Fingerhakeln um den Kugelfisch: Ode an den schönsten Sender der Welt

Aus Forschung & Technik: „Science View“ Screenshot: NHK World

Einen Fernsehsender, den man immer einschalten kann und immer kommt was Gutes, alle Beteiligten gehen respektvoll miteinander um, Themen werden erschöpfend behandelt und der Zuschauer nicht für dumm verkauft. Diesen Fernsehsender gibt es, er ist werbefrei, gratis zu empfangen und keiner kennt ihn.

Das schönste hierzulande empfangbare Fernsehprogramm kommt aus Japan und heißt NHK World. Wer das englischsprachige Auslandsprogramm des öffentlich-rechtlichen japanischen Rundfunks empfängt, braucht keine anderen Sender mehr. NHK World ist betulich, drollig und nerdy zugleich. NHK World ist das pinkfarbene Kätzchen, das dir eine Maschinenbauvorlesung hält und wirklich besorgt ist, ob du auch alles verstehst.

Vor knapp zehn Jahren schaffte ich mir aus Protest gegen die absurden Kabelgebühren in meinem Haus eine kleine Satellitenschüssel an und fand beim Sendersuchlauf diese matt schimmernde Perle öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Der Slogan des Senders versprach nicht zu viel, er lautet: „From Japan“. Seitdem schaue ich regelmäßig NHK World und bereue es nie.

Bevor das Schicksal uns zusammenführte, hatte ich ein ganz normales Japan-Interesse (Sushi gut, Kirschblüte wohl auch, Toyota). Mittlerweile habe ich viele Dutzend Sendungen über japanische Gebräuche (würdevoll), japanische Esskultur (traditionell und auch sehr würdevoll) und japanisches Handwerk (s.o.) gesehen. Ich habe die halbstündige Erklärung über die Herstellung der Basisbrühe für alle möglichen Speisen bestimmt drei Mal gesehen, weil das viele Schaumabschöpfen, Durchseihen und Umfüllen so beruhigend ist.

Das Maskottchen von NHK ist ein viereckiges Pelzmonster namens Domo, dessen besondere Fähigkeit es ist, sein Maul nicht schließen zu können. Wichtiger ist aber die regelmäßig ausgestrahlte Kugelfisch-Reportage.

Den Kugelfisch im Sack kaufenScreenshot: NHK World/cite>

Die Kugelfisch-Reportage ist von derart enzyklopädischer Gründlichkeit, dass man nach dreißig Minuten erschöpft, aber glücklich zugibt: Ja, es gibt mehr Kugelfischwissen auf der Welt als Kugelfische. Dass man einem frisch geangelten Kugelfisch seinen einen Zahn abknipsen muss, weil er sonst seine Artgenossen im Aquarium totbeißt. Sowas zum Beispiel. Oder die würdevolle Albernheit der stillen Kugelfisch-Versteigerung. (Der Auktionator und der Bieter geben sich durch eine Art Muff die Hand, worin das Gebot fingerhakelnd übermittelt wird.) Dass es eine Kugelfischstatue in der Kugelfischhauptstadt Japans gibt, überrascht den Zuschauer dann auch nicht mehr. Jedes einzelne Detail der Sendung ist eine Überraschung. Man muss sich das mal vorstellen: Eine Sendung, in der eine halbe Stunde lang alles neu und interessant ist. In Deutschland wäre das illegal.

Und wie isst man bei Ihnen rohen Fisch?Screenshot: NHK World

Die Talkshow über Sitten und Gebräuche ist ähnlich gründlich. (Bitte kugelfischlike auf der Zunge zergehen lassen: Eine Talkshow über Sitten und Gebräuche.) Ein Panel wohlwollender Ausländer aus der ganzen Welt sitzt im Kreis und vergleicht japanische Gebräuche mit ihren eigenen. (Japaner tragen zum Beispiel aus irgendwelchen Gründen ständig bündelweise Bargeld mit sich herum und legen es bereitwillig auf ein kleines Blechtellerchen, das der Reporter ihnen hinhält. Da waren sogar die Ausländer im Studio sprachlos.)

Und dann ist da noch die Sendung über japanische Unternehmen. Anstatt wie hierzulande die immer gleichen Schaumkuss- und Fertigpizzafabriken abzufilmen, zeigt NHK World die Herstellung von Samuraischwertern, Messern oder Lachszersäbelungsmaschinen im Wechsel mit der handwerklichen Produktion kostbarer Gläser, Vasen und aufwändig verzierter Holzkästchen. Wie es scheint, hat das Prosaische in Japan keinen Platz: Entweder es wird kurz- und kleingehackt, oder es wird würdevoll kunstgehandwerkt. In einer Episode darf der Erfinder der Lachszersäbelungsmaschine eine geschlagene Viertelstunde über technische Details seiner Maschine referieren und nichts wird rausgeschnitten. Im Gegenteil: Kleine Animationsfilme erklären ihre Funktionsweise in einem Detailgrad, dass man die Maschine zuhause nachbauen könnte, hätte man genug Lachs zum Zersäbeln.

Und so geht es auf NHK World zu, tagein, tagaus, jahrelang – bis das Kernkaftwerk Fukushima explodiert.

Mit riesigen Tele-Objektiven filmt NHK die berstenden Reaktoren aus 35 Kilometern Entfernung und die tonlosen, merkwürdig flachen und fahlen Bilder gehen um die Welt. Und ich, der ich fast niemanden in Japan kenne, fühle plötzlich mit den Japanern mit, die ich über Jahre als so gründlich und so würdevoll vorgestellt bekommen habe. Wie kann ausgerechnet da sowas passieren? Die Schlamperei und Korruption, die in der Zeit nach dem Unfall an den Tag kommt, passt gar nicht zu meiner NHK-Welt.

Doch um die Jahrestage des Unfalls herum wenden die NHK-Redakteure und -Reporter ihre Gründlichkeit, ihre Sachlichkeit und ihre Ernsthaftigkeit auf die Folgen der Reaktorkatastrophe an und senden stundenlange Sondersendungen. Dann wird nicht nur die Funktionsweise der Reaktoren (in vielen kleinen Animationen) erschöpfend erklärt. Die Betroffenen kommen zu Wort: Die Bauern aus der Präfektur, die ihre Äcker verloren haben, die Alten, die nicht verstehen, dass sie nicht in ihre Wohnungen zurückdürfen, weil sie jetzt im Sperrgebiet liegen, die verzweifelten Tepco-Mitarbeiter, die hektisch verstrahltes Wasser in lächerlichen Eimern aus dem Kraftwerk tragen. Alles Erhabene ist dahin, die dreckige Wirklichkeit suppt ist in die lackierte Bentobox NHK World. Ein paar Tage im Jahr, für ein paar Stunden, ist Japan auch im japanischen Auslandsfernsehen ein normales Land, mit korrupten Politikern, technikgläubigen Ingenieuren und verseuchten Wäldern.

In der restlichen Zeit ist noch genug Platz für Samuraischwerter und Lachszersäbelungsmaschinen in dem Fernsehsender, den man immer einschalten kann.

18 Kommentare

  1. Interessant! Danke für den Artikel!

    Allerdings ist „Eine Talkshow über Sitten und Gebräuche. Ein Panel wohlwollender Ausländer aus der ganzen Welt sitzt im Kreis und vergleicht (..) Gebräuche mit ihren eigenen“ keine ausschließlich japanische Institution. Ich kann mich an solche Formate in Polen und in England erinnern, sehr nett und auch sehr kurzweilig – und habe mich immer wieder gefragt, warum das eigentlich nicht in Deutschland läuft. Es sind doch nicht wenige Deutsche interessiert, wie das Ausland wohl über uns denken mag.

  2. Ich bin immer sehr beeindruckt davon, wie tief sich die Moderatoren vor den Zuschauern verbeugen, dabei aber peinlich darauf achten müssen, dass sie nicht mit dem Kopf auf die Tischplatte knallen.
    Das muss im Sitzen auch eine ziemlich schwere Übung sein, besonders für den Rücken.

  3. „Einen Fernsehsender, den man immer einschalten kann und immer kommt was Gutes, alle Beteiligten gehen respektvoll miteinander um, Themen werden erschöpfend
    behandelt und der Zuschauer nicht für dumm verkauft. Diesen Fernsehsender gibt es, er ist werbefrei, gratis zu empfangen und keiner kennt ihn.“

    Arte?

    PS: Über eine ganze Artikelserie zum Thema Auslandssender würde ich mich übrigens freuen: France24, Arirang World, CCTV etc.

  4. #3, Calafati

    „Einen Fernsehsender, den man immer einschalten kann und immer kommt was Gutes, alle Beteiligten gehen respektvoll miteinander um, Themen werden erschöpfend
    behandelt und der Zuschauer nicht für dumm verkauft. Diesen Fernsehsender gibt es, er ist werbefrei, gratis zu empfangen und keiner kennt ihn.“

    Das muss eindeutig der KiKa sein.

  5. Noch besser fand ich das Angebot von einem der NHK-Digitalspartensender (also sowas wie ZDFinfo, nur halt von NHK) in Japan, der jeden Morgen knapp drei Stunden lang die Nachrichtensendungen vom Vorabend aus aller Welt (zum Beispiel von BBC, CNN, die Tagesschau, aber manchmal auch RAI Uno, aus Russland oder aus (Süd)korea) jeweils mit japanischen Untertiteln zeigte. Das war allerdings vor 15 Jahren, ich glaube, die haben das irgendwann dann auch eingestellt.

    PS: so eine Serie zu Auslandssendern wäre in der Tat super!

  6. Ich habe zwei Jahre lang in Japan gelebt, schreibe über das Land und bin regelmäßig dort für Recherchen, zuletzt im Dezember/Januar in Nordjapan.

    NHK World gilt in Japan so ein bisschen wie der kleine Bruder vom großen NHK, der auf die Sonderschule geht, aber sich dort sehr wohl fühlt.
    Als Ausländer in Japan landet man da zwangsläufig irgendwann doch vor der Kamera oder man kennt jemanden, der da schon mal war. Ein Kollege von mir hat dort sogar einen 45 minütigen Beitrag über eine besondere Region auf Hokkaido als Host begleitet. Dabei musste er – seit sechs Jahren im Land und des Japanischen mächtig – trotzdem so tun, als sei er der unerfahrene Ausländer. In der Hinsicht jedoch unterscheidet sich NHK World nicht vom großen NHK, der Umgang mit authentischen Protagonisten ist, nun ja, kreativ.

    Die Beobachtung mit den detailierten Beschreibungen ist allerdings sehr treffend – doch scheinbar sind die Japaner selbst überdrüssig davon. Anfang Januar wurde ein Film von mir im Museum von Kyoto gezeigt. Es gab zur gleichen Thematik auch einen Beitrag vom Fernsehen, aber meiner wurde bevorzugt. Japanisch höflich hieß die Begründung: Der Beitrag vom Fernsehen sei etwas ausführlich.

    PS: Japaner tragen in der Tat viel Geld mit sich herum, da a) das Land im allgemeinen sehr sicher ist und b) Kreditkarten als Zahlungsmittel nicht sehr verbreitet sind.

  7. #6, th
    #7, Matze

    Die Idee mit den Auslandssendern ist wirklich toll – das ist eine Fundgrube für interessante und bizarre Geschichten.

    Kennt hier zum Beispiel jemand den Hamas-Propagandasender „Al Aqsa TV“? Dort gab es früher eine hochinteressante Kindersendung: https://www.youtube.com/watch?v=kkNE__TiMZo&feature=youtu.be

    Quasi die Sendung mit der antisemitischen Maus und dem fanatischen Kopftuchmädchen.

  8. Ich weiß nicht, ob Fox News auch Kindersendungen hat. Aber ich kenne jemanden, der sich das bestimmt gerne reinziehen würde.

    (Dann würde vielleicht auch hier weniger Kinderkacke auftauchen.)

  9. Man sagt ja, dass Trolle privat eher frustrierte, freudlose Menschen sind…
    Auf den anderen Kommentarsträngen ist er schon nervig zu lesen.
    Aber wenn er selbst bei diesem arglosen Thema über den japanischen Fernsehkanal nicht anders kann, ist das schon traurig mit anzusehen

  10. Zu @7, Matze: Ähnliche Programmstrecken soll es beim australischen SBS allerdings auch geben (oder zumindest gegeben haben, ich selbst habe es nie gesehen). Außerdem kann ich mich dunkel an einen englischsprachigen Radiosender in Finnland erinnern, bei dem auch häufiger Nachrichten anderer Auslandsdienste liefen.

    Sollte Übermedien übrigens tatsächlich noch zu anderen Stationen Artikel planen (Interesse der Leser ist ja offenbar vorhanden), fände ich eine etwas tiefergehende Berichterstattung nicht schlecht. Zwar liest sich der hier verfolgte Ansatz: „Ich erzähle mal, was ich so im Fernsehen gesehen habe“ sehr unterhaltsam, ein paar Hintergrundinformationen mehr dürften es aber schon sein. Eine Einordnung wie die von Fritz Schumann hier in den Kommentaren hätte den Beitrag oben z.B. bereichern können.

  11. Lieber ein kurzweiliges, oberflächliches „Ich erzähle mal, was ich so im Fernsehen gesehen habe“-Stück als ein langatmiges, oberflächliches „Ich erzähle mal, was ich nicht im Fernsehen gesehen habe, weil mein Internet weg war“-Stück.

  12. @13, Julian Unkel: Richtig. Zu meiner Verteidigung: Als ich den Kommentar geschrieben habe war der „mein Internet ist weg“-Text noch nicht online.

  13. „Es sind doch nicht wenige Deutsche interessiert, wie das Ausland wohl über uns denken mag.“
    Alle haben Respekt vor der Führungsstärke und der Wirtschaftskraft Deutschlands. Das weiß man doch, da brauchts doch keine Sendung für.

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