Geschichten, wie sie nur „Wired“ erzählen kann

Es gibt viele Arten, ein Magazin einzustellen. Die aktuell populärste scheint zu sein, zuerst die Erscheinungsfrequenz eines Titels herunterzufahren, sodass er statt zehn- oder zwölfmal im Jahr nur noch vier- oder sechsmal erscheint, und ihn dann nicht mehr zu drucken und das „Digitalstrategie“ zu nennen.

Im Münchner Verlag Condé Nast1 hat man jetzt eine noch kunstvollere Wendung gefunden: die Printausgabe der deutsche „Wired“ wurde vorübergehend eingestellt, oder wie eine Sprecherin des Hauses „Meedia“ gegenüber sagte:

„Da wir aktuell die mehrteilige Marken- und Erlösstrategie von Wired neu aufsetzen, werden zumindest die beiden fürs erste Halbjahr 2018 geplanten Print-Ausgaben nicht erscheinen.“

Der Chefredakteur Nikolaus Röttger hat das Haus verlassen2, und auch sonst deutet nichts darauf hin, dass es noch einmal eine deutsche Print-„Wired“ geben wird, wenn dem Verlag nicht eine Erlösstrategie einfällt, auf die bisher niemand gekommen ist.3

Ich habe die deutsche „Wired“ hier nie besprochen, was ich schade finde, deshalb breche ich heute schon wieder eine meiner inzwischen eh schon wurschten selbsterfundenen Regeln und bespreche die Mutterausgabe aus den USA.

Auf dem Titel ist ein Gemälde eines im Gesicht verwundeten Marc Zuckerberg zu sehen.

„Wired“ war schon das Magazin für digitale Kultur, bevor die meisten Menschen vom Internet auch nur gehört hatten. 1993 wurde es gegründet, 1998 kaufte Condé Nast das Heft, und für ein paar Hyperpuristen war der Spaß damit schon vorbei. Ich habe es irgendwann zu dieser Zeit zum ersten Mal gelesen, und ich war sofort gefangen. Es war ein grandioses, kluges, freches und auf seine Art visionäres Magazin, was selbst damals auffiel, als es noch viel mehr spannende Magazine am Markt gab als heute, wo der wirtschaftliche Druck die kreative Arbeit deutlich schwieriger macht.4

Das Internet war der heiße Scheiß der Gegenwart, und in „Wired“ stand, was das Internet in ein, zwei oder zehn Jahren sein würde. Das traditionelle Papiermagazin war dem Netz voraus! Um Jahre! Selbstverständlich war das nie.

2011 kam dann die deutsche „Wired“ auf den Markt. Das war offensichtlich spät. Condé Nast leistete sich das Risiko, das Heft von einem Chefredakteur entwickeln zu lassen, der praktisch keine Magazinerfahrung hatte und nach einer Ausgabe wieder aufhörte. Das Magazin erschien drei Jahre lang zweimal im Jahr, dann zwei Jahre lang zehnmal, dann zwei Jahre lang viermal, und jetzt dann zumindest im „ersten Halbjahr“ gar nicht mehr. Und so sehr ich die US-Ausgabe liebe, für die ich recht regelmäßig den bizarren Auslandspreis bezahle, so wenig habe ich mir die deutsche Ausgabe angewöhnt.

Rechts ist eine Zuckerberg-Figur zu sehen, die eine Erdkugel schultert, links Text.

Die US-Ausgabe ist inzwischen ein recht anämisches Heft geworden, die März-Ausgabe, die ich am Wochenende noch am Bahnhofskiosk gefunden habe, ist nur 98 Seiten dünn. Das Cover ziert ein im Wortsinn angeschlagener Mark Zuckerberg 5 als Hinweis auf eine Geschichte im Heft, die Facebooks Rolle in den US-Wahlen 2016 beleuchtet, und den internen Kampf darum, mit dem eigenen, ungewollten politischen Einfluss umzugehen, also der Tatsache, dass Facebook längst nicht mehr nur Plattform ist, sondern Medium, und als solches erstens manipulierbar und zweitens niemals völlig neutral.

Es ist eine Geschichte, wie sie nur „Wired“ kann. Genau wie die einzige Magazin-Geschichte über den Mordfall Kim Wall, jene junge Journalistin, die an Bord des U-Boots des dänischen Tüftlers Peter Madsen getötet und verstümmelt wurde, während nur er an Bord war.6 Anders als alle anderen Geschichten, die ich gelesen habe, steht über dieser nicht „Was an Bord wirklich geschah“ – was wahrscheinlich nur ein Mensch auf der Welt weiß, der es aber genau so wahrscheinlich nicht ehrlich sagt. Stattdessen schreibt hier eine enge Freundin und Weggefährtin Walls über ihre Suche nach der Wahrheit.

Außerdem ist im Heft eine großartige Geschichte über Künstliche Intelligenz, genauer die Suche von Amazon und Konsorten, ihren Alexas (und wie sie alle heißen) wahre Sprache beizubringen, also kurz: Small Talk. Die beiden Technikgeschichten würde wohl jeder Leser sofort als „Wired“-Geschichten erkennen, während die Wall-Geschichte nur per Ausschlussverfahren als solche zu erkennen wäre: Für den „New Yorker“ ist sie etwas zu persönlich, für „Vanity Fair“ vielleicht einen Tick zu wenig auf Glamour gedreht, aber da geht es um Unterschiede auf einer feinstofflichen Ebene. Und dass mir auf Anhieb nur Titel einfallen, die bei Condé Nast USA erscheinen, spricht Bände für das, was der Verlag in seiner Heimat ist: der Beste.

Das erstaunliche an der Original-„Wired“ ist, wie sehr sie Magazin ist und wie wenig Internet. Mit Magazin meine ich: Ein Heft voller langer, großartiger, liebevoll freihändig layouteter Geschichten, die einzigartig sind und in jedem Moment das wichtigste einlösen, was ein Magazin bieten kann, nämlich genau das zu bieten, worin ihr Trägermedium besser ist als alle anderen – und ich meine spezifisch die gedruckte „Wired“, nicht einfach nur Printmagazine.

Diese Geschichten findet man sonst so nirgendwo anders, sie sind hochgradig konkret und nicht die längst üblichen Sammelsurien von „Alles über irgendwas“, die nie einlösbar sind. Es ist ja einigermaßen kurios, wie viele Hefte heute Lebensratschläge geben, während man praktisch nie jemanden findet, der erzählt, sein Leben wäre durch Tipps aus einem Magazin besser geworden.

Jeden Tag erscheinen gefühlt 800 Titelblätter zum Thema gesunde Ernährung. Der Food-Trend sind derweil Burger und gegrillte Hot Dogs. Eine nachhaltig marktgerechte Antwort wäre wahrscheinlich, auf Trends zu scheißen und sich mit einer kleineren aber gesunden Auflage einzurichten, und manchen Magazinen gelingt das, auch in Deutschland.7

Das Problem dabei ist, dass diese Hefte keinen großen Overhead an Verlagsadministration tragen können, und große Verlage haben den und kommen so schnell nicht von ihm herunter. Damit kämpfen alle, Condé Nast in Deutschland im Moment auf eine spezielle Art auch.8 Die Antwort des Verlags scheint nun zu sein, einerseits Kosten zu sparen, andererseits seine Titel noch mehr auf die Zielgruppen und Bedürfnisse der Anzeigenkunden hin anzuspitzen.

In den USA ist die Lage anders, auch deshalb, weil Zeitschriftenabonnements so günstig sind (für Premium-Titel oft unter zehn Dollar im Jahr), dass viele Leute ihre Abos niemals kündigen. Dann geht einerseits mehr Journalismus, andererseits muss auch mehr Journalismus, und das Ergebnis ist an vielen Stellen: mehr Journalismus. Was gut ist, wenn man Geschichten mag.

Ich winke hier also mit einer Träne im Auge der deutschen „Wired“ nach, und mit einer zweiten, weil ich glaube, dass er stellvertretend steht für ein Problem, von dem zwei Drittel hausgemacht sind: zu teure Strukturen, die zu wenig relevante Inhalte hervorbringen, auf deren Niedergang mit Sparkursen reagiert wird oder werden muss. Ich hoffe, das ist im zweiten Halbjahr dann alles vorbei.

Wired (USA)
Condé Nast
Auslandspreis ca. 14 Euro

3 Kommentare

  1. Wired US ist ein superschönes Magazin, ja. Der typisch amerikanische Aufbau mit „ich erzähle mal, wie es mir damit ging“, der dort vor allem rechtliche Gründe hat, kommt bei uns weniger gut an. Dazu kommt, dass schon die US-Wired viel labert, aber wenig Infos bringt. Die deutsche Ausgabe hat das noch weit unterboten. Irgendwann ist es einfach zu flach für ein IT-Magazin, selbst eins für den Mainstream. Und ich möchte anmerken, dass man wunderschöne Einzel-Layouts nicht nur im Print machen kann, sondern auch für digital, wenn das will. Dass man das immer noch so selten sieht, finde ich interessant im Hinblick auf Wertschöpfungstaktiken digital.

  2. Die Original-Version von WIRED ist tatsächlich die beste Magazin-Ausgabe! Aber warum für teuer Geld am Bahnhof kaufen? Das Heft ist im Abo auch in Deutschland erstaunlich billig zu beziehen, aktuell im ersten Jahr für 10 Dollar, danach für 20 Dollar.

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