Gutes Estland, wüstes Bulgarien: Das verzerrte Bild zweier EU-Länder

Deutsche Medien berichten über Estland wie über ein Wunderland; Bulgarien dagegen wird meist als etwas Mordor-artiges dargestellt – ein von Elend und Korruption beherrschter Ort. Die zwei Staaten rückten in den letzten Wochen eng zusammen, als Bulgarien die EU-Ratspräsidentschaft von Estland übernahm. Anlass, einmal hinter die mediale Darstellung dieser Länder zu blicken, um deutlich zu machen, dass Image und Realität nicht immer identisch sind.


Ich bin in Bulgarien aufgewachsen. Mit 21 kam ich zum Studium nach Estland und lebte dort 16 Jahre, bevor meine Frau – eine Estin – und ich vor ein paar Jahren nach Deutschland zogen. Immer wieder erstaunt es mich, wie schlecht Bulgarien von hier aus aussieht und wie positiv Estland.

Das war so schon bei unseren ersten Kontakten in Bayern. Die Reaktionen, die meine Frau bekam, als sie erzählte, woher sie stammt: Wow. Die Reaktionen, die ich bekam? Bestenfalls: Hmm. Wobei mich das weniger stört als die verzerrte, oft als Expertenbericht kaschierte Darstellung dieser Länder in angesehenen Medien. Das wird langsam unerträglich. Denn meine Erfahrungen aus vielen Jahren in beiden Ländern sind andere. Deshalb der Versuch einer Erklärung: Woher kommen diese Image-Unterschiede?

Bulgarien: Korruption, Armut, Gewalt gegen Flüchtlinge, unfreie Presse und Pferdefuhrwerke. Mit diesen Schlüsselwörtern (zum Beispiel in „Zeit“, „Süddeutscher Zeitung“ und „Welt“ um den Jahrewechsel) lässt sich die Berichterstattung über Bulgarien als neuem Ratsvorsitz der EU zusammenfassen.

Das Capital-Fort-Gebäude, Sitz mehrere IT-Unternehmen in Sofia, Bulgarien Foto: Assen Emilov – A&A Architects Sofia CC-BY-SA

Für die Menschen in Deutschland ist Bulgarien elf Jahre nach dem Beitritt zur EU auch deshalb immer noch fremd. Dabei hätte man – wie bei vielen anderen Ländern des östlichen Europa – auch bei Berichten über Bulgarien Bilder von Wolkenkratzern aus Glas, boomende IT-Industrie und hippe urbane Vielfalt zeigen können. Aber das widerspricht dem Klischee, und Aufklärung benötigt Zeit und Platz – ist also aufwendig. Stattdessen eine Melange all dessen, was man hierzulande unter „Osten“ versteht: Rückständigkeit und seltsame Lebensart wie bei Kusturica. Dieses Bild wird in der Regel noch mit „Fakten“ aus Korruptions- und Pressefreiheitsindexen nachkoloriert.

Digitalgesellschaft, E-Residency, Skype, Effizienz und hippe Diplomaten in der Sauna – das sind die Schlüsselworte für Estland. „Der estnische Staat funktioniert nahezu komplett online“ („Die Welt“), „Ein Unternehmen registrieren? Ist nach 18 Minuten erledigt.“ („Süddeutsche Zeitung“), „We run this country like a start-up“, „Mit großen Internetkampagnen wird um Neubürger aus aller Welt geworben, Religion, Ethnie, Alter, Geschlecht egal.“ („Zeit Online“). Die Berichte, die die estnische EU-Ratspräsidentschaft begleiteten, waren so plakativ, dass sich für jemanden, der Estland nicht kennt, die Frage stellt, ob die Slogans aus einer Gesellschaft von Menschen aus Fleisch und Blut kommen.

Diejenigen, die dagegen die jüngste Geschichte Estlands etwas kennen, können sich aber fragen, warum die deutsche Presse so gut wie nie während der estnischen Präsidentschaft darauf hingewiesen hat, dass auch 26 Jahre nach der Ankündigung der Unabhängigkeit immer noch sechs Prozent der Bevölkerung keine Staatsbürgerschaft haben. Ethnie und Religion sind schließlich egal – zumindest für die E-Residenz!

Nur zum Vergleich: Der Anteil der staatenlosen russischsprachigen Bevölkerung in Estland ist höher als der Anteil der Roma in Bulgarien. Wie würde die deutsche Presse reagieren, wenn Bulgarien einer einzigen Person die Staatsbürgerschaft verweigern würde, weil sie Roma ist? Um auf diese Frage zu kommen, muss man aber Erkenntnisse in Zusammenhang bringen, die in der öffentlichen Wahrnehmung nie zusammen auftauchen.

Staatstreue und Staatsverdacht

Wegen ihrer unterschiedlichen Geschichte stehen in den europäischen Ländern Individuum, Ethnie, Gesellschaft und Staat in unterschiedlichem Verhältnis. Wer das nicht berücksichtigt, erliegt leicht Vorurteilen. Ein entscheidender Unterschied zwischen der estnischen und bulgarischen Gesellschaft betrifft die Staatstreue. In Estland ist Staatstreue ein Modus Vivendi nicht nur der politischen, sondern weitgehend auch der intellektuellen Elite. Der bulgarische Intellektuelle wiederum grenzt sich in der Regel vom Staat und dessen Apparat ab. Unversöhnlicher Staatsverdacht ist prägend für das Wesen der Intellektuellen in diesem Teil Europas.

Dieser Unterschied lässt sich historisch und kulturell erklären. Im Falle Bulgariens spielen die Staatsferne der Bevölkerung Südosteuropas im Osmanischen Reich und die autoritäre Regierung der eigenen Kommunisten nach 1944 eine Rolle. Im Falle Estlands bieten der protestantische Hintergrund und das Vorbild Skandinaviens eine Erklärung. Dass die estnische Elite das Image des Staates so kümmert, lässt sich auch durch in der Sowjetunion erworbene potemkinsche Einstellungen erklären.

Das Maß an Staatstreue steht in Verbindung mit einer Reihe von Mythen und Narrativen, die in Estland und Bulgarien sowohl nach innen als nach außen Imaginationen erzeugen. Im estnischen Fall handelt es sich konsequent um Erfolgs- und Opfernarrative; im bulgarischen – besonders in der neueren Geschichte des Landes – um Scheitern und Frustration.

Was wir im Ausland davon mitbekommen, ist ein Hymnus auf die Errungenschaften des Staates im Falle Estlands und erbarmungslose Staatskritik im Falle Bulgariens. Die jeweilige Botschaft wird in Deutschland wie durch einen Verstärker lauter und lauter. Experten aus diesen Ländern gehören einem Teil der estnischen bzw. bulgarischen Gesellschaft an, in dem es nahezu unmöglich ist, auf einen alternativen Erzählungsdiskurs zu stoßen. Gerade weil sie sich als Experten und Intellektuelle wahrnehmen! Ein bulgarischer Gast versteht seine Rolle als unabhängiger Experte so, dass er kompromisslos Kritik an seinem Land und dessen Regierung nicht nur üben darf, sondern muss. Ein estnischer Experte interpretiert seine Unabhängigkeit als Freiheit, sich für sein Land einzusetzen.

Als Bulgare habe ich meine wissenschaftliche Laufbahn im Wesentlichen in Estland absolviert. Seit sieben Jahren bin nun akademisch in Deutschland beschäftigt. Beim Kontakt mit bulgarischen Gästen in Forschungseinrichtungen und Konferenzen in Deutschland bin ich nie auf die Idee gekommen, dass wir zusammenhalten und ein positives Image unseres Lands vertreten müssten; den Hinweis von Landsleuten, dass so etwas von mir erwartet würde, habe ich auch nicht bekommen.

Mit Esten habe ich andere Erfahrungen. Das unsichtbare Netz aus Loyalität für die nationale Agenda ist spürbar – wenn auch sehr diskret. Einmal wurde ich allerdings um einen Imagepflege-Gefallen gebeten; der estnische Kollege, der mich als einen Landsmann betrachtete, meinte, dass wir „genau wie die Juden“ zusammenhalten sollten.

Das estnische Schweigegelübde

Woher kommt diese „Omertà“ des Estentums? Zwei miteinander verbundene Ängste haben einen universalen Effekt auf die Art und Weise, wie die estnische Gesellschaft mit dringlichen Themen umgeht. Das wäre einmal die Angst vor dem Aussterben des Volks, der Sprache, der Kultur. Das Bollwerk gegen diese Gefahr bildet der estnische Staat.

Allerdings gibt es einen Haken: die Begriffe oma riik („eigener Staat“) und omariiklus („Eigenstaatlichkeit“) haben kein inhaltliches Äquivalent im Deutschen. Der eigene Staat rechtfertigt viel mehr, als man sich in Deutschland vorstellen kann. Er funktioniert als Damm gegen innere Widersprüche: Missstände werden in der Regel nicht dem Staat angelastet, weil die hart erkämpfte Eigenstaatlichkeit heilig ist.

Das zweite Schreckgespenst ist der östliche Nachbar, der den absoluten Feind darstellt und das Netz der estnischen Öffentlichkeit festzieht. Innere Widersprüche, die möglicherweise eine negative Wirkung auf die Position Estlands im Umgang mit Russland haben können – oder, in diesem Zusammenhang auch mit den NATO- und EU-Verbündeten – werden schon im Ansatz erstickt.

Abweichungen von den gefühlten Grenzen des Pluralismus werden in der estnischen Öffentlichkeit oft hart bestraft. Die Bildungsministerin Mailis Reps hat 2005 während eines Besuchs in der Republik Mari El in der Russischen Föderation ein Interview gegeben, in dem sie – aufgrund ihrer Erfahrungen während der Visite – die Lage der Minderheitsrechte der Maris als gut bewertete. Dafür musste sie sich vor der estnischen Öffentlichkeit entschuldigen, die die Maris (eine verwandte finnougrische Ethnie) als Spiegel der eigenen Leiden unter russischer Herrschaft sieht.

Eine andere Politikerin, die Abgeordnete Oudekki Loone, die sich von estnischen Opfernarrativen abwandte, wurde in ähnlicher Weise an den Pranger gestellt. Im Mai 2017 sagte sie im Fernsehen, ihrer Meinung nach könne man auch in Estland den Sieg der Rote Armee gegen das Dritte Reich feiern. Außerdem hätten die Esten heute keinen Staat, wenn die Allierten Deutschland nicht besiegt hätten. Das vorherrschende Narrativ, dass die Sowjetunion niemals in ein Szenario verwickelt sein könnte, das für Estland Positives bewirkt, löste massive Hetze gegen sie aus. Die Sache konnte nur mit einer Entschuldigung beendet werden.

Ähnliches gilt auch für Ausländer. Im Herbst 2017 entdeckte eine Gruppe tschechischer Kybernetiker eine potentielle Sicherheitslücke in der estnischen elektronischen ID-Karte. Viele, auch Journalisten, empfanden das als einen Angriff auf den estnischen Staat und sein Image. In einigen Berichten wurden Verschwörungstheorien laut, es handele sich um eine von Russland gesteuerte Aktion.

Diese Ängste und Opfernarrative geben estnischen Politikern und Imagegestaltern viel Spielraum. Imagepflege ist natürlich eine legitime Praktik in internationalen Beziehungen. Man muss aber verstehen: Aus kulturellen und historischen Gründen haben einige Gesellschaften und Staaten ihr Gespür zur Selbstdarstellung nicht gleichermaßen wie andere entwickelt. Für guten Journalismus sollte aber der Unterschied zwischen Wirklichkeit und Image deutlich sein.

Wahrnehmung und Wirklichkeit

Medienberichte über Estland und Bulgarien stützen sich oft auch auf „Fakten“ über die Korruption und Medienfreiheit; am häufigsten wird auf das Korruptionswahrnehmungs- und das Pressefreiheitsranking verwiesen (siehe zum Beispiel „Zeit Online“: „Korrupt, aber für die EU pflegeleicht“, und „Süddeutsche Zeitung“: „Bühne frei für Bulgarien“). Man sollte aber vorsichtig sein, wenn man solche Ranglisten in Urteile über wenig bekannte Länder einfließen lässt. Sagen der Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International und der Pressefreiheitsindex von Reporter ohne Grenzen (RoG) das Wesentliche über Korruption und journalistische Freiheit in diesen Ländern? Bei solchen Indizes handelt es sich vor allem um Erhebungen von Wahrnehmungen, genauer gesagt von Wahrnehmungen von Konflikt und gefühlter Ungerechtigkeit in sehr unterschiedlichen Gesellschaften.

Ich verfolge die bulgarischen und estnischen Medien seit über zwanzig Jahren. Die Debatte in bulgarischen Medien scheint mir konfliktreicher. Dies und die Bereitschaft, sich mit schweren Themen auseinanderzusetzen und möglichst kontrastive Meinungen zu vertreten, macht die bulgarischen Medien in meinen Augen als Leser allgemein freier als die estnischen. Deshalb macht mich der jüngste Bericht von RoG, in dem Estland auf Platz 12 (vor Deutschland) und Bulgarien auf dem 109 gelandet sind, zumindest stutzig.

Ich habe den zugrundeliegenden Fragebogen von RoG gelesen und versucht, mir die Reaktionen der Journalisten darauf vorzustellen. Mein Fazit: Es ist fragwürdig, ob die Methode von RoG etwas über die reale Meinungsbreite und Unabhängigkeit der Medien in diesen Ländern zeigt.

Die Ergebnisse sind logische Konsequenz aus den verschiedenen Kulturen: in Estland die diskursive Nähe des Journalismus zum politischen Establishment und seine Beteiligung an der Produktion von Erfolgsnarrativen; in Bulgarien die Art und Weise, wie Journalismus in der bulgarischen Gesellschaft konzipiert ist – durch Antagonismus (zwischen Medien und Politik sowie zwischen Medien selbst). Aber bedeutet das, dass die estnischen Medien freier als die bulgarischen sind?

In Estland sind die Unantastbarkeit des „Eigenstaates“ und die russische Gefahr Quellen von Tabus und Selbstzensur, die sich mit einem solchen Index kaum aufspüren lassen. Zum Beispiel misst der erste Indikator des Pressefreiheitsindex den Grad des Pluralismus. Nehmen wir nun die Frage, ob man allen russischsprachigen Menschen, die vor der Unabhängigkeitserklärung 1991 in Estland gelebt haben, und ihren Nachkommen die estnische Staatsbürgerschaft gewähren sollte. Diese Frage war latent immer präsent im Land, wurde aber bis vor Kurzem tabuisiert bzw. als nicht öffentlichkeitstauglich angesehen. Das hatte zur Folge, dass es dem Pluralismus-Indikator jahrelang nicht gelungen ist, ein ganzes Meinungsspektrum zum Thema Staatsbürgerschaft und Ethnizität zu identifizieren. Das bedeutet jedoch nicht, dass dieses Thema nicht vorhanden gewesen wäre.

Die Hauptkritik von Reporter ohne Grenzen an Bulgarien betrifft die Printpresse, genauer ihre Abhängigkeit von einem Abgeordneten der Partei der türkischen Minderheit, der die finanzielle Kontrolle über viele Zeitungen erworben hat. Offen bleibt allerdings die Frage, ob RoG mit bedacht hat, dass die Auflagen der bulgarischen Zeitungen viel schneller als anderswo geschrumpft sind, was zu einer Marginalisierung der Printpresse geführt hat. Es könnte also sein, dass die Rolle dieses „Oligarchen“ in der Medienlandschaft insgesamt eher klein ist. Und es stellt sich eine allgemeine Frage: Wie wurde darauf Rücksicht genommen, dass die bulgarischen Medien immanent auf Konflikt getrimmt sind? Die Grundeinstellung der bulgarischen Journalisten (und ganzen Redaktionen) ist, dass sie nicht genug Platz bekommen, um die Wahrheit zu enthüllen. In welchem Zusammenhang stehen das Konfliktklima (bzw. die Bereitschaft zu Streit) und die Freiheit, Meinungen zu äußern? Sind Konfliktdenken und -verhalten Zeichen von Mangel an Freiheit? Oder im Gegenteil – Zeichen dass, der Journalismus kritischer und pluralistischer ist?

Die oben genannten Faktoren spielen eine Rolle auch bei der Korruptionswahrnehmung. Im Index von 2016 finden wir Estland auf Platz 22, Bulgarien auf 75. Ich bin mir sicher, dass Bargeld-Korruption in Bulgarien weiterverbreitet ist als in Estland. Was illegale korporative Gepflogenheiten betrifft, bin ich mir nicht so sicher. Aber Klientelismus und andere bösartige informelle Praktiken werden in der estnischen Gesellschaft oft mit „dem russischen Geschäftsmodel“ verbunden; Estentum wird mit einer gutartigen und konfliktfreien Informalität assoziiert.

Ich vermute, dass diese kollektive Distanzierung und die Neigung zum Zusammenhalt eine Wirkung haben auf die Art und Weise, wie Menschen auf Fragen über interne Konflikte und Gerechtigkeit reagieren – und darum geht es letztlich in diesem Index. Der Instinkt, eigene Unzulänglichkeiten kleinzumachen, könnte das Bild verdrehen und dazu führen, dass es den Umfragen, aus denen sich der Index von Transparency International zusammensetzt, nicht gelingt, die wirkliche Verbreitung korrupter Praktiken zu identifizieren. Denn das versucht der Index gar nicht – es geht nur um Subjektivität. Allerdings werden die Ergebnisse als Fakten über Korruptionsniveau angeführt; zum Beispiel in den oben genannten Zeitungsartikeln.

Eine andere Erzählung

Die Medienbilder von Bulgarien und Estland könnten viel nuancierter sein. Es gibt Bereiche, in denen Estland schlechter als Bulgarien abschneidet. Ein paar Beispiele, die meisten von Eurostat: In Bulgarien hat ein höherer Anteil der Bevölkerung eine sehr gute oder gute selbstwahrgenommene Gesundheit. Bulgaren leben im Durchschnitt länger bei guter Gesundheit als Esten. Besonders krass ist der Unterschied bei Frauen: 56,2 Jahre in Estland und 65,0 in Bulgarien.

Estland ist jahrelang Spitzenreiter der EU in HIV-Statistiken gewesen; hier zeigt sich am klarsten die Segregation im Lande: Die russischsprachige Bevölkerung ist ständig anfälliger für HIV-Infektion gewesen. Estland ist zudem negativer EU-Spitzenreiter bei geschlechtsspezifischem Lohnunterschied: die Kluft bei der Bezahlung von Männern und Frauen beträgt 26,9%, im Vergleich zu 15,4% in Bulgarien. Bulgarien führt den EU-Vergleich beim Anteil von Frauen als Beschäftigte im IT-Sektor an. Seit 2006 zeigt Bulgarien ein höheres Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts als Estland. Bulgarien hat eine weiter entwickelte Protestkultur und stärkere Gewerkschaften. Moment mal! Sind das im letzten Punkt Tatsachen oder Eindrücke? Unwichtig – vertrauen Sie mir einfach; genau wie Sie den Kurzübersichten über diese Länder in den letzten Monaten vertraut haben.

Es ist nicht schwierig, Estland in schlechtem und Bulgarien in gutem Licht erscheinen zu lassen. Anhand dieser Fakten könnten wir eine alternative Erzählung konstruieren, deren Durchsetzungschancen davon abhängen, wie entschieden der bulgarische Behördenapparat dafür und der estnische Behördenapparat dagegen kämpfen würden. Und, natürlich, wie bereit die deutsche Öffentlichkeit ist, sich von ihren Vorbehalten loszusagen. Meine Erfahrung mit diesen Akteuren sagt mir, dass die Chancen dieses Narrativs sehr gering sind. Der Punkt ist aber – die Chancen für ein Narrativ, sich in der Öffentlichkeit durchzusetzen, hängen nicht so sehr von seiner Vereinbarkeit mit der Wirklichkeit ab, sondern eher von Meinungsmaschinerien und Vorurteilen.

Ich schließe daher mit einem Plädoyer für mehr Ausgewogenheit. Der Journalismus sollte PR von Wirklichkeit unterscheiden, um den Lesern die estnischen und bulgarischen Menschen und Gesellschaften näher bringen zu können. Den einen ständig niederzumachen, und den anderen nur schön zu malen, ist das Schlimmste, was man tun kann.

18 Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen tollen Artikel – ich habe einiges gelernt!

    (Es ist leider lange her, dass ich das nach einem Übermedien-Beitrag dachte… also: wieder weiter so!)

  2. Vielen Dank für diesen interessanten Artikel.
    Es ist sehr schade, dass unsere Presse im Rennen um den schnellen Click vor allem Klischees bedient.
    Ich habe hier jedenfalls wieder was gelernt.

  3. Ebenfalls von mir Danke für diesen Einblick! Gerne mehr davon, genau wie der Artikel über „die Kurden“ sind das Themen, die sonst nie angesprochen oder hinterfragt werden. Hier hat Übermedien die Chance, einen tatsächlichen Mehrwert zu bieten!

  4. Wobei mich das weniger stört als die verzerrte, oft als Expertenbericht kaschierte Darstellung dieser Länder in angesehenen Medien.

    Das was der Autor hier beobachtet, ist zum einen die NATO zentrierte Sichtweise der dt. Medien und das andere ist der unbedingte Glauben an allgemeingültige Wahrheiten (um das Wort Narrative zu vermeiden).

    Wenn es etwas gibt, was als Wahrheit gilt dann spiegelt sich das in der Berichterstattung in der Form wieder, dass es ständig wiederholt und niemals hinterfragt wird.

    Mittlerweile scheinen die meisten Organisationen, von denen man früher dachte sie wären unabhängig, im Dienste dieser Agenda zu sein und der Öffentlichkeit wird immer mehr ein Bild, das auf eine Art Propaganda beruht, gezeigt.

    Für viele, die andere Zeiten erlebt haben, in denen versucht wurde auch die andere Seite der Medaille zu verstehen und Aussagen zu hinterfragen, ist diese Form der Berichterstattung beängstigend. Meiner Ansicht dient sie dazu die kriegerische Form der Aussenpolitik zu rechtfertigen. „Wir“ werden fast immer (in Relation zu den „anderen“) als moralisch Gut dargestellt. Hurra! Dann macht der Konflikt einen Sinn. Sei es mit Russland, der Türkei, Syrien und den vielen Konfliktherden wo wir die „bessere“ Position haben.

    Ich möchte mich dem Plädoyer am Schluß vollständig anschliessen. Aber ich befürchte leider, das auch solche Artikel wie dieser nicht mehr viel bewirken werden. Es geht in der Tagespresse nicht mehr um Informationen.

  5. @Struppi
    Nur damit ich es auch verstehe: Was schreibt den die NATO für unterschiedliche Sichtweisen auf Bulgarien und Estland vor, zwei Länder die beide am selben Tag Mitglied dieses Vereins wurden?

  6. Vielen Dank für diesen Beitrag. Ich bin fest davon überzeugt, dass Sie mit vielem, was Sie zum Selbstverständnis der bulgarischen und der estnischen Gesellschaft sowie damit einhergehender, wirksamer Einflüsse auf Verhaltensweisen schreiben, recht haben.

    Was ich skeptisch sehe, ist, was Sie an Kritik zum Press Freedom Index (PFI) von Reporter ohne Grenzen schreiben. Sicherlich hat dieser Schwächen.
    Der PFI will meines Erachtens nach aber messen, wie die staatlich-institutionellen Rahmenbedingungen* für freie Medienberichterstattung in einem Land sind.
    Das von Ihnen gegen die Bewertungsfähigkeit des Indexes gebrachte Argument (so wie ich Sie verstanden habe): „Manche Themen werden in Estland aufgrund von gesellschaftlichem Druck kaum bis gar nicht medial diskutiert“ -versus- „Bulgarische Journalisten hätten ein besonders kritisches und diskussionsfreudiges Selbstverständnis, was dazu führt, dass sie aus Prinzip meinen, zu wenig Raum zum Aufzeigen der Wahrheit zu haben“ finde ich sehr fraglich.
    Das eine wie das andere berührt ganz unterschiedliche Analyseebenen.
    Beides hat seine Berechtigung, jedoch schränkt, meiner Ansicht nach, Ihr „Estland-Argument“ nicht die Aussagekraft des PFI ein.

    *Begründung:
    (Wikipedia:) Der PFI wird „… auf Grund eines Fragebogens mit 87 Fragen, der von den ROG-Partnerorganisationen, ROG-Korrespondenten sowie Journalisten, Forschern, Juristen und Menschenrechtsaktivisten auf der ganzen Welt beantwortet wird [erhoben]. Gefragt wird unter anderem nach Medienvielfalt, Medienrechtlichen Strafen, Staatsmonopolen, der Existenz von Regulierungseinrichtungen, dem Maß der Unabhängigkeit staatlicher Medien, Selbstzensur, Recherchefreiheit, finanziellem Druck, Hindernissen für den freien Informationsfluss im Internet und Verschiedenem mehr.“

  7. Und auch sonst stimme ich Ihnen zu, was die Kritik an der Schubladen-Berichterstattung über Bulgarien und Estland deutscher Medien betrifft.

  8. Ein kleines nebensächliches Detail, das bei den permanenten Lobeshymnen aus unseren Wirtschaftsredaktionen über Estlands, für uns beispielgebende, Wirtschafts- und Sozialpolitik ausgelassen wurde, war auch die eklatante, massenhafte Abwanderung junger, hochqualifizierter Esten nach ihrem Bildungsabschluß.

    Nachzuvollziehen, wieso die für sich keine reizvolle Zukunft in Estland gesehen haben, hätte die Angelegenheit wohl unnötig verkompliziert.

    Die durchaus starke politische Strömung im Land, die gegen verstärkte Bemühungen um eine Integration der russischsprachigen Minderheit und für eine Lösung per Abschiebung, also sanfte ethnische Säuberung eintreten, musste man bisher auch nicht so furchtbar intensiv darstellen.

    Ja, schönes Beispiel dafür, wie man zuerst eine Haltung zu etwas entwickelt haben sollte, um dann das Brennglas entsprechend passend anzulegen.

  9. Kenne Estland leider nicht, jedoch Bulgarien und was die Unabhängigkeit der Justiz oder Korruption angeht, ist dieses Land vermutlich nicht zu unrecht auf einem der letzen Plätze gelandet

  10. In den Lobeshymnen über estnische Digitalisierung werden doch auch regelmäßig alle vermeidbaren und unvermeidbaren Probleme von Digitalisierung ausgeblendet. Ich könnte das noch verstehen, wenn es einfach nur aus Dankbarkeit geschehen würde, um nicht alle Fehler zu wiederholen. Wahrscheinlich ist es aber mehr ein Mix aus Bequemlichkeit und Naivität, eventuell angereichert mit einer Prise Ahnungslosigkeit. Aber okay, dann machen „wir“ halt mit Verzögerung alle Fehler noch einmal.. Wenn ich davon nicht auch irgendwie betroffen wäre, hätte ich auch überhaupt keine Probleme damit, wenn andere sich sehenden Augens ins Unheil stürzen wollen.

    PS: Das hat weniger mit der Berichterstattung über Estland als mit der über Digitalisierung zu tun, ich weiß.

    PPS: Mit Digitalisierung meine ich das Thema, was die Politik hierzulande noch nicht so recht für sich entdeckt hat. Richtig. Gesellschaftlich findet sie aber dennoch in vielerlei Hinsicht statt.

  11. Die Frage, warum immer noch sechs Prozent der Bevölkerung keine Staatsbürgerschaft haben, kann man ziemlich leicht beantworten – weil das Fehlen der Staatsangehörigkeit für diese sechs Prozent der Einwohner eine bessere Alternative ist, als estnische, russische oder andere Staatsangehörigkeit zu haben. Als Staatenlose geniesst man fast dieselbe Rechte als estnische Staatsbürger (man kann sogar an Kommunalwahlen teilnehmen) und manchmal hat man sogar mehr Möglichkeiten – so zum Beispiel dürfen staatenlose Einwohner Estlands visumfrei nach Russland reisen, die ethnische Russen, die die estnische Staatsbürgerschaft gewählt haben, aber dafür zahlen müssen. Ich selbst kenne viele Leute in Estland, die kein Staatsbürgerschaft haben, damit aber völlig zufrieden sind. Heute haben alle, die estnische oder russische Staatsbürgerschaft wollen, es beantragt und diejenige, die das nicht wollen weil sie entweder kein Staatsangehörigkeitsgefühl haben oder weil es ihnen bequemer ist, sollte man auch nicht dazu zwingen. Ich selbst bin ein Este, aber lebe schon seit 8 Jahren in Deutschland, trotzdem habe ich aber nie überlegt, die deutsche Staatsangehörigkeit zu beantragen. Sollte jetzt die Politik mich dazu zwingen??

    Daher ist auch der Vergleich mit Romas in Bulgarien nicht besonders zutreffend, da die Romas können ja ihre ethnische Herkunft nicht wählen. Viel besser wäre ein Vergleich mit der türkischen Minderheit in Bulgarien: so zum Beispiel haben viele ethnische Türken bulgarische Staatsbürgerschaft, wenn sie aber nicht in Bulgarien leben, dann können sie nicht ihre Bürgerrechte ausüben und zB in Bulgarien wählen gehen. Dabei sagt die bulgarische Regierung dass eine solche Diskriminierung nötig ist, um türkischen Einfluss einzubinden (https://www.reuters.com/article/us-bulgaria-election-turkey/bulgarias-pm-says-taking-steps-to-prevent-election-meddling-by-turkey-idUSKBN16O1Q1). Mir ist es daher fremd, dass in Bulgarien niemand sich darüber aufregt, wenn ein bulgarischer Staatsbürger im Ausland nicht wählen kann – in Estland wäre es undenkbar, da jeder Staatsbürger dieses Recht unabhängig von Herkunft oder Aufenthaltsort ausüben kann. Man muss nur erinnern dass nur 8% der Bevölkerung in Bulgarien von türkischen Herkunft ist- in Estland der Anteil von Mitbürger mit ausländischem Herkunft 4x grösser, jedoch ist man in dieser Frage viel mehr tolerant.

  12. Ungefähr genauso hat mir voriges Jahr ein deutscher Kollege, der in Estland lebt, die intellektuelle Stimmung dort geschildert. Dass Journalisten, die so stolz auf ihre Unabhängigkeit sind, tatsächlich im Duktus der ihnen nahestehenden Eliten ihres Gastlandes berichten, ist mir schon in den 1980er Jahren in Finnland aufgefallen: Selbst eine „bürgerliche“ Zeitunge wie Helsingin Sanomat schrieb damals über Deutschland völlig unkritisch im Geist der deutschen Linken. Eine fatale Fehleinschätzung der Situation, wie man 1989 erfahren musste.

    Was den Kommentar von Anno (#15) betrifft, so habe ich, muss ich gestehen, ein etwas anderes Bild davon, warum ethnische Russen nicht die estnische Staatsbürgerschaft beantragen. Ich kenne Äußerungen von der Art: Ich bin in Estland geboren und aufgewachsen, ich bin dort zu Hause. Ich finde es erniedrigend, Bittgänge machen zu müssen, um Staatsbürger zu werden. Der estnische Staat muss auf mich zukommen.

  13. An Hermann Beyer-Thoma (#16): solche Äusserungen sind auch mir nicht fremd und teils mir sogar verständlich. Hier ware es gut zu wissen, das auch Esten in 90er Jahre die Staatsbürgerschaft beantragen mussten – auch ich habe von der Archiv die Geburtsurkunde meiner Grossmutter beantragt, um mein erstes Ausweis zu bekommen. Für mich persönlich war es damals und ist auch heute eine Ehrensache, meine Verbindung zu mein Heimatland zu beweisen, aber ich habe Verständnis, wenn manche Personen andere Meinung sind. So zum Beispiel habe ich in Berlin Deutsche getroffen, die in Russland geboren waren, in 2000er nach Deutschland umsiedelten aber nicht zufrieden waren, dass die deutsche Staat nicht sofort die Staatsbürgerschaft gegeben hat – ja sogar deutsche Sprachkenntnisse verlangt hat (laut Bundesvertriebenengezetz § 6 auf der Niveau B1: http://www.gesetze-im-internet.de/bvfg/__6.html, dieselbe Niveau wie in Estland).

    Ich habe leider nicht die neueste Statistik, aber alle 3-4 Jahre wird eine gründliche Untersuchung über die Integration in der estnischen Gesellschaft durchgeführt und die letzten Ergebnisse stammen aus 2015. Eine kurze Zusammenfassung (leider nur auf Estnisch) befindet sich hier: http://www.kul.ee/sites/kulminn/files/1_infoleht_a4_kodakondsus_enesemaarang_osalemine_1.pdf. Laut dieser Statistik haben nur 57% von der Personen ohne Staatsangehörigkeit Interesse, es zu bekommen, 28% sind mit dem jetztigem Status zufrieden und 7% wollen russische Staatsbürgerschaft. Dieses Ergebnis unterstüzt meine frühere Aussage – nur etwas mehr als eine Hälfte der staatenlosen Einwohner ist an die Staatsbürgerschaft interessiert und es jetzt zwangsmässig an alle zu verteilen wäre meiner Meinung nach eher kontraproduktiv. Darüber hinaus sind sowohl die Mehrheit von Esten (55%) als auch nicht-Esten (80%) darüber einig, das alle in Estland geborene Kinder estnische Staatsbürgerschaft bekommen sollen, wenn die Eltern es woollen, sogar wenn die Eltern die Staatsbürgerschaft nicht besitzen.

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unserer Datenschutzhinweise gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.