultur, den ich in diesem Jahr überhaupt wahrgenommen habe.

Vielleicht muss ich das kurz einmal sagen, damit das hier nicht ironisch klingt: Natürlich ist mir bewusst, dass „Spex“ ein quasi legendärer Titel mit einer im Zeitschriftenkontext nun schon langen und bewegten Historie ist, und natürlich bemerke ich auch, dass der Titel – nach dem, was ich sehen kann4 – am Markt kein überragender Erfolg mehr ist, aber gerade das ist ja eine Situation, in der man versucht sein könnte, kommerzieller zu denken. Und egal, wie man es dreht und wendet, das aktuelle „Spex“-Cover ist nicht kommerziell gedacht. Ich mag das. Ich sitze in einem völlig anderen Boot, und ich würde lieber nicht umsteigen wollen, aber ich mag das wirklich, ironiefrei.

Der extreme Anspruch an den Inhalt, also die Texte, führt in jedem Fall zu hohem Ehrgeiz. Ich mag bei Weitem nicht alles im Heft, manches nervt mich sogar, aber ich finde das Schreiben über Musik gehört erstens zum schwierigsten, zweitens wäre es schlimm, wenn ausgerechnet mir alles gefallen würde, denn ich war nie auch nur in der Nähe von cool, und drittens gefallen mir manche Sachen im Gegenzug so gut, dass ich Momente hatte, in denen ich beim Lesen zufrieden hätte sterben können, wenn denn der Moment gekommen wäre. Ich höre gleich mit so einem Zitat auf, weil ich glaube, dass es gut in den weiteren Tag entlässt, und in jedem Fall sicher bin, dass zumindest ich kichernd abgehen werde, aber vorher noch ein Gedanke, der nur halbfertig ist, weil ich ihn gerade nicht fertig bekomme.

Natürlich fragt man sich als Magazinmacher, warum zum Beispiel die Auseinandersetzung mit Pop sich nicht mehr so aufregend anfühlt wie früher. Es hat sicher viele Gründe, einer ist, dass Pop offensichtlich jede Provokation durchhat. Wir sind zu viel gewöhnt. Wer soll noch provoziert werden können, wenn die Generation der sexuellen Befreiung jetzt 76 Jahre alt ist?

Die aktuelle Influencer-Jugendkultur provoziert ja vor allem durch ihre brachiale Kommerzialität und gerade nicht durch Inhalte, sondern durch den Mangel an Inhalten – die Werkhöhe eines Musically-Videos, bei dem man 15 Sekunden lang zu Playback die Lippen bewegt, ist nahe an null, trotzdem kann man damit zum Weltstar mit Millionen-Anhängerschaft werden.

Wenn man Pop noch von „populär“ ableiten will ist das eigentlich das Nonplusultra: absolute Popularität für nichts. Und wenn ich mir aus pädagogischer Sorgfaltspflicht manchmal angucke, was meine Töchter so an Youtube-Videos ansehen, wem sie folgen und warum, dann fällt auf, dass es tatsächlich nie um die wirklich oft unfassbar nichtigen Dinge geht, die da gesagt und getan werden. Es geht ausschließlich um das mit den Stars gemeinsame Sein.

Meine Töchter werden wahrscheinlich im Leben nicht mehr verstehen, warum wir auf den Gedanken kommen konnten, es könnte irgendwie Pop sein, über popkulturelle Werke zu reflektieren. Ein Magazin für Popkultur, das selbst ein Stück dieser Kultur sein will, ist wahrscheinlich heute per Definition alt. Und alt ist nie aufregend.

Aber es kann Spaß machen. Wenn man so etwas liest zum Beispiel, meine Lieblingsstelle aus der aktuellen „Spex“:

In Essen zwischen Karl-Heinzens Pilstheke und dem trüben Aquarium eines Chinarestaurants namens Chinarestaurant Nr. 6 bemerkten Peter Rubel und Pedro Crescenti vor einem Jahr, dass ihren Westerngitarren-Arpeggios etwas der Lärm abging. Also fragten sie Joel Roter, der cool aussah, ob er Schlagzeug spiele. Und ja, Roter spielte kein Schlagzeug und ist seitdem in der Band.

Das rechtfertigt aus meiner Sicht jedes Selbstbewusstsein. Möge die Macht mit euch sein.

Spex
Piranha Media GmbH
5,90 Euro

5 Kommentare

  1. Danke dafür! Als ehemaliger laaaangjähriger Abonnent habe ich jetzt nochmal richtig Lust, mir eine Spex zu kaufen.

  2. Danke für den schönen Text über ein wohl immer noch interessantes Magazin – aber sind Sie sicher, daß für Ihre Tochter das Wort „Pop“ überhaupt noch eine Bedeutung hat?
    Oder anders gesagt: den ganzen Youtube/Spotify/usw.-Quatsch als „Pop“ zu bezeichnen machen doch auch nur noch Menschen über 40…

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