„Wie im Zoo“: Journalisten reißen sich um NPD-Show

Mehrere Hundert Neonazis haben am Wochenende beim „Schild-und-Schwert-Festival“ im sächsischen Ostritz den Geburtstag von Adolf Hitler gefeiert. Ausgerichtet wurde das Fest, das in der Szene nur „SS“ abgekürzt wird, von der rechtsextremen Partei NPD. Als Veranstalter fungierte Thorsten Heise, der mehrfach vorbestrafte Landesvorsitzende der NPD Thüringen.

Das Festival ist eines der größten seiner Art, und es ist natürlich notwendig, darüber zu berichten, zumal es auch einer der größten Polizeieinsätze Sachsens der vergangenen Jahre war. Außerdem hat die Kleinstadt an der Grenze zu Polen mit einem großen Friedensfest für Weltoffenheit demonstriert, sich also lautstark dagegen gewehrt, von Neonazis vereinnahmt zu werden.

Wie groß das Medieninteresse dann war, vor allem für das Neonazi-Festival, ist dennoch kurios. Es heißt, rund 150 Journalistinnen und Journalisten seien in Ostritz gewesen, von Nachrichtenagenturen, Zeitungen, Radios, Fernsehen. Und viele von ihnen lechzten offenbar danach, einmal Neonazis aus nächster Nähe zu sehen.

Ein „Ansturm“ von Journalisten auf ein Neonazi-Festival

Zugang zum Festival hatten Journalisten natürlich nicht, es gebe da unter den Besuchern „gewisse Vorbehalte“, wird Veranstalter Heise zitiert. Normal: Neonazis hassen Journalisten, und sie wollen sie nicht dabei haben, wenn auf dem Festival (unter Umständen) strafbare Dinge passieren. Beobachter berichten zum Beispiel, es habe „Sieg heil“-Rufe vor den Bühnen gegeben, was die Polizei aber nicht bestätigt. In solchen Fällen ist Öffentlichkeit natürlich schlecht, jedenfalls für Neonazis. In anderen Fällen gewährt man sie allerdings gerne.

Nur einmal, für einige Minuten, durfte der Medientross aufs Festival. Von der Polizei begleitet, wurden die Reporter übers Gelände geführt, damit sie mal gucken und Bilder machen können. Standesgemäß kam es dort auch zu einem Gerangel, bei dem offenbar eine Kamera beschädigt wurde.

Es sei der „erste richtige Ansturm“ auf das Festival gewesen an diesem Tag, schreibt die Sächsische Zeitung (SZ) – ein Ansturm von Journalisten auf ein Neonazi-Festival. „Es hat etwas von einem Zoobesuch“, und die SZ frohlockt: „Wann kommt man mal auf das Gelände eines Nazi-Festivals?“ Dann schnell hin in den Zoo, wo die Reporter „selbstverständlich Nazis“ erblickten, und zwar, wow: „kleine, große, dicke, dünne“. Auch „Zeit Online“ findet, es sei wie im Zoo: „Man sieht alle Spezies von Neonazis“ und ein „breites Grinsen auf vielen Nazigesichtern, als die Journalisten an ihnen vorbeigeführt werden.“

Ohne selbst dabei gewesen zu sein, aber: Wie absurd ist diese Besichtigung? Natürlich baden die Festivalteilnehmer in Genugtuung, wenn die Polizei diese „Lügenpresse“ übers Gelände führt und dann schnell wieder rausschmeißt. Interviews oder dergleichen gab es dort ohnehin nicht. Laut „Zeit Online“ hatte Heise es seinen Kameraden verboten: „Nichts sagen, wir machen morgen erst unsere Pressekonferenz.“ Ein paar haben dann doch gesprochen, etwa in die Kamera von RT Deutsch.  Aber was erwartet man davon überhaupt? Irgendetwas Erhellendes? Aufdecken wird man in solchen Interviews nichts.

Die Pressekonferenz war dann der fragwürdige Höhepunkt der großen medialen Aufmerksamkeit. Heise ruft, seinen weichspülenden Statements zu lauschen, und gut 60, 70 Reporter (!) scharen sich aufgeregt um ihn und seine Getreuen. Als sich die Tore zum Hotel Neißeblick öffnen, dem Austragungsort, „strömen Reporter ohne Sinn und Verstand hinein“, schreibt der „Störungsmelder“, sie „drängeln und schubsen“, mindestens einer brüllt rum.

Dutzende Reporter scharen sich um einen langen Tisch, an dem Vertreter der NPD sitzen.
Auch der MDR berichtet von der NPD-Pressekonferenz Screenshot: MDR

Sie müssen sich gefühlt haben wie bei „Rock am Ring“: Heise hatte einen langen Tisch aufbauen lassen, an dem neben anderen auch der frühere NPD-Vorsitzende Udo Voigt Platz nahm, und dann begann vor dem NPD-Banner mit der Aufschrift „Das Boot ist voll – Asylbetrüger abschieben“ die Heise-Show.

Damit schaffte es der NPD-Mann sogar ins MDR Fernsehen. Zwar ordnet der Off-Text ein, um wen es sich da handelt und dass Heise vorbestraft ist, trotzdem darf er im MDR noch etwas werben: „Wir haben nationale Kämpfer, wir haben Profikämpfer, wir haben Musiker, wir haben Künstler, wir haben Politiker“, sagt Heise in dem Beitrag, „und wir wollten einfach mal eine Veranstaltung machen, die das alles vereint: Sport, Kunst, Politik, Kultur, Musik.“

NPD-Funktionär Heise darf nahezu uneingeordnet reden

Die „Sächsische Zeitung“ schenkt Heise sogar einen ganzen Artikel, geschrieben mit einer bemerkenswerten Distanzlosigkeit: „NPD-Funktionär Heise gibt sich seriös und weltoffen“, steht in der Überschrift, und die Bildunterschrift verrät: „Freut sich über Umsätze und Wetter: NPD-Funktionär Heise (rechts) bei der Pressekonferenz in Ostritz am Samstagnachmittag.“

Und wie der sich freut, wenn er sich nachher im Fernsehen oder in der Zeitung sieht, und auch noch so nett beschrieben: Heise wirke „ruhig und aufgeräumt“, schreibt die SZ, und dass sein Hemd „gut gebügelt“ sei und „mehr nach ‚Business'“ aussehe, also nach Dienst statt nach Freizeit.

Heise darf bei der SZ nahezu uneingeordnet reden, ganze Absätze lang:

„Thorsten Heise gab sich betont bürgerlich, sprach nur von „Nationaler Gesinnung“, will sich nicht mit dem Begriff „Neonazi“ belegen „und über einen Kamm scheren lassen“. Sein Festival sei geprägt von großer Vielfalt; verschiedenste Strömungen des „nationalen“ Spektrums seien vertreten; Leute aus verschiedenen Berufen, mit verschiedenen Vorlieben, Sport, Kultur. Und mit Fremdenfeindlichkeit, betont Heise, habe das ganze auch nichts zu tun.“

Keine Ahnung, ob wir schon so weit sind, dass man auch Neonazis ausreichend Platz für ihre Botschaften einräumen und aufpassen muss, sie nicht in die rechte Ecke zu drängen, aber ich denke: nein.

Man muss sagen: Die SZ hat viel über die Tage in Ostritz berichtet, von vielen Seiten, aber wieso es diesen Artikel gibt, ist ein Rätsel. „Judenfeindliche Parolen an Wände („Juden raus!“) habe er persönlich noch nie gesehen, nur in Medienberichten“, darf Heise am Ende des Berichts noch sagen. Und mit Antisemitismus hätten er und die NPD nichts zu tun, der werde eher von „muslimischen Zuwanderern“ importiert.

Wie gesagt: Dass über das Festival in Ostritz berichtet wird, über die Leute dahinter, ihre Vorstrafen und Absichten, ist wichtig – aber so? Tagelang war von einem „Ausnahmezustand“ die Rede, von „Alarmstufe Rot“, was die Neonazis sicherlich freut, dass sie für so viel Aufsehen sorgen. Und wie doof hätte Heise geguckt, wenn keine Journalistin, kein Journalist zu seiner Pressekonferenz gekommen wäre – statt 60, 70 Reporter, die sich um ihn schlagen.

Korrektur, 30.4.2018. In einer ersten Version hatten wir die NPD als rechtsradikal bezeichnet, tatsächlich aber ist sie rechtsextrem. Wir haben das geändert. Mehr zur Abgrenzung der Begriffe bei der Bundeszentrale für politische Bildung.

4 Kommentare

  1. Die Kritik am Beitrag des MDR finde ich nicht nachvollziehbar, in den knappen fünf Minuten wird zwar der eine Satz von Herrn Heise wiedergegeben, im Kontext des gesamten Beitrages, auch mit den Bildern der Gegendemonstration und dem Statement des lokalen Verteters der Grünen ist das aber doch nicht so, dass der MDR hier Herrn Heise werben lässt. Der gesamte Beitrag stellt sich eher so dar, dass die Aussage des Herrn Heise, es handele sich um ein Fest mit verschiedenen kulturellen und sportlichen Komponenten, dahingehend widerlegt wird, das es sich eben doch nur um ein Treffen der rechtsradikalen Szene handelt.
    Ansonsten sehe ich den Widerspruch in dem Beitrag nicht geklärt. Die Masse der Journalisten missfällt dem Autor, gleichwohl räumt er ein, dass man natürlich über ein derartiges Ereignis berichten muss.
    Wo liegt denn nun die richtige Dosierung?
    Am Ende kreiert er ein fiktives Szenario, in dem man sich vorstellen darf, wie blöd die Neonazis aus der Wäsche geschaut hätten, wenn keine Presse zu ihrer anberaumten Pressekonferenz erschienen wäre.
    Schön wäre es z. B. auch gewesen, wenn die amerikanischen Goldsucher in den Jahren 1874/75 den Black Hills ferngeblieben wären, weil ihnen klar war, dass diese den Lakota gehören.

  2. „…wie blöd die Neonazis aus der Wäsche geschaut hätten, wenn keine Presse zu ihrer anberaumten Pressekonferenz erschienen wäre.“

    Es gibt halt zu viele Stöckchen, über die zu springen lohnt. Die Berichterstatter sind doch in aller Regel auch die, die für „Brisant“ und Co. anderer Leute Arbeit behindern. Hat was mit Geld zu tun. Ganz sicher nichts mit Moral o. Ethik u.a.
    Was sind denn das für Begriffe?
    Ach ja, den MDR gibt es seit heute Nacht auch in HD im Kabel.
    Entzückend…

  3. @JUB68: Stimmt, Heises Statement ist beim MDR eingebettet, und es ist, wie ich ja auch schon schrieb, durch den Off-Text eingeordnet. Ich kann trotzdem nicht ganz verstehen, weshalb man ihn dort überhaupt zu Wort kommen lässt. Heise hat nichts zu sagen, was irgendwie weiterbrächte.

  4. „Wir haben nationale Kämpfer, wir haben Profikämpfer, wir haben Musiker, wir haben Künstler, wir haben Politiker“ … ich komme auf den Satz überhaupt nicht klar, der ist auf so vielen Ebenen so unfassbar dumm.

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