„Focus Online“ hilft beim Einstieg in die Homöopathie

Neulich in der Rubrik „Gesundheit / Ratgeber“ auf den Seiten von „Focus Online“: Eine Journalistin, die an Homöopathie glaubt1, interviewt einen Arzt, der an Homöopathie glaubt und mit dem sie schon gemeinsam Bücher über Homöopathie geschrieben hat, in einem Special, das von einem Hersteller homöopathischer Produkte finanziert wird, zum Thema Homöopathie. Der Arzt hat gerade auf die Frage, ob die Mittel Nebenwirkungen haben, geantwortet: „Es sind keine Nebenwirkungen bekannt“, da unterbricht die „Focus Online“-Redaktion das Gespräch für eine kursiv geschriebene „Anmerkung“:

Homöopathie gilt als nebenwirkungsfrei, weil die Arzneimittel so stark verdünnt sind. Trotzdem können auch sie unbeabsichtigte Nebeneffekte haben. Wer sich im Fall schwerer Krankheiten wie Krebs ausschließlich auf homöopathische Mittel verlässt, nimmt seinen Tod in Kauf.

Mit anderen Worten: Wer homöopathische Mittel für Medizin hält, riskiert es zu sterben. Ja, das ist vielleicht ein nicht ganz zu vernachlässigender „unbeabsichtiger Nebeneffekt“ der Homöopathie oder des Glaubens an ihre Wirkung.

Der Einschub ist bemerkenswert – schon aus Prinzip, aber auch, weil er ein überraschendes Indiz dafür ist, dass selbst bei „Focus Online“, gegen alle Wahrscheinlichkeit, noch Leute mit Restskrupel arbeiten. Die an entscheidender Stelle im kuscheligen Interview ihrer Autorin mit ihrem „Experten“ einen Warnhinweis platzieren – und sei es nur aus juristischen Gründen.

Bemerkenswerter als der Einschub ist aber das Special an sich.

Es beginnt damit, dass es sich „Naturheilkunde“ nennt. Anders als ihre Verfechter gern suggerieren, hat Homöopathie mit Naturheilkunde nichts zu tun. Naturheilkundliche Verfahren sind solche, die auf Mittel aus der Natur zurückgreifen, deren Wirkungen auf den Körper aber nachweisbar und wissenschaftlich erklärbar sind. Das ist bei der Homöopathie nicht der Fall.

Ein einziger Artikel in dem „Naturheilkunde“-Special befasst sich aber tatsächlich mit naturheilkundlichen Verfahren. Unter der Warnung „Naturmedizin ist nicht harmlos“ warnt er davor, dass Heilkräuter fatale Nebenwirkungen haben können. „Pflanzliche Arzneien gelten als sanft und sind daher beliebte Hausmittel“, heißt es im Text. „Doch wo eine Wirkung besteht, gibt es Nebenwirkungen.“ Das stimmt. Interessant wäre es auch, diesen Grundsatz auf die Homöopathie anzuwenden, die ja laut ihrer Verfechter praktisch frei von Nebenwirkungen ist.

In den vergangenen Monaten hat „Focus Online“ in diesem Special sechs Artikel zum Thema Homöopathie veröffentlicht. Alle sind von Sabine Knapp verfasst, die gemeinsam mit Markus Wiesenauer vor zehn Jahren zwei Bücher über „Homöopathie für Schwangerschaft und Babyzeit“ und „Entschlacken mit Homöopathie“ geschrieben hat. Wiesenauer ist auch ihr Interviewpartner in einem der Artikel und ihr einziger Experte in drei anderen, in denen er viele konkrete homoöopathische Mittel empfiehlt: zur „Selbstmedikation bei leichten seelischen Störungen“, „bei Schnupfen, Husten, allgemeiner Schwäche oder Frösteln“ sowie „zwölf Mittel für di…

16 Kommentare

  1. Ich fürchte, Verkäufer von pseudowissenschaftlichem Bullshit werden in drittklassigen Medien immer ein Sprachrohr haben. Das aus deren „jeder-darf-mal-ran“-Prinzip entstandene Sammelsurium haltloser Heilsversprechen ist für unterbezahlte Redakteure unter Zeitdruck einfach eine zu verführerische Alternative zu den rigiden Standards, die das Schreiben über echte Wissenschaft und Medizin formal und juristisch erfordert.

    Und meine Vermutung ist, dass Gegner der Pseudowissenschaft Ihren Unmut tendenziell in genervtes Stöhnen oder vielleicht mal einen Blogartikel kanalisieren, was aus Redaktionssicht natürlich ungleich komfortabler ist, als sich den (mindestens verbalen) Fackeln und Mistgabeln der die-Schulmedizin-hat-den-Krebs-doch-erst-erfunden-Fraktion entgegenstellen zu müssen.

  2. „Rational ist die Methode nicht erklärbar.“

    Klar, es gibt ja auch keine Wirkung die es zu erklären gäbe. ;)
    Aber so klingt’s natürlich besser. Mehr nach „die engstirnige, heutige Wissenschaft ist einfach noch nicht so weit, dass sie die ERSTAUNLICHE Wirkung der Homöopathie erklären könnte“.

    Ansonsten: Schon wunderlich, dieser „Vertrauensverlust der Medien“. Kann mir gar nicht erklären, wo der herkommt.

  3. Markus Wiesenauer und Mirko Berger arbeiten für die DHU.

    Über Mirko Berger und die Methoden der DHU:
    http://www.ariplex.com/ama/ama_amp.htm

    Über Markus Wiesenauer
    http://www.transgallaxys.com/~kanzlerzwo/index.php?board=104.0

    Perverserweise sind ausgerechnet die Skeptiker die größten Unterstützer und Wegbereiter der Homöopathen. Das Beharren auf „Da ist nichts drin“ und „Placebo-Effekt“ verschweigt die übelsten Tricks und Methoden der Homöopathen und macht sie sogar Salon- und Politik-fähig – anstatt sie das das zu bezeichnen, was sie in Wahrheit sind: Täuschungsmanöver, Betrug, Unterwerfung unter sadistische Indoktrinationsmethoden, die Krankheit, Leid, Siechtum und Tod hochstilisieren anstatt sie wirkungsvoll zu bekämpfen.

    „Homöopathie ist nichts anderes als Trickbetrug und organisierte
    Kriminalität und Korruption“
    http://ariplex.com/folia/archives/585.htm

  4. Zitat: „Das Homöopathie-Unternehmen DHU hat sich also für ein bisschen Geld eine Rubrik auf „Focus Online“ gekauft, wo nun neben (sehr klein) als gesponsert gekennzeichneten Artikeln auch andere, nicht gekennzeichnete Texte erscheinen, in denen die behaupteten Vorzüge dieser esoterischen Methode in den Vordergrund gestellt werden.“

    Es ist schon bemerkenswert, wenn Menschen in der Homöopathie nicht nur eine Alternative zur anerkannte Medizin, sondern auch eine Alternative zur Pharmaindustrie und dem dahinterstehenden Lobbyismus sehen, obwohl die Homöopathie-Hersteller selbst ein riesiges Lobbynetzwerk betreiben.
    Anders lässt es sich kaum erklären, dass man für wirkungsloses Zuckerwasser so viel Werbung betreiben kann; das Apotheken es bewerben und Krankenkassen sogar die Kosten dafür übernehmen.

    @5. Aribert Deckers: „Täuschungsmanöver, Betrug, Unterwerfung unter sadistische Indoktrinationsmethoden, die Krankheit, Leid, Siechtum und Tod hochstilisieren anstatt sie wirkungsvoll zu bekämpfen.“

    Mindestens genauso bemerkenswert ist die Fülle an homöophatischen Mittel, die wie Nahrungsergänzungsmittel für jedes Wehwehchen verkauft werden: Mückenstiche, Schürfwunden, Sodbrennen, Heißhunger… letztens wurde beim Teleshopping-Sender HSE24 sogar eine homöophatische Aroma-Sprühkur für die Zimmerpflanzen verkauft. Die Fülle an homöopathischen Mitteln ist gefühlt endlos und soll dem Kunden eigentlich nur beibringen, dass man jeden ungewünschten Gemütszustand mit dem Einnehmen von Pillen beheben könne. Wo das jetzt die Alternative zur herkömmlichen anerkannten Medizin sein soll, ist mir schleierhaft.

  5. Vielen Dank für den Artikel! Homöopathie ist für mich nur ein weiteres Anzeichen dafür, dass sich leider immer mehr Menschen von dem mühsam erkämpften Konsens im Bezug auf Fakten und deren Nachweis entfernen.
    Leider scheint es in allen Bereichen immer mehr Menschen zu geben, die lieber an irgendetwas glauben, als sich an wissenschaftliche Fakten zu halten. Und dabei ist es egal ob es sich um Klimawandel, Medizin oder Politik handelt. Ich hoffe dass diese Phase irgendwann ohne größeren Schaden überstanden ist…

  6. @7: Hey, dieses Wochenende kommt der heilige Geist vom Jesusdude und beglückt seine Jünger nach 50 Tagen symbolischer Menschheits-Abstinenz mit seiner Anwesenheit und alle so: Jo, lass Montag mal lieber frei machen.

    Auf diesem Glauben fußt nach CSU Meinung unsere gesamte Gesellschaft.
    Jagt mir jedes Mal einen Schauer über den Rücken, dass erweachsene Menschen so ’nen Quatsch glauben.

  7. Also Herr Niggemeier, wie können Sie nur von einem Arzt sprechen, der an Homöopathie glaubt?
    Der befragte Sachverständige ist laut dem Waschzettel, der dem Interview vorangestellt wurde ein Facharzt für Allgemeinmedizin und Homöopathie.
    Ein Facharzt glaubt nicht – er weiß.
    Da wäre mal echt spannend, bei welcher Landesärztekammer man mittlerweile seinem Facharzt für Homöopathie ablegen kann, meines Wissens gibt es keine derartige Facharztprüfung.
    Außerdem wäre interessant, ob sich Herr Wiesenauer selbst so bezeichnet oder ob der Focus ihm diese Facharztzulassung verliehen hat.

  8. Nach dem Artikel kann man sich auch denken, warum die Bevölkerung so regelmäßig und ausführlich über die Ereignisse (Schülertheater, Frühjahrsfeste, …) an Waldorfschulen informiert werden.

  9. @anderer Max

    Naja, nur dass wir uns nach der Aufklärung eigentlich darauf geeinigt hatten, dass jeder glauben darf was er will, die Grundlage der Gesellschaft aber Wissenschaft und Fakten sind.
    Ich bin mir sicher, dass auch die meisten Christen das so sehen und nur sehr wenige ernsthaft glauben, dass Jesus übers Wasser laufen konnte und wiederauferstanden ist. Die Christen, die ich kenne, nehmen Jesus eher als so eine Art Vorbild, sich „gut“ zu verhalten (10 Gebote und so). Und da kann man ja jetzt nicht grundsätzlich dagegen sein.
    Die Anzahl an fundamentalen Christen in Deutschland dürfte wohl eher gering sein.

  10. Nachtrag:

    Nur diese ganzen „neuen“ Aberglauben nehmen aus irgendwelchen Gründen zu. Homöopathie, bachblüten, schüssler salze, Osteopathie, dieser ganze anthroposophische Quatsch etc. Und VTs werden ja auch immer populärer (z. B. Klimaleugner). Alles eine eklige Soße…
    Solange die Leute sich damit nur selber schaden würden wäre mir das ja auch noch egal, aber leider gehen ja viele politische Entscheidungen auch in diese Richtung…

  11. @ICHBINICH – #7

    „Homöopathie ist für mich nur ein weiteres Anzeichen dafür, dass sich leider immer mehr Menschen von dem mühsam erkämpften Konsens im Bezug auf Fakten und deren Nachweis entfernen.
    Leider scheint es in allen Bereichen immer mehr Menschen zu geben, die lieber an irgendetwas glauben, als sich an wissenschaftliche Fakten zu halten.“

    Dass dies dieser Tage so ist, hat ganz sicher sehr viele Gründe. Es scheint jedoch ein Stückweit in der menschlichen Natur zu liegen, sich in unsicheren Zeiten (oder solche die als unsicher empfunden werden) deutlicher dem Glauben und Aberglauben zuzuwenden.
    Wenn mich meine Erinnerungen nicht trügen, hatten z.B. die Schriften von Nostradamus immer dann Hochkonjunktur, wenn die Menschen oder gar die ganze Welt vor einem großen Konflikt stand.
    Und ich meine, dass Thomas Mann mit Blick auf seinen Protagonisten Felix Krull mal sinngemäß sagte, dass der Erfolg von Hochstaplern ein Indiz für den Verfall einer Gesellschaft sei.

    Ich persönlich denke ja, dass unsere Gesellschaft im Zuge der Neoliberalisierung seit mehr als zwei Jahren in einer Art Alarmbereitschaft gehalten wird. Egal wie gut die deutsche Wirtschaft auch dastehen mag, stets lauert da irgendwo eine nächste große Krise, die Lohnzurückhaltung und Einschränkung der Arbeitnehmerrechte fordert oder Umbrüche, die mit Massenarbeitslosigkeit einhergehen werden. Teile der Unterschicht haben in dieser Zeit bis zu 20% Einkommensverlust hinnehmen müsen, die Löhne der Mittelschicht stagnieren, der Kündigungsschutz wurde gelockert und das soziale Auffangnetz wurde mit der Agenda 2010 zum Stigma, vor dem man sich fürchten muss.

    Wie gesagt, es mag viele Gründe für den derzeitigen Erfolg von Bauernfängern geben, aber dass das Vertrauen in etablierte Institutionen und in eine sichere Zukunft erschüttert wurde, dürfte auch ein Grund dafür sein, dass die Verlierer dieser Entwicklung nun nach Alternativen suchen.
    Darüber, ob das dumm ist, kann man trefflich streiten, aber losgelöst von Diskussionen über die Ursachen, wird dies bestenfalls zu nichts führen, schlechtestenfalls die oppositionelle Haltung der „Suchenden“ noch weiter bestärken.

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